Tourismus

Der Tourismus ist ein gerade in den letzten beiden Jahrzehnten enorm bedeutsamer Wirtschaftsfaktor geworden: 10 Prozent der Wirtschaftsleistung eines jeden Staates werden in diesem Dienstleistungssektor erzielt. Dabei wirft der moderne Massentourismus eine Menge an ökologischen, sozialen und kulturellen Fragen auf, die einer sozialethischen Durchdringung bedürften. Die internationale Tourismuswirtschaft hat dies mit der Etablierung eines „Global Code for Ethics in Tourism“ erkannt, jedoch ist dieser Kodex nur eingeschränkt wirksam. Die gewaltigen Herausforderungen eines Overtourism oder die sozialen Folgen eines Tourismus in den Ländern des globalen Südens lassen sich damit nicht steuern. Hier bedarf es weitergehender Konzepte durch individuelle Verzichtsleistungen, durch ökonomische Anreize oder durch alternative Narrative eines „sanften“ Reisens. Kirchliche Akteure haben auf diesen Umstand seit den 1970er Jahren aufmerksam gemacht, wobei die Auseinandersetzung mit einer Ethik des Tourismus in der theologischen Sozialethik wie auch in den Kirchen nur ein Nischendasein pflegt– ganz im Gegensatz zur wirtschaftlichen Bedeutung dieses Zweigs der Dienstleistungswirtschaft mit globalen Folgen. Dazu passt, dass im gesamtgesellschaftlichen Diskurs es durchaus Anzeichen dafür gibt, dass die Auseinandersetzung mit den ökologischen und sozialen Folgen des globalen Tourismus zunimmt, jedoch kommt es bisher noch zu keiner durchgehenden Veränderung des Verhaltens der Reisenden. Auch nach mehr als 50 Jahren des Diskurses über den Tourismus ist es bisher nur in Ansätzen zu einer nachhaltigen Steuerung der Tourismuswirtschaft gekommen.

Inhaltsverzeichnis

    1.Einleitung

    Reisen können bereichernd sein. Die Reise in die Fremde kann neue Horizonte eröffnen. Sie kann zum Austausch zwischen Fremden und der Fremde führen, sie kann ein Weg der Völkerverständigung sein. Das gemeinsame Reisen führt zusammen. Mit dem Reisen verbindet sich in biografischer und soziologischer Hinsicht eine Hoffnung, die schon in der biblischen Vision von der Völkerwallfahrt zum Zion (Jes 2,1–5[1] Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem. [2] Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, [3] und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. [4] Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.[5] Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!Zur Bibelstelle; Mi 4,1–5[1] In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, [2] und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. [3] Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. [4] Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des Herrn Zebaoth hat’s geredet.[5] Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes, immer und ewiglich!Zur Bibelstelle; Jer 16,19–21[19] Herr, du bist meine Stärke und Kraft und meine Zuflucht in der Not! Die Völker werden zu dir kommen von den Enden der Erde und sagen: Nur Lüge haben unsere Väter gehabt, nichtige Götter, die nicht helfen können. [20] Wie kann ein Mensch sich Götter machen? Das sind doch keine Götter! [21] Darum siehe, diesmal will ich sie lehren und meine Kraft und Gewalt ihnen kundtun, dass sie erfahren sollen: Ich heiße der Herr.Zur Bibelstelle) einen kräftigen Niederschlag findet. Die Tradition des Pilgerns wird von der gleichen Motivation getragen: Wer sich allein oder gemeinsam auf dem Weg macht, kommt verwandelt wieder zurück. Untergründig leben diese christlichen Hoffnungen im Tourismus teilweise weiter fort, wie es zum Beispiel Artikel 1 des Global Code of Ethics for Tourism der Welttourismusorganisation schon in der Überschrift zum Ausdruck bringt: „Tourism’s contribuition to mutual understanding and respect between Peoples and societies.“1Vgl. dazu https://www.untourism.int/global-code-of-ethics-for-tourism?utm_source=chatgpt.com, abgerufen am 01.03.2026. Doch decken sich damit die Reisemotive des organisierten und individuellen Massentourismus in großen Teilen nicht mehr: Der Massentourismus der Gegenwart ist ein relativ neuartiges Phänomen, das erst mit den neuen Möglichkeiten zur Mobilität im beginnenden 20. Jahrhundert seinen Anfang nahm. Der Tourismus dieser Art ist ein Zeichen der Zeit, ein signifikanter Spiegel der jeweiligen Zeitepoche: Die gravierenden Herausforderungen, die sich aus diesem modernen Massentourismus ergeben, haben durch die enorm gestiegene Bedeutung des Reisens massiv zugenommen. Eine sozialethische Betrachtung des Tourismus in christlicher Perspektive hat in diesem Sinne als Güter-Abwägung die ökologischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Probleme des Reisens so zu benennen, dass die Hoffnungsaspekte, die gleichzeitig mit dem Reisen verbunden sind, perspektivisch nicht verloren gehen.2Vgl. Ostheimer, Jochen: Zwischen Völkerverständigung und Vermüllung. Sozialethische Überlegungen zu nachhaltigem Tourismus. In: Kläden, Tobias u. a. (Hg.): Zurück auf Los oder Neustart? Tourismus, Kirchen und Nachhaltigkeit, Stuttgart 2023, 49–64, 49ff.

    2. Der Tourismus als gestaltender und zu gestaltender Faktor des gesellschaftlichen Zusammenlebens am Beispiel der Situation in Deutschland

    2.1 Dauer, Distanzen und Destinationen

    Nach den deutlichen Rückgängen im Reiseverkehr während der Corona-Pandemie hat sich das Reisevolumen und die Verkehrsleistung für Urlaubs- und Kurzurlaubsreisen der deutschen Bundesbürger*innen wieder auf dem Niveau von 2019 eingependelt bzw. sogar darüber hinaus entwickelt: Der Anteil der Fernreisen lag mit 51,2 % (2023) leicht höher als im Vorcorona-Jahr 2019 (50,2 %). Dagegen ist der Anteil derjenigen, die innerhalb Deutschlands eine Reise unternommen haben, von 7,4 % auf 5,9 % aller Reisen (für eine Reisedauer von mehr als fünf Tagen) gegenüber 2019 gesunken. Das Flugzeug ist weiterhin für den größten Anteil der geleisteten Reisekilometer verantwortlich und erfährt weiterhin ein kräftiges Wachstum: 79 % der Reisekilometer (95,6 Mrd. km) wurden mit dem Flugzeug, 14 % mit dem PKW (17,3 Mrd. km) und nur 4 % mit der Bahn (4,3 Mrd. km) für Reisen mit einer Dauer von mehr als fünf Tagen zurückgelegt. Zum Vergleich: Im Jahr 2002 betrugen die Distanzen mit dem Flugzeug 61,5 Mrd. km, mit dem Auto 20,6 Mrd. km und mit der Bahn 7,5 Mrd. km. Der Zuwachs in den Distanzen ist also auf den stark gestiegenen Anteil an Flugreisen zurückzuführen.3Vgl. Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. Kiel: Abschlussbericht Nachhhaltigkeit bei Urlaubsreisen. Bewusstseins- und Nachfrageentwicklung und ihre Einflussfaktoren, hg. vom Umweltbundesamt, Desslau 2025, https://reiseanalyse.de/wp-content/uploads/2023/09/123_2025_texte.pdf (PDF), abgerufen am 01.03.2026. Durchschnittlich betrug 2025 bei den deutschen Bundesbürger*innen die Reisedauer 12,8 Tage. 44 % der deutschen Gesamtbevölkerung unternahm 2025 mehrfach im Jahr eine Reise. Zum Vergleich: 2015 lag dieser Anteil nur bei 15 %. Das Reisen liegt also „voll im Trend“; die Corona-Epidemie hat das Wachstum der Reisetätigkeit lediglich für zwei Jahre kurzzeitig unterbrochen. Auch diese Zahl ist ethisch zu reflektieren: Von denjenigen, die mehrfach im Jahr verreisen, liegt der Anteil der Besserverdienenden bei 63 % und der Anteil der Geringverdienenden lediglich bei 17 %. Die Auswertungen zeigen: Je mehr die deutschen Bundesbürger*innen verdienen, desto mehr reisen sie, desto länger dauert ihre Reise und desto mehr Reisekilometer legen sie zurück. Für weniger privilegierte Bundesbürger*innen oder für Familien mit Kindern ist das häufige Reisen, geschweige denn das Reisen in weiter entfernte Destinationen nicht finanzierbar. Insgesamt gesehen überwogen mit einem Anteil von 44 % Destinationen im Mittelmeerraum (v. a. Spanien, Italien und Türkei). Destinationen v. a. in Südostasien bzw. in Süd- und Nordamerika wurden 2025 von 9 % aller Reisenden gewählt;4Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. Kiel (Hg.): Reiseanalyse 2026, https://reiseanalyse.de/downloadbereich/erste-ergebnisse/, abgerufen am 01.03.2026. werden andere Destinationen außerhalb Europas hinzugezählt (z.B. Nordafrika), beträgt der Anteil der Fernreisen auf andere Kontinente 17 %. Diese statistischen Werte weisen auf eine Gerechtigkeitslücke des modernen Massentourismus hin: Obwohl das Reisen zum Bedürfnis eines jeden Menschen hinzugehört, kann sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung häufiges Reisen, das Reisen in entfernte Destinationen oder das Reisen auf einem gehobenen Niveau leisten. Die wachsende soziale Spaltung der Gesellschaft verdoppelt und wiederholt sich beim Reisen.    

    2.2 Wirtschaftskraft, Wirksamkeit und Wahlverhalten

    Der Tourismus trägt – global gesehen – 11 % zur wirtschaftlichen Leistung einer Nation, gemessen am BIP, bei.5Vgl. World Economic Forum (2025): Travel and Tourism at a Turning Point. Principles for Transformative Growth, https://reports.weforum.org/docs/WEF_Travel_and_Tourism_at_a_Turning_Point_2025.pdf (PDF), abgerufen am 01.03.2026. In Deutschland ist die Wirtschaftskraft vergleichbar einzustufen: Sie betrug im Jahr 2025, wenn alle Vorleistungsgüter und -dienstleistungen mit einbezogen werden, 11,6 % des BIP und legt die Grundlage für 5,4 Millionen direkt und indirekt mit dem Reisen im Zusammenhang stehende Arbeitsplätze (12 % der Erwerbstätigen). Insgesamt gesehen stellt der Tourismus damit einen bedeutsamen Wirtschaftsfaktor dar, wobei auch die wirtschaftlichen Leistungen in den Zielländern zu berücksichtigen sind: Diese hängen jedoch im Wesentlichen von der Art des Reisens und der Buchungsform ab. Über Veranstalter und vermittelnde Institutionen (48,6 % Pauschalreisen im Jahr 2025) können bis zu 70 % der ökonomischen Leistung von den Zielorten abgezogen werden, was erhebliche negative Auswirkungen auf das Entwicklungspotenzial und die ökonomische Wirksamkeit des Tourismus in den Destinationen hat. Deutsche Bundesbürger*innen gaben 2025 im Durchschnitt 1.354 € für Reisen aus – mit wachsender Tendenz, wobei eine Analyse der Ausgaben für Reisen zwischen den Besserverdienenden und den weniger privilegierten Bürger*innen erheblich schwanken. Auch die Art der Buchungsart verändert sich rasant: Zunehmend mehr werden Reisen im Online-Vertrieb (57,8 % im Jahr 2025) oder unter Zuhilfenahme der Künstlichen Intelligenz (20 % im Jahr 2025) gebucht; die im persönlichen Kontakt in Reisebüros gebuchten Reisen nehmen drastisch ab, wodurch die Tourismuswirtschaft vor gravierenden Herausforderungen steht. 2025 haben oder konnten sich 51 % der Bundesbürger*innen vorstellen, die beabsichtige Reise mit Hilfe eines der Sprachmodelle der Künstlichen Intelligenz zu planen.

    2.3 Erwartungen, Energieverbrauch und Ethik

    Im Mittelpunkt der Erwartungen an eine Reise standen bei den deutschen Bundesbürger*innen im Jahr 2025 nicht, wie eher zu erwarten wäre, die Begegnung mit anderen Kulturen, das „Ausruhen“ oder das „Frei sein“, sondern „Sonne, Wärme“ (67 %), „Abstand zum Alltag“ (65 %), „Spaß, Freude“ (63 %) sowie „Frische Kraft“ (62 %).66Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. Kiel (Hg.): Reiseanalyse 2026, https://reiseanalyse.de/downloadbereich/erste-ergebnisse/, abgerufen am 01.03.2026. Diese Antworten beziehen sich auf die Frage: „Welche dieser Dinge sind für Sie persönlich besonders bedeutsam, wenn Sie Urlaub machen?“.[/oes_popup] Reisemotive mit einem Selbstbezug stehen also oben auf der Agenda der deutschen Reisenden. Hinzu kommt, dass in einem enorm wachsenden Maße Bundesbürger*innen eine positive Einstellung zur Nachhaltigkeit beim Reisen haben: 49 % der Reisenden möchten 2024 ökologisch verträgliche Reisen erleben; 61 % wünschen sich sozialverträgliche Reisen. Im Gegensatz dazu steht allerdings, dass 2024 lediglich 11 % der Reisenden die Buchung von Reiseangeboten mit Nachhaltigkeitskennzeichnung vorgezogen haben; CO2-Kompensationsmöglichkeiten wurden 2024 nur für 5 % aller Urlaubsreisen vorgenommen. Nachhaltigkeit bei Urlaubsreisen hat Potenzial, auch wenn sie bisher nur selten prägend für das Buchhaltungsverhalten war und ist. Ob sich eine grundlegende Veränderung des Reiseverhaltens in Richtung Nachhaltigkeit durchsetzen ist, scheint außerordentlich fraglich zu sein. Dabei ist der Energieverbrauch, der von den Reisen ausgeht, auf Grund der zunehmenden Zahl an Flugreisen enorm: Etwa 10 % der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf den Tourismus zurück. Neben der Mobilität spielen die Art der Unterkünfte, die Ernährung und der während der Reisen gestiegene Konsum eine bedeutsame Rolle. In vielen Destinationen konkurriert der Tourismus um Wasserressourcen, was insbesondere in den von deutschen Urlauber*innen bevorzugten Mittelmeer-Regionen zum massiv steigenden Problem wird. Hinzu kommt die Belastung durch Abfallströme, der zunehmende Druck auf die noch intakten Ökosysteme und die Versiegelung von Flächen durch den steigenden Tourismus. Der durch Billigflüge, Kurzurlaube, Plattformökonomien und den Einfluss der Sozialen Medien gehypte „Overtourism“ in einzelnen Regionen der Alpen bzw. in Städten wie Venedig und Barcelona oder die wachsenden Tendenzen, die auf Grund der Klimakrise dahinschmelzenden Gletscher-Regionen in den europäischen Hochgebirgen, in Grönland bzw. der Antarktis „zum letzten Mal“ zu besuchen, bevor diese Ökosysteme kollabieren („Letzte-Chance-Tourismus“)7Vgl. den Bericht in der SZ vom 18.02.2026: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/klimawandel-letzte-chance-tourismus-gletscher-antarktis-arktis-eisbaer-korallen-monarchfalter-e084713/, abgerufen am 01.03.2026., lässt den Tourismus auch zu einem enorm problematischen Faktor des gesellschaftlichen Zusammenlebens werden, der einer bewussten Gestaltung bedarf. Hinzu kommt schließlich eine massive Gerechtigkeitslücke, die sich auftut: Neben den Formen des erschwinglichen Massentourismus entwickeln sich exklusive Reiseformate in fernliegenden, ökologisch höherrangigen Destinationen, die gezielt von den Gutverdienenden aufgesucht werden, die sich mehrere Urlaube im Jahr leisten können Zugleich tragen diese Reiseformate überproportional zum Klimawandel bei und belasten damit die Lebensweise derjenigen, die zu den Geringverdienenden gehören. Insbesondere gilt dies für die Menschen im globalen Süden. Diese Gerechtigkeitslücke tut sich aber auch für den Inlandstourismus auf: Z. B. ist eine Reise zu den Inseln der Nordsee auf Grund der hohen Kosten nur noch für eine kleiner werdende Klientel erschwinglich, während eine Pauschalreise nach Mallorca zum Ausdruck des Massentourismus geworden ist.

    3. Perspektiven zur Ethik in der Tourismuswirtschaft

    3.1 Entwicklung eines „Global Code of Ethics in Tourism“ (GCET)

    Die Tourismuswirtschaft hat diese Herausforderung zur umwelt- und sozialverträglichen Gestaltung des Reisens erkannt und entfaltete wohl im Blick auf die Erlebnisqualität der Reisenden seit den 1990er Jahren zahlreiche internationale Aktivitäten, um nachhaltige Formen des Reisens zu etablieren und um einen „Globalen Kodex für eine Ethik des Tourismus“ zu entwickeln. Diese Versuche und Bestrebungen haben eine Vorgeschichte, die 1980 mit der „Manila-Erklärung“, formuliert auf einer Konferenz der Welttourismus-Organisation, begann.8Vgl. dazu Pfäfflin, Georg Friedrich: Tourismus und Entwicklung, Ökumenisch reisen mit den Kriterien des Ausschusses für Entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik, 5. Auflage, Leinfelden 1993, 45ff. Mit der Konferenz in Manila kam eine Entwicklung in Gang, die Ausgangspunkt für den „Tourism Bill of Rights and Touristic Code“ (Sofia, 1985) war; neben der Betonung des freien Reisens – einer politischen Aussage des Welttourismus-Verbandes in einer Zeit des West-Ost-Konfliktes – wurde an zweiter Stelle schon in dieser frühen Erklärung die Priorität des Naturschutzes genannt. In Lanzarote wurde 1995 schließlich eine „Charta über umweltverträglichen Tourismus“ (UNESCO-Konferenz) verabschiedet, die u. a. einen konsensfähigen Begriff des nachhaltigen Tourismus enthält.9UNESCO: Charta on Sustainable Tourism, Lanzarote 1995. Diese und die weiteren internationalen Erklärungen (Erklärung gegen Kinderprostitution10Vgl. dazu ausführlich: „Diese Form der Sklaverei muss gestoppt werden!“  Stockholmer Weltkongress gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern, epd-Dokumentation Nr. 42/96, Frankfurt a.M. 1996. Die Erklärung findet sich dort auf S. 17ff. Weitere Informationen zur Fortsetzung dieses Beschlusses und seiner Umsetzung sind bei der Nicht-Regierungs-Organisation ECPAT (End Child Prostitution, Pornography, and Trafficking) zu erhalten. ECPAT setzt sich dafür ein, dass die Kinderrechte, wie in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen festgeschrieben sind, beachtet werden. Dem internationalen Netzwerk von ECPAT gehören 300 Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen in 45 Staaten an. – Stockholm 1996, Mali-Deklaration zum Tourismus in der Region Pazifik – Malediven 1997, Manila-Erklärung über die sozialen Auswirkungen des Tourismus – Manila 1997, Nachhaltiger Tourismus für Inselstaaten11SIDS: International Conference on Sustainable Tourism in small Island Developing States (SIDS) and other Islands, Lanzerote 1998. – Lanzarote 1998) mündeten nach einer intensiven Anhörung von politischen Kräften und Nicht-Regierungs-Organisationen ein in die Formulierung eines „Global Code of Ethics in Tourism“ (Oktober 1999)12WTO: Approval of the Global Code of Ethics for Tourism, Madrid 1999. (GCET) durch die Welttourismusorganisation UNWTO; der GCET wurde 1999 von mehr als 200 Staaten unterzeichnet.  An seiner Entwicklung sowie in diesem vorbereitenden Anhörungsprozess waren kirchliche Akteure innerhalb der Ökumene maßgeblich beteiligt.13Vgl. dazu von kirchlicher Seite: TEN (Third World Tourism European Ecumenical Net)/ECTWT (Ecumenical Coalition on Third World Tourism)/EQUATIONS (Equitable Tourism Options)/Tourism Watch (Hg.): Position Paper for further discussion on the issue of a Global Code of Ethics for Tourism, Stuttgart 1998. In diesem Zusammenhang steht auch die Diskussion innerhalb der UN-Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD), ein internationales Arbeitsprogramm für einen nachhaltigen Tourismus vorzulegen. Dies war im Juli 1997 während der UN-Sondergeneralversammlung „Rio + 5“ festgelegt worden. Vgl. dazu Umwelt- und Sozialverantwortlichkeit des Tourismus im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung. Positionspapier des Forums Umwelt und Entwicklung, epd-Entwicklungspolitik 4/99, 38–45.

    3.2 Inhalt und Weiterentwicklung des GCET

    Nach einem Eingangsartikel betont Artikel 2, dass der Tourismus Ausdruck der menschlichen Erfüllung ist und sich darin das Recht des Menschen auf Begrenzung seiner Arbeitszeit konkretisiere: „Tourismus, die Aktivität, die am häufigsten mit Erholung und Entspannung, Sport und dem Zugang zur Kultur und Natur in Verbindung gebracht wurde, sollte als bevorrechtigtes Mittel der individuellen und kollektiven Erfüllung gesehen werden. Wird er mit einer ausreichend offenen Einstellung praktiziert, ist er unersetzlicher Faktor zur persönlichen Bildung, für gegenseitige Toleranz und zum Lernen über die berechtigten Unterschiede zwischen Völkern und Kulturen und ihrer Vielfalt“ (Art. 2, Abs. 1.). Direkt an diese grundsätzliche Wertung des Reisens schließt sich Artikel 3 an, der hervorhebt, dass der Tourismus dem Leitbild der Agenda 21 verpflichtet sein müsse, erneuerbare Energien zu bevorzugen, die Abfallproduktion in den Urlaubsregionen zu begrenzen und die Touristenströme sinnvoll zu kanalisieren habe: „Alle Akteure in der Tourismusentwicklung sollten die natürliche Umwelt schützen, um solides, kontinuierliches und nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum zu erreichen, das darauf abzielt, die Bedürfnisse und Bestrebungen gegenwärtiger und zukünftiger Generationen gleichermaßen zu befriedigen.“ (Art. 3, Abs. 1.) Die unterzeichnenden Verbände, Staaten usw. unterliegen einer Berichtserstattungspflicht (Art. 10) sowie einer Beobachtung durch das „World Committee on Tourism Ethics“ (Art. 10, Abs. 3), in dem Vertreter der Urlaubsregionen innerhalb der WTO sowie der Tourismus-Industrie vertreten sind.

    3.3. Begrenzte Wirksamkeit des GCET

    Absicht des GCET ist es, Staaten, Unternehmen der Tourismusindustrie, aber auch Reisende zu einem verantwortlichen Umgang mit dem Reisen zu animieren. Dabei ist der GCET kein völkerrechtlich bindender Vertrag, sondern nur ein freiwilliger Verhaltenskodex. Berichtspflichten sind vorgesehen, jedoch keine Sanktionsmechanismen. Damit bleibt die rechtliche Durchsetzungskraft begrenzt. Dennoch kann der GCET zu einem normativen Rahmen für nationale Tourismusstrategien werden und die CSR-Programme der Reiseunternehmen beeinflussen. Die massiven Probleme, die sich durch den Overtourism ergeben, die sich verstärkenden negativen Auswirkungen auf den Zustand des globalen Klimas, die prekären Arbeitsbedingungen in den Zielländern des globalen Südens sowie die eklatante Gerechtigkeitslücke, die sich gerade beim Reiseverhalten auftut, kann der GCET in keiner Weise bewältigen. Der Tourismus, der ein zentrales Versprechen der Marktwirtschaft darstellt, der aber diesen Vorzug liberaler Lebensweise den Bürger*innen nur sehr eingeschränkt bzw. nur privilegierten Kreisen im vollen Umfang zur Verfügung stellt, während die Lasten des Tourismus von Bürger*innen in den Destinationen oder aber von den Geringverdienenden getragen werden, lässt sich durch einen GCET allerdings in keiner Weise steuern. Diese gewaltige Herausforderung des modernen Tourismus bedarf einer bewussten Gestaltung.

    3.4 Alternative Gestaltungsmöglichkeiten zur Steuerung der Tourismuswirtschaft in ethischer Perspektive

    Der rasant fortschreitende Klimawandel, zu dem der Tourismus durch den steigenden Flugverkehr im entscheidenden Maße beiträgt, lässt sich nicht ohne massive Einschränkungen in der Lebensweise bewältigen. Einerseits lassen sich diese Einschränkungen auf der individuellen Ebene, aber auch innerhalb von intermediären Institutionen, die einen besonderen Verhaltenskodex leben (wollen), durch eine Verzichtsleistung persönlicher Art bewältigen. Andererseits müssen in sozialethischer Perspektive ökonomische Anreizfaktoren hinzukommen, wozu insbesondere der Einstieg in eine Besteuerung von Langstreckenflügen gehören könnte: 1944 wurde im Chicagoer Abkommen sowie durch eine Vielzahl zwischenstaatlicher Verträge die Besteuerung des Flugbenzins sowie der grenzüberschreitende Luftverkehr unter anderen politischen Bedingungen aufgehoben. In der Zwischenzeit sind die Gründe für eine Ausnahme von der Besteuerung obsolet geworden. Gegenwärtig besteht keine Regulierungsmöglichkeit des Flugverkehrs – mit gewaltigen ökologischen Folgewirkungen. Unabdingbar ist deswegen unter ethischen Gesichtspunkten der Einstieg in die Besteuerung des Flugkerosins, wobei die praktische Umsetzung durch die Lobbyarbeit der Flugzeugindustrie in den jeweiligen Nationalstaaten unterminiert wird. Schließlich bedarf es anderer und neuerer Narrative, die ein ökologisch verträgliches und sozial integrierendes Reisen vor Augen führen und damit zu einem Markt an Reiseangeboten führen, die im steigenden Maße attraktiv sind.

    4. Kirchliche Hilfswerke, Kirchen und Tourismuswirtschaft

    4.1 Aktionen der Kirchlichen Hilfswerke

    Innerhalb der christlichen Sozialethik ist die Auseinandersetzung mit den Folgewirkungen des Tourismus – ganz im Gegensatz zu seiner wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Dominanz – nur selten ein Thema. Dagegen unterhalten die christlichen Hilfswerke Studienstellen, die sich seit 1975 den Auswirkungen des Tourismus widmen (z.B. Tourism Watch bei Brot für die Welt), wobei sich der Fokus der Aufmerksamkeit gegenüber z. B. dem GCET deutlich verändert: Neben den ökologischen Auswirkungen des Tourismus geraten hier die sozialen Auswirkungen des Tourismus insbesondere in den Ländern des globalen Südens in den Blick. Die Arbeitsbedingungen in diesen Zielländern, die Einkommenssituationen, die Beteiligungsmöglichkeiten für potenziell besonders verletzliche Gruppen sowie die Einhaltung der elementaren Menschenrechte entlang der gesamten touristischen Wertschöpfungskette spielen in den Stellungnahmen, aber auch in den konkreten Aktionen zur positiven Gestaltung des Tourismus eine zentrale Rolle. Zusammen mit der Multi-Stakeholder-Initiative „Roundtable Human Rights in Tourism“14https://www.humanrights-in-tourism.net/, abgerufen am 07.07.2026., in dem Initiativen, kirchliche Akteure, Bildungseinrichtungen und Unternehmen der Tourismusindustrie zusammengeschlossen sind, wurden 2025 am Beispiel Südafrikas konkrete Handlungsbedarfe für eine menschenrechtsorientierte Tourismusentwicklung identifiziert. Durch digitale Schulungen zu Menschenrechten und Kinderschutz von Beschäftigten der Tourismus-Industrie, durch die systematische Einbindung von Gemeinschaften in den Zielländern oder durch die Etablierung arbeitsrechtlicher Mindeststandards entlang der Reiserouten wird das Ziel eines menschenrechtsorientierten Tourismus verfolgt.15Vgl. den Artikel „Menschenrechte stärken – Tourismus sozial gestalten“: https://www.tourism-watch.de/artikel/2025-menschenrechte-staerken-tourismus-sozial-gestalten/, abgerufen am 01.03.2026. 

    4.2 Kirchliche Einrichtungen als Bildungsträger und als touristische Anbieter

    Die kirchlichen Institutionen (Bildungswerke, Gästehäuser, Akademien, Kirchengemeinden, Diakonie u.a.m.) bieten mit den von ihnen angebotenen Reisen, den Partnerschaftsprogrammen oder ihren Bildungsformaten eine Fülle von Anknüpfungspunkten, um auf die enormen Herausforderungen des modernen Tourismus aufmerksam zu machen: Kirchliche Gästehäuser hätten die Möglichkeit, die sich im Massentourismus auftuende soziale Schere zwischen den Besserverdienenden und den weniger Privilegierten durch entsprechende Angebote zu schließen. Zugleich besteht durch Bildungsangebote die Möglichkeit, in den hervorgehobenen Reise-Monaten auf den ökologischen Fußabdruck oder auf die sozialen Folgen des Tourismus aufmerksam zu machen. Brot für die Welt hat im Sinne des Globalen Lernens für diesen Zweck umfangreiches Bildungsmaterial für Lehrer*innen oder Bildungsreferent*innen bereitgestellt.16Vgl. die auf der Website zur Verfügung gestellten Materialien: https://www.brot-fuer-die-welt.de/downloads/verantwortungsvoll-reisen/, abgerufen am 01.03.2026. Zugleich kommt kirchlichen Bildungs- und Gästehäuser eine Impuls- und Vorbildfunktion im Sinne eines glaubwürdigen und innovativen Nachhaltigkeitsmanagements zu (Zertifizierung über EMAS o. Ä.)17Vgl. z. B. die Übersicht bei: https://www.kirum.org/umweltmanagementsysteme, abgerufen am 01.03.2026.. Regional-saisonale, fleischarme und bio-zertifizierte Küchen in den Gästehäusern tragen dazu bei, neue, zukunftsfähige und innovative Standards zu setzen. Kirchliche Akteure tun sich mit ihrer jahrhundertealten Pilgertradition zudem als Reise-Veranstalter hervor: Auch hier stellt sich die Frage, ob Flugreisen noch das Mittel der Wahl darstellen, ob es nicht alternative Reise-Ziele oder Mobilitätsformen gibt, das Reiseziel unter ökologischen Gesichtspunkten zu erreichen oder ob nicht diese Form der Pilgertradition zu weit entfernten Zielen wie z. B. Rom oder Jerusalem aufgegeben werden müsste und durch andere religiöse Praktiken ersetzt werden kann. Die unter ethischen Gesichtspunkten den Einzelnen oder normativ ausgerichteten Gemeinschaften ins Gespräch gebrachte Verzichtsleistung kann insbesondere auch von kirchlichen Akteuren vorgelebt werden. Dies kann auch bedeuten, das bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle ins Wanken geraten, nicht mehr zuverlässig funktionieren und durch andere Praktiken zu ersetzen sind.18Vgl. Kiefer, Mattias: Nachhaltiger Tourismus? – oder: eine „unbequeme Wahrheit“ (Al Gore) und ihre Folgen fürs kirchliche Handeln. In: Kläden, Tobias u. a. (Hg.): Zurück auf Los oder Neustart? Tourismus, Kirchen und Nachhaltigkeit, Stuttgart 2023, 91–104, 91ff. Eine Zertifizierung einer jeden Bildungsreise über Modelle für gemeinnützige Einrichtungen wie z. B. TourCert19Vgl. die Informationen auf der Website: https://tourcert.org/, abgerufen am 01.03.2026. sollte in diesem Sinne für kirchliche Bildungsreisen aller Art anzustreben sein. Schließlich bieten die einjährigen Freiwilligenprogramme im Rahmen des durch das BMZ geförderten Weltwärts-Programms20Vgl. die Informationen unter: https://www.engagement-global.de/de/weltwaerts, abgerufen am 01.03.2026. für junge Menschen eine herausragende Möglichkeit für kirchliche Akteure, die Chancen und Risken des Reisens in entwicklungspolitisch brisante Destinationen zu thematisieren.21Vgl. den Blog und die Dokumente unter: https://www.brot-fuer-die-welt.de/blog/2017-neue-handreichung-fuer-begegnungsprogramme/, abgerufen am 01.03.2026. Auch durch derartige Instrumente kirchlichen Handelns kann der „Geschmack“ für ein anderes Reisen entstehen.

    Weiterführende Literatur

    Chancen und Herausforderungen des Tourismus: epd-Dokumentation vom 22.08.2006, epd-Doku 35/2006.

    Hübner, Jörg: Wenn Millionen eine Reise tun … Sozialethische Überlegungen zum Internationalen Jahr des Ökotourismus. In: ZEE 46 (2002), 214–226.

    Kläden, Tobias u. a. (Hg.): Zurück auf Los oder Neustart? Tourismus, Kirchen und Nachhaltigkeit, Stuttgart 2023.

    Kramer, Dieter: Aus der Region – Für die Region. Konzepte für einen Tourismus mit menschlichem Maß, Wien 1997.

    Pechlaner, Harald/Innerhofer, Elisa (Hg.): Sinnsuche im Urlaub. Chancen und Perspektiven für den Tourismus, Bozen 2016.

    Petermann, Thomas u.a. (Hg.): Folgen des Tourismus, Baden-Baden 1998.

    Reif, Julian/Eisenstein, Bernd (Hg.): Tourismus und Gesellschaft: Kontakte – Konflikte – Konzepte, Berlin 2020.

    Einzelnachweise

    Zitierweise

    Hübner, Jörg: „Tourismus“, Version 1.0, in: Onlinelexikon Systematische Theologie, ISSN 3052-685X, 29.10.2026. DOI: https://doi.org/10.15496/publikation-124684

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