Gottesliebe

In dem Artikel werden Grundlinien eines christlich-theologischen Verständnisses der Gottesliebe skizziert. Dazu wird zunächst auf den Sprachgebrauch und die Bedeutungen der Liebe von Gott und der Liebe zu Gott eingegangen und es werden biblische Überlieferungen und exegetische Diskussionen dargestellt. Sodann werden historische Traditionslinien aufgezeigt, die für das Verständnis der Gottesliebe im Kontext des westlichen Christentums und für entsprechende Glaubenspraktiken und Wertorientierungen zentral sind. Zudem wird auf unterschiedliche Perspektiven und Fragestellungen im ökumenischen und interreligiösen Dialog eingegangen. Abschließend werden Kriterien traumasensibler Deutungen von Gottesliebe diskutiert.

Inhaltsverzeichnis

    1. Sprachgebrauch

    Der Ausdruck „Gottesliebe“ benennt zum einen die Liebe von Gott zu den Geschöpfen und zum anderen die Liebe der Geschöpfe zu Gott. Die von Gott ausgehende Liebe benennt eine Eigenschaft, Gabe und ein Handeln Gottes. Die Liebe des Menschen zu Gott beschreibt eine Antwort des Menschen auf die von Gott ausgehende Liebe, ein göttliches Gebot und eine menschliche Haltung, die sich in konkretem Handeln verkörpert.

    Eine theologisch zentrale Frage betrifft das Verhältnis der Liebe von Gott und der Liebe zu Gott sowie das Verhältnis von Gottes- und Nächstenliebe.

    Auf affektiver Ebene sind mit der Gottesliebe Emotionen und Haltungen des Vertrauens, der Zuneigung, Zustimmung, Achtung sowie der Freude verbunden. Zugleich beinhaltet die Gottesliebe auf affektiver Ebene ein Ringen und die Erfahrung der Anfechtung (vgl. Art. Zweifel). Semantisch wird mit dem Terminus der Gottesliebe in der Übersetzung biblischer Quellentexte ein bedeutungsreiches Wortfeld aufgerufen. In der Exegese des Alten Testaments wird die Bedeutung der Gottesliebe zum einen mit Bezug auf das hebr. Nomen chäsäd entfaltet.1Vgl. Spiekermann, Hermann, Die Liebeserklärung Gottes. Entwurf einer Theologie des Alten Testaments, in: ders., Gottes Liebe zu Israel, Tübingen 2001, 197–223. Dadurch wird im Verständnis der Gottesliebe Gottes liebevolle Zuwendung, erbarmende Gnade und barmherzige Treue zu Israel betont. Zum anderen wird als grundlegender Referenzpunkt der hebr. Begriff ’ahava in den Vordergrund gerückt. Damit wird im Verständnis der Gottesliebe hervorgehoben, dass „gerade die Gegenseitigkeit der Liebe für das Alte Testament zentral ist“.2Oeming, Manfred, „Ich habe Dich je und je geliebt“ (Jer 31,3). Theologie des Alten Testaments als Explikation der Liebe JHWHs, in: ders. (Hrsg.), Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018, 13–38, 31. In den 251 Belegstellen für die Wortwurzel in unterschiedlichen alttestamentlichen Überlieferungen findet sich dabei ein Fokus auf die Qualität von nahen sozialen Beziehungen in den Kontexten von Ehe und Familie und sozialen Freundschaften sowie der Gottesbeziehung.3Vgl. Gropp, David, Viele Formen der Liebe. Verwandte Begriffe zu Ahava, in: Oeming, Manfred (Hrsg.), Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018, 57–75, 58. Ähnlich nuanciert sind die Bedeutungen von Gottesliebe im Sprachgebrauch im Neuen Testament. Der griechische Begriff der agape prägt das neutestamentliche Verständnis der Liebe von Gott in Christus, sowie der Liebe zu Gott und zum Nächsten neben dem überwiegend in der johanneischen Literatur 21 mal für freundschaftliche Liebe verwendeten Begriff phileo.4Vgl. Moenikes, Ansgar, Art. Liebe/ Liebesgebot (AT), in: WiBiLex, 2012 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/24991/), abgerufen am 19.05.2026. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Sinn der Gottesliebe in den verschiedenen Richtungen, Formen und Ausprägungen theologisch verstehen als: das Gute des Anderen wollen und fördern.

    2. Biblische Überlieferung

    2.1. Altes Testament

    Die Verheißung der Liebe von Gott und die Verpflichtung zur Liebe zu Gott sind in den Texten der Hebräischen Bibel tief und breit verwurzelt. In der Exegese des Alten Testaments wird gegenwärtig diskutiert, inwiefern die Liebe Gottes einen „roten Faden durch das Alte Testament“5Oeming, „Ich habe Dich je und je geliebt“, 14. darstellt und bis in frühe literarische Schichten reicht (so Manfred Oeming oes-gnd-iconwaiting..., anders hingegen Konrad Schmid oes-gnd-iconwaiting...). Als Schlüsseltexte für die Verheißung der Liebe Gottes zum Volk Israel gelten die Bücher des Hosea, Jeremia sowie das Deuteronomium und das Hohelied der Liebe. Beim Propheten Hosea wird durch die Symbolik der eheliche Liebe die Treue JHWHs zum Volk Israel ausgedrückt (Hos 1,9Und er sprach: Nenne ihn Lo-Ammi; denn ihr seid nicht mein Volk, so will ich auch nicht der Eure sein.Zur Bibelstelle; 3,1–4[1] Und der Herr sprach zu mir: Geh noch einmal hin und liebe eine Frau, die Geliebte eines anderen und eine Ehebrecherin ist, wie auch der Herr die Israeliten liebt, obgleich sie sich andern Göttern zuwenden und Traubenkuchen lieben. [2] Da kaufte ich sie mir für fünfzehn Silberstücke und fünfzehn Scheffel Gerste [3] und sprach zu ihr: Lange Zeit wirst du bei mir bleiben, ohne zu huren und ohne einem Mann anzugehören, und auch ich werde nicht zu dir eingehen. [4] Denn lange Zeit werden die Israeliten ohne König und ohne Obere bleiben, ohne Opfer, ohne Steinmal, ohne Efod und ohne Hausgott.Zur Bibelstelle; 11,1–4[1] Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten. [2] Wie ich sie auch rief, liefen sie weg von mir. Den Baalen opferten sie, und den Bildern räucherten sie. [3] Ich aber hatte Ephraim laufen gelehrt und sie auf meine Arme genommen. Aber sie merkten nicht, dass ich sie heilte. [4] Mit menschlichen Seilen zog ich sie, mit Stricken der Liebe. Ich half ihnen das Joch auf ihrem Nacken tragen. Ich neigte mich zu ihm und gab ihm zu essen.Zur Bibelstelle; 14,5[5] Ich will ihre Abtrünnigkeit heilen; gerne will ich sie lieben; denn mein Zorn hat sich von ihnen gewendet.Zur Bibelstelle). Sie gilt als „Grund der göttlichen Erwählung“.6Schmitt, Hans-Christoph, Art. Liebe Gottes und Liebe zu Gott I. Altes Testament, in RGG4 5 (2002), 350–351. Seit dem Exil wird im Buch des Propheten Jeremia die ewige Liebe JHWHs als Grund des unverbrüchlichen Bundes mit Israel (vgl. Art. Bund und Bundestheologie) trotz dessen Untreue betrachtet (Jer 2,2Geh hin und predige Jerusalem öffentlich und sprich: So spricht der Herr: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät.Zur Bibelstelle.25Schone doch deine Füße, dass sie nicht wund werden, und deine Kehle, dass sie nicht durstig werde. Aber du sprachst: Da wird nichts draus; ich muss die Fremden lieben und ihnen nachlaufen.Zur Bibelstelle.33Wie fein findest du Wege, dir Liebhaber zu suchen! Darum hast du dich auch gewöhnt, auf bösen Wegen zu wandeln.Zur Bibelstelle; 3,20Aber das Haus Israel hat mir nicht die Treue gehalten, gleichwie eine Frau wegen ihres Liebhabers nicht die Treue hält, spricht der Herr.Zur Bibelstelle; 8,2und wird sie hinstreuen der Sonne, dem Mond und dem ganzen Heer des Himmels, die sie geliebt und denen sie gedient haben, denen sie nachgelaufen sind, die sie befragt und angebetet haben. Sie sollen nicht wieder aufgelesen und begraben werden, sondern Dung auf dem Acker sein.Zur Bibelstelle; 31,3Der Herr ist mir erschienen von ferne: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.Zur Bibelstelle). Die damit verbundene liebevolle Fürsorge JHWHs wird durch die Symbolik väterlicher Liebe ausgedrückt (Jer 3,19–22[19] Und ich dachte: Wie gern will ich dich unter die Söhne aufnehmen und dir das liebe Land geben, das allerschönste Erbteil unter den Völkern! Und ich dachte, du würdest mich dann »Lieber Vater« nennen und nicht von mir weichen. [20] Aber das Haus Israel hat mir nicht die Treue gehalten, gleichwie eine Frau wegen ihres Liebhabers nicht die Treue hält, spricht der Herr.[21] Man hört ein klägliches Heulen und Weinen der Israeliten auf den Höhen, weil sie übel getan und den Herrn, ihren Gott, vergessen haben. [22] Kehrt zurück, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. »Siehe, wir kommen zu dir; denn du bist der Herr, unser Gott.Zur Bibelstelle). In der nachexilischen Prophetie, etwa in Jes 42 wird die mütterliche Liebe JHWHs als Anlass messianischer Erwartung und Grund der Hoffnung auf Erlösung gesehen (Jes 49,15Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.Zur Bibelstelle; 66,13Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.Zur Bibelstelle). Die treue, fürsorgende und rettende Liebe Gottes gilt außerdem heiligen Orten, wie Zion in den Psalmen (Ps 78,68sondern erwählte den Stamm Juda,den Berg Zion, den er liebt.Zur Bibelstelle; 87,2Der Herr liebt die Tore Zions mehr als alle Wohnungen Jakobs.Zur Bibelstelle), individuellen Personen wie Jakob und Salomo (2Sam 12,24Und als David seine Frau Batseba getröstet hatte, ging er zu ihr hinein und schlief bei ihr. Und sie gebar einen Sohn, den nannte er Salomo. Und der Herr liebte ihn.Zur Bibelstelle) und besonderen Personengruppen wie Fremden (Dtn 10,18und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt.Zur Bibelstelle; Lev 19,33f[33] Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. [34] Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott.Zur Bibelstelle.) und Gerechten (Spr 15,9Des Gottlosen Weg ist dem Herrn ein Gräuel; wer aber der Gerechtigkeit nachjagt, den liebt er.Zur Bibelstelle) sowie Betenden (Ps 116,1Das ist mir lieb,dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.Zur Bibelstelle; 127,2Es ist umsonst, dass ihr früh aufstehtund hernach lange sitzetund esset euer Brot mit Sorgen;denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.Zur Bibelstelle). Dabei wird herausgestellt, dass die Liebe JHWHs in der „‚Liebe‘ zu ethischen Grundnormen“7Schmitt, Liebe, 351. wie Recht und Gerechtigkeit, Heiligkeit (vgl. Art. Heiligung) und Barmherzigkeit besteht. So wird in den im Alten Testament bezeugten Gotteserfahrungen eine enge Verbindung zwischen Gottes Liebe, Treue, Fürsorge und Güte sowie Gerechtigkeit und Heiligkeit betont.

    Der Verheißung der Liebe Gottes entspricht so eine Verpflichtung der ausschließlichen Liebe zu JHWH im Sch’ma Israel im sog. Urdeuteronomium in Dtn 6,4f[4] Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. [5] Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.Zur Bibelstelle. Die alleinige Liebe zu JHWH gründet hier in der Erinnerung an die Befreiung aus der Unterdrückung und Sklaverei in Ägypten in Ex 20,2Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.Zur Bibelstelle. Sie äußert sich in der ethischen Orientierung an den Geboten Gottes (Dtn 10,12Nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, noch von dir, als dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, dass du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebst und dem Herrn, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele,Zur Bibelstelle; 11,1So sollst du nun den Herrn, deinen Gott, lieben und sein Gesetz, seine Ordnungen, seine Rechte und seine Gebote halten allezeit.Zur Bibelstelle.13Werdet ihr nun auf meine Gebote hören, die ich euch heute gebiete, dass ihr den Herrn, euren Gott, liebt und ihm dient von ganzem Herzen und von ganzer Seele,Zur Bibelstelle.22Denn wenn ihr diese Gebote alle halten werdet, die ich euch gebiete, und danach tut, dass ihr den Herrn, euren Gott, liebt und wandelt in allen seinen Wegen und ihm anhangt,Zur Bibelstelle; 13,4f.[4] so sollst du nicht gehorchen den Worten eines solchen Propheten oder Träumers; denn der Herr, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren, ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieb habt. [5] Dem Herrn, eurem Gott, sollt ihr folgen und ihn fürchten und seine Gebote halten und seiner Stimme gehorchen und ihm dienen und ihm anhangen.Zur Bibelstelle; 19,9wenn du dieses ganze Gebot halten wirst, dass du danach tust, das ich dir heute gebiete, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und in seinen Wegen wandelst dein Leben lang –, so sollst du noch drei Städte zu diesen dreien hinzutun,Zur Bibelstelle; 30,6Und der Herr, dein Gott, wird dein Herz beschneiden und das Herz deiner Nachkommen, damit du den Herrn, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf dass du am Leben bleibst.Zur Bibelstelle.16Dies ist’s, was ich dir heute gebiete: dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der Herr, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen.Zur Bibelstelle.20dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhangest. Denn das bedeutet für dich, dass du lebst und alt wirst und wohnen bleibst in dem Lande, das der Herr deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, ihnen zu geben.Zur Bibelstelle). Die Liebe zu Gott konkretisiert sich so in der Ehrfurcht vor Gott, Heiligung seines Namens, im Dienst an Gott, in der Liebe zur Weisheit und barmherziger Zuwendung zum Nächsten und allen Mitgeschöpfen. Die Liebe zu Gott ist so untrennbar verknüpft mit der Nächstenliebe im sog. Heiligkeitsgesetz als Zentrum der Tora (Lev 19,18Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.Zur Bibelstelle; Spr 24,17Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück;Zur Bibelstelle; Spr 25,21[21] Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser, [22] denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der Herr wird dir’s vergelten.Zur Bibelstelle). Sie schließt auch Wohltaten gegenüber Feinden (Ex 23,4f.[4] Wenn du dem Rind oder Esel deines Feindes begegnest, die sich verirrt haben, so sollst du sie ihm wieder zuführen. [5] Wenn du den Esel deines Widersachers unter seiner Last liegen siehst, so lass ihn ja nicht im Stich, sondern hilf mit ihm zusammen dem Tiere auf.Zur Bibelstelle) ein.8Vgl. Moenikes, Liebe. In der späten Weisheitsliteratur, insbesondere in der Poesie des Hohen Lieds, gewinnt die Beschreibung der Gottesliebe schließlich wechselseitigen Charakter mit affektiver personaler Kontur.9Vgl. Jauss, Hannelore, Der liebebedürftige Gott und die gottbedürftige Liebe des Menschen, Berlin 2014, 515–546.

    2.2. Neues Testament

    Im Neuen Testament wird die Gottesliebe in der synoptischen, paulinischen und johanneischen Literatur mit je spezifischer Akzentsetzung beschrieben.

    In den synoptischen Evangelien und bei dem, was historisch plausibel als Verkündigung Jesu betrachtet wird, liegt Gerd Theißen oes-gnd-iconwaiting... zufolge der Akzent nicht auf der gegebenen Liebe von Gott, sondern auf der geforderten Liebe zu Gott.10Vgl. Theißen, Gerd, Die Liebe Gottes und ihr dunkler Schatten, in: Oeming, Manfred (Hrsg.), Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018, 391–412, 396f. In Jesu Auslegung der Tora wird die Verbindung des Gebots der Gottes- und Nächstenliebe betont (Mt 5,43–46[43] Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. [44] Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, [45] auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.[46] Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? [47] Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? [48] Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.Zur Bibelstelle; 22,37–40[37] Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« . [38] Dies ist das höchste und erste Gebot. [39] Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« . [40] In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.Zur Bibelstelle; Mk 12,29–33[29] Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, [30] und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« . [31] Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« . Es ist kein anderes Gebot größer als diese.[32] Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; [33] und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.Zur Bibelstelle; Lk 10,27Er antwortete und sprach: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“.Zur Bibelstelle) einschließlich der Feindesliebe. Zudem wird die väterliche Liebe Gottes zu Jesus als geliebtem Sohn in der Taufe betont (Mk 1,11Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.Zur Bibelstelle; Mt 3,17Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.Zur Bibelstelle; Lk 3,22und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.Zur Bibelstelle) sowie die von Jesus verkörperte liebende Zuwendung zu Menschen, die Krankheit und Ausgrenzung erleben, sowie zu Menschen, die in der Sünde der Gottesferne leben.

    In der paulinischen Literatur hingegen wird betont, dass sich Gottes Liebe in der Geschichte Israels (Röm 8,28Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.Zur Bibelstelle) zeigt und in Jesus geöffnet wird für alle Menschen (Röm 8,39weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.Zur Bibelstelle). Demnach zeigt sich Gottes Liebe insbesondere im Tod und der Auferstehung Jesu (Röm 5,8Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.Zur Bibelstelle).  Durch den Geist bekommen Menschen im Glauben Anteil an der Gottesliebe. So deutet Paulus die Liebe von Gott pneumatologisch als Gabe des Heiligen Geistes (Röm 5,5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.Zur Bibelstelle), die zu einer ethischen Haltung der Liebe führt (Röm 13,8–10[8] Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. [9] Denn was da gesagt ist : »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst : »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« [10] Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.Zur Bibelstelle) und das Leben im Geist der Liebe prägt (Röm 15,30Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, durch unsern Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, dass ihr mir kämpfen helft und für mich zu Gott betet,Zur Bibelstelle).

    In der johanneischen Literatur wird schließlich mit kreuzestheologischem Fokus betont, dass sich die Liebe Gottes (1Joh 4,19Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.Zur Bibelstelle) im Kreuzestod des Sohnes Gottes (Joh 3,16Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.Zur Bibelstelle) zeigt und die Versöhnung der sündigen Menschen mit Gott bewirkt (1Joh 4,10Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.Zur Bibelstelle) (vgl. Art. Sühne). Dabei findet sich in 1Joh 4,8Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.Zur Bibelstelle ein Spitzensatz der Identifikation: Gott ist die Liebe. In den sog. Abschiedsreden in Joh 13–17 wird entsprechend pneumatologisch konkretisiert, dass der Geist Jesu der Geist der Liebe bzw. der Geist Gottes ist, der in den Glaubenden präsent ist, tröstet und in die Wahrheit führt. Das Liebesgebot bekommt dadurch einen besonderen Stellenwert für das Ethos in der christlichen Gemeinde und auch darüber hinaus (1Joh 2,6Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll so leben, wie er gelebt hat.Zur Bibelstelle; 4,11Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.Zur Bibelstelle). Damit wird in Kontinuität mit weisheitlichen Traditionen im Alten Testament das Zusammenspiel der Liebe von Gott und der Liebe zu Gott betont.

    Weiterführende Infos WiBiLex

    Eine vertiefte Erörterung des Themas Liebe / Liebesgebote im Alten Testament und seiner Rezeption im Neuen Testament findet sich im entsprechenden WiBiLex-Artikel:
    Moenikes, Ansgar, Art. Liebe / Liebesgebote (AT), in: WiBiLex (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/24991/), abgerufen am 28.05.2026.

    3. Historische Traditionslinien

    3.1. Alte Kirche

    Das Motiv der Gottesliebe, sowohl im Sinne der Liebe von Gott als auch im Sinne der Liebe zu Gott wird in der Alten Kirche zum einen im Kontext trinitätstheologischer und christologischer Diskussionen bedacht, zum anderen in ethischen Texten asketischer, monastischer und caritativer Bewegungen entfaltet, so etwa bei Origenes oes-gnd-iconwaiting..., Gregor von Nyssa oes-gnd-iconwaiting... und Makrina von Kappadokien oes-gnd-iconwaiting.... Für die westliche, lateinische Theologie besonders prägend wurde die trinitätstheologische Betrachtung der Gottesliebe von Augustin oes-gnd-iconwaiting... (354–430), in der wichtige Differenzierungen hervorgehoben werden. In De Trinitate betont Augustin mit pneumatologischer Akzentsetzung, dass Gott in seinen Beziehungen wesenhaft und ewig Liebe ist.11Vgl. Augustin, The Trinity. De Trinitate, hrsg. von Edmund Hill, New York 1991, 209. [VI,7]. Augustin hebt in seinem Verständnis der responsiven Liebe des Menschen zu Gott hervor, dass der Mensch gottebenbildlich geschaffen ist, um Gott zu erinnern, zu erkennen und um seiner selbst willen zu lieben. Dabei unterscheidet er, dass die Gottebenbildlichkeit des Menschen im Zustand der Sünde so entstellt ist, dass die Selbstliebe (amor sui) und die Liebe zu Geschaffenem der Liebe zu Gott (amor Dei) übergeordnet wird. Durch Gottes Gnade werde die Gottebenbildlichkeit so wiederhergestellt, dass der Mensch im Glauben an Christus darauf ausgerichtet werde, Gott um seiner selbst willen zu lieben und zu genießen (frui) und Geschaffenes entsprechend zu gebrauchen (uti). Die ewige Glückseligkeit besteht demnach in ewiger Liebesgemeinschaft mit Gott. Die Priorität der Gottesliebe kennzeichnet die auf Gott ausgerichtete Gemeinschaftsbildung (Civitas Dei) im Unterschied zu primär oder sogar ausschließlich auf irdisches Wohlergehen ausgerichtete Gemeinschaftsbildung (civitas terrenae).

    3.2. Mittelalter

    Im Mittelalter werden diese Differenzierungen im Verständnis der Gottesliebe in verschiedenen Theologien rezipiert und modifiziert und auf verschiedene theologische Grundfragen bezogen. Zu nennen sind hier Petrus Abaelard (1079–1142), der im Horizont seiner Versöhnungslehre die Liebe Gottes als Beweggrund des Todes Christi am Kreuz deutet, die zur Nachahmung des Liebesethos motiviert. Zeitgleich deutet Bernard von Clairvaux oes-gnd-iconwaiting... (1090–1153) in seiner Liebesmystik das Hohelied der Liebe auf die Beziehung der Seele zu Gott. Bei Thomas von Aquin oes-gnd-iconwaiting... (1225–1274) wird die Gottesliebe zum Strukturprinzip seiner scholastischen Theologie und in der Dichtung der Göttliche Komödie von Dante Alighieri oes-gnd-iconwaiting... (1265–1321) prägt die Verwirkung der Gottesliebe (in beiderlei Gestalt) verbunden mit der Vorstellung von Gottes gerechtem Urteil (vgl. Art. Gericht) die eschatologische Vorstellung des ewigen Lebens der Seelen im höllischen Inferno, auf dem Reinigungsweg und im himmlischen Paradies.

    Im Spätmittelalter ist bei Theologinnen wie Katharina von Siena oes-gnd-iconwaiting... und Juliana von Norwich oes-gnd-iconwaiting... eine Tendenz zur Universalisierung der Gottesliebe erkennbar. Katharina von Siena (1347–1380) deutet in ihrem Gespräch von Gottes Vorsehung Gottes Vorsehung als „zur Liebe führende Liebe“,12Catherina von Siena, Gespräch von Gottes Vorsehung, übers. von Ellen Sommer-von Seckendorff und Cornelia Carol, Einsiedeln 62018, XXI, 5–13. vergleicht die Liebe Christi mit der Fürsorge eines Arztes bzw. einer Amme für Einzelne, die Kirche und die ganze Welt, für alle und jeden. Die englische Mystikerin Juliana von Norwich (1342–1413) betont schließlich in ihrem Buch Offenbarungen von göttlicher Liebe, dass Gott all-liebend ist, „dass alles Erschaffene aus Liebe erschaffen ist und eben durch diese Liebe erhalten wird und immer und ewiglich erhalten bleiben wird“.13Lady Julian of Norwich, Offenbarungen von göttlicher Liebe, übers. von Elisabeth Strakosch, Einsiedeln 62018, 38.59. Sie betrachtet die Liebe Christi im Leiden als erlösend und betont die Bedeutung kirchlicher Gemeinschaft für die Praxis der Liebe zu Gott und zum Nächsten: „also liebe ich und also bin ich erlöst“.14Lady Julian of Norwich, Offenbarungen, 40f.

    3.3. Reformation und neuzeitliche Mystik

    In der reformatorischen Theologie Martin Luthers oes-gnd-iconwaiting... (1483–1546) wird herausgestellt, dass die Liebe von Gott zum Menschen soteriologisch vorgängig und hinreichend wirksam ist. Demnach ist die Liebe von Gott zum Menschen nicht auf die Liebe des Menschen zu Gott angewiesen, sondern schafft im Menschen den Glauben an Gott, der durch die Liebe lebendig ist. In diesem Sinne wird in der Heidelberger Disputation die Liebe von Gott gnadentheologisch als alleinwirksam gedeutet und der antwortenden Liebe des Menschen zu Gott und zum Nächsten klar vorgeordnet.15Vgl. Luther, Martin, Heidelberger Disputation, in: Martin Luther. Lateinisch-Deutsche Studienausgabe Bd. 1, hrsg. von Michael Beyer/Wilfried Härle, Leipzig 2006, 35–69. In der These XXVIII heißt es: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es. Die Liebe des Menschen entsteht aus dem für sie Liebenswerten“ (61). Die Wirkungen der Liebe von Gott durch Christus im Menschen begründet Philipp Melanchthon oes-gnd-iconwaiting... (1497–1560) in den verschiedenen Auflagen der Loci Communes und in der Confessio Augustana pneumatologisch und affekttheoretisch. Es ist demnach der Heilige Geist, die Liebe Gottes in Person, der durch die Anteilgabe an der Gemeinschaft mit Christus im Menschen die Liebe zu Gott bewirkt durch  die Rechtfertigung und Vergebung von Schuld um Christi willen.16Vgl. Melanchthon, Philipp, Loci praecipui 1559. Lateinisch-Deutsch Bd. 1, Leipzig 2018, 451–457. Die reformatorische Kontrastierung zwischen vertrauensvoller Gottesliebe und selbstgerechter Gewissensangst wird von der reformatorischen Humanistin Olympia Fulvia Morata oes-gnd-iconwaiting... (1526–1555) in dem philosophisch-theologischen Dialog Theophila und Philotima17Vgl. Morata, Olympia F., Dialog zwischen Theophila und Philotima, in: Dies., Briefe, übers. und hrsg. von Rainer Kößling und Gertrud Weiss-Stählin, Leipzig 1990, 177–187. anschaulich reflektiert.

    In der reformierten Theologie wird im Anschluss an Johannes Calvin oes-gnd-iconwaiting... (1509–1564) im Heidelberger Katechismus die Liebe zu Gott als Antwort und Ausdruck der Dankbarkeit für Gottes erlösende Liebe in Christus gedeutet.18Vgl. Heidelberger Katechismus, hrsg. von der Evangelisch-reformierten Kirche u. a., Neukirchen-Vluyn 42010, 59 (Frage 90–94). Dabei wird konkret Bezug genommen auf die ethische Orientierung an den Zehn Geboten und am Doppelgebot der Liebe und auf die spirituelle Praxis des Gebets des Vaterunsers. Ekklesiologisch wird zudem betont, dass sich die Liebe zu Gott in der Liebe zum Nächsten und besonders im Dienst für Bedürftige diakonisch äußert. So wird die auf die Liebe von Gott antwortende Liebe zu Gott in der reformierten Theologie zur ethischen und spirituellen Gestaltungsgrundlage für kirchliches und diakonisches Handeln und zum Ausdruck der Einheit mit Christus (unio cum Christo).

    In der spanischen Mystik wird etwa zeitgleich von Theresa von Avila oes-gnd-iconwaiting... (1515–1582) und Johannes vom Kreuz oes-gnd-iconwaiting... (1542–1591) eine kontemplative Theologie der Gottesliebe entworfen, die die Erfahrbarkeit der Gottesliebe im Gebet hervorhebt. Dabei beschreibt letzerer die Gottesliebe als einen Läuterungsweg der Seele, der durch die dunkle Nacht des Leidens hindurchführt und in der Vereinigung mit Gott gipfelt.19Vgl. Johannes vom Kreuz, Empor den Karmelberg, übers. Von Oda Schneider, Einsiedeln 2009, 3–9. Ähnlich beschreibt Theresa von Avila die Dynamik der Gottesliebe als von Gott ausgehende Bewegung der Vereinigung der Seele mit Gott, die in der Praxis der Kontemplation verortet ist. In der Neuzeit machte im 18. Jahrhundert schließlich der reformierte Mystiker, Seelsorger und Dichter Gerhard Tersteegen oes-gnd-iconwaiting... (1697–1769) die Gottesliebe zum Kern seiner kontemplativen Theologie und Poesie, die durch Lieder im Evangelischen Gesangbuch prägend wurde (z. B. EG 41, 140, 165, 252, 392, 393, 480, 481, 651).

    3.4. Aufklärung und Moderne

    Im Kontext von Aufklärung und Moderne wird im 19. Jahrhundert in der Glaubenslehre von Friedrich D. E. Schleiermacher oes-gnd-iconwaiting... (1768–1834) die Liebe von Gott subjektivitätstheoretisch im Gefühl der unbedingten Abhängigkeit des Menschen verortet und soteriologisch auf das Bewusstsein der Gnade und Erlösung bezogen im Unterschied und Verhältnis zum Bewusstsein der Sünde und Erlösungsbedürftigkeit. Die göttliche Liebe wird dabei als die Eigenschaft Gottes beschrieben, durch die Gott sich selbst im Werk der Erlösung als Liebe mitteilt.20Vgl. Schleiermacher, Friedrich D. E., Der christliche Glaube, Berlin 1999, 560–561. Bei Søren Kierkegaard oes-gnd-iconwaiting... (1813–1855) wird die Gottesliebe existenzphilosophisch als höchste Form der Liebe beschrieben, die sich im Akt des Glaubens erschließt. In seinem Werk Der Liebe Tun wird die Haltung der Liebe zu Gott dezidiert im Handeln verortet und mit der an alle gleichermaßen gerichteten Nächstenliebe verbunden in Abgrenzung zur begehrlichen Vorliebe zu Einzelnen.

    Eine konkret sozialdiakonische Ausrichtung erfährt das Verständnis der Gottes- und Nächstenliebe bei Johann H. Wichern oes-gnd-iconwaiting... (1808–1881). Der Glaube an die fürsorgende Liebe Gottes prägt hier ethisch die Handlungsorientierung der Liebe zu Gott in der Nächstenliebe in der Fürsorge für Mitmenschen in sozialen Notlagen (vgl. Art. Diakonie). Dabei ist in kirchlichen und diakonischen Kontexten auch missbräuchlich von Gottesliebe die Rede gewesen, etwa um bei vulnerablen Personen gewaltvolle Erziehungsmaßnamen oder sogar sexualisierte Gewalt als Ausdruck von Liebe zu tarnen.21Vgl. Kaminsky, Uwe, Tabuisierung und Gewalt. Sexualisierte Gewalt in der konfessionellen Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre, in: Wirth, Mathias et al. (Hrsg.), Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten/Sexual Violence in the context of the Church. Neue interdisziplinäre Perspektiven/New interdisciplinary Perspectives, Berlin/Boston 2022, 285–303. Diese dunkle Schattenseite der vermeintlichen Wertorientierung an Gottesliebe in der Kirchengeschichte steht im Widerspruch zu ihrer eigentlichen Bedeutung.

    Im Kontext von Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Krieg, Gewalt und Elend wird im 20. Jahrhundert unter anderem von der französischen Denkerin Simone Weil oes-gnd-iconwaiting... (1909–1943) die Gottesliebe als fraglich und fehlend wahrgenommen. Angesichts der Erfahrung der Verborgenheit der Liebe Gottes im Unglück beschreibt sie die Liebe zur Schönheit der Welt, der Liebe zum Nächsten sowie in der Liebe zur Liturgie als drei Formen indirekter Liebe zu Gott im Unterschied zur unmittelbaren direkten Gottesliebe.22Vgl. Weil, Simone, Formen der impliziten Gottesliebe, in: Dies., Das Unglück und die Gottesliebe, neu hrsg. von Charlotte Bohn, Berlin 2024, 156–261. In der dialektischen Theologie von Karl Barth oes-gnd-iconwaiting... wird betont, dass Gott als der ganz Andere sich in Christus als der „in Freiheit Liebende“23Barth, Karl, Kirchliche Dogmatik II,1, Zürich 1940, 306–333 (§28.2). offenbart. Diese Orientierung impliziert bei ihm politisch eine Unvereinbarkeit mit der Ideologie des Nationalsozialismus.

    In der deutschsprachigen evangelischen Theologie nach 1945 wird das Motiv der Gottesliebe in der hermeneutischen Theologie von Eberhard Jüngel oes-gnd-iconwaiting... (1934–2021) kreuzestheologisch reinterpretiert, in der geschichtsorientierten Theologie von Wolfhart Pannenberg oes-gnd-iconwaiting... (1928–2014) historisch rekonstruiert, sowie in befreiungstheologischen Ansätzen von Dorothee Sölle oes-gnd-iconwaiting... (1929–2003) und Jürgen Moltmann oes-gnd-iconwaiting... (1926–2024) kontextuell rekonfiguriert. So hat sich theologisch eine Vielzahl an Deutungen der Gottesliebe herausgebildet, was von Markus Mühling oes-gnd-iconwaiting... modelltheoretisch reflektiert wird.24Vgl. Mühling, Markus, Gott ist Liebe. Studien zum Verständnis der Liebe als Modell des trinitarischen Redens von Gott, Marburg 2000.

    4. Ökumene und Dialog der Religionen

    Die Frage nach dem theologischen Verständnis und den ethischen Implikationen der Gottesliebe ist zentral für gegenwärtige Gespräche in der Ökumene und im Dialog der Religionen. Im Mittelpunkt der interkonfessionellen Gespräche um ein Gemeinsames Verständnis der Rechtfertigungslehre steht die Frage nach dem Verhältnis der göttlichen Liebe zu den Geschöpfen und der geschöpflichen Liebe zu Gott. Dabei kann die unbedingte Vorgängigkeit der rettenden Liebe Gottes zu den Geschöpfen trotz konfessionsspezischer Differenzen als magnus consensus gelten.25Vgl. Joint Declaration on the Doctrine of Justification, 20th Anniversary Edition, 2019 (https://anglicancommunion.org/wp-content/uploads/2026/02/ecumenism_joint-declaration_2019_en.pdf), abgerufen am 28.05.2026. Divergenzen zwischen römisch-katholischen und protestantischen Perspektiven bleiben trotz dieser Annäherung in der Frage, inwiefern Gottes Liebe in Christus rettet, allein indem sie den Menschen stellvertretend rechtfertigt oder in dem sie auch den Menschen zur Liebe zu Gott hin transformiert. In der weltweiten Ökumene wird insbesondere auch in Theologien aus dem globalen Süden die konkrete transformierende Wirkung der Liebe Gottes in der Liebe der Menschen zu Gott und zum Nächsten betont. Angesichts der globalen ökologischen Krisen wird zudem wichtig, die Gottesliebe nicht nur anthropozentrisch, sondern in einem weiten schöpfungstheologischen Horizont zu entfalten.

    Im Dialog der Religionen eröffnet sich für die christliche Theologie zudem das Gespräch mit jüdischen Theologien etwa von Jon D. Levenson oes-gnd-iconwaiting... über das Verständnis und die ethischen Ausgestaltungen von Gottes- und Nächstenliebe in beiden Glaubenstraditionen.26Vgl. Levenson, Jon Douglas, The Love of God. Divine Gift, Human Gratitude, and mutual Faithfulness in Judaism, Princeton, Oxford 2016. Und im Gespräch mit islamischen Theologien stellen sich schließlich die Fragen nach dem jeweiligen Verständnis der Eigenschaften der Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes und entsprechenden ethischen Orientierungsfunktionen.27Vgl. Khorchide, Mouhanad et al. (Hrsg.), Theologie der Barmherzigkeit? Zeitgemäße Fragen und Antworten des Kalām, Münster/New York 2014.

    5. Aktuelle Beiträge traumasensibler Theologie

    Das Motiv der Gottesliebe ist für die christliche Glaubenspraxis und ethische Wertorientierungen in Kirche, Diakonie und Gesellschaft grundlegend. Deswegen ergeben sich angesichts der Missbrauchskrise in den christlichen Kirchen kritische Anfragen, inwiefern ein bestimmtes Verständnis von Gottesliebe anfällig ist für geistlichen und sexuellen Missbrauch, insbesondere durch Mischformen von Eros und Agape in Abhängigkeitsverhältnissen, das heißt missbräuchliche Beziehungen unter dem Deckmantel vermeintlicher Gottes- und Nächstenliebe. Eine Herausforderung besteht deswegen darin, Kriterien für missbrauchskritische Auffassungen der Liebe von Gott und der Liebe zu Gott zu entwickeln, die sich traumatisierender Gewalt und institutionellem Machtmissbrauch widersetzen. Ein wesentliches Kriterium für die Entwicklung einer traumasensiblen Theologie der Gottesliebe ist dabei die Achtung der Differenz zwischen Gott und Menschen und zwischen Menschen: Gottesliebe ist demnach nicht nur als einende Kraft zu verstehen, sondern als differenzsensible Bejahung und Förderung des Guten des Anderen. In Anlehnung an Simone Weil oes-gnd-iconwaiting... lässt sich festhalten, dass zu wahrer Freundschaft im Horizont der Gottesliebe und Nächstenliebe nicht nur Nähe und Übereinstimmung des Willens gehört, sondern genauso der Abstand und die Achtung vor der Autonomie der anderen Person.28Vgl. Weil, Formen, 151–152. Hier geben neue Ansätze der Traumatheologie, etwa von Serene Jones oes-gnd-iconwaiting..., Jennifer Baldwin oes-gnd-iconwaiting... und Shelly Rambo oes-gnd-iconwaiting... wichtige Impulse, Gottesliebe angesichts von Traumaerfahrungen, Wahrheitssuche und Gerechtigkeitssinn theologisch neu zu denken.29Vgl. Jones, Serene, Trauma and Grace. Theology in a Ruptured World, Louisville 22019; Baldwin, Jennifer, Trauma-Sensitive Theology. Thinking Theologically in the Era of Trauma, Oregon 2018; Rambo, Shelly, Spirit and Trauma. A Theology of Remaining, Louisville 2010. In der Perspektive traumasensibler Theologie wird unter anderem von Shelly Rambo betont, dass die Gottesliebe weder einfach Leid überwindet und Traumafolgen heilt, noch ausgelöscht werden kann. Vielmehr zeichne sich der Geist der Gottesliebe dadurch aus, dass er bleibend ist und überlebt durch Brüche hindurch und über den Tod hinaus.30Vgl. Rambo, Spirit, 170.

    Weiterführende Infos

    Eine fokussierte Diskussion der Liebe Gottes hinsichtlich dieser Liebe als Gottesattribut in Verbindung mit den weiteren Attributen der Güte und Heiligkeit findet sich im SAET:
    Holmes, Christopher R. J., Art. The Goodness, Holiness, and Love of God, in: St. Andrews Encyclopedia of Theology, 20.04.2023 (https://www.saet.ac.uk/Christianity/GoodnessHolinessandLoveofGod#section10), abgerufen am 28.05.2026.

    Weiterführende Literatur

    Lady Julian of Norwich, Offenbarungen von göttlicher Liebe, übers. von Elisabeth Strakosch, Einsiedeln 62018.

    Oeming, Manfred (Hrsg.), Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018.

    Theißen, Gerd, Die Liebe Gottes und ihr dunkler Schatten, in: Oeming, Manfred (Hrsg.) Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018, 391–413.

    Rambo, Shelly, Spirit and Trauma. A Theology of Remaining, Louisville 2010.

    Weil, Simone, Das Unglück und die Gottesliebe, neu hrsg. von Charlotte Bohn, Berlin 2024.

     

    Einzelnachweise

    • 1
      Vgl. Spiekermann, Hermann, Die Liebeserklärung Gottes. Entwurf einer Theologie des Alten Testaments, in: ders., Gottes Liebe zu Israel, Tübingen 2001, 197–223.
    • 2
      Oeming, Manfred, „Ich habe Dich je und je geliebt“ (Jer 31,3). Theologie des Alten Testaments als Explikation der Liebe JHWHs, in: ders. (Hrsg.), Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018, 13–38, 31.
    • 3
      Vgl. Gropp, David, Viele Formen der Liebe. Verwandte Begriffe zu Ahava, in: Oeming, Manfred (Hrsg.), Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018, 57–75, 58.
    • 4
      Vgl. Moenikes, Ansgar, Art. Liebe/ Liebesgebot (AT), in: WiBiLex, 2012 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/24991/), abgerufen am 19.05.2026.
    • 5
      Oeming, „Ich habe Dich je und je geliebt“, 14.
    • 6
      Schmitt, Hans-Christoph, Art. Liebe Gottes und Liebe zu Gott I. Altes Testament, in RGG4 5 (2002), 350–351.
    • 7
      Schmitt, Liebe, 351.
    • 8
      Vgl. Moenikes, Liebe.
    • 9
      Vgl. Jauss, Hannelore, Der liebebedürftige Gott und die gottbedürftige Liebe des Menschen, Berlin 2014, 515–546.
    • 10
      Vgl. Theißen, Gerd, Die Liebe Gottes und ihr dunkler Schatten, in: Oeming, Manfred (Hrsg.), Ahavah. Die Liebe Gottes im Alten Testament, Leipzig 2018, 391–412, 396f.
    • 11
      Vgl. Augustin, The Trinity. De Trinitate, hrsg. von Edmund Hill, New York 1991, 209. [VI,7].
    • 12
      Catherina von Siena, Gespräch von Gottes Vorsehung, übers. von Ellen Sommer-von Seckendorff und Cornelia Carol, Einsiedeln 62018, XXI, 5–13.
    • 13
      Lady Julian of Norwich, Offenbarungen von göttlicher Liebe, übers. von Elisabeth Strakosch, Einsiedeln 62018, 38.59.
    • 14
      Lady Julian of Norwich, Offenbarungen, 40f.
    • 15
      Vgl. Luther, Martin, Heidelberger Disputation, in: Martin Luther. Lateinisch-Deutsche Studienausgabe Bd. 1, hrsg. von Michael Beyer/Wilfried Härle, Leipzig 2006, 35–69. In der These XXVIII heißt es: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es. Die Liebe des Menschen entsteht aus dem für sie Liebenswerten“ (61).
    • 16
      Vgl. Melanchthon, Philipp, Loci praecipui 1559. Lateinisch-Deutsch Bd. 1, Leipzig 2018, 451–457.
    • 17
      Vgl. Morata, Olympia F., Dialog zwischen Theophila und Philotima, in: Dies., Briefe, übers. und hrsg. von Rainer Kößling und Gertrud Weiss-Stählin, Leipzig 1990, 177–187.
    • 18
      Vgl. Heidelberger Katechismus, hrsg. von der Evangelisch-reformierten Kirche u. a., Neukirchen-Vluyn 42010, 59 (Frage 90–94).
    • 19
      Vgl. Johannes vom Kreuz, Empor den Karmelberg, übers. Von Oda Schneider, Einsiedeln 2009, 3–9.
    • 20
      Vgl. Schleiermacher, Friedrich D. E., Der christliche Glaube, Berlin 1999, 560–561.
    • 21
      Vgl. Kaminsky, Uwe, Tabuisierung und Gewalt. Sexualisierte Gewalt in der konfessionellen Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre, in: Wirth, Mathias et al. (Hrsg.), Sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten/Sexual Violence in the context of the Church. Neue interdisziplinäre Perspektiven/New interdisciplinary Perspectives, Berlin/Boston 2022, 285–303.
    • 22
      Vgl. Weil, Simone, Formen der impliziten Gottesliebe, in: Dies., Das Unglück und die Gottesliebe, neu hrsg. von Charlotte Bohn, Berlin 2024, 156–261.
    • 23
      Barth, Karl, Kirchliche Dogmatik II,1, Zürich 1940, 306–333 (§28.2).
    • 24
      Vgl. Mühling, Markus, Gott ist Liebe. Studien zum Verständnis der Liebe als Modell des trinitarischen Redens von Gott, Marburg 2000.
    • 25
      Vgl. Joint Declaration on the Doctrine of Justification, 20th Anniversary Edition, 2019 (https://anglicancommunion.org/wp-content/uploads/2026/02/ecumenism_joint-declaration_2019_en.pdf), abgerufen am 28.05.2026.
    • 26
      Vgl. Levenson, Jon Douglas, The Love of God. Divine Gift, Human Gratitude, and mutual Faithfulness in Judaism, Princeton, Oxford 2016.
    • 27
      Vgl. Khorchide, Mouhanad et al. (Hrsg.), Theologie der Barmherzigkeit? Zeitgemäße Fragen und Antworten des Kalām, Münster/New York 2014.
    • 28
      Vgl. Weil, Formen, 151–152.
    • 29
      Vgl. Jones, Serene, Trauma and Grace. Theology in a Ruptured World, Louisville 22019; Baldwin, Jennifer, Trauma-Sensitive Theology. Thinking Theologically in the Era of Trauma, Oregon 2018; Rambo, Shelly, Spirit and Trauma. A Theology of Remaining, Louisville 2010.
    • 30
      Vgl. Rambo, Spirit, 170.
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