1. Die Bedeutung der Existenz und ihr Verhältnis zum Sein
In der Alltagssprache und auch in führenden Strömungen der analytischen Philosophie seit dem 20. Jahrhundert bedeutet Existenz fast immer das Vorhandensein von etwas: Die Katze existiert, aber das Einhorn nicht. Existenz hat hier eine ontologische Bedeutung. Der Begriff der Existenz ist dabei nicht banal, sondern besonders, weil er als Aussage über das Vorhandensein der Dinge den allgemeinsten aller Begriffe darstellt. Alle sonstigen Möglichkeiten, Dinge zu beschreiben, wie etwa die Eigenschaften „grün sein“ oder „Blüten haben“, gelten nur für bestimmte Dinge; Existenz spricht man allen Dingen zu.
Weiterführende Infos: Meinongianismus und Existenzweisen
Es ist tatsächlich noch etwas komplizierter. Wir sagen von existierenden Entitäten, dass es sie gibt, sie da sind, real sind. Entweder gibt es Einhörner, oder es gibt sie nicht. Es gibt aber auch hierüber Debatten in der Philosophie, z. B. die Behauptung, dass es nichtexistierende Gegenstände wie Einhörner irgendwie gibt (vgl. Meinongianismus, wo es heißt: Einhörner bestehen, obwohl sie nicht existieren). Oder es gibt Erwägungen über den ontologischen Status von logisch unmöglichen Entitäten. Wenn solche Überlegungen sinnvoll sind, dann wäre Existenz eine diskriminierende Eigenschaft, also eine, die nicht allen Gegenständen zukommt.1Vgl. Luckner, Andreas/Ostritsch, Sebastian, Existenz, Berlin/Boston 2018, 27–32.
Es ist nicht notwendig, ausschließlich physikalischen Entitäten Existenz zuzusprechen. Ein ungewöhnliches Gegenbeispiel wäre der britische Idealist John McTaggart ![]()
, der alles Existierende als fundamental seelisch bzw. geistig begriff, und somit eine Spielart des Panpsychismus darbot.2Vgl. McTaggart, John M.E., The Nature of Existence, Volume 1, Cambridge 1921. Häufiger ist jedoch das Zugeständnis, dass es neben konkreten Entitäten wie Katzen auch abstrakte Dinge (wie Nummern) gibt.
Es gibt viele weitere Klassifikationsmöglichkeiten der Existenz in verschiedenen philosophischen Entwürfen. Bei Alfred North Whitehead ![]()
, zum Beispiel, findet man acht Kategorien der Existenz.3Vgl. Whitehead, Alfred N., Process and Reality. An Essay in Cosmology. Corrected Edition, New York 1978, 22. Heideggers ![]()
phänomenologische Unterscheidung der Vorhandenheit und Zuhandenheit der Dinge bzw. „Zeug“, und Latours ![]()
Rede von Existenzweisen sind weitere Beispiele. Die Unterscheidung zwischen verschiedenen Weisen und Arten der Existenz impliziert dennoch eine einzige Kategorie der Existenz.
Darum folgen viele Immanuel Kant ![]()
und leugnen, dass Existenz eine reale Eigenschaft ist (vgl. Abschnitt 5 unten); höchstens ist sie eine übergeordnete Eigenschaft von Eigenschaften (Frege ![]()
).4Die Existenz von 𝑥 wird darum formallogisch nicht als Eigenschaft von 𝑥, sondern mit dem Existenzquantor ∃𝑥 dargestellt. Formallogisch ist die Rede von der Existenz des barmherzigen und allmächtigen 𝑥 die Aussage, dass es mindestens ein 𝑥 gibt, für das gilt, es ist barmherzig und allmächtig. Für die Entwicklung von Freges Position vgl. Grossmann, Reinhardt, Die Existenz der Welt. Eine Einführung in die Ontologie, Frankfurt 22004, 124–127. Dieses Verständnis der Existenz bedeutet, dass sie für alle Fälle gleichbedeutend (univok) sein muss (z. B. Quine ![]()
).5Vgl. Quine, Willard V., On What There Is, in: The Review of Metaphysics 2/5 (1948), 21–38. Für eine Kritik dieser Position vgl. Meixner, Uwe, Die Vielfalt der Existenzbegriffe und der Genuine Possibilismus, in: Brandl, Johannes L. et al. (Hrsg.), Metaphysik. Neue Zugänge zu alten Fragen, Sankt Augustin 1995, 213–221. Der Versuch, den Begriff der Existenz zu umschreiben, als Rede von dem, was es „gibt“, oder als das „Realsein“ oder der Dinge zu definieren, hilft kaum. Denn dadurch wird die kategoriale Besonderheit nur auf ein anderes Wort verlagert.
Das Wort „Sein“ wird in unserer Alltagssprache meist gleichbedeutend mit „Existenz“ verwendet, also im Sinne des bloßen Vorhandenseins von Dingen: existierend und seiend sind hier Synonyme.6Vgl. Meixner, Uwe, Die logische Phänomenologie der Existenzaussagen, in: Lückner, Andreas/Ostritsch, Sebastian (Hrsg.), Philosophie der Existenz. Aktuelle Beiträge von der Ontologie bis zur Ethik, Berlin 2019, 67–88, 69. Eine Untersuchung, was es heißt, dass etwas existiert, ist darum stets eine Untersuchung dessen, was es bedeutet, dass etwas sei. Darum gehört unweigerlich zur Untersuchung der Existenz – auch zu diesem Artikel – ein fortlaufender Bezug zum Begriff des Seins.
Weiterführende Infos: Bedeutung als Verwendung
Jeder versteht die dritte Person Singular des Verbs „Sein“ in dem Satz „heute ist der Himmel blau.“ Offenbar ist die Verwendung dieses Verbs in unserer heutigen Sprache mit einigen anderen Verben und Phrasen inhaltlich austauschbar. Auch wenn manche Sätze stilistisch nicht gelingen, sind sie inhaltlich gleich: Es gibt heute einen blauen Himmel. Heute existiert ein blauer Himmel. Ein blauer Himmel ist vorhanden. Der blaue Himmel ist real. Der blaue Himmel ist ein echtes Ding oder Entität. Wohlgemerkt ist das Wort Ding, was in diesem Artikel häufig vorkommt, ein Pendant zum Begriff der Existenz als Vorhandensein. Denn die Definition eines Dinges (oder einer Entität) ist, dass es etwas ist, was existiert. Aus diesen Gründen folgt, dass das Wort Existenz sehr oft in unserer modernen Sprache mit dem Wort Sein identisch ist, mit der Bedeutung des Vorhandenseins, das alle Dinge haben.
Laute und Zeichen sind für eine Gruppe mit gemeinsamer Sprache verständlich. Eine etablierte Sprache stellt die Verwendungsgewohnheiten einer Gruppe dar. Wittgenstein ![]()
drückte diesen Sachverhalt so aus: die Bedeutung eines Wortes ist seine Verwendung. In unserer Alltagssprache tauschen wir oft Existenz mit Sein problemlos aus. Philosophische und theologische Texte der Gegenwart und Vergangenheit gehören jedoch teilweise einem ganz anderen Diskurs an, so dass man sehr aufpassen muss, die jeweiligen Bedeutungen (Verwendungsgewohnheiten) der Begriffe zu unterscheiden.
Eine Untersuchung der Begriffsgeschichte macht jedoch deutlich, dass mit den Worten „Existenz“ und „Sein“ etwas ganz anderes als das bloße Vorhandensein der Dinge gemeint sein kann.7Der Unterschied zwischen Begriffsgeschichte und Alltagssprache ist natürlich etwas künstlich, denn Begriffsprägungen der Philosophie- und Theologiegeschichte wirken auch in der Kultur nach. Das ist der Grund, warum die Rede von „dem Sein“ und „der Existenz“ (mit Definitivartikel) eine Weise ist, pathetisch-philosophisch zu klingen, und warum „Existenzgründung“ und „Existenzberechtigung“ etwas ganz anders als das bloße Vorhandensein thematisieren. Eine klare Definition und Verhältnisbestimmung der Begriffe führen daher in die Irre, wenn man Orientierung in der Geschichte und Gegenwart der Philosophie und Theologie anstrebt. Dieser Artikel verfolgt einen hermeneutischen Ansatz, was bedeutet, dass das Verständnis der Begriffe in (alten) Texten zwar immer beim heutigen Verständnis ansetzt, aber dieses Verständnis stets von den Auseinandersetzungen mit den Texten differenziert wird. Ein hermeneutischer Ansatz bedeutet also, dafür offen zu sein, dass die Begriffe „Existenz“ und „Sein“ sowie ihre jeweiligen griechischen und lateinischen Entsprechungen in verschiedenen philosophischen Entwürfen unterschiedliche Bedeutungen und ein unterschiedliches Verhältnis zueinander haben, als wir es heute haben. Leser*innen sollten sich daher von diesem Artikel keine zeitlosen Definitionen, sondern eine Orientierung über wichtige Tendenzen erhoffen (vgl. die Abschnitte 2–6 unten), die sich in eigenen detaillierten Studien bei konkreten Texten bewahrheiten müssen.
Weil heutzutage Existenz, wie auch Sein, typischerweise im Sinne des Vorhandenseins allen Entitäten zugeschrieben wird, wird oft von der Theologie erwartet, dass sie ohne Zögern von der „Existenz Gottes“ redet.8Bei führenden Vertretern der analytischen Religionsphilosophie ist der Glaube an Gott die Behauptung, dass „there exists a person without a body (i.e. a spirit) who is eternal, is perfectly free, omnipotent, omniscient, perfectly good, and the creator of all things“ (Swinburne, Richard, The Coherence of Theism, Oxford 1977, 1). Auch Alvin Plantinga ![]()
redet von einer „person without a body“ (Plantinga, Alvin, Warranted Christian Belief, Oxford 2000, 3). Gott werden Omnikompetenzen zugesprochen. Gott gehört aber prinzipiell zur gleichen Existenzkategorie wie Einhörner und Haferflocken, denn es gibt nur eine Kategorie. Existenz bedeutet dann schlicht Entitätsein oder Dass-Sein, und es wäre demnach unsinnig zu sagen, jemand glaube an Gott, glaube aber nicht, dass er existiere. Vgl. Luckner/Ostritsch, Existenz, 4–8. Ein Blick in die Theologiegeschichte zeigt hier jedoch große Ambivalenz. Einerseits gehört es zur „klassisch“ gewordenen Formulierungen der Gotteslehre, von Gottes „Existenz“ und von dem „Sein“ Gottes zu reden. Andererseits gab es eine verständliche Abneigung, Gott jemals in dieselbe Kategorie des Vorhandenseins wie die Schöpfung zu stellen (vgl. Abschnitt 3). Denn damit wäre Gott zu einem bloßen weltlichen Wesen mit Sonderkompetenzen degradiert, wie etwa Yoda oder ein fliegendes Spaghettimonster. Mit der pointierten Aussage „Gott existiert nicht“ (Paul Tillich ![]()
, vgl. Jean-Luc Marion ![]()
) wurde Existenz als bloßes Vorhandensein für die Anwendung in der Gotteslehre abgelehnt. Damit soll kein Atheismus gefördert werden, sondern die Rede von Gottes Existenz als mögliche Idolatrie entlarvt werden.9Vgl. Tillich, Paul, Systematische Theologie I/II, Berlin 92017, 211. „Es ist ebenso Atheismus, die Existenz Gottes zu behaupten, wie es Atheismus ist, sie zu leugnen. Gott ist das Sein-Selbst, nicht ein Seiendes“ (Tillich, Systematische Theologie I, 243). Vgl. Marion, Jean-Luc, Gott ohne Sein, hrsg. v. Karlheinz Ruhstorfer, Paderborn 2014. Ganz aus der Reihe tanzt Alfred North Whiteheads ![]()
Prozessphilosophie, die Gottes Existenz als „actual entity“ in die gleiche Kategorie wie andere Entitäten einordnet, auch wenn Gott „primordial“ sei, also als ihnen gegenüber vorgeordnet gelten darf. Ultimatives Prinzip sei aber nicht Gott als das Sein selbst, sondern das Prinzip der Kreativität, die alle aktuelle Entitäten, die auch irgendwie als Ereignisse zu verstehen sind, ermöglicht. Somit sind Gott und Welt miteinander im Prozess begriffen, Gott sowohl Ergebnis als auch Bedingung der Kreativität. Vgl. Whitehead, Alfred N., Process and Reality. An Essay in Cosmology. Corrected Edition, New York 1978, 18.31.75. Mit einer ähnlichen Zurückhaltung warnten einige Stimmen in der modernen Theologie davor, Gottes Sein mit einem vermeintlich neutralen Seinsbegriff zu verbinden, der sich nicht an Gottes Offenbarung orientiert (z. B. Karl Barth ![]()
).10Karl Barth ![]()
betont zum Bespiel, „daß es sich also bei dem hier in Rede stehenden Sein Gottes nicht um einen frei zu wählenden allgemeinen und neutralen, sondern um einen zum vornherein in ganz bestimmter Weise gefüllten Seinsbegriff handelt“ (Barth, Karl, Kirchliche Dogmatik II/1. Die Lehre von Gott, Zürich 1940, 293). Nämlich ein Seinsbegriff, der durch Gottes Tat der Offenbarung bestimmt ist. Vgl. Härle, Wilfried, Sein und Gnade. Die Ontologie in Karl Barths Kirchlicher Dogmatik, Berlin/New York 1975. Die moderne theologische Rezeption wird ausführlich in den Abschnitten 8–9 sowie in den dazugehörigen Infokästchen behandelt. Als Einstimmung dient jedoch ein kurzes Video mit Jean-Luc Marion:
Eine andere Bedeutung des Existenzbegriffes als das bisher behandelte ontologische Verständnis des Vorhandenseins findet sich im Existentialismus (vgl. Abschnitt 7). Dort stehen zwar auch ontologische Fragen zur Diskussion, aber der Begriff der Existenz ist vor allem anthropologisch bestimmt, als Verweis auf das (nicht bloß biologische, sondern existentiell erfahrene) begrenzte Leben des Menschen. Entsprechungen dieser anthropologischen Bedeutung der Existenz findet man auch heute in der Alltagssprache, etwa in Wendungen wie „meine Existenz“, „klägliche Existenz“ oder „Existenzminimum“. Im Existenzialismus hat die Rede von der Existenz darum nicht nur eine anthropologische Bedeutung, sondern ist notwendig für den Menschen bedeutend.
Ontologische Existenzverständnisse in Philosophie und Theologie sind jedoch auch bedeutsam, weil das Vorhandensein der Dinge jenseits begrifflicher Klärungen immer wieder Anlass zum Staunen geben konnte.11„Damit ist das, was als Verborgenes das antike Philosophieren in die Unruhe trieb und in ihr erhielt, zu einer sonnenklaren Selbstverständlichkeit geworden“ (Heidegger, Martin, Sein und Zeit, Tübingen 1967, 2). Vgl. auch Wittgenstein, Ludwig, Tractatus Logico-Philosophicus, Frankfurt a. M. 1987, 6.44: „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist.“ Man stellte Fragen wie: Wie kann es sein, dass es vielfältige Dinge gibt? Was hält sie davon ob, wieder ins Nichts zu verschwinden? Wie kann es sein, dass es überhaupt etwas gibt? Was ist dieses Existieren, das alle Dinge tun? Für den Menschen, der so fragt, kann die Untersuchung der Existenz als Vorhandensein der Dinge eine existentielle Dimension entfalten. Darum, ob anthropologisch oder ontologisch bestimmt, tangiert ein Verständnis der Existenz ein Verständnis der Lebensführung (vgl. Abschnitt 10).
2. Essenz und Existenz, Sein und Seiendes
Die Begriffsgeschichte der Existenz und des Seins beginnt mit der Philosophie der Antike. Das Staunen über das Vorhandensein der Dinge – insbesondere ihre Einheit und Vielfalt – provozierte (nicht nur) in der frühen europäischen philosophischen Tradition Unterscheidungen zwischen zwei Ebenen der Realität sowie die Reflexion über deren Relation.12Das solche Unterscheidungen auch in Strömungen der vedantischen Philosophie vorhanden sind, auch wenn das Moment der Einheit das letzte Wort hat, ist nicht nur historisch interessant, sondern bietet auch für den interreligiösen Dialog einen guten Vergleichspunkt.
Weiterführende Infos: Existenz in der antiken Philosophie
Zum Beispiel als Gegensatz von Sein und Schein (Parmenides ![]()
). Auch als Verhältnis zwischen primärem, vollkommenem Seienden (ὄν oder οὐσία), an das sekundäres, abgeleitetes Seiendes (unvollkommen) partizipiert – nämlich als die Ebenen des wahren Seins und seinem Abbild (vgl. Platons ![]()
Höhlengleichnis).13Vgl. Frede, Michael et al., Art. Sein; Seiendes, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 9 (1995), 170–233 (https://doi.org/10.24894/HWPh.5681), abgerufen am 14.07.2026. Ferner als die Ebenen des Wesens oder Bestimmtheit eines Dinges und seiner Materialität (vgl. Aristoteles ![]()
zu Form und Stoff) oder als Unterscheidung zwischen wirklichem Sein (ἐνεργείᾳ ὄν) und bloß möglichem Sein (δυνάμει ὄν).14Vgl. Frede et al., Sein. Aristoteles ![]()
meint, dass „die Form früher und mehr seiend ist als die Materie“ (Aristoteles, Metaphysica, 1029a6).
Die Beziehung zwischen diesen Ebenen der „Essenz“ und der „Existenz“ wurde als dynamische Relation vorgestellt; die Dinge partizipieren an (gr. methexis/metechein, lat. participatio) deren Ideen oder Formen. Einzelne, der Veränderung unterworfene Bäume sind demnach einzelne Darstellungen der Idee oder Form des Baumes, d. h. eine Art Essenz bzw. Blaupause, die alle Bäume zu Bäumen macht, und an der alle in der Welt vorhandenen Bäumen teilhaben. Demnach wäre Essenz die tiefere Realität und entscheidende Ursache eines in der irdischen Existenz erscheinenden Dinges.
Diese klassisch gewordene Unterscheidung deckt sich nicht immer mit Texten aus der Antike. Das Wort Existenz ist vom lateinischen Verb existere (von exsistō) abgeleitet und bedeutet „heraus“- oder „hervortreten“. Im militärischen Kontext konnte es heißen, jemand sei plötzlich aus einem Hinterhalt „aufgetaucht“. Aufgrund der Rezeption antiker griechischer Philosophie in der lateinischen Welt mit widersprüchlichen Übersetzungspraktiken, wurde existere jedoch oft mit esse (Sein) austauschbar, und manchmal gar mit essentia (Essenz) gleichgesetzt, obwohl es später zu einer deutlichen Begriffsunterscheidung „Essenz“ und „Existenz“ als Gegensatzpaar kam. Aufgrund solcher Vermischungen, auch im Kontext der Entstehung trinitarischer Formulierungen in der Theologie, muss ein*e Leser*in antiker Texte sehr aufmerksam vorgehen und klären, wie welche Begriffe genutzt wurden.15Vgl. Hadot, Pierre/Guggenberger, Alois, Art. Existenz, existentia. Abschnitt I, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 2 (1972), 854–860 (https://doi.org/10.24894/HWPh.5123), abgerufen am 14.07.2026. Vgl. auch Frede et al., Sein. Abschnitt I.
Ob in platonischer ![]()
oder aristotelischer ![]()
Fassung – die lang geübte Unterscheidung zweier Realitätsebenen war die Voraussetzung für eine später verbreitete, „klassisch“ gewordene Grundunterscheidung zwischen Essenz (bzw. Wesen) und Existenz in der späten Philosophie des Mittelalters nach Thomas von Aquin ![]()
.16Etwa bei Capreolus ![]()
, Ferrara ![]()
und Cajetan ![]()
. Vgl. Hadot/Guggenberger, Existenz. In einem solchen Sprachgebrauch bezeichnet Existenz nicht das bloße Vorhandensein, sondern das sichtbare, irdische Vorhandensein der Dinge, hinter denen aber geistige Realitäten (ihr Wesen) stehen. Wir können durch Wendungen wie „das Wesentliche sehen“ mit unserem heutigen Sprachgefühl die mögliche Wertung und erkenntnistheoretischen Implikationen, die zu einer solchen Unterscheidung zwischen Essenz und Existenz gehören, nachempfinden.17Die Unterscheidung und Wertung hängen mit erkenntnistheoretischen Fragen eng zusammen, weil sie einen Unterschied zwischen dem Erkennen der Sinne und dem Erkennen der Vernunft, der Intuition, impliziert. Denn jede Erkenntnistheorie setzt ein Bild der Realität, eine Ontologie, voraus. Weniger zugänglich ist uns heute dagegen die Vorstellung, dass eine immaterielle Essenz (bzw. Wesen) eines Dings dessen bestimmende Ursache ist. Für die Theologie war aber diese Vorstellung maßgeblich.
3. Vollkommenes Sein und geschenktes Sein
Theologische Bemühungen, das Verhältnis Gottes zu jenem Verständnis von den Dingen der Welt zu denken, war von dem verständlichen Anliegen geprägt, Gott von der Welt unterscheiden zu wollen. Augustinus ![]()
drückte dies so aus, dass Gott, der Vollkommene, im Unterschied zur Welt ungeschaffen, unveränderlich und einfach (nicht aus Teilen zusammengesetzt) ist.18Vgl. Augustinus, De civitate dei, XI,10. Für die geschaffenen Dinge der Welt, die Teile und Eigenschaften haben, und der Veränderung unterworfen sind, gilt dagegen, dass sie nicht selbstständig bestehen. Sie sind da, weil Gott ihnen ein zeitliches Dasein schenkt. Solchen Dingen fehlt etwas, um vollkommen zu sein. Demnach ist das Böse für Augustin eine Möglichkeit der Geschöpfe – allerdings nicht als ein existierendes Etwas, sondern als die Abwesenheit des Guten (privatio boni). Unter dem Eindruck des Neuplatonismus war auch bei Boethius ![]()
das Vorhandensein eines Dinges eine moralisch bestimmte Eigenschaft in einer moralisch bestimmten Wirklichkeit. Darum konnte er – zum Trost – sagen: diejenigen, die mit Tugenden dem Guten nachjagen, wachsen in Seinsfülle, während ein Tyrann, von Laster besessen, irgendwann zu existieren aufhört.19Vgl. Boethius, Anicius Manilus Severinus, Philosophiae Consolatio – Trost der Philosophie, Lateinisch-Deutsch, hrsg. v. Joachim Gruber, Stuttgart 2020, IV.2P.32.
Wegen unseres heutigen Verständnisses von Existenz als Vorhandensein ist es schwer, die sich wandelnden Begriffsnuancen des Mittelalters nachzuvollziehen.20Schwer ist es, weil die lateinsprachige Theologie und Philosophie von der griechischen Philosophie Impulse aufnahm. Schwer ist es aber auch, weil im Mittelalter Aristoteles ![]()
Philosophie wichtig wurde, obwohl die Kirchenväter stärker vom Neuplatonismus geprägt waren. Für die Begriffsgeschichte vgl. Frede et al., Sein; Hadot/Guggenberger, Existenz; Vollrath, Ernst, Art. Essenz, essentia, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 2 (1972), 753–755 (https://doi.org/10.24894/HWPh.964), abgerufen am 14.07.2026. Da Thomas von Aquins ![]()
Denkweise sich stark durchsetzte, soll sein Ansatz genauer nachvollzogen werden. Thomas versteht die Einzeldinge jeweils als eine Zusammensetzung von Wesen/Essenz (essentia) und Sein/Existenz (esse) – beide Übersetzungen von esse sind übrigens legitim.21Vgl. Schmidt, Andreas, Ipsum Esse subsistens. Thomas von Aquin und die existierende Existenz, in: Lückner, Andreas/Ostritsch, Sebastian (Hrsg.), Philosophie der Existenz. Aktuelle Beiträge von der Ontologie bis zur Ethik, Berlin 2019, 1–13, 4. Die Nuancen der zwei Wörter für Sein, ens und esse, die Thomas ![]()
im Anschluss an Aristoteles‘ ![]()
und Boethius‘ ![]()
Begrifflichkeiten entwickelt, sprengen den Rahmen dieses Artikels. Thomas kann auch sogar bei Gelegenheit das Wort esse verwenden, wenn Essenz gemeint ist, aber das ändert nichts daran, dass er der Sache nach zwischen Essenz und Sein/Existenz unterscheidet. Vgl. Doolan, Gregory T., Aquinas on the Distinction Between Esse and Esse. How the Name ‚Esse‘ Can Signify Essence, in: New Blackfriars 104/1114 (2023), 628–650 (https://doi.org/10.1111/nbfr.12873), abgerufen am 14.07.2026.
Weiterführende Infos: Zur Übersetzung von esse als Existenz oder Sein
Thomas von Aquins ![]()
Schrift De ente et essentia (dt. „Über das Seiende und die Essenz“) ist sein Versuch, die aristotelische Philosophie mit christlicher Theologie in Berührung zu bringen. Da, wo wir bei ihm Aussagen über das Vorhandensein der Dinge finden, also heute „Existenz als Vorhandensein“ verstehen, kommt der Begriff esse vor.22Bei Thomas war der Begriff existentia nicht wichtig. Vgl. Hadot/Guggenberger, Existenz. Darum ist es an solchen Stellen angemessen, esse mit „Existenz“ zu übersetzen. Aber es ist auch möglich, „Sein“ zu übersetzen. Denn, obwohl das Wort esse die Bedeutung „Vorhandensein“ umfasst, hat das Wort eine breitere Bedeutung als das bloße Vorhandensein. Darum begegnen in deutschsprachigen Studien zu Thomas bei der Übersetzung von esse immer wieder die Begriffe „Existenz“, „Sein“ und „Seiendes“. Das Wort esse verwendet Thomas auch in Verbindung mit Gott (siehe unten); spätestens hier wird deutlich, dass esse mehr als das bloße Vorhandensein ausdrücken kann.
Thomas ![]()
argumentiert, dass die Dinge ein Wesen besitzen, das ihre Eigenschaften bestimmt, während die Existenz hinzutritt. Bei Gott kann dagegen, aufgrund seiner Einfachheit (seinem Nicht-Zusammengesetztsein), kein Unterschied zwischen Gottes Sein/Existenz (esse) und seinen Wesen (essentia) bestehen. Bei Gott ist Gottes Essenz (essentia) mit seiner Existenz (esse) identisch.23Vgl. Oliver, Simon, Creation. A Guide for the Perplexed, London 2017, 44–46. Mit Thomas von Aquin ![]()
stimmt hier auch der oft als Pantheist bezeichnete Spinoza ![]()
überein. Vgl. Spinoza, Baruch, Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt, in: Sämtliche Werke 2, lat./dt., übers. u. hrsg. v. Wolfgang Bartuschat, Hamburg 2007, 51 [I,20]. Anders als die seienden Einzeldinge ist Existenz nicht etwas, was Gott zugesprochen wird, sondern für Spinoza ist Gott selbst die Existenz. Vgl. Luckner/Ostritsch, Existenz, 76. Auf diese Weise wurde der Unterschied zwischen Gott und Schöpfung begrifflich gefasst.
Wichtig ist auch Thomas‘ ![]()
begriffliche Formulierung des Verhältnisses zwischen Gott und Schöpfung. Thomas sagt im Anschluss an Augustin ![]()
, dass Gott das vollkommene, in sich selbst gründende, ungeschaffene Sein selbst (esse ipsum) ist.24Für einen guten Überblick über Thomas von Aquins Denkmodell vgl. Lyons, Nathan, God and Being, Cambridge 2023, 36–38. Gott ist auch derjenige, der allem, was ist, aus dem Nichts heraus (creatio ex nihilo) sein Vorhandensein schenkt. Das fortwährende, in jedem Augenblick bestehende Hinzugefügtsein der Existenz/des Seins (esse) bei den Dingen, das sie vom Verschwinden ins Nichts bewahrt, ist als Gottes kontinuierliche Erhaltung der Schöpfung zu verstehen. Das Vorhandensein von allen geschaffenen Dingen ist also kontingent (nicht-notwendig). Sie haben Eigenschaften gemäß ihrem Wesen (essentia), aber damit sie real und konkret werden können, muss Gott ihnen sein Sein/Existenz (esse) schenken. Die Schöpfung hat also für Thomas kein selbstständiges Vorhandensein, sondern besteht nur aufgrund der Partizipation an Gott, dem selbstständig bestehenden Sein selbst (ipsum esse subsistens). Weil sie aus dem Nichts geschaffen ist, ist die Schöpfung „kein Akt des Zwanges oder Überredung, sondern friedliches, freies und nicht-notwendiges Geschenk der Existenz“.25Oliver, Creation, 59 (Übersetzung durch Autor).
4. Analogie des Seins
Da die Welt an Gott kontinuierlich partizipiert,26Vgl. Schönberger, Rolf, Art. Teilhabe, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 10 (1998), (https://doi.org/10.24894/HWPh.4241), abgerufen am 14.07.2026. und Gott der Welt stets sein Sein (esse) schenkt, gibt es nach Thomas von Aquin ![]()
trotz des grundlegenden Unterschieds zwischen Gott und Welt doch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Sein Gottes und dem Sein der Welt, eine Analogie des Seins (analogia entis).27Thomas von Aquins ![]()
Zurückhaltung gehört in einen Kontext noch größerer Zurückhaltung der negativen Theologie nach Dionysius Areopagita ![]()
, die keinerlei analoge Entsprechung zwischen Gott und Welt erlaubte. Die Wendung analogia entis findet sich erst nach Thomas bei Francisco de Suárez ![]()
(vgl. Suárez, Francisci, Opera Omnia 26, Paris 1861, 14.16.21.320–322). Diesen Hinweis verdanke ich der Anmerkung des Herausgebers in Bonhoeffer, Dietrich, Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie (DBW 2), München 1956, 68n60. Allerdings liegt die Sache bei Thomas in der Betonung, dass alle (unvollkommen vorhandenen) Seinsvollkommenheiten der Schöpfung ihre Ursache in Gott als dem notwendigen Sein haben, und dass wir deshalb aus dem Geschaffenen Gott (unvollkommen, aber wirklich) nach einer Analogie erkennen können. Vgl. Thomas von Aquin, Gottes Dasein und Wesen, Summa theologica, I,1-13, Graz/Wien/Köln 31982, Quaestio 2,3.13,5. Weniger zurückhaltend war Duns Scotus ![]()
, der in der Zeit nach Thomas für ein univokes Verständnis des Seins plädierte, auch wenn die Seinsweise Gottes sich von der Schöpfung unterscheidet. Für eine hilfreiche Beschreibung der Debatten innerhalb der Scholastik, insbesondere Duns Scotus Ablehnung der analogen Rede von Gott vgl. Pannenberg, Wolfhart, Systematische Theologie 1, neu hrsg. v. Gunther Wenz, Göttingen 2015, 370–376. Jene scholastische Philosophie malte damit ein Bild der Ordnung und Abgestimmtheit zwischen dem menschlichen Denken und der Welt. Gottes Wesen ist zwar nicht erkennbar, aber es gibt eine Erkenntnis Gottes aus seinen Werken, aus dem, was geschaffen ist (ex creaturis).
Der Reformator Martin Luther ![]()
übte starke Kritik an dieser Vorstellung, weil für ihn der durchaus sündige Mensch die Erkenntnis Gottes aus der Schöpfung missbrauche und verstelle. Stattdessen wolle Gott nun „aus dem Leiden [Christi] erkannt werden“ und „als [der], der in den Leiden verborgen ist“, verehrt werden. Die menschliche Weisheit, auch die philosophische Gotteslehre, wird dabei als aufgebläht und blind entlarvt. Damit war in der reformatorischen Theologie ein philosophisch anknüpfungsfähiges Verständnis von Gott als dem philosophisch begriffenen, vollkommenen Sein selbst in Verruf geraten, zugunsten einer Vorstellung von Gott als einem, der ohne seine Offenbarung unbegreiflich bleibt und die Vernunft durchkreuzt.28Vgl. die Thesen 20–21 von Luther, Martin, Disputatio Heidelbergae habita/Heidelberger Disputation (1518), in: Martin Luther. Lateinisch-Deutsche Studienausgabe 1, Leipzig 32022, 35–70. In der altprotestantischen Theologie (nach der Zeit der Reformatoren) gab es wieder eine stärkere Versöhnung der Theologie mit der Philosophie. Luthers ![]()
kreuzestheologische Konzentration speist sich aus seiner Auseinandersetzung mit der paulinischen Betonung der „Torheit“ des Wortes von Kreuz in 1Kor 1,18Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.Zur Bibelstelle und seine Lesart von Röm 1,20ff.[20] Denn sein unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es mit Vernunft wahrnimmt, an seinen Werken ersehen. Darum haben sie keine Entschuldigung. [21] Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. [22] Die sich für Weise hielten, sind zu Narren gewordenZur Bibelstelle Diese Tendenz gab es auch vielfach in der neueren evangelischen Theologie (vgl. Abschnitt 8).
Weiterführende Infos: Luthers theologia crucis in der Heidelberger Disputation 1518
Luthers ![]()
Kritik an der Scholastik in der Heidelberger Disputation (Thesen 19–22), lautet:
Nicht der wird mit Recht ein Theologe genannt, der das unsichtbare [Wesen] Gottes erblickt, das durch das erkannt wird, was gemacht ist. […] Sondern wer das Sichtbare und die dem Menschen zugewandte Rückseite Gottes erkennt, die durch Leiden und Kreuz erblickt wird. […] Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Übel gut und das Gute ein Übel. Der Theologe des Kreuzes sagt, was die Sache ist. […] Jene Weisheit, die das unsichtbare [Wesen] Gottes erblickt, das durch die Werke erkannt wird, bläht gänzlich auf, verblendet und verhärtet.29Luther, Martin, Disputatio Heidelbergae habita/Heidelberger Disputation (1518), in: Martin Luther. Lateinisch-Deutsche Studienausgabe 1, Leipzig 32022, 35–70; hier: 53–55.
Das steht im Widerspruch zu Thomas von Aquins ![]()
Vorstellung einer Erkenntnis Gottes aus dem Geschaffenen („ex creaturis“) und setzt stattdessen auf eine Erkenntnis Gottes im Leiden Christi. Luthers Position, die er im Gegensatz zu einer „Theologie der Herrlichkeit“ entwickelt, ist seine „Theologie des Kreuzes“ (theologia crucis).
5. Existenz als Prädikat?
Der Weg von der sogenannten Scholastik des Hochmittelalters zur sogenannten Aufklärung in der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts hatte auch für das Verständnis der Existenz und des Seins Bedeutung. Zusammenfassend kann man vielleicht sagen, dass sprach- und erkenntnistheoretische Fragen relevante und wirkungsvolle Impulse förderten.
Weiterführende Infos: Duns Scotus, Universalienstreit, Descartes
Ein erstes relevantes Beispiel für die Bedeutung von sprach- und erkenntnistheoretischen Fragen ist Duns Scotus ![]()
Kritik an Thomas von Aquins ![]()
Analogielehre: sein Argument für die Univozität des Seins. Das besagt, dass das Wort „Sein“ bzw. „Existenz“ (esse) immer gleichbedeutend (univok) ist, ob man vom ungeschaffenen Sein Gottes oder geschaffenen Sein redet.30Vgl. Boulnois, Olivier/Knebel, Sven K., Art. Univozität; univok, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 11 (2001), 225–231 ( https://doi.org/10.24894/HWPh.5512), abgerufen am 14.07.2026. Ein zweites Beispiel ist der Universalienstreit, die Debatte um den Status von Universalien, d. h. abstraktere Worte wie „Menschheit“, im Gegensatz zum konkreten Menschen.
Diese wurden von den sogenannten Nominalisten als eine mentale Abstraktion verstanden, die kein von den konkreten Einzeldingen getrenntes Vorhandensein besaß. „Realisten“ sahen das anders, aber die Realität der Universalien war nun umstritten, und damit auch das Sein, das man auch als bloße mentale Abstraktion des konkreten Seienden verstehen konnte. Ein drittes Beispiel ist Descartes‘ ![]()
berühmte Schlussfolgerung, „ich denke, also bin ich“ (cogito ergo sum). Sie ist Ergebnis eines Versuches, die zweifelnde Begrenzung der Erkenntnis zu Ende zu denken, die zunächst die Abgestimmtheit von Denken und Welt in Frage stellt.31Vgl. Descartes, René, Meditationes de prima philosophia, 49 / AT VII, 25. Die Abgestimmtheit wird freilich dann mit Hilfe des Denkens wieder hergestellt. Darum ist die Existenz des Subjekts nicht sein selbstverständliches Vorhandensein, sondern eine fragliche, erst durch Vernunftbemühungen gesicherte und endlich gewisse Existenz des Ichs. Descartes meinte auch, die Existenz Gottes mit rationalen Überlegungen aus der Idee des Unendlichen sichern zu können. Die Existenz des Subjekts und auch Gottes war hiermit prinzipiell umstritten und nur mit der Reflexion der Vernunft gewiss. Dass Gottes Dasein durch vernünftige Schlussfolgerungen (Gottesbeweise) erwiesen werden konnte, war auch die Überzeugung von Leibniz ![]()
, der Gott als das notwendig Seiende (ens necessarium) begrifflich bestimmte.
Immanuel Kants ![]()
erkenntnistheoretische Kritik und Dekonstruktion der rationalistischen Gottesbeweise bei Descartes ![]()
und anderen machte die Existenz zu einer Selbstverständlichkeit – ähnlich wie später in der analytischen Philosophie. Denn im Rahmen seiner Kritik des ontologischen Gottesbeweises – der Beweisversuch, der die Existenz Gottes aus dem Gottesbegriff ableitet – argumentierte er, dass die Existenz eines Dings kein reales Prädikat, d. h. keine echte Zuschreibung einer Eigenschaft ist: „Sein ist offenbar kein reales Prädikat“.32Kant, Immanuel, Kritik der reinen Vernunft, A598/B626. Kant zufolge ist ein Satz wie „Das Auto rast“ gehaltvoll, während in einem Satz wie „Das rasende Auto existiert“, das Prädikat „existiert“ überflüssig ist, da dieses zweite (grammatisch korrekte) Prädikat nichts Inhaltliches zur Aussage des Satzes hinzufügt.33Kant liefert dieses Argument im Kontext der Kritik an dem ontologischen Gottesbeweis, dem Beweisversuch, mittels eines bloßen Gottesbegriffs, von der Möglichkeit, Gott zu denken, auf Gottes Realität zu schließen. Zum gleichen Ergebnis, dass Existenz kein Prädikat, keine Eigenschaft ist, kam Gottlob Frege ![]()
, im Kontext seiner Ausführungen zur Logik. Vgl. Bromand, Joachim, Frege über Existenz und den ontologischen Gottesbeweis, in: Reichardt, Bastian/Samans, Alexander (Hrsg.), Freges Philosophie nach Frege, Paderborn 2014, 175–192.
6. Unbegreifliche Existenz
Der mit der Subjektivität des Menschen ansetzende, von Kant ![]()
maßgeblich geprägte Idealismus des frühen 19. Jahrhunderts stellte die Rede von der Existenz in einen neuen subjektivitätstheoretischen Rahmen. Trotz unterschiedlicher Begriffsbestimmungen in unterschiedlichen philosophischen Entwürfen gab es eine gemeinsame Tendenz, die Begriffe Existenz und Sein mit Bezug zu dem Subjekt, das das Gedachte konstituiert, zu verstehen.34Fichte ![]()
insistierte, dass wir „nie von der Existenz eines Objekts ohne Subjekt reden können“. (Fichte, Johann G., Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hrsg. v. R. Lauth et al., Stuttgart-Bad Cannstatt 1962ff, I.2, 416). Bei Schopenhauer ![]()
ist ebenfalls jedes weltliche Objekt als eine vom Subjekt vollzogene Vorstellung zu begreifen. Innerhalb dieses Paradigmas entwickelte sich ein einflussreicher Grundunterschied zwischen Theorien des Subjekts, die die begriffliche Struktur der Wirklichkeit betonten und darum der Vernunft eine Fähigkeit einräumten, über die gedankliche Durchdringung des Seins zum Gottesgedanken zu gelangen (z. B. Hegel ![]()
), und denjenigen, die der Vernunft enge Grenzen setzten (z. B. Schelling ![]()
).35Vgl. Luckner/Ostritsch, Existenz, 81–93. Ich verdanke den Autoren auch die griffige Überschrift dieses Abschnitts.
Weiterführende Infos: Hegel und das Sein
Hegels ![]()
Umgang mit den Begriffen Sein und Existenz ist eigenartig und komplex. Beide Begriffe können einerseits für das Vorhandensein der Dinge stehen und andererseits in Hegels System(en) der Logik ganz andere, gehaltvolle Bedeutungen bekommen. Ohne hier Hegels Terminologien oder System ansatzweise zu erläutern sei als erste Orientierung gesagt: Begriffe wie Sein, Wesen und Existenz, die in der mittelalterlichen Theologie durchaus ein Bild der ontologischen Stabilität vermittelten, sind bei Hegel dynamisch, weil sie Widerspruch und Gegensatz in sich integrieren. Ein Beispiel ist seine Behandlung des Begriffs „Sein“ in seiner Wissenschaft der Logik, Band 1,1. Dort behauptet er, dass „reines Seyn […] ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung“36Hegel, Georg W. F., Wissenschaft der Logik 1,1 (1832), Akademie-Ausgabe 21 (1985), 55. sei und es darum in das Nichts kippt. Schließlich ist reines Sein genauso wenig aussagekräftig wie das Nichts.
Das Kippen des Seins in das Nichts und des Nichts in das Sein nennt er das „Übergehen“ oder das „Werden“. Das Sein und das Nichts sind eine letzte Einheit, weil sie in diesem Werden für das Denken zum „Dasein“ geworden sind. Wenn das Denken das Sein zu begreifen versucht, erkennt es das Sein als Schein, Sein ist Moment des Werdens.37Vgl. Frede, Sein. In Wissenschaft der Logik, Band 1,2 hat er den Begriff des Wesens eingeführt, so dass er sagen kann: „die Wahrheit des Seins ist das Wesen“, was bedeutet, dass „hinter diesem Sein noch etwas anderes ist, als das Sein selbst“.38Hegel, Georg W. F., Wissenschaft der Logik 1,2, Nürnberg 1813, 1.
Beim Begriff der Existenz verwendet er manchmal das Wort Existenz eher unbedacht im Sinne des Vorhandenseins. Aber an entscheidenden Stellen erläutert er den Begriff der Existenz mit den eigenartigen Figuren seines Systems, z. B.: Existenz sei „dieses Sein, zu dem das Wesen sich macht, […] das wesentliche Sein […] ein Herausgegangensein aus der Negativität und Innerlichkeit.“39Hegel, Wissenschaft der Logik 1,2,136. Dies zu erläutern ist nicht Aufgabe dieses Artikels – er möchte allein auf Stil, Komplexität und Vieldeutigkeit der Hegelianischen Terminologie hinweisen.
Wie Hegel von diesem Seinsverständnis zum Gottesgedanken gelangt, sprengt auch hier den Rahmen.40Vgl. Stekeler-Weithofer, Pirmin, Die Notwendigkeit der Rede von Gott nach der Aufklärung, in: Kühnlein, Michael/Ottmann, Henning (Hrsg.), Religionsphilosophie nach Hegel. Über Glauben und Wissen nach dem Tod Gottes, Berlin 2021, 3–26. So viel sei gesagt: Für Hegel ist Religion das Bewusstsein eines absoluten Wesens – und damit zugleich die ewige Wahrheit, das Absolute, Gott.41Vgl. Hegel, Georg W. F., Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, Band 16, Frankfurt 1986, 28. Dieses Absolute ist aber, in Abgrenzung zur Scholastik, nichts Statisches und Ruhiges, „nicht das über den endlichen Momenten transzendent in sich subsistierende Sein, sondern das in den endlichen Momenten immanent sich entfaltende Sein.“42Lotz, Johannes B., Hegel und Thomas von Aquin. Eine Begegnung, in: Gregorianum 48/3 (1967), 449–480, 459. Bei Hegel ist Gott das Absolute, „nie das reine, sondern unüberwindlich das vom Nichts gezeichnete Sein.“43Lotz, Hegel, 467. Während bei Augustinus ![]()
und Thomas von Aquin ![]()
das geschaffene Sein am vollkommenen, ungeschaffenen Sein partizipiert, partizipiert bei Hegels Theologie – umgekehrt – das Absolute an dem Negativen. Weil Hegels Gedanke, dass Gottes Sein von der Geschichte gezeichnet ist, an die Inkarnation anknüpft, findet er bei manchen modernen Theologen Zustimmung (vgl. Abschnitt 8).
Für den späten Schelling ![]()
, in seiner Philosophie der Offenbarung, gerät das Denken an eine Grenze, so dass unser Zugriff auf das Sein oder die Existenz – er setzt beide Begriffe an dieser Stelle gleich – hinter allem Seienden kein begriffliches Wissen ermöglicht. Die dahinterliegende „Existenz selbst“ ist nur aus der Erfahrung der Grenze des Denkens, und als reines Dass, zu bezeichnen. Wir begreifen sie nicht, sondern erfahren sie nur – man beachte hier die starken Bilder – als unserem Denken vorausgehendes, nicht-begriffliches, unvordenkliches Sein, das für das Denken immer auch ein Abgrund ist, in dem das Denken verschlungen wird.44Vgl. Schelling, Friedrich W., Philosophie der Offenbarung 1841/42, hrsg. von Manfred Frank, Frankfurt a. M. 1993, 161; Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich, Sinn und Existenz in der Spätphilosophie Schellings und andere Schellingiana, Kassel 2016, 141; Barth, Ulrich, Gott als Projekt der Vernunft, Tübingen 2005, 319–325. Dieses Blindseiende – die Existenz selbst – ist für Schelling das reine Dass, vor dem das Denken verstummt.45Vgl. Schelling, Philosophie der Offenbarung, 157. Der Philosoph Markus Gabriel ![]()
ist an dieser Stelle ein interessanter Exkurspunkt. Er sagt „die Welt existiert nicht“, weil Existieren für ihn bedeutet, in einem Sinnfeld zu erscheinen. Die Welt, als Totalität verstanden, ist eben das Feld der Erfahrung, in dem wir Gegenstände wahrnehmen können, aber wir sind nicht fähig, über dieses Feld denkend zu verfügen. Somit zeigt Gabriel eine ähnliche erkenntnistheoretische Zurückhaltung wie Schelling; statt unvordenkliches Sein gibt es die unbegreifliche Totalität der Welt. Vgl. Gabriel, Markus, Sinn und Existenz. Eine realistische Ontologie, Frankfurt a. M. 2016.
7. Der Existentialismus
Auch wenn das unvordenkliche Sein nach Schelling ![]()
nicht zu begreifen ist, glaubt er, dass dieses sich in der Erfahrung des Menschen zeigen kann. Erfahrung ist hier nicht im Sinne eines episodenhaften religiösen Erlebnisses gemeint, sondern als grundlegende und stets vorhandene Erfahrung, was es heißt, Mensch zu sein. Schellings späte Philosophie nimmt darum die Mythologien der Menschheit als Quellen der verdichteten Erfahrung des unvordenklichen Seins, die sich in dem kollektiven Bewusstsein der Menschen manifestiert haben und somit Einsicht in das geheimnisvolle Sein hinter allem Seienden geben. Verwandt, und dennoch anders akzentuiert, ist Kierkegaards ![]()
polemische Dekonstruktion der von Hegel ![]()
ernstgemeinten Vernunftbemühungen. Die Existenz, sagt Kierkegaard, wird nicht begriffen durch abstraktes Denken, weil es von dem konkreten Existieren und dem Interesse des Menschen absieht.46Vgl. Kierkegaard, Søren, Abschließende Unwissenschaftliche Nachschrift, Zweiter Teil, Jena 1910, 1–2. Stattdessen setzt er seinen Fokus auf die Erfahrung des Menschen in seinem individuellen, je eigenen Verhältnis zum Selbst als Selbst: Der Mensch in der Erfahrung von Verzweiflung und Angst angesichts der Endlichkeit und der unendlichen Möglichkeiten der Freiheit.47„Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.“ (Kierkegaard, Søren, Die Krankheit zum Tode, übers. von E. Hirsch, Gesammelte Werke, 24./25. Abteilung, Gütersloh 1992, 8).
Die philosophischen Entwürfe, die auf dem Hintergrund dieser Impulse das Wort Existenz anthropologisch bestimmen, gelten als Beispiele des Existentialismus (z. B. Jaspers ![]()
, Heidegger ![]()
, Marcel ![]()
, Sartre ![]()
, Beauvoir ![]()
, Camus ![]()
), ob mit oder ohne ausdrückliche Zustimmung des Labels. Existentialismus oder Existenzphilosophie kann man im Sinne des Begriffspaars Essenz und Existenz als Protest gegen die Essentialisierung aller Dinge verstehen, gegen ein Verständnis der Dinge, das sie auf die Ebene des idealen Seins hebt oder unter allgemeine, höhere Begriffe ordnet.48Vgl. Przywara, Erich, Essenz- und Existenzphilosophie, in: ders., Analogia Entis. Ur-Struktur und All-Rhythmus, Einsiedeln 31996, 213–246, 213. Relevant für das Verständnis des Menschen ist die damit verbundene Kritik an der neukantischen Vorstellung des Menschen als autonomer sittlicher Persönlichkeit, die gleichsam in einem transzendenten Bereich situiert ist und über ein eindeutiges Wesen/Essenz, Ziel und feste Bestimmung verfügt. An die Stelle tritt der reale, konkrete und individuelle Mensch. Gemeinsam ist auch die Betonung der Gebundenheit und Begrenztheit, aber auch der Zufälligkeit und Freiheit des Menschen. Im Gegensatz zum aufkommenden, reduktiven Psychologismus in der Philosophie, und oft unterstützt durch Impulse der phänomenologischen Methode Husserls ![]()
, wurde das Augenmerk nicht auf den Menschen als Gegenstand der naturwissenschaftlichen Forschung gelegt, sondern vielmehr die welthafte Erfahrung des Subjekts stand im Mittelpunkt.
Es ist jedoch ein Irrtum, den Existentialismus als eine bloße Hinwendung zum Menschen aus Desinteresse an ontologischen Fragen zu deuten. Gerade Heideggers ![]()
Wende zum sogenannten Dasein des Menschen (d. h. der Mensch, den die Sorge um sein eigenes Leben bewegt) ist Folge seines berühmten Protests gegen die Vergessenheit des Seins hinter allem Seienden am Anfang von Sein und Zeit. Heidegger versteht dabei das Verhältnis zwischen Sein und Existenz neu: „Existenz“ ist für ihn nicht das bloße Vorhandensein von Dingen, sondern das Sein des Daseins: „Das Sein selbst, zu dem das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer irgendwie verhält, nennen wir Existenz.“49Heidegger, Sein und Zeit, 12. Vgl. auch: „Dabei ist es gerade die ontologische Aufgabe zu zeigen, daß, wenn wir für das Sein dieses Seienden die Bezeichnung Existenz wählen, dieser Titel nicht die ontologische Bedeutung des überlieferten Terminus existentia hat und haben kann; existentia besagt ontologisch soviel wie Vorhandensein, eine Seinsart, die dem Seienden vom Charakter des Daseins wesensmäßig nicht zukommt. Eine Verwirrung wird dadurch vermieden, daß wir für den Titel existentia immer den interpretierenden Ausdruck Vorhandenheit gebrauchen und Existenz als Seinsbestimmung allein dem Dasein zuweisen.“ (Heidegger, Sein und Zeit, 42). Die anthropologische Bedeutung der Existenz ging in diesem Fall aus der ontologischen Beschäftigung mit der Bedeutung des Seins hervor. Das war keine Rückkehr zur Wesensmetaphysik der Scholastik, sondern eine radikal immanente Ontologie: „Sein“ wird aus Dasein verstanden, also durch eine Phänomenologie des Menschseins bestimmt.
Weiterführende Infos: Mehr über den Existenzialismus
Im Existentialismus ist Existenz das Dasein des Menschen, das oft den Charakter eines Verhängnisses und Rätsels bekommt: der in die Welt „Geworfene“ findet sich immer schon als „In-der-Welt-Sein“ vor und lebt vor dem Horizont seiner Sterblichkeit als „Sein-zum-Tode“ (Heidegger ![]()
).50Vgl. Heidegger, Sein und Zeit. Unsere Existenz ist stets vom Nichtsein bedroht. Ferner ist der Mensch angesichts der stets zu wählenden Möglichkeiten der Existenz „zur Freiheit verurteilt“ (Sartre ![]()
). Der Mensch ist nicht von einem moralisch oder göttlich bestimmten Wesen her zu verstehen oder zu messen, sondern wir sind frei: „die Existenz geht der Essenz voraus“ (Sartre): es ist unser selbst gewähltes und verantwortetes Verhältnis zur Existenz, das unser Wesen bestimmt. Oder, wie es Jean-Luc Nancy ![]()
noch radikaler und freiheitsskeptischer formuliert: es gibt nur noch diese Materialität der Existenz.51Vgl. Gutting, Gary, French Philosophy in the Twentieth Century, Cambridge 2001, 374–375.
Existentialismus gibt es jedoch keinesfalls nur in der Tonart der Negativität, sondern auch mit Absicht einer „Existenzerhellung“ (Jaspers ![]()
), die in einem nichttheistischen philosophischen Glauben mündet, bzw. eine aus der Existenzanalyse gewonnene „Eigentlichkeit“ (Heidegger) eines mutigen und verantwortlichen Lebens, angesichts des unausweichlichen Todes.52Zu beachten ist Adornos ![]()
Kritik solcher Sprache als ideologischer Jargon, also eine Sprache, die bestimmte politische Anliegen poetisch heiligt. Die Kritik hat im Rückblick erhebliche Plausibilität, weil Heidegger ![]()
selbst nationalsozialistisch eingestellt war. Vgl. Adorno, Theodor, Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie, Frankfurt a. M. 1964. Oder als schließlich versöhnte Partizipation am Sein durch Offenheit für den Nächsten und für Gott (z. B. Marcel ![]()
).53Vgl. Gutting, French Philosophy, 98–102. Auch der atheistische Existentialismus lieferte viele Impulse für die Theologie, und war selbst tief in den Denktraditionen der christlichen Theologie verwurzelt. Vgl. Wolfe, Judith, Heidegger and Theology, London 2014; Kirkpatrick, Kate, Sartre and Theology, London 2017.
Auch wenn die bekanntesten Entwürfe die individuelle aber allgemeine Erfahrung der Freiheit innerhalb der Schranken der Endlichkeit zu eruieren glaubten, war der Existentialismus manchmal auch fähig, gesellschaftliche Machtstrukturen als Aspekt der Existenz zu berücksichtigen und mit emanzipatorischer Absicht die unterjochte Existenz bestimmter Menschen zur Sprache zu bringen (z. B. die untergeordnete Existenz der Frauen bei Beauvoir ![]()
).54Dieses Anliegen fehlte aber oft und war selten vordergründig. Simone de Beauvoir ![]()
lieferte als existentialistische Philosophin die bedeutendsten philosophischen Impulse des Feminismus im Jahr 1949. Vgl. Beauvoir, Simone de, Das andere Geschlecht, Sitte und Sexus der Frau, übers. v. Uli Aumüller und Grete Osterwald, Hamburg 2000. Vgl. auch die postkolonialen Impulse von Gordon, Lewis R., Existentia Africana. Understanding Africana Existential Thought, London 2000.
Die Tendenz des Existentialismus, über „den“ Menschen Auskunft zu geben, provozierte jedoch auch eine Kritik der rassistisch-kolonialen Mentalität europäischer Intellektualität (vgl. Frantz Fanon ![]()
, James Cone ![]()
).55Vgl. Fanon, Frantz, Die Verdammten dieser Erde, übers. v. Traugott König, Frankfurt 1966. Jean-Paul Sartre ![]()
stand im Austausch mit Fanon und lieferte ein Vorwort zum Buch. Vgl. auch James Cones ![]()
polemische Anklage: „the oppressed must define the structure and scope of reality for themselves […] whites are incapable of making any valid judgement about human existence“ (Cone, James, A Black Theology of Liberation, 1970, 65).
8. Existenz und Ontotheologie
Das gemeinsame Erbe der antiken Philosophie, der christlichen Scholastik, des philosophischen Idealismus und des Existentialismus bildet die Hintergrundkulisse für die Debatten der Theologie des 20. Jahrhunderts und darum auch für die theologischen Verwendungsweisen der Begriffe Existenz und Sein. In der neueren Philosophie- und Theologiegeschichte finden sich unterschiedliche Reaktionen auf dieses Erbe; besonders deutlich tritt jedoch eine hervor: ein markant angekündigter Abschied von dem, was als Scholastik oder Metaphysik bezeichnet wird. Aber es ist mitnichten ein einfacher Abschied vom Alten, denn beim näheren Hinsehen differenziert sich diese Reaktion in unterschiedliche Richtungen aus. Ferner, trotz ablehnender Haltungen gegenüber der antiken und mittelalterlichen Wesensmetaphysik in der modernen Philosophie, blieb immer wieder eine formale Unterscheidung der Realitätsebenen in abgewandelter, metaphysikkritischer Gestalt bestehen, wie z. B. bei Schleiermacher ![]()
, der von dem Unendlichen redet, das sich in allem Endlichen und Einzelnen manifestiert.56Vgl. Schleiermacher, Friedrich, Über die Religion. Reden an den Gebildeten unter ihren Verächtern, in: Meckenstock, Günter (Hrsg.), Friedrich Schleiermacher Kritische Gesamtausgabe, Band 2: Schriften aus der Berliner Zeit 1796–1799, Berlin/New York 1984, 214. Freilich gehört zu Schleiermachers ![]()
Verständnis des Begriffs des Unendlichen ein subjektivitätstheoretischer Rahmen. Auch der Philosoph Heidegger ![]()
unterscheidet zwei Realitätsebenen, nämlich zwischen dem Sein und dem Seiendem: „Das Sein des Seienden ‚ist‘ nicht selbst ein Seiendes.“57Heidegger, Sein und Zeit, 7.
Vier theologische Richtungen werden im Folgenden näher erläutert. Sie stellen die Rezeption und Reaktion auf das oben genannte Erbe dar: dialektische Theologie, existentialistische Theologie, Neothomismus, und eine (oft von der dialektischen Theologie motivierte) Ablehnung der Ontotheologie (ein Begriff, der von Heidegger geprägt wurde), also anti-ontotheologische Theologie. Eine Vertiefung dieser Richtungen findet sich in den dazugehörigen Infokästchen.
Die dialektische Theologie (Bultmann ![]()
, Barth ![]()
, später Jüngel ![]()
) nahm starke Impulse von Kierkegaard ![]()
auf und betonte, dass sich Gottes Sein nur in seiner Selbstoffenbarung zeigt. Gottes Sein geht jedem Gedanken über das Sein Gottes voraus.
Weiterführende Infos: Dialektische Theologie
Kierkegaard ![]()
wurde in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts viel gelesen und rezipiert und prägte stark die dialektische Theologie. Rudolf Bultmanns ![]()
Verwendung des Existenzbegriffs ist zum Beispiel sein (zunächst an Kierkegaard angelehnter) Versuch, Kritik an der vermeintlich neutralen, historisch oder psychologisch distanzierten Betrachtung der Bibeltexte zu üben. Er sieht darin einen allzu verfügbaren und gesicherten Menschen walten, der nicht mehr für ein Wort offen ist, das dem Hörer im Augenblick zum Ereignis wird und ihn hier und jetzt in seiner „Existenz“ in Mark und Bein trifft und zur Entscheidung auffordert.58Vgl. Bultmann, Rudolf, Das Problem einer theologischen Exegese des Neuen Testaments (1925) in: Moltmann, Jürgen (Hrsg.), Dialektische Theologie Band II, 47–72. Freilich wusste Bultmann ![]()
sich der historisch-kritischen Methoden der Exegese verpflichtet, insofern die Bibeltexte immer auch Dokumente der Religionsgeschichte sind. Er empfand nur in der alleinigen Anwendung dieser Methoden einer Verfehlung des Genres der Texte als theologische Texte und damit auch der menschlichen Existenz. Für die breitere Rolle des Begriffs Existenz bei Bultmann vgl. auch Schnübbe, Otto, Der Existenzbegriff in der Theologie Rudolf Bultmanns, Göttingen 1959. Bei Karl Barth ![]()
tauchte eine spezifische polemische Verwendung des Existenzbegriffs auf. Er schrieb 1933, in Abgrenzung zum nationalsozialistischen Regime, von der „theologischen Existenz“, die sich durch die Bindung an das Wort Gottes in Jesus Christus, der „allein Führer“ ist, auszeichnet.59„Wo es begriffen ist, dass er [Jesus Christus], und zwar er allein Führer ist, da ist theologische Existenz.“ (Barth, Karl, Theologische Existenz heute!, Beiheft zu „Zwischen den Zeiten“, München 1933).
In der gleichen Zeit sprach der römisch-katholische Theologe Erich Przywara ![]()
von der christlichen Existenz, die mit Nüchternheit, Sachlichkeit und „Erdhaftigkeit“ vorangeht, statt stolzer Verklärung im triumphalen nationalistischen Christentum.60Vgl. Przywara, Erich, Christliche Existenz, Leipzig 1934. Somit erwies sich die Existenz als möglicher Begriff des theologischen Widerstands, während jedoch für den Nationalsozialisten Heidegger ![]()
die „Eigentlichkeit“ der Existenz auch für völkisches Denken zur Verfügung stand.
Mit größerem zeitlichem Abstand zu den Geschehnissen unter der nationalsozialistischen Herrschaft und vor dem Hintergrund der großen Popularisierung des Existentialismus ist die Rede von der Existenz in der Theologie nicht mehr pointiert politisch oder existentialistisch, sondern dient auch mal als Chiffre für das konkrete Leben in einer bestimmten Rolle, wenn beispielsweise Karl Rahner ![]()
sein pastoraltheologisches Verständnis unter der Überschrift der priesterlichen Existenz verfasst.61Vgl. Rahner, Karl, Priesterliche Existenz, in: Priesterliche Existenz. Beiträge zum Amt in der Kirche (Karl Rahner Sämtliche Werke 20), Düsseldorf 2010, 196–216.
Die existentialistische Theologie (Tillich ![]()
, Macquarrie ![]()
) suchte die Auseinandersetzung mit der Existenzanalyse bei Jaspers ![]()
, Heidegger ![]()
und Sartre ![]()
, um dogmatische Themen wie Anthropologie, Sündenlehre und Christologie ins Gespräch zu bringen.
Weiterführende Infos: Existentialistische Theologie
Eine Reihe von Theolog*innen entwickelte eine existentialistische Theologie nach den Impulsen von Jaspers ![]()
, Heidegger ![]()
und Sartre ![]()
. Das existentialistische Verständnis der Existenz als Rätsel und Verhängnis war bereits mit der christlichen Lehre von der Sünde verwandt. Diese wurde folgerichtig im Gespräch mit dem Existentialismus erneut zur Sprache gebracht, wie in Tillichs ![]()
Rede von dem Menschen als „endliche Freiheit“ und der „Entfremdung“ als Ausdruck des tragischen Aspekts der Sünde.62Vgl. Tillich, Systematische Theologie II, 331.344–345. Vgl. dazu Schüßler, Werner, ‚Halb bin ich es und halb nicht.‘ Paul Tillich als Existentialist, in: Danz, Christian/Schüßler, Werner (Hrsg.), Paul Tillich in der Diskussion. Werkgeschichte – Kontexte – Anknüpfungspunkte (Tillich Research 23), Berlin/Boston 2022, 81–102. Ähnlich hielt der britischer Theologe John Macquarrie ![]()
, der Heideggers Sein und Zeit ins Englische übersetzte, die heideggersche Analyse für eine gekonnte Artikulation der Situation des Menschen vor Gott.63Vgl. Wolfe, Heidegger, 178–180. Die Vorstellung, dass Gott selbst in Christus schicksalhafte Endlichkeit und desorientierende Freiheit – ja selbst die Erfahrung der Gottverlassenheit (vgl. Mk 15,34Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?Zur Bibelstelle) – erfahren hat, bot existentialistischen Christologien fruchtbaren Anknüpfungspunkt. Auch Bilder des rechten Umgangs mit erkannten Aporien der Existenz schlugen Verbindungen zu einem christlichen Verständnis des Glaubens unter den Bedingungen der Existenz – so etwa Tillichs Rede vom „Mut zum Sein“ angesichts der empfundenen Angst der Sinnlosigkeit der Existenz.64Vgl. Tillich, Paul, Der Mut zum Sein, Berlin 22015. Tillichs ![]()
Theologie galt hierin für manche seiner Zeitgenossen nicht nur als theologische Aneignung des Existentialismus, sondern selbst als eigenständiges Beispiel des Existentialismus. So sieht es z. B. Grene, Marjorie, The German Existentialists, Chicago Review 13/2 (1959), 49–58. Kritischer und polemischer gegen Heidegger ist der frühe Dietrich Bonhoeffer ![]()
, der die wahre Eigentlichkeit der Existenz nur in der von Christus „getroffenen“ Existenz sieht, d. h. als „sündige und begnadigte“ Existenz.65Vgl. Bonhoeffer, Akt und Sein, 113.
Die Verwurzelung der Existenzanalyse in der Frage nach dem Sein bei Heidegger ![]()
war für viele römisch-katholische Theolog*innen und auch den evangelischen Theologen Tillich ![]()
begrüßenswert. Heidegger wurde darum in seiner theologischen Rezeption unabsichtlichen Mitstreiter für eine (dezidiert moderne) Rückkehr zu einer Ontologie im Gefolge von Thomas von Aquin ![]()
(Neothomismus). Gott ist demnach das verhüllte Sein selbst, das sich für das Dasein in allen Seienden manifestiert.
Weiterführende Infos: Neothomistische Theologie
Die theologische Rezeption von Heideggers ![]()
Seinsbegeisterung und Metaphysikkritik hörte nicht immer auf Heideggers Ablehnung der Ontotheologie. Auch evangelischerseits gab es neothomistische Züge; Paul Tillich ![]()
ist trotz seiner lutherischen Wurzeln hierfür ein gutes Beispiel. Er nimmt Heideggers Frage nach dem Sein in Sein und Zeit gerne auf, aber baut seine Gotteslehre so auf, dass Gott als das „Sein selbst“ oder als „Seinsmächtigkeit“ definiert wird.66Vgl. Tillich, Systematische Theologie I, 241–242. In der Einleitung zu Band II seiner Systematischen Theologie erfährt diese Zuweisung einer Präzisierung. Gott das Sein selbst zu nennen ist weiterhin richtig, aber dieses Statement fällt selbst unter die symbolischen Rede von Gott, weil alles Reden von Gott symbolisch sei. Allerdings hat die Rede von Gott als das Sein selbst (und Gott als Unendlichem und Unbedingtem) einen besonderen Status, weil sie sich auf der Grenzlinie zwischen symbolischer und nichtsymbolischer Rede befindet. Vgl. Tillich, Systematische Theologie II, 308ff. Er sucht damit bewusst kritischen Anschluss an die Scholastik, glaubt aber nicht, wie nominalistische Kritiker, dass der Seinsbegriff eine bloße philosophische Abstraktion ist. Für Tillich spiegelt er die Erfahrung der menschlichen Existenz wider, die vom Nichtsein bedroht ist.
Damit gewinnt das Sein den Charakter einer das Nichtsein stets überwindenden Macht des Seins, die in allem Seienden ist.67„Dasselbe Wort, das der leerste aller Begriffe ist, wenn es als Abstraktion genommen wird, ist der erfüllteste und sinnvollste aller Begriffe, wenn es als die Macht des Seins in allem, was Sein hat, verstanden wird.“ (Tillich, Systematische Theologie II, 310). Auch Tillichs Theorie der religiösen Symbole ist im Anschluss an Thomas von Aquin ![]()
entfaltet; er sagt ausdrücklich, dass nur die analogia entis uns das Recht gibt, überhaupt von Gott zu sprechen.68Vgl. Tillich, Systematische Theologie I, 245–246. Nur herrscht hier eine andere Stimmung; das Sein selbst manifestiert sich nicht so sehr in dem Seienden als die von Ordnung und Schönheit bestimmte Schöpfung, sondern vielmehr indirekt in den Erfahrungen der Endlichkeit und den Ambiguitäten des Lebens, die die Frage nach Gott provozieren.69Meine Deutung vom späten Tillich ![]()
als neothomistisch hat Kontrahenten, die Tillichs Spätwerk sehr stark von seinem frühen Idealismus her deuten. Die neothomistische Deutung ist aber an den Motiven „Sein selbst“, analogia entis und „Partizipation“ in Tillichs Spätwerk sehr gut nachweisbar. Vgl. die Diskussion von Röbel, Marc, Paul Tillich im Lerngespräch mit der klassischen Metaphysik. Dargestellt am Beispiel der Partizipation, in: Danz, Christian/Schüßler, Werner (Hrsg.), Paul Tillich in der Diskussion. Werkgeschichte – Kontexte – Anknüpfungspunkte. Festschrift für Erdmann Sturm zum 85. Geburtstag, Berlin/Boston 2022, 105–131. Für eine Kritik an Tillichs System vgl. Pannenberg, Systematische Theologie 1, 386f.
Nachkantische Skepsis gegenüber den Fähigkeiten der Vernunft wurde für den römisch-katholischen Neothomismus integrierbar als moderne Gestalt der thomistischen Analogielehre (z. B. Erich Przywara ![]()
, Edith Stein ![]()
).70Vgl. Przywara, Erich, Analogia Entis. Ur-Struktur und All-Rhythmus, Einsiedeln 31996. Es handelt sich um das Buch von 1932, was in der 2. Auflage (1962) um einige Aufsätze ergänzt wurde. So auch letztlich Karl Rahner ![]()
, der in seinem Versuch, modernen Menschen den Glauben verständlich zu machen, mit Schellingscher Zurückhaltung zunächst von dem „Woraufhin und Wovonher unserer ursprünglichen Transzendenzerfahrung“ redet. Er glaubt, seine Gotteslehre zwar auch wie einst Thomas von Aquin in der Sprache des Seins denken zu können, fürchtet aber, dass moderne Menschen dies als abstrakt und leer empfinden werden und schlägt darum vor, von dem „heilige[n] Geheimnis“ als Ursprung zu reden.71Vgl. Rahner, Karl, Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums, Freiburg/Basel/Wien, 1976, 69. „Das Woraufhin der Transzendenz ist also das heilige Geheimnis als das absolute Sein oder das Seiende absoluter Seinsfülle und Seinshabe.“ (Rahner, Grundkurs, 76). Damit ist eine Seinsontologie zwar versteckt, aber immer noch vorhanden.
Dass dies Heideggers ![]()
Anliegen nicht gerecht wurde, wird in seiner späteren Ablehnung der Ontotheologie deutlich. Mit dem Begriff Ontotheologie kritisiert Heidegger, dass die Metaphysik der Scholastik Gott in die Philosophie hineinbugsiert habe, indem sie diejenige Differenz zwischen Sein und Seiendem ausnutze, die Heidegger an sich so bemerkenswert findet. „Gott“ ergibt sich im Denkraum dieser Differenz als selbst-gründender Grund (causa sui) von allem Seienden. Gott ist damit jedoch Ertrag des Denkens, philosophisches Konstrukt und kein lebendiger Gott, vor dem man beten, opfern, musizieren und tanzen kann. Damit – so Heidegger, vielleicht kryptotheologisch – sei im Gegensatz zur scholastischen „Onto-Theo-Logik“ die gottlose Philosophie (Heideggers!) für den „göttlichen Gott“ freier.72Vgl. Heidegger, Martin, Die onto-theo-logische Verfassung der Metaphysik, in: ders., Identität und Differenz, in: GA I.11, Frankfurt a. M. 2006, 51–80, hier: 77. Diese Schrift von 1957 zeigt das Ergebnis seiner frühen Entwicklung weg von einer römisch-katholischen Scholastik hin zur Affinität zur lutherischen theologia crucis – dass man Gott nicht mit philosophischen Begriffen begreift, sondern in dem leidenden Christus. Protestantische Figuren der Ablehnung der Scholastik verband er schließlich mit einer atheistischen Phänomenologie der Anfechtungen des Menschseins. Vgl. Wolfe, Heidegger, 33–60. Heidegger wurde darum bei einigen Theolog*innen als Mitstreiter für eine kreuzestheologische Kritik der herkömmlichen Metaphysik gewertet (Jüngel ![]()
), während andere im expliziten Anschluss an Heidegger eine anti-ontotheologische Theologie fördern (Jean-Luc Marion ![]()
, John Caputo ![]()
).
Die evangelische Theologie teilte aber aus eigenen theologischen Gründen Heideggers Widerstand gegen einen allzu philosophischen Gottesbegriff und damit eine Skepsis gegenüber der Identifikation Gottes als das Sein selbst oder die Existenz schlechthin. Beispiele sind Luthers ![]()
theologia crucis und die Christozentrik in der dialektischen Theologie (Barth ![]()
, Jüngel ![]()
) sowie die Forderung eines Bezugs des Gottesbegriffes zur Geschichte (Pannenberg ![]()
) oder zur Vielfalt der Schrift (Ricœur ![]()
). Ferner sahen manche feministische Theolog*innen inhärenten Maskulinismus im klassischen Theismus, weil er einem männlichen Ego-Ideal zugrunde liege (Daly ![]()
).73Vgl. Anderson, Pamela Sue, Re-Visioning Gender in Philosophy of Religion. Reason, Love and Epistemic Locatedness, Farnham 2012, 49–64.
Weiterführende Infos: Theologie gegen Ontotheologie
Bei evangelischen Theolog*innen war es ausdrücklich Luthers ![]()
Theologie des Kreuzes, d. h. seine Insistenz, dass Gott für die sündige Menschheit nur in dem Leiden Christi erkennbar ist, die die Kritik der Metaphysik befeuerte. Karl Barth ![]()
hat darauf bestanden, dass Gottes Sein von Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus her bestimmt werden soll. Gottes Sein sei zwar in seinen Werken offenbar.74Vgl. Barth, KD II/1, 292. Es beziehe sich jedoch auf keinen allgemeinen und neutralen Seinsbegriff, sondern auf das Sein des dreieinigen Gottes, wie er sich in der freien Tat seiner Liebe offenbart hat.75Vgl. Barth, KD II/1, 293f. Sehr ähnlich ist der frühe Bonhoeffer ![]()
„Gott ist nicht primär das Ist schlechthin, sondern er ‚ist‘ der Gerechte, er ‚ist‘ der Heilige, er ‚ist‘ die Liebe. Daß dieses Ist nicht und in keiner Weise lösbar ist von der konkreten Bestimmung, das gerade muß die ontologische Grundlage theologischer Seinsbegriffe bleiben.“ (Bonhoeffer, Akt und Sein, 69).
Mit sehr ähnlichem Anliegen teilt der evangelische Theologe Eberhard Jüngel ![]()
Heideggers ![]()
Kritik an dem Gott der Metaphysik als menschengemachtem Denkerzeugnis und redet lieber von Gott als Geheimnis.76Vgl. Jüngel, Eberhard, Gott als Geheimnis der Welt. Zur Begründung der Theologie des Gekreuzigten im Streit zwischen Theismus und Atheismus, Tübingen 1977, 340–341. Er will mit Luther Gottes Sein konsequent vom Kreuzesgeschehen her denken, als der Leidende, der für andere ist und insofern als Liebe definiert ist.77Vgl. Jüngel, Gott als Geheimnis, 298. Somit ist Gottes offenbartes Sein auf die Überwindung des Nichts bezogen, dessen Repräsentant der Tod ist. Es ist überströmendes Sein, das alles Seiende aus dem Nichts schafft und seine Liebe mitteilt. Sein Wesen ist seine Ek-sistenz, sein Aus-sich-heraus-Gehen in das Nichts. Es gibt überhaupt etwas, weil Gott Liebe ist.78Vgl. Jüngel, Gott als Geheimnis, 301–303. Auf diese Weise lässt Jüngel die traditionelle seinsontologische Sprache kreuzestheologisch bestimmen.
Ähnlich wie Rahner ![]()
glaubt der evangelische Theologe Pannenberg zwar, dass jeder Mensch die Urerfahrung des Unendlichen macht, als „unbestimmtes da“.79Pannenberg, Systematische Theologie 1, 384. Es ist ihm auch sehr wichtig, dass Theologie sich auf die Philosophie bezieht. Für ihn ist aber die thomistische Rede von Gott als dem „Sein selbst […] nur die Hypostasierung einer Abstraktion“,80Pannenberg, Systematische Theologie 1, 386. die unter modernen Voraussetzungen nicht mehr tragbar ist. Stattdessen bedarf der abstrakte Seinsbegriff der Scholastik eine Aufnahme der Geschichte Gottes mit der Welt, weil Gottes Sein sich im Prozess der Offenbarung in der Geschichte zeigt, in religiöser Erfahrung und in der Deutung der Welt.81Vgl. Pannenberg, Systematische Theologie 1, 386. Damit ist er mit Hegel ![]()
einverstanden. Aufgrund der Verbindung Gottes mit der Geschichte sei auch die Verweigerung, mit einem univoken Existenzbegriff Gott als Seiendes zu denken, nicht überzeugend.82Vgl. Pannenberg, Systematische Theologie 1, 387. Schließlich ist Gott „nicht primär als ein überweltlicher Sachverhalt aufzufassen, als ein Dasein jenseits der Welt, sondern zunächst einmal als wirksame Gegenwart in der Weltwirklichkeit selber.“83Pannenberg, Systematische Theologie 1, 387.
Mit hermeneutischem Ansatz macht Paul Ricœur ![]()
darauf aufmerksam, dass das Wort „Gott“ nicht mit dem Begriff des Seins voll begriffen werden kann. Das Wort „Gott“ hat eine Geschichte, und setzt viel mehr voraus, nämlich die ganzen Geschichten, Prophezeiungen, Gesetze und Hymnen der Bibel.84„Even if one is tempted to say – in the theological metalanguage of all these pretheological languages – that ‚God‘ is the religious name for being, still the word ‚God‘ says more: it presupposes the total context constituted by the whole space of gravitation of stories, prophecies, laws, hymns, and so forth.“ (Ricœur, Paul, Philosophy and Religious Language, in: Ricœur, Paul, Figuring the Sacred. Religion, Narrative, and Imagination, übers. v. David Pallauer, hrsg. v. Mark I. Wallace, Minneapolis 1995, 35–47, 45f.). Ferner: „It is the function of the preaching of the cross and resurrection to give the word ‚God‘ a density that the word being does not possess.“ (Ricœur, Philosophy, 46).
Der profilierteste Versuch, den Seins- und den Existenzbegriff aus der Theologie zu treiben, ist die Schrift Gott ohne Sein (1991) des römisch-katholischen Theologen Jean-Luc Marion ![]()
. Er sieht die Sprache des Seins als Idol/Götzenbild, wenn auf Gott definitorisch angewandt, weil es Gott limitiert und fixiert mit Begriffen unserer Vernunft. Rechte Sprache von Gott hat den Charakter einer Ikone (sie ist durchlässig und will Gott nicht definieren) und vollzieht sich im Modus des Lobes und des Gebets. Statt vom Sein muss von Liebe und Geschenk die Rede sein.85Vgl. Gschwandtner, Christina M., Postmodern Apologetics? Arguments for God in Contemporary Philosophy, New York 2013, 109–112. Vgl. Jean Luc Marion, Gott ohne Sein, hrsg. v. Karlheinz Ruhstorfer, Paderborn 2014.
Das Anliegen einer Überwindung der Metaphysik liegt aber nicht nur in der formalen theologischen Abwehr der Idolatrie, sondern gehört auch zu einem gewissen philosophischen Trend, die Seinsontologie der Vergangenheit durch neue Denkweisen zu ersetzen. Das alte Sein roch manchen modernen Philosoph*innen nach fader Ordnung und Hierarchie. Dynamischer erschienen ultimative Prinzipien wie Schopenhauers ![]()
Wille, Bergsons ![]()
elan vital, oder Whiteheads ![]()
Kreativität bzw. Prozess, die geraumen Platz für die Freiheit der Welt boten. In dem Rätsel des Verhältnisses zwischen der Vielfalt und der Einheit der Dinge gewannen Ontologien an Attraktivität, die der Vielfalt des Seienden scheinbar besser Rechnung trugen. Beispiele philosophischer Alternativen zum Existenz- oder Seinsbegriff im späteren 20. Jahrhundert sind Derridas ![]()
différance, das als force différentielle alles Seiende hervorbringt,86Vgl. Dick, Marcus, Zum Begriff der Präsenz bei Jacques Derrida, 2001 (https://www.marcus-dick.de/derrida, abgerufen am 14.07.2026. oder das Begriffspaar des Virtuellen und des Aktuellen von Deleuze ![]()
, das das Verhältnis zwischen Sein selbst und Seiendem besser spiegeln sollte, ohne die angeblich restriktive Tendenz der Seinsontologie, alles gleich werden zu lassen.87Vgl. Badiou, Alain, Deleuze. The Clamor of Being, übers. v. Louise Burchill, Minneapolis 2000, 42ff.
Im Licht solcher Entwicklungen und auch dem mit politischen Anliegen, religiöse und nichtreligiöse Verkündiger einer hierarchischen Seinsordnung zurückzuweisen, war auch die Theologie des späten 20. Jahrhunderts öfter von der Forderung nach einer schwächeren Ontologie geprägt, die der Welt ihre Eigenständigkeit, den Menschen ihre Freiheit lässt und – theodizeesensibel – Gottes Verantwortung für das Leid der Welt vermindert. John Caputo ![]()
, der von Derrida ![]()
beeinflusst war und die Impulse der Prozesstheologie aufnahm, verfolgt ein ähnliches Anliegen der Förderung der Freiheit des Menschen, wenn er die Rede von der Existenz Gottes durch die Rede von der Insistenz (Beharren) Gottes ersetzt – Gottes stetiges Rufen.88„I do not say that God exists but that […] God calls upon us, like an unwelcome interruption, a quiet but insistent solicitation.“ (Caputo, John, The Insistence of God. A Theology of Perhaps, Bloomington 2013, ix). Für Prozesstheologie vgl. Tanner, Kathryn, God and Creation in Christian Theology. Tyranny or Empowerment?, Oxford 1988. Dorothee Sölle ![]()
lehnt auch die Rede von der Existenz Gottes ab. Jedoch ganz anders als Tillich ![]()
, der Gott als die Seinsmächtigkeit von allem Seienden vorstellt, redet Sölle lieber im Gefolge der Tod-Gottes-Theologie von der Abwesenheit Gottes. Jesus Christus, der diesen abwesenden Gott vertritt, bringt eine neue hoffnungsvolle Art, in der Welt zu sein, obwohl Gott nicht alles im Sinne der Vorsehung regiert.89Vgl. Sölle, Dorothee, Stellvertretung, Stuttgart 1965, 135ff.
9. Gott und die Existenz
Eine weitere theologische Richtung kann man subjektivitätstheoretische Theologie nennen. Hierin wird im Gefolge Kants ![]()
und Schleiermachers ![]()
der subjektive Vollzug des Glaubens reflektiert und dabei das Denken, Fühlen und die Imagination des Subjekts als Form und Ort von Glaubenssätzen deutlich gemacht. Das Wort Gott bezeichnet bei Schleiermacher nicht einen äußerlichen Gegenstand des Wissens, sondern das Gottesbewusstsein ist im Selbstbewusstsein des Menschen – genauer: in seinem „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ – mitgesetzt. Für ihn ist die Bezeichnung Gott „das in diesem Selbstbewußtsein mit gesezte Woher unseres empfänglichen und selbstthätigen Daseins“.90Schleiermacher, Friedrich, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt. Zweite Auflage (1830/31), Teilband 1, hrsg. v. Rolf Schäfer. Kritische Gesamtausgabe I. Abt. Band 13,1, Berlin/New York 2003, §4.4, 39. Die Frage nach der Existenz Gottes als Gottes Vorhandensein unabhängig von diesem Selbstbewusstsein ergibt für ihn keinen Sinn.91Schleiermacher sagt „jedes irgendwie Gegebensein Gottes“ sei „völlig ausgeschlossen“ (Schleiermacher, Der christliche Glaube, 40).
Subjektivitätstheoretische Zugänge haben gewiss den Vorzug, die Konstruktionsleistungen des religiösen Subjekts im Glaubensvollzug zu würdigen. Eine Zuspitzung des subjektivitätstheoretischen Zugangs bildet Feuerbachs ![]()
atheistische Deutung des Gottesbegriffs als eine gemeinschaftlich konstituierte Idealvorstellung der Menschheit von sich selbst. Während bei Schleiermacher der Mensch im Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit die göttliche Ursächlichkeit innewird,92Vgl. Wenz, Gunther, Religion. Aspekte ihres Begriffs und ihrer Theorie in der Neuzeit (Studium Systematische Theologie 1), Göttingen 2005, 233, und die detaillierte Diskussion bei Ruf, Matthias, Handeln Gottes, Tübingen 2022, 143–150. ist für Feuerbach die göttliche Ursächlichkeit selbst nur Produkt des (kollektiven) Selbstbewusstseins. Neofeuerbachsche Theologien der Gegenwart verstehen die Existenz Gottes lediglich als gedankliches Produkt der christlichen Religion und nicht eine transzendente Wirklichkeit, auf die sich die Religion oder Gottesvorstellungen beziehen (Danz ![]()
, Wittekind ![]()
).93„Der Gottesgedanke verweist somit nicht auf eine gegebene Wirklichkeit hinter den Gottesbildern, die er repräsentiert, sondern auf den Glauben als symbolproduktiver Wirklichkeit der christlichen Religion. Hinter ihrem trinitarischen Gottesverständnis steht keine allgemeine Transzendenz.“ (Danz, Christian, Systematische Theologie, Tübingen 22024, 203). Danz versteht seinen Ansatz als Überwindung der Debatte zwischen Feuerbach ![]()
und seinen Gegnern. Allerdings verstehe ich noch nicht, inwiefern nicht jedweder Transzendenzbezug in diesem Ansatz letztlich notwendig Projektion bleibt. Vgl. auch Wittekind, Folkhart, Theologie religiöser Rede. Ein systematischer Grundriss, Tübingen 2018. Wer als religiöses Subjekt von Gott als lebendiger Wirklichkeit reden will, wird sich jedoch vermutlich von reduktiven Denkmodellen missverstanden fühlen und auf einen theologischen Realismus bestehen, der Gott – nicht das eigene Verhältnis zu sich selbst – als letzte Referenz der Glaubenssätze versteht.
Dass Gott (neo-)thomistisch als das Sein selbst bezeichnet wird, bleibt darum für manche moderne Theolog*innen (z. B. Rahner ![]()
, Tillich ![]()
) als Denkmodell möglich und attraktiv.94Vgl. Tillich, Systematische Theologie I, 241–242. Als Modell bleibt es stets von Heideggers ![]()
(kantscher!) Warnung gegen eine Erfindung Gottes aus dem reinen Denken begleitet. Verstanden jedoch als Glaube, der Gott mit der Gabe des Denkens zu verstehen sucht, bietet es eine Möglichkeit, eine Transzendenz Gottes gegenüber der Schöpfung zu wahren und gleichzeitig die Verbundenheit und Gegenwart Gottes in allen Dingen zu betonen. Gott dagegen als existierend, Gott als das Vorhandensein eines Seienden zu bezeichnen – also mit einem univoken Existenzbegriff – ist eine andere Möglichkeit des theologischen Realismus (z. B. Pannenberg ![]()
).95Vgl. Pannenberg, Systematische Theologie 1, 387. Sie hat den Vorteil, mit dem gängigen Existenzverständnis der analytischen Philosophie und der Alltagssprache eher kompatibel zu sein.96Für einen guten Überblick der religionsphilosophischen Argumente, die die Existenz Gottes begründen und bestreiten vgl. Nagasawa, Yujin, The Existence of God. A Philosophical Introduction, Abingdon 2011. Sie wird jedoch auch dem Vorwurf der Idolatrie ausgesetzt sein.
Andere wollen die Theologie von der Sprache des Seins bzw. der Existenz lösen und Gott mit anderen Grundbegriffen zur Sprache bringen (z. B. Jean-Luc Marion ![]()
). Solange jedoch unsere Sprache und unser Denken dazu neigen, von allen Pflanzen, Tieren und Menschen zu sagen, dass sie seien, und das christliche Bekenntnis diese alle als Geschenk des Schöpfers versteht, wird es kaum möglich sein, die Sprache des Seins aus der Theologie zu verbannen. Denn der Glaube an den Schöpfer, den Allmächtigen, schließt ein imaginiertes Verhältnis Gottes zum Seienden mit ein.
Die Rezeptionsgeschichte von Ex 3,14Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.Zur Bibelstelle – der Gottesname wird in LXX mit ἐγώ εἰμι ὁ ὤν („Ich bin der Seiende“) übersetzt; die Vulgata bietet ego sum qui sum – zeigt, wie tief die Spuren einer Verbindung zwischen Gott und Sein in der Theologie liegen. Kreuzestheologische Berufungen auf das paulinische Wort von der Torheit des Kreuzes müssen auch bedenken, dass die Partizipation der Schöpfung an Gott auch Teil der frühchristlichen Verkündigung war (vgl. Apg 17,28Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.Zur Bibelstelle). Bemerkenswert ist auch, dass Theologien mit einem offenbarungstheologischen Ansatz (z. B. Jüngel ![]()
) nicht umhinkommen, sich der Sprache des Seins zu bedienen.
10. Existenz und Lebenskunst
Dass es mit den Begriffen christlicher Theologie möglich ist, koloniales, faschistisches und genozidales Unwesen zu treiben, ist aus Beispielen in Geschichte und Gegenwart bekannt. Theologischer Gebrauch der Sprache des Seins ist mitunter auch verdächtig geworden, weil Theolog*innen befürchten, dass sie hierarchisch auftritt. Wenn eine Seinsontologie das Leben aller in einer starren Seinsordnung verhaftet sein lässt, zwielichtige politische Macht untermauert und reale Differenz weder erkennt noch erlaubt, dann ist Kritik natürlich geboten. Die grundlegende Einsicht hinter solcher Kritik besteht im Bewusstwerden philosophischer und theologischer Akteure für den Sitz im Leben ihrer Denkmodelle. Alle Theologie ist demnach kontextuelle Theologie und kann gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduzieren und unterstützen – oder in Frage stellen.
Doch die Sprache des Seins in der Theologie impliziert nicht notwendigerweise Hierarchien und Monokulturen des Lebens. Im Gespräch mit neueren philosophischen Entwürfen über mannigfaltige Existenzweisen (z. B. Étienne Souriau ![]()
, Bruno Latour ![]()
) müsste z. B. ein klassisch klingender Gottesbegriff keine übertriebene Anthropozentrik mit sich führen.97Vgl. Souriau, Étienne, Die verschiedenen Modi der Existenz, übers. v. Thomas Wäckerle, Lüneburg 2015; Latour, Bruno, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, übers. v. Gustav Roßler, Frankfurt a. M. 2014. Eine hierarchiekritische Rede von Gott als dem Sein selbst könnte Gott auch differenzsensibel denken, nämlich als großzügigsten, intimsten Ermöglichungsgrund des Wimmelbilds der Vielfalt des Seienden.98Selbstverständlich müsste auch diese Gottesvorstellung der Kritik offenstehen, dass sie das eigene Ego-Ideal darstellt. Oder wie Jean-Luc Marion ![]()
sagt: Man muss Gott um Vergebung bitten für jeden Aufsatz der Theologie. (Vgl. Marion, Jean Luc, Gott ohne Sein, hrsg. v. Karlheinz Ruhstorfer, Paderborn 2014, 16).
Für eine Vision des gemeinsamen Lebens aller Menschen auf dem „Raumschiff Erde“ scheint mir die Einsicht, dass unsere mannigfaltige Existenz eine geschenkte und geteilte Existenz ist, eine theologische Perspektive zu sein, auf die wir heute nicht verzichten sollten. Sie kann das Selbstverständnis des Menschen transformieren.99Für die theologische Anthropologie sind Luthers rechtfertigungstheologische Formulierungen im Kleinen Katechismus beachtenswert. Vgl. Bayer, Oswald, Schöpfung als Anrede, Tübingen 1986, 80-108. Sie ist auch eine Aussage über die Verbundenheit aller Tiere, Pflanzen und Mineralien der Schöpfung.
Der Glaube, dass Gott alles Seiende erhält und Existenz schenkt, bleibt offen für eine ideologische Verzerrung, wenn er zum bloßen Optimismus verkommt, oder zur Ausrede wird, die Ungerechtigkeiten und Missstände der Welt zu ignorieren (vgl. Jak 2,15–19[15] Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung [16] und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das? [17] So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.[18] Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. [19] Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern.Zur Bibelstelle).100Der Glaube an den Schöpfer durfte also nicht zum bloßen Optimismus verkommen. Für eine anregende philosophische Perspektive zum „hoffnungsvollen Pessimismus“ vgl. Van der Lugt, Mara, Hopeful Pessimism, Princeton 2025. Auch hier wird deutlich, dass das Symbol der Schöpfung ohne eine Lehre von der Sünde hohl und unrealistisch wird. Dass Gott Menschen auch die Folgen ihrer irrationalen und zerstörerischen Wünsche erleben lässt, gehört dazu. Wenn jedoch die Sorge um die Welt in eine lähmende Panik umschlägt, dann hilft vielleicht die Ermutigung, dass alles Seiende letztlich nicht vom Menschen abhängt, sondern beständiges Geschenk Gottes ist, „alle Morgen neu“ (vgl. Klg 3,22f.[22] Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, [23] sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.Zur Bibelstelle). In diesem Horizont sind wir als in die Existenz Gerufene und an Gott Partizipierende zur verantwortlichen Mitwirkung berufen.
Mit der Rede von einer geschenkten Existenz des Menschen dürften alle theistischen Glaubensrichtungen einverstanden sein. Alle Menschen leben als geschenkte Existenz, alle sind ähnlichen Anfechtungen der Schwäche, Krankheit und des Todes in der Existenz ausgesetzt. Ferner ist es allen, auch Menschen ohne Gottesglauben, möglich, gemeinsam darüber ins Staunen zu kommen, dass es überhaupt etwas gibt. Doch es ist sicherlich möglich, jener Besonderheit des christlichen Glaubens Rechnung zu tragen, die im Neuen Testament so häufig zum Vorschein kommt: Christ*innen folgen nicht nur ihrem Religionsgründer, sondern sie sind „in Christus“.101Vgl. Macaskill, Grant, Union with Christ in the New Testament, Oxford 2014. So wie alles Seiende an Gott partizipiert, so partizipieren alle Christ*innen an Christus bzw. werden von seinem Heiligen Geist erfüllt. Damit wird deutlich, dass die christliche Existenz eine doppelt geschenkte Existenz ist, die die Menschen – entlastend – dezentriert.102Dass ein Mensch „dezentriert“ wird, meint hier, dass die Anthropozentrik und ausschließliche Selbstbezüglichkeit des Menschen über sich selbst hinaus zu einem neuen Verhältnis geführt wird – und nicht, dass die psychische Zentriertheit der Persönlichkeit zerstört wird. In dieser Hinsicht ist David Kelseys ![]()
Rede von der „exzentrischen Existenz“ des Menschen interessant, also eine theologische Anthropologie, die die Bezogenheit auf den dreieinigen Gott stets mitdenkt. Vgl. Kelsey, David, Eccentric Existence. A Theological Anthropology, 2 Volumes, Louisville 2009. Zum Geschenk der Existenz tritt hinzu: Ich existiere, doch nun nicht ich [alleine], sondern Christus existiert in mir (vgl. Gal 2,20Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.Zur Bibelstelle). Auf diesem Hintergrund bekommt die christliche Verkündigung den Charakter einer Einladung, in ein trinitarisches Geheimnis der Existenz hineinzuwachsen.103Ich danke sechs Kolleg*innen und einer anonymen Rezension, die mir hilfreiche Hinweise und Verbesserungen für diesen Artikel lieferten.
