1. Apokalyptik und Eschatologie
1.1. Die traditionelle Konstellation
Der Begriff Apokalyptik ist ein Kunstwort der historisch-kritischen Bibelforschung. Es bezieht sich auf das griechische, biblisch belegte Wort „apokalypsis“, das Aufdeckung, Enthüllung oder Offenbarung bedeutet. Der Forschungsbegriff bezeichnet damit zunächst einmal Texte, die sich seit dem Frühjudentum und auch im Frühchristentum als Offenbarungen endzeitlicher oder jenseitiger Wahrheiten präsentieren. Insofern die in diesen Texten sich ausdrückende religiöse Denkweise auch in biblischen Texten vorkommt, die als solche keine insgesamt apokalyptischen Schriften sind (etwa im Buch Daniel, in den Evangelien, in den Paulusbriefen), bezeichnet Apokalyptik auch ein inhaltliches Element biblischen Denkens.
Weiterführende Infos WiBiLex
Zur biblischen Apokalyptik, ihrer Entstehung, ihren historischen Kontexten und ihrer theologischen Auslegung vgl. die Beiträge im Online-Bibellexikon WiBiLex:
Beyerle, Stefan, Art. Apokalyptik (AT), in: WiBiLex, 2021 (https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/apokalyptik-at), abgerufen am 04.03.2026.
Böttrich, Christfried, Art. Apokalyptik (NT), in: WiBiLex, 2014 (https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/neues-testament/apokalyptik-nt), abgerufen am 04.03.2026.
Da apokalyptische Theologien meist auf das Ende der Welt, das Gericht an ihr und die Vollendung des Reiches Gottes ausgerichtet ist, wird der Terminus Apokalyptik im allgemeinen Sprachgebrauch mit Weltende oder -untergang assoziiert.
Die systematische Theologie hat Apokalyptik lange nicht als ein gesondertes Phänomen wahrgenommen, sondern versucht, die apokalyptischen Aussagen der kanonischen Schriften in die Glaubenslehre zu integrieren. So bekommen apokalyptische Motive und Inhalte ihren Platz in der Eschatologie, der Lehre von den „letzten Dingen“. Sie werden hier mit anderen, nicht-apokalyptischen Lehren (etwa von der Unsterblichkeit der Seele, von der Ewigkeit als Heilsziel) amalgamiert. Dies geschieht schon in den ersten Jahrhunderten, in der Kirchenväter-Theologie (insbesondere bei Augustinus ![]()
) auch mit der Absicht, apokalyptische Endzeitverheißungen möglichst nicht zeitlich und innerweltlich zu interpretieren, sondern symbolisch und metaphysisch.1Vgl. dazu Daley, Brian, Eschatologie in Schrift und Patristik (HdDG IV 7a), Freiburg 1986, 193–207. So konnte die in der Apokalyptik immer virulente Naherwartung aus der dogmatischen Eschatologie ausgeschieden werden.
Bei Martin Luther ![]()
, der stets an einer eschatologischen Naherwartung des Endes der Welt und der Wiederkunft Christi festhielt, spielt eine apokalyptische Deutung seiner Gegenwart (des Papsttums als Antichrist ebenso wie der Bauernkriege oder der Kriege gegen das osmanische Reich) allerdings eine Rolle. Gleichzeitig hat er sich gegenüber der neutestamentlichen Apokalypse erst recht skeptisch geäußert (Vorrede zu seiner Übersetzung der Johannesoffenbarung 1522), später hat er sie (in der Vorrede von 1545) eher kirchlich-pastoral gedeutet.2Zu Luthers Eschatologie vgl. Kunz, Erhard, Protestantische Eschatologie. Von der Reformation bis zur Aufklärung (HdDG IV 7c 1), Freiburg 1980, 3–22, sowie Feik, Catherine, In Erwartung des Endes. Offenbarung und Weissagung bei Martin Luther und in seinem Umkreis, in: Dies. et al. (Hrsg.), Kulturgeschichte der Apokalypse, Band 1, Berlin 2013, 411–430. So spielt Apokalyptik später in der katholischen wie auch der protestantischen kirchlichen Theologie weniger eine Rolle als in oppositionellen Gruppen. Apokalyptik wird so bis heute zu einem Kennzeichen vieler Erweckungsbewegungen und „Sekten“, die auf apokalyptische Texte zugleich punktuell fundamentalistisch und konkret aktualisierend zurückgreifen. Aber auch innerhalb der Großkirchen melden sich immer wieder messianische oder chiliastische bzw. millenarische (sich auf die „1000 Jahre“ von Offb 20 beziehende) Bewegungen zu Wort (von den Franziskaner-Spiritualen bis zum Pietismus), die aus geschichtstheologischen und apokalyptischen Theorien heraus eine bevorstehende Heilszeit erwarten.3Vgl. dazu Kunz, Eschatologie, 70–92. Außerdem Moltmann, Jürgen, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, Gütersloh 1995, 150–262.
In der kirchlichen und wissenschaftlichen Theologie werden die apokalyptischen Gehalte dagegen eher abstrahiert zur Lehre vom Ende der Welt, welches den „Jüngsten Tag“, das allgemeine Gericht am Ende der Zeiten einläutet. „Die gegenwärtige Welt wird am jüngsten Tag untergehen“,4Ott, Ludwig, Grundriss der Dogmatik, Freiburg i. Br. 21954, 565. lehrt eine katholische Schuldogmatik der 1950er Jahre. Dem entspricht in der lutherischen Orthodoxie die Lehre von der annihilatio mundi, der Vernichtung der Welt.5Vgl. Kunz, Eschatologie, 63. In der traditionellen Dogmatik liefern die apokalyptischen Texte gewissermaßen Anhaltspunkte für die Konstruktion des Endzeitgeschehens: Wiederkunft Christi, allgemeine Totenerweckung, Untergang der diesseitigen Welt, Jüngstes Gericht, endgültiges Eingehen in den Himmel (oder die Hölle). Die Apokalyptik wird gewissermaßen in ein umfassendes Glaubens-Wissen integriert und zugleich in eine ferne Zukunft verschoben, welche für die Gläubigen weit weniger Relevanz hat als die individuelle Eschatologie ihres Sterbens und des Übergangs ins Jenseits.
1.2. Die moderne Diskussion
Erst die moderne Theologie des 20. Jahrhunderts erkennt im Dialog mit den Naturwissenschaften und der Erkenntniskritik seit der Aufklärung die Unmöglichkeit, in solcher vergegenständlichenden Weise über das Jenseits zu sprechen. Das Problem verschärft sich noch dadurch, dass die historische Exegese gegen Ende des 19. Jahrhunderts herausarbeitet, wie sehr Jesus selbst und das Frühchristentum von Apokalyptik und akuter Naherwartung geprägt sind (Johannes Weiß ![]()
, Albert Schweitzer ![]()
und die „konsequente Eschatologie“).6Dazu informiert sehr gut der WiBiLex-Artikel zu Albert Schweitzer: Zager, Werner, Art. Schweitzer Albert, in: WiBiLex, 2009 (https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/neues-testament/schweitzer-albert), abgerufen am 04.03.2026. In der protestantischen Theologie reagiert Rudolf Bultmann ![]()
auf dieses Problem mit dem Programm der Entmythologisierung biblischer Aussagen. Eschatologie ist für ihn dann keine Zukunftsbeschreibung mehr, sondern Glaubensaussage über die existenzielle Entscheidungssituation des Menschen vor Gott. Karl Rahner ![]()
entwickelt für die katholische Theologie eine Hermeneutik eschatologischer Aussagen als einer Projektion des Glaubens an das Heilsgeschehen in Christus in den Modus der erhofften Vollendung. In beiden Ansätzen wird Apokalyptik aus der Eschatologie kritisch ausgeschieden. Für Bultmann ist sie zeitbedingte „phantastische orientalische Kosmologie und Mythologie“, also „menschliche Phantasie“,7Bultmann, Rudolf, Jesus, Tübingen 1951, 22.38. für Rahner ist Apokalyptik eine schlechte eschatologische Aussageweise nach der Art einer Reportage von Endzeitereignissen.8Vgl. Rahner, Karl, Theologische Prinzipien der Hermeneutik eschatologischer Aussagen, in: Ders., Schriften zur Theologie IV, Einsiedeln 1960, 417f.
Diese Kritik der Apokalyptik aus Sicht einer modernen Eschatologie findet sich auch in neueren dogmatischen Lehrbüchern zur Eschatologie (Johanna Rahner ![]()
,9Vgl. Rahner, Johanna, Einführung in die christliche Eschatologie, Freiburg i. Br. 2010, 31–41. Hans Schwarz ![]()
,10Vgl. Schwarz, Hans, Die christliche Hoffnung. Grundkurs Eschatologie, Göttingen 2002, 71–94. Otto Hermann Pesch ![]()
,11Vgl. Pesch, Otto Hermann, Katholische Dogmatik. Aus ökumenischer Erfahrung, Band 2: Die Geschichte Gottes mit den Menschen, Ostfildern 2010, 926–934. abwägender bei Gerhard Sauter ![]()
12Vgl. Sauter, Gerhard Einführung in die Eschatologie, Darmstadt 1995. und Ulrich Körtner ![]()
13Vgl. Körtner, Ulrich H. J., Enthüllung der Wirklichkeit. Systematisch-theologische Zugänge zur Apokalyptik, in: Beyerle, Stefan (Hrsg.), Apokalyptik, Tübingen 2024, 157–179.) immer wieder. Apokalyptik steht dann bestenfalls für eine metaphorische, dramaturgische Aussageweise der theologisch herauszuarbeitenden eschatologischen Sinngehalte.14So auch Kehl, Medard, Art. Apokalyptik, in: LThK 1 (31993), 819f. Kritisch gesehen wird die Apokalyptik auch wegen ihres starken Dualismus, ihrer Schwarz-Weiß-Malerei von Guten und Bösen, Geretteten und Gerichteten, und wegen ihrer Anfälligkeit für den Missbrauch durch fundamentalistische Richtungen und deren religiöse Freund-Feind-Schemata.
Andererseits wurde die Apokalyptik im Zuge einer gesellschaftskritischen Theologie ab den 1960er Jahren auch wiederentdeckt. Der protestantische Exeget Ernst Käsemann ![]()
(ein Schüler Rudolf Bultmanns ![]()
) nannte Apokalyptik gar die „Mutter der christlichen Theologie“.15Käsemann, Ernst, Die Anfänge der christlichen Theologie, in: Ders., Exegetische Versuche und Besinnungen, Band 2, Göttingen 21965, 100. Der katholische Theologe Johann Baptist Metz ![]()
(ein Schüler Karl Rahners ![]()
) wendet die Wiederentdeckung der Apokalyptik gegen den evolutionären Fortschrittsoptimismus der westlichen kapitalistischen Welt: Apokalyptik bedeutet eine kritische Unterbrechung dieses Zeitbewusstseins aus der Sicht der Opfer der Geschichte.16Vgl. Metz, Johann Baptist, Der Kampf um die verlorene Zeit. Unzeitgemäße Thesen zur Apokalyptik (1977), Neuabdruck in: Manemann, Jürgen (Hrsg.), Befristete Zeit (Jahrbuch Politische Theologie 3), Münster 1999, 210–221. Auch in der jüdisch-christlichen Theologie (Friedrich-Wilhelm Marquardt ![]()
,17Vgl. Marquardt, Friedrich-Wilhelm, Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen dürften? Eine Eschatologie, Drei Bände, Gütersloh 1993–1996. Dazu mein Aufsatz: Taxacher, Gregor, Die verbleibende Zeit. Apokalyptik und Geschichte in Friedrich-Wilhelm Marquardts Eschatologie, in: Pangritz, Andreas (Hrsg.), „Biblische Radikalitäten“. Judentum, Sozialismus und Recht in der Theologie Friedrich-Wilhelm Marquardts, Würzburg 2010, 105–127. Jürgen Moltmann ![]()
18Vgl. Moltmann, Kommen.) und in der Befreiungstheologie (Jean-Pierre Ruiz ![]()
,19Vgl. Ruiz, Jean-Pierre, The Bible in Latino/a Theology, in: Espín, Orlando O. (Hrsg.), The Wiley Blackwell companion to Latino/a theology, Chichester 2015, 111–128. Carlos Mendoza-Álvarez ![]()
20Vgl. Mendoza-Álvarez, Carlos, Das Ende eines Zeitalters. Lichter der Erlösung in der globalen dunklen Nacht, in: Concilium 58 (2022), 138–146.) erhält die Apokalyptik einen größeren theologischen Stellenwert. Sie wird als eine Weise der religiösen Herrschaftskritik und des Empowerments von Ohnmächtigen in den antiken Imperien begriffen, was die Übertragbarkeit auf heutige insbesondere postkoloniale Verhältnisse erlaubt, ohne die Schriften fundamentalistisch zu deuten.
1.3. Die apokalyptische Herausforderung der systematischen Theologie
Vor diesem Diskurshintergrund lässt sich (in Aufgabenstellungen, nicht in fertigen Ergebnissen) formulieren, worin die Herausforderung wie auch Inspiration der Apokalyptik für die systematische Theologie insgesamt besteht. Apokalyptik formuliert die Hoffnung auf Vollendung zugleich universal und sehr konkret. Die Hoffnung bezieht alle Welt und die gesamte Schöpfung ein. Zugleich wird sie stets „von unten“ formuliert, also aus den konkreten Nöten bestimmter Situationen. Deshalb benennt Apokalyptik ganz bestimmte historische Entwicklungen (wenn auch meist in verrätselter Form), spricht politische Verhältnisse, konkrete Imperien, sogar Personen (Herrscher) an. Systematische Theologie (Dogmatik) neigt dagegen dazu, die biblischen Verheißungen so zu universalisieren, dass sie für jede*n immer und überall gelten. Damit wird die Reich-Gottes-Botschaft jedoch sublimiert: entzeitlicht und meist auch individualisiert (weil gesellschaftliche, politische Verhältnisse ausgeblendet werden). Es gilt also, auf nicht-fundamentalistischem, nicht mythologischem, gar nach-metaphysischem Niveau die konkrete Prophetie der Apokalyptik ernst zu nehmen.
Zur Debatte steht damit auch eine nach-metaphysische Verhältnisbestimmung von „Diesseits“ und „Jenseits“. Inwieweit sich biblische Verheißungen auf die irdische Welt oder auf ein transzendentes Jenseits beziehen, ist häufig weniger klar als es die spätere, metaphysisch-philosophisch informierte theologische Auslegung es darstellt.21Vgl. dazu meine Skizze: Taxacher, Gregor, Wo spielt die Apokalypse? Eine Skizze zur biblischen, systematischen und politischen Hermeneutik eschatologischer Aussagen, in: Ziermann, Simone (Hrsg.), Apokalypse – ja bitte? Interdisziplinäre Perspektiven zur Bedeutung christlicher Endzeitvorstellungen für Kirche und Praktische Theologie, Leipzig 2024, 71–81. Das „himmlische Jerusalem“, mit dessen Vision die Johannesapokalypse und damit das Neue Testament und die christliche Bibel insgesamt endet, ist zwar „transzendent“ gegenüber den irdischen Verhältnissen, aber doch kein transzendentes „Himmelreich“, senkt es sich doch im Gegenteil vom Himmel auf die Erde hinab (Offb 21,10Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederkommen aus dem Himmel von Gott,Zur Bibelstelle).




Die eschatologische Frage, ob die vollendete Welt das Vergehen der irdischen Welt voraussetzt oder gerade deren Transformation meint – christologisch formuliert: wie sich Auferstehung und Himmelfahrt Jesu zu seiner erhofften Wiederkunft verhalten – beschäftigt nicht nur theologische Spekulation, sondern hat auch Auswirkungen auf die christliche Haltung zur Welt.
2. Apokalyptik und politische Theologie
Mit dem berühmten Ausspruch von Ernst Troeltsch ![]()
zur Eschatologie kann man übertragend sagen, dass das apokalyptische Büro in der wissenschaftlichen systematischen Theologie lange Zeit geschlossen war, mit Hans Urs von Balthasar ![]()
jedoch auch, dass es seit einiger Zeit im Gegenteil Überstunden macht.22Das Troeltsch-Zitat findet sich in: Troeltsch, Ernst, Vorlesungen über die christliche Glaubenslehre, posthum hrsg. von Martha Troeltsch nach Nachschriften von Gertrud von Le Fort, München/Leipzig 1925 (Nachdruck Aalen 1981), 36. Der Konter von Hans Urs von Balthasar in: Ders., Eschatologie, in: Feiner, Johann et al. (Hrsg.), Fragen der Theologie heute, Einsiedeln/Zürich/Köln 1957, 403. Dies hat weniger mit den in 1.2 angesprochenen innertheologischen Entwicklungen zu tun, als vielmehr mit zeitgeschichtlichen Erfahrungen: Die atomare Bewaffnung und die ökologische Krise, gegenwärtig insbesondere die Klimakatastrophe, fördern „einen neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton“ (Jacques Derrida ![]()
)23Vgl. Derrida, Jacques, Apokalypse. Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie, Wien 2000. Der Text bezieht sich nicht auf Apokalyptik im hier verhandelten engeren Sinn, sondern auf den endgültigen Wahrheitsgestus von Philosophie. in Kultur und Politik. Diese Apokalyptik ist allerdings häufig (nach der schon klassisch gewordenen Formulierung von Klaus Vondung ![]()
) „kupiert“,24Vondung, Klaus, Die Apokalypse in Deutschland, München 1988, 12. d. h. die Untergangsszenarien werden um ihre andere Seite, die Verheißung einer Heilszeit, beschnitten. Apokalypse bedeutet dann einfach das Ende, ohne Offenbarung und ohne Neuanfang.25Zur Forschung über apokalyptischen Zeitgeist vgl. etwa Horn, Eva, Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a. M. 2014. Außerdem die Sammelbandreihe: Feik, Catherine et al. (Hrsg.), Kulturgeschichte der Apokalypse, Band 1–5, Berlin 2013–2023.
Während das Lexikon für Theologie und Kirche noch 1993 unter Apokalyptische Strömungen der Gegenwart neben Marxismus (!) und New Age nur einige Sekten nennt,26Vgl. Hauser, Linus, Art. Apokalyptik. Apokalyptische Strömungen in der Gegenwart, LThK 1 (31993), 819. gibt es heute eine breite Diskussion um die apokalyptischen Motive und Semantiken in Literatur und Kino, im Islamismus, im ökologischen Aktivismus oder im Rechtsradikalismus.27Dazu vgl. die Sammelbände Schipper, Bernd U./Plasger, Georg (Hrsg.), Apokalyptik und kein Ende, Göttingen 2007; Pfleiderer, Georg/Matern, Harald (Hrsg.), Krise der Zukunft I. Apokalyptische Diskurse in interdisziplinärer Diskussion, Baden-Baden 2020; Pfleiderer, Georg et al. (Hrsg.), Krise der Zukunft II. Verantwortung und Freiheit angesichts apokalyptischer Szenarien, Zürich 2018; außerdem die religionssoziologische Untersuchung von Nagel, Alexander-Kenneth, Corona und andere Weltuntergänge. Apokalyptische Krisenhermeneutik in der modernen Gesellschaft, Bielefeld 2021.
2.1. Apokalyptik im Anthropozän
Vor diesem Hintergrund vertreten einige Theolog*innen (darunter der Autor dieses Artikels)28Vgl. Taxacher, Gregor, Apokalypse ist jetzt. Vom Schweigen der Theologie angesichts der Endzeit, Gütersloh 2012. die These, dass das Anthropozän – als das Zeitalter, in dem die Menschheit selbst das Schicksal der Biosphäre des Planeten Erde bestimmt – ein apokalyptisches Zeitalter ist, da es alles Handeln in den Horizont einer permanenten Endzeit stellt. Die Folgerungen daraus lassen sich nur dialektisch formulieren, da einerseits die säkulare Apokalypse verhindert werden soll, andererseits das apokalyptische Denken vom Anbruch des Reiches Gottes in und nach Katastrophen eine Hoffnung jenseits von Optimismus weckt und Mut zu die Verhältnisse revolutionierenden, „post-apokalyptischen“ Veränderungen macht.
Andere Theolog*innen, insbesondere solche aus reformatorischer Tradition (Ulrich Körtner ![]()
, Ralf Frisch ![]()
, Günter Thomas ![]()
), kritisieren solche gegenwartsbezogene gesellschaftskritische Anwendung von Apokalyptik, weil sie die christliche Hoffnung (also wiederum die Eschatologie) verweltliche und einseitig politisiere. Kritisiert wird insbesondere kirchliche Annäherung an (schon im Namen apokalyptisch konnotierte) aktivistische Bewegungen wie „Letzte Generation“, „Extinction Rebellion“ oder auch „Fridays for Future“. Der angebliche apokalyptische Prophetismus solcher ökologischer Endzeitwarnungen wird z. T. polemisch als Pseudoreligion und Häresie (Irrlehre) bezeichnet.29Zur kritischen Einordnung dieser Diskussion vgl. Taxacher, Gregor, Klimaaktivismus als Pseudoreligion? Zu theologischen Figuren der Transformationsdistanz, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politikm, 24.03.2025 (https://doi.org/10.1007/s41682-025-00211-z), abgerufen am 20.03.2026. Aber auch eher linke Theolog*innen30Vgl. z. B. Schieder, Rolf, Apokalypse und Ausnahmezustand in der politischen Theologie der Neuen Rechten, in: Einsprüche 4 (2023), 28–32. kritisieren einen allzu apokalyptischen Ton politischer Theologie, weil er politische Fragen zu sehr religiös auflade und so verwechselbar sei mit ideologischem Missbrauch der Religion (wie er in 2.2. skizziert wird).
In dieser Kritik überkreuzen sich also unterschiedliche Positionen zur politischen Theologie mit der (oben 1.2.) skizzierten Diskussion um das Verhältnis von Eschatologie und Apokalyptik. So kritisiert Ulrich Körtner ![]()
systematisch-theologisch durchaus die Ausgrenzung der Apokalyptik aus der Eschatologie,31Vgl. Körtner, Ulrich H.J., Enthüllung der Wirklichkeit. Systematisch-theologische Zugänge zur Apokalyptik, in: Beyerle, Stefan, Apokalyptik, Tübingen 2024, 160–162. andererseits möchte er sie nur als „Seelsorge an den Geängstigten“, und nicht als „politisches Programm“32Körtner, Enthüllung, 170. verstehen. In einer anderen Veröffentlichung betont er, dass Christ*innen eben nicht an der diesseitigen Welt hängen.33Vgl. Körtner, Ulrich H. J., Vergängliche Schöpfung. Schöpfungsglaube und Gottvertrauen in der Klimakrise, Leipzig 2024. Apokalyptik als Weltüberwindung kann also auch zur Kritik politischer Theologie eingesetzt werden.
2.2. Apokalyptik und Neue Rechte
Eine neue Wendung erhält diese Diskussion durch den starken Gebrauch apokalyptischer Motive in rechten und rechtsextremen Kontexten, in denen sich die Protagonist*innen teilweise christlich positionieren.34Einen guten Überblick über diese Szene bieten Probst, Hans-Ulrich et al. (Hrsg.), Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum, Bielefeld 2024. Apokalyptik im Sinne von Untergangs-Szenarien werden hier zum Teil antisemitische und rassistische Verschwörungserzählungen unterlegt („Großer Austausch“, „Überfremdung“).35Vgl. Probst, Hans-Ulrich, Der Antichrist als Zerstörer des christlichen Abendlandes. Antisemitische Motive der apokalyptischen Krisendeutung in der extremen Rechten, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 8 (2024), 55–80. Die Apokalypse besteht im Niedergang der vorgeblich christlichen Zivilisation („Abendland“). Seltener wird auch die propagierte Wende-Perspektive einer rechten Machtübernahme ebenfalls apokalyptisch-theologisch geframet („Auferstehung Deutschlands“). Der Theologie (und ihrer Vermittlung in Pastoral, Homiletik, Religionspädagogik) kommt hier eine wichtige Aufklärungs-Aufgabe im Sinne einer Unterscheidung der apokalyptischen Geister zu: Zum einen sind kulturpessimistische Dekadenzerzählungen nicht im ursprünglichen, biblischen Sinn apokalyptisch. Zum anderen können propagierte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Rassismus, Fremdenhass) und diskriminierende Geschlechterverhältnisse (der „Anti-Gender-Diskurs“ steht im Mittelpunkt religiöser rechter Kommunikation) nicht „christlich“ sein.
Eine einflussreiche Besonderheit stellt der apokalyptische Diskurs im Umfeld des US-amerikanischen Trumpismus dar. Die in evangelikalen Kirchen traditionell verbreitete Verbindung konservativer Moral und Politik mit biblischer Apokalyptik (ver-)führt rechts-libertäre Akteur*innen dazu, ihr Weltbild religiös-apokalyptisch aufzuladen. So macht der politisch engagierte Milliardär Peter Thiel Anleihen aus der rechts-ideologischen politischen Theologie des Rechtsphilosophen Carl Schmitt ![]()
:36Vgl. Schmitt, Carl, Glossarium. Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1958, Berlin 2015. Dessen Deutung des „Katechon“, des Aufhaltenden der Endzeit in 2Thess 2[1] Was aber das Kommen unseres Herrn Jesus Christus angeht und unsre Versammlung bei ihm, so bitten wir euch, [2] dass ihr nicht so schnell wankend werdet in eurem Sinn und dass ihr euch nicht erschrecken lasst, weder durch eine Weissagung noch durch ein Wort noch durch einen Brief, die von uns sein sollen und behaupten, der Tag des Herrn sei schon da. [3] Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch des Frevels offenbart werden, der Sohn des Verderbens. [4] Er ist der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott.[5] Erinnert ihr euch nicht, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? [6] Und jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit. [7] Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält, erst hinweggetan werden; [8] und dann wird der Frevler offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus töten mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt. [9] Der Frevler aber wird kommen durch das Wirken des Satans mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern [10] und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden. Denn sie haben die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen, dass sie gerettet würden. [11] Und darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, dass sie der Lüge glauben, [12] auf dass gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Lust hatten an der Ungerechtigkeit.Zur Bibelstelle, auf die anti-apokalyptisch Stabilität herstellende Macht nimmt er für sich selbst und Politiker*innen wie den rechts-katholischen Vizepräsidenten Vance in Anspruch. Die apokalyptische Gegnergestalt des Antichristen besetzt er mit den linken „Woken“ oder mit Greta Thunberg. So absurd solche Vereinnahmungen theologisch auch erscheinen, so fordern sie doch die Theologie heraus, die apokalyptischen Ressourcen der jüdischen und christlichen Tradition selbstkritisch nicht zu verstecken, sondern zu reflektieren.37In diesem Sinne vgl. zur Diskussion um Peter Thiel: Palaver, Wolfgang, Peter Thiels Kampf gegen den Antichristen (https://www.furche.at/religion/peter-thiels-kampf-gegen-den-antichristen-16362353) abgerufen am 10.03.2026; Klein, Naomi/Taylor, Astra, Aufstieg des Endzeitfaschismus. Die Politik mit dem Untergang – und wie wir sie noch stoppen können, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 6 (2025), 47–60; Behrensen, Maren, Vibe Theology. Die extreme Rechte und ihr Technopapst, in: feinschwarz, 16.10.2025 (https://www.feinschwarz.net/vibe-theology-die-extreme-rechte-und-ihr-technopapst/), abgerufen am 10.03.2026, sowie Baab, Florian, Peter Thiel und die Apokalypse oder: Ideologiekritik als Aufgabe der Theologie, in: feinschwarz, 02.01.2026 (https://www.feinschwarz.net/thiel-und-die-apokalypse/), abgerufen am 10.03.2026.
