Anmerkung der Redaktion
Lea Chilian und Megan Arndt sind die Erstautorinnen des Beitrags. Aus technischen Gründen kann dies in der Zitierweise nicht korrekt angeführt werden. Sobald es technisch möglich ist, wird die korrekte Zitierweise nachträglich umgesetzt.
1. Hinführung
1.1. Problemorientierung der Ethik
Ethik kann sowohl als theoretische wie auch als angewandte Wissenschaft verstanden werden. In theoretischer Perspektive untersucht sie Entwürfe moralischer Orientierung, Möglichkeiten ethischer Entscheidungsfindung und weitere metaethische Themen. In anwendungsorientierter Forschung befasst sie sich mit konkreten ethischen Fragestellungen angewandter Wissenschaft und Praxis. Hier dient sie der Beratung und Orientierung, stellt Einordnungen und Systematisierungen zur Verfügung oder macht auf Folgen, Dimensionen und Ausgangsprobleme von Entwicklungen im politischen, technischen und gesellschaftlichen (auch kirchlichen) Kontext kritisch aufmerksam. Dabei kann eine Form ethischen Arbeitens insofern als „problemorientiert“ bezeichnet werden, als dass sie anlassbedingt und anwendungsorientiert auf Alltagsfragen reagiert und diese Ausgangs- und Zielpunkt ihres Arbeitens sind.
Insofern Ethik sich als problem- und gegenwartsorientiert versteht, können sich inhaltliche Schwerpunkte verschieben, so konnte z. B. mit Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine ein vermehrter Bedarf an friedensethischer Forschung verzeichnet werden. Ethik als kontextuelle und problemorientierte Wissenschaft behält entsprechend aktuelle politische, rechtliche und moralische Entwicklungen im Blick.
Die Problemorientierung wird dabei von verschiedenen Faktoren bestimmt, die insbesondere von soziologischer Forschung herausgearbeitet werden: So ist die Gegenwart geprägt von einem hohen Grad an Freiheitsorientierung, der in der Folge die Pluralisierung von Lebensformen und -entwürfen bedingt, was die Vielfalt an individuellen Möglichkeiten, aber auch die Frage nach geltenden Normen und Orientierungen aufwirft.1Vgl. Zu diesem und Folgendem u. a. Taylor, Charles, A Secular Age, Cambridge 2007; Beck, Ulrich Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt 242020. Das Erleben von Individualisierung und dem damit einhergehenden Zuwachs an Möglichkeiten der eigenen Lebensführung im Zusammenhang mit Traditionsverlusten rückt den individuellen Orientierungsbedarf und auch die eigene Rechtfertigungsbedürftigkeit als drängendes Thema hervor. Hinzu kommen Formen der Säkularisierung und Entkirchlichung in westlichen Ländern, Erstarken fundamentalistischer Formen von Religionsausübung in globaler Perspektive und Tendenzen zu individueller, religionsunabhängiger Spiritualität, die dazu beitragen, dass sich theologische Ethiken selbst als eine unter vielen wahrnehmen, die entsprechend nicht mit der Selbstverständlichkeit eines allgemeinen christlichen Ethos argumentieren. Die Globalisierung führt durch internationale Verflechtungen zu einer Ausweitung des eigenen und gesellschaftlichen Verantwortungsbereichs und wirft damit Fragen der Handlungsorientierung und der Verantwortungsbegrenzung auf. Mit dem immensen Technikfortschritt der vergangenen Jahrzehnte stellen sich für Gesellschaften wie auch die Einzelnen Fragen nach dem Dürfen und Sollen, etwa bei genetischen Modifikationsmöglichkeiten oder hybriden und KI-unterstützten Entwicklungen mit steigendem Anspruch an Komplexität und Folgenabschätzung. Zuletzt hat das Erleben von Krisen – globaler, gesundheitlicher, wirtschaftlicher, ziviler und sicherheitspolitischer Art – zu Verunsicherungen geführt, die sich auch in Fragen der Handlungsorientierung als ethische Fragen darstellen.
Diese Faktoren haben zu einer gestiegenen Nachfrage nach Ethik geführt.2Vgl. Leist, Anton, Unordnung durch Ethik. Eine letzte Ressource richtig verstehen, in: Schweizer Monatshefte 83/10 (2003), 39–42. Gleichzeitig sprechen andere von einer Krise der Ethik,3Vgl. Roth, Michael, Steckt die Ethik in der Krise? Abschließende Überlegungen zur Frage, wie die Theologische Ethik relevant werden kann, in: Roth, Michael (Hrsg.), Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Berlin/Boston 2018, 355–372. insofern „moralisch lebensweltliche Orientierung und der ethische Diskurs […] unterschiedlich zu funktionieren“4Roth, Krise, 360. scheinen, bzw. einander nicht zu beeinflussen imstande seien. Gleichwohl bleibt aufgrund der oben genannten Faktoren ein Bedarf an Handlungsorientierung und Fragen nach der Gestaltung eines guten Lebens bestehen. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass Ethik nicht gelebte Moral ist, sondern vorhandene moralische Orientierungen kritisch reflektiert (also etwa versteht, erklärt und begründet), und dadurch auch zu moralischen Neuorientierungen beitragen kann. Insofern fragt Ethik problem- und kontextorientiert nach dem handelnden Subjekt.
1.2. Historischer Überblick: Das Verhältnis von Glaube, Moral und Ontologie
Theologische Ethik als Reflexion auf die christliche Lebensführung ist von Anbeginn des Christentums ein wichtiger Aspekt des theologischen Nachdenkens über den Glauben und findet sich dementsprechend auch schon in den Texten des Neuen Testaments.5Vgl. z. B. Konradt, Matthias, Ethik im Neuen Testament, Göttingen 2022. In der Antike wurde die christliche theologische Ethik zunächst geprägt durch ein philosophisches Verständnis von Ethik als Frage nach dem guten Leben (Stoa, Platon ![]()
, Aristoteles ![]()
). In der Theologie des Mittelalters verband sich der die Alte Kirche prägende theologische Platonismus mit einem theologisch interpretierten Aristotelismus. Was ein gutes Leben ist, ergab sich für Aristoteles aus der dem Menschen eigentümlichen Fähigkeit, sein Streben nach dem Guten vernünftig zu reflektieren und aufgrund dessen möglichst vollkommene Haltungen zu erlernen (Tugenden), die seiner vernünftigen Natur entsprechen.6Vgl. Aristoteles, 1102a (I, 13), in: Nickel, Rainer (Hrsg.), Die Nikomachische Ethik. Griechisch-deutsch, Berlin 22014, sowie Rapp, Christof, Art. Aritstoteles, in: Düwell, Marcus et al. (Hrsg.), Handbuch Ethik, Stuttgart 32011, 69–81, 73. Ein gutes Leben realisierte sich darum für Aristoteles als tugendhaftes Leben. In der Moraltheologie der Hochscholastik wird die aristotelische Anthropologie durch eine theologische Deutung des Menschen ersetzt: Was das Gute für den Menschen ist, wird aus Schöpfungstheologie, Sünden- und Heilslehre hergeleitet. Der Mensch ist der Hilfe Gottes bedürftig, um gut leben zu können, aber zugleich auch mit grundlegenden Fähigkeiten ausgestattet, die er mit Gottes Hilfe zu Tugenden entwickeln kann.7Vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae. Prima Pars, Madrid 1961, q. 93, art. 5. So gelten bei Thomas von Aquin ![]()
die zentralen theologischen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe als Gaben des Geistes Gottes, die der Mensch nicht aus eigenem Vermögen erlernen kann.8Vgl. Thomas von Auquin, Summa Theologiae. Prima Secundae, Madrid 1962, q. 62, art. 1 und 3. Alle anderen Tugenden aber müssen in Ausrichtung auf diese durch den Geist verliehenen Tugenden erlernt werden. Die Gebote des Gesetzes gelten dabei als eine Hilfe zur Realisierung dieses Guten im Leben des Menschen, das er selbst kraft der Vernunft als göttliches Gesetz einsehen kann.9Vgl. Von Aquin, Secundae, q. 90.
Der darin vorausgesetzte Zusammenhang von Glaube und Moral wird in der Reformation strittig, weil Luther ![]()
gegen eine Moralisierung des Glaubens auf den Vorrang des Glaubens als Gabe Gottes vor den guten Werken des Menschen insistiert.10Vgl. Luther, Martin, Von der Freiheit eines Christenmenschen, in: Korsch, Dietrich (Hrsg.), Martin Luther Deutsch-Deutsche Studienausgabe. Bd. 1: Glaube und Leben, Leipzig 2012, 277–315, insb. 299 (§19). Er versteht den Glauben als „das erste, höchste und edelste gute Werk“.11Luther, Martin, Von den guten Werken, in: Korsch, Dietrich (Hrsg.), Martin Luther Deutsch-Deutsche Studienausgabe. Bd. 1, 101–253, hier: 109, Z. 9f. (§2), sowie 199, Z. 16–20 (§25). Der Zusammenhang von Glaube und Moral wird damit zwar nicht gänzlich aufgelöst, aber die Moral hat keine identitätsstiftende Funktion mehr für den christlichen Glauben, der sich als Annahme der Gnadenzusage Gottes versteht. Moral wird damit zum Ausdruck der Transformation, die der Glaube im Herzen als Personenzentrum des Menschen bewirkt. Für Luther realisiert sich diese Transformation des Glaubens in Liebe zum Mitmenschen.12Vgl. Luther, Freiheit, 315 (§30).
Die konkreten ethischen Konsequenzen solch einer Moral, die Ausdruck des Glaubens ist, bleiben in der evangelischen theologischen Ethik aber strittig, ohne dass damit unmittelbar die Einheit des Glaubens in Frage stehen muss. Zugleich wird die Frage nach dem Verhältnis einer aus Glauben gestifteten Moral zur moralischen und gesetzlichen Ordnung der Gesellschaft zu einem zentralen Problemfeld reformatorischer Theologie. Luther ![]()
antwortet darauf mit einer theologisch begründeten Autonomie gesellschaftlicher Ordnung, die er u. a. in der Unterscheidung zweier Regimenter Gottes theologisch entfaltet (vgl. Art. Zwei-Reiche/ Regimente-Lehre).13Vgl. Luther, Martin, Von weltlicher Obrigkeit. Wie weit man ihr Gehorsam schuldet, in: Zschoch, Hellmut (Hrsg.), Martin Luther Deutsch-Deutsche Studienausgabe. Bd. 3: Christ und Welt, Leipzig 2016, 217–289. Der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli ![]()
unterscheidet zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit, versteht letztere allerdings als ein gebrochenes Abbild der ersten und kann damit einen Zusammenhang zwischen Glaube und gesellschaftlicher Ordnung herstellen,14Vgl. Zwingli, Huldrych, Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit, in: Brunschweiler, Thomas/Lutz, Samuel (Hrsg.), Huldrych Zwingli Schriften. Bd. 1, Zürich 1995, 155–213. der aber zugleich in der Gefahr steht, als Grundlage für einen theokratische Interpretation der Gesellschaft zu fungieren.
Hat die Reformation den engen Zusammenhang von Glaube und Moral zumindest gelockert, so wird in der Aufklärung die teleologische Begründung der Moral problematisch,15Vgl. dazu z. B. Taylor, Charles, Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, übers. v. Joachim Schulte, Frankfurt a. M. 2016, 157–174 und Frey, Christofer, Wege zu einer evangelischen Ethik. Eine Grundlegung, Gütersloh 2014, 28. u. a. weil die zugrundeliegende teleologische Ontologie16Eine Erläuterung von Ontologie bieten Hofweber, Thomas, Art. Logic and Ontology, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2004, revised 2023 (https://plato.stanford.edu/entries/logic-ontology/#Onto), abgerufen am 19.12.2025 und Richter, Leonhard, Art. Ontologie, in: Metzler Lexikon Philosophie (https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/ontologie/1485), abgerufen am 19.12.2025. es nicht erlaubt, die sich zunehmend etablierenden naturwissenschaftlichen Methoden zu erklären. Ins Zentrum der Moral rückt nun der Begriff der Pflicht, deren normative Kraft bei Kant ![]()
aus der bloßen Form praktisch rationaler Urteile abgeleitet wird.17Vgl. Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Weischedel, Wilhelm (Hrsg.), Kant Werkausgabe in 12 Bänden, Bd. VII, Frankfurt a. M. 131996, 11–121. Damit wird die Begründung der Moral auch autonom gegenüber der Theologie: Wenn moralische Prinzipien sich aus der Vernunft herleiten, bedürfen sie keiner theologischen Begründung mehr.
Der deutsche Idealismus und mit ihm der Theologe Friedrich Schleiermacher ![]()
reagierten auf diese Problemstellung, indem sie Theorien des menschlichen Subjekts entwickelten, die dieses eingebunden sahen in eine geschichtliche Entwicklung der Sittlichkeit (Moral). So konnte das höchste Gut bei Schleiermacher nur durch die Menschheit als Ganze in ihrer Geschichte verwirklicht werden.18Vgl. Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, Über den Begriff des höchsten Gutes. Zweite Abhandlung, in: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Kritische Gesamtausgabe. Abt. 1, Bd. 11: Akademievorträge, Berlin/New York 2002, 657–677, 660f. Güterethik wird so als Zusammenhang von Gesellschaftstheorie und Geschichtsphilosophie konzipiert19Vgl. Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, Brouillon zur Ethik 1805/06, in: Schleiermacher Werke, Bd. 2, Leipzig 1913, 75–239, 80 und 549. und damit zu einer spekulativen Wissenschaft, die sich theologisch von der Idee eines eschatologischen Ziels der Entwicklung der Menschheit her entwickeln lässt. Dieser Entwurf prägte wesentlich die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts, tritt im 20. Jahrhundert aber in den Hintergrund, auch weil der damit verbundene Geschichtsoptimismus durch die Erfahrung zweier Weltkriege mehr als fraglich wurde.
Neuzeitliche Ansätze theologischer Ethik reagieren in unterschiedlicher Art und Weise auf die Problemstellung der Unterscheidung von Ontologie, Moral und (christlicher) Religion. Eine insbesondere (aber nicht nur) den katholischen Diskurs prägende Variante geht von der Anerkennung der rationalen Autonomie der Moral aus und verzichtet auf eine eigene theologische Begründung moralischer Geltungsansprüche. Die theologische Ethik integriert dann die autonom begründete Moral in eine christliche Sicht der Welt und begründet diese so, dass sie auch im Glauben nachvollzogen werden kann.20Vgl. Auer, Alfons, Autonomie und christlicher Glaube. Düsseldorf 21971. Religiöser Glaube erscheint dann vor allem als Motivation zur Moral, leistet aber keinen eigenen Beitrag zur Begründung moralischer Überzeugungen.21Vgl. Bobbert, Monika, Christlich motiviert – vernünftig begründet. Bildungs- und forschungsethische Perspektiven, in: Schweizerische Kirchenzeitung SKZ 3 (2016), 23–27 (https://www.kirchenzeitung.ch/article/christlich-motiviert-vernuenftig-begruendet-9590), abgerufen am 19.12.2025.
Im Gegensatz dazu ziehen sich andere theologische Ethiken darauf zurück, Ethik der christlichen Gemeinde zu sein, ohne einen darüberhinausgehenden Geltungsanspruch zu erheben:22So z. B. Hauerwas, Stanley, Vision and Virtue. Essays in Christian Ethical Reflection, Notre Dame 1981, 2. Damit wird Moral ganz vom Glauben her bestimmt. Auch Karl Barths ![]()
Lehre der Vorordnung des Evangeliums vor das Gesetz23Vgl. Barth, Karl, Evangelium und Gesetz, in: Barth, Karl (Hrsg.), Rechtfertigung und Recht – Christengemeinde und Bürgergemeinde – Evangelium und Gesetz, Zürich 1998, 81–109. kann man so deuten, dass die moralischen Aspekte christlichen Glaubens aus der Heilszusage des Evangeliums abzuleiten sind. Das wirft die Frage auf, wie das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen moralisch gestaltet werden kann. Trutz Rendtorff ![]()
hat darum mit Blick auf solche Positionen durchaus zu Recht davor gewarnt, dass Ethik damit durch einen Kampf um Weltanschauungen ersetzt wird.24Vgl. Rendtorff, Trutz, Ethik. Grundelemente, Methodologie und Konkretionen einer ethischen Theologie, hrsg. von Rainer Anselm und Stephan Schleissing, Tübingen 32011, 49. Als pointiertes Gegenprogramm formuliert er das Konzept einer ethischen Theologie, die die Themen der Theologie eigenständig von den ethischen Herausforderungen der Gegenwart her neu durchdenkt. Johannes Fischer ![]()
hat darauf hingewiesen, dass in diesen Diskursen ein mitunter problematisches Verständnis von Moral vorherrscht, das Moralität ganz von der Logik universalistischer rationaler Begründungen her versteht.25Vgl. Fischer, Johannes, Ethik als rationale Begründung der Moral?, in: ZEE 55 (2011), 192–204. Dem stellt er ein Verständnis von Moralität entgegen, für das Moral bereits dabei ansetzt, wie Menschen Wirklichkeit wahrnehmen und eine Ethik, die darum primär auf das Verstehen und nicht auf das Begründen von Moral aus ist.26Vgl. Fischer, Johannes, Verstehen statt Begründen. Warum es in der Ethik um Mehr als nur um Handlungen geht, Stuttgart 2012.
Eine bedeutende weitere Strömung der Ethik in der Neuzeit und insbesondere des 20. Jahrhunderts stellt das Ideal des machtfreien rationalen Diskurses über ethische Begründungen grundsätzlich in Frage. Entgegen der Vorstellung, dass es in der Ethik ausschließlich um einen Prozess der Aushandlung rationaler Argumente geht,27Vgl. Habermas, Jürgen, Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt a. M. 1983. wird betont, dass diejenigen Personen, die Ethik betreiben, selbst eingebunden sind in Machtstrukturen, die ihrerseits kritisch zu hinterfragen sind. Prägend wurden für die theologische Ethik zum einen die südamerikanischen Befreiungstheologien, die aus genuin christlich-religiösen Motiven heraus Ethik als Einsatz für die Armen und Ausgegrenzten verstanden, denen eine Stimme im Diskurs gegeben werden muss. Dieser Ansatz wird in der Gegenwart weitergeführt durch postkoloniale Theorien,28Vgl. Young, Robert J. C., Postcolonialism. A Very Short Introduction, London 2002. welche die Fortwirkung globaler Machtstrukturen des europäischen Kolonialismus auch auf ethische Diskurse herausarbeiten.29Vgl. z. B. Mills, Charles Wade, Black Rights / White Wrongs. The Critique of Racial Liberalism, Oxford 2017. Zur theologischen Rezeption vgl. z. B. Coors, Michael, Macht und Moral, in: NZSTh 65 (2023), 76–93, insb. 80–86.
Auch die Bewegung des Feminismus und feministische Theologien verweisen in diesem Sinne auf die kontextuelle Prägung (theologischen) Denkens. Dabei steht in der feministischen Theologie die Prägung durch eine patriarchale, von Männern dominierte Kultur auch der akademischen Theologie im Fokus, dem sie Perspektiven des theologischen Denkens von Frauen entgegensetzt. Aus dem Feminismus heraus entwickelten sich seit den 1970er Jahren queer-feministische Perspektiven,30Ein wesentlicher Impuls ging dabei aus von Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter. Übers. v. Kathrina Menke, Frankfurt a. M. 222021. die die Heteronormativität traditioneller akademischer Ansätze auch in der Ethik herausarbeiten, und die z. B. im Kontext der Queer Theology rezipiert werden.31Vgl. z. B. Tonstad, Linn Marie, Queer Theology. Beyond Apologetics, Eugene 2018; Krebs, Andreas, Gott queer gedacht. Würzburg 2023.
2. Konturen und Profil theologischer Ethik
2.1. Grundlagen und Arbeitsweise
Die Vielzahl der ethischen Reflexionen lassen sich in Metaethik, Fundamentalethik sowie einzelne Bereichsethiken (alternativ materiale oder anwendungsorientierte Ethik) unterteilen.32Vgl. Reuter, Hans-Richard, Grundlagen und Methoden der Ethik, in: Huber, Wolfgang et al. (Hrsg.), Handbuch der Evangelischen Ethik, München 2015, 11–123, 14–17. Während Reuter Metaethik und Fundamentalethik unterscheidet, würden andere diese beiden Ansätze synonym sehen. Metaethik reflektiert die logische Form ethischer Urteile. In der Fundamentalethik geht es um die Entwicklung ethischer Theorien, die nach Schleiermacher ![]()
33Vgl. hierzu einleitend Birkner, Hans-Joachim, Einleitung, in: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, Ethik (1812/13) mit späteren Fassungen der Einleitung, Güterlehre und Pflichtenlehre. Auf der Grundlage der Ausgabe von Otto Braun, hrsg. v. Birkner, Hans-Joachim, Hamburg 21990 (Philosophische Bibliothek 335), VII–XXXIII. in drei Grundtypen unterteilt werden können:34Fragen zitiert nach Reuter, Grundlagen, 25.32.39.
- Tugendethik: „Wie können wir gut handeln?“. Hier liegt der Fokus auf handelnden Personen und Eigenschaften. Ein exemplarischer Vertreter ist Aristoteles

. - Pflichtenethik: „Was sollen wir tun?“. Der Fokus liegt auf dem Gebotenen. Ein exemplarischer Vertreter ist Immanuel Kant

. - Güterethik: „Wie wollen wir leben?“. Fokussiert werden Folgen und Wirkungen des Handelns. Für die theologische Ethik ist als exemplarischer Vertreter Friedrich Schleiermacher

zu nennen; in der Neuzeit stellt der Utilitarismus einen spezifischen Zuschnitt güterethischer Orientierung dar.35Vgl. Reuter, Grundlagen, 24f.
Diese Systematisierung in drei Grundtypen ist selbst allerdings umstritten und die verschiedenen Typen sind nicht trennscharf voneinander abzugrenzen bzw. kommen in verschiedenen Konstellationen vor. So werden Fragen der Tugend und nach dem Gebotenen auch in güterethischen Ansätzen berücksichtigt, und auch traditionelle Tugendethiken kennen die Frage nach dem pflichtgemäßen Handeln. Darüber hinaus ist in dieser Systematik die für die Ethik der Gegenwart bedeutende Frage nach einer Ethik moralischer Rechte nicht abgebildet.36Mit einer „Ethik moralischer Rechte“ sind Ansätze gemeint, die moralische Rechte bzw. Ansprüche von Personen als primären normativen Bezugspunkt nehmen. Solche rights-based Theorien lassen sich nicht ohne Weiteres einem der drei klassischen Grundtypen (Tugend-, Pflichten-, Güterethik) zuordnen, da sie weder das Pflichtgemäße noch das Gute oder die Tugend, sondern subjektive moralische Ansprüche als Ausgangspunkt ethischer Begründung setzen (vgl. etwa menschenrechtsethische oder liberale rechtebasierte Ansätze). Alternative Systematisierungs-Möglichkeiten setzen darum z. B. bei der Unterscheidung zwischen teleologischer und deontologischer Begründung unterschiedlicher Formen moralischer Geltungsansprüche oder bei der Differenzierung zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik an (vgl. Art. Normen und Prinzipien; vgl. Art. Verantwortung).37Vgl. Weber, Max, Politik als Beruf. 1919, in: Mommsen, Wolfgang J./Schluchter, Wolfgang (Hrsg.), in Zusammenarbeit mit Birgitt Morgenbrod, Studienausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe Bd. I/17, Tübingen 1994, 79. Wichtige Bereichsethiken sind z. B. Medizin-, Rechts-, Umwelt-, Medien-, Friedens-, und Bioethik, wobei die genaue Unterteilung einzelner Felder je nach Lehrbuch oder Entwurf variiert.
Aufgrund der vielfältigen Bereiche und Fragestellungen gibt es keine einheitliche Methodik wissenschaftlicher Ethik. Wichtige Instrumente sind Literaturarbeit, Diskursanalysen und die Analyse ethischer Argumentationen.38Vgl. exemplarisch Raters, Marie Luise, Ethisches Argumentieren. Ein Arbeitsbuch, Berlin 22024. In Fragen materialer Ethik ist die Analyse des jeweiligen Kontextes zentral, um ethische Problemkonstellationen sachgemäß zu analysieren (s. auch 2.4.). Hierfür sind empirische Rahmenbedingungen, rechtliche Regelungen, Ansprüche und Interessen verschiedener Betroffener sowie kulturelle Hintergründe in den Blick zu nehmen.39Vgl. Reuter, Grundlagen, 112f. Es kommen sowohl Individuen als auch Strukturen und Organisationen in den Blick. Insbesondere bei ethischen Fragestellungen in den verschiedenen Bereichsethiken unterscheidet sich das Vorgehen theologischer Ethiker*innen methodisch nicht unbedingt von nichttheologischer Ethik. Spezifisch theologisch ist entsprechend nicht die Arbeitsweise, sondern
- bestimmte Inhalte (etwa Auseinandersetzungen mit Fragen nach dem Verhältnis von Moral und Religion (s. 1.2.) und von Glaube/Rechtfertigung und Handeln),
- Perspektiven (Reflexionen, die sich aus einer Innenperspektive explizit auf ethische Fragen im Kontext der Institution Kirche beziehen (s. auch 2.2.). Exemplarisch sind hier sexualethische Überlegungen zu nennen, die Missbrauch und sexualisierte Gewalt im Raum der Kirche mitreflektieren40Vgl. exemplarisch Schreiber, Gerhard, Im Dunkel der Sexualität. Sexualität und Gewalt aus sexualethischer Perspektive. Berlin/Boston, 2022. sowie die Diskussionen um die Frage nach der Ermöglichung eines assistierten Suizids innerhalb diakonischer Einrichtungen.41Einen Überblick über die Debatte dazu inklusive Verlinkungen auf verschiedene Beiträge bietet Diakonie Deutschland, Die Würde der Sterbenden – Debatte zum selbstbestimmte Sterben. 30.06.2023 (Web Artikel, https://www.diakonie.de/informieren/infothek/2023/juni/die-wuerde-der-sterbenden-debatte-zum-selbstbestimmten-sterben), abgerufen am 19.12.2025.
- und Quellen (s. 2.3.).
Da Ethik Moral und Ethos reflektiert, geht es um die Reflexion von Normativität. Die Ansichten darüber, in welcher Art oder Intensität Ethik selbst normative Urteile produziert oder Orientierungswissen bietet (oder inwieweit sie dies tun sollte), variieren. Ethik besteht in jedem Fall auch aus einem deskriptiven Vorgehen, das methodisch nachvollziehbar bestimmte Problemkonstellationen, Kontexte und bestehende Normvorstellungen sowie Argumentationen beschreibt. Wichtige Grundbegriffe, die in ethischen Theorien erläutert und für anwendungsorientierte Fragen reflektiert werden, sind z. B. Freiheit, Gerechtigkeit, Verantwortung, Fürsorge/Sorge, Nächstenliebe, Solidarität, Gewissen, Schuld, Rechtfertigung und Würde.
2.2. Aufgabe, Ziel und Profilierung
Je nachdem, ob man einen stärker deskriptiven, vorrangig normativen oder metaethisch ausgerichteten Ansatz vertritt, sehen sich theologische Ethiker*innen verschiedenen Zielen und Aufgaben verpflichtet. Die Selbstvergewisserung über den persönlichen Standort und welche Forderungen man an das eigene Arbeiten stellt, gehört deshalb zur je eigenen wissenschaftlichen Sorgfalt. Die Frage, welche Themen als ethische wahr- und in die wissenschaftliche Debatte aufgenommen werden und somit Sichtbarkeit erhalten (und welche nicht), ist dabei gleichfalls zu verantworten und als Fragen der (Deutungs-)Macht zu problematisieren.
Fragen der Selbstverortung und des Anspruchs theologisch-ethischer Forschung sind immer wieder Anlass grundsätzlicher Debatten und Abstimmungen innerhalb des akademischen Feldes; so ist die Frage nach der Position der Ethik innerhalb der evangelischen Theologie ein Thema v. a. des deutschsprachigen Fachs, begegnet aber auch international, dann allerdings mit anderen Schwerpunkten. Innerhalb der deutschsprachigen Debatten stellt sich schon seit Schleiermacher die Frage, ob Ethik zum Praktisch-Theologischen oder eben Systematisch-Theologischen Fach zu zählen ist. Auch das Verhältnis von Ethik und Dogmatik innerhalb des Fachs der Systematischen Theologie bildet immer wieder Anlass für Gespräche. Im internationalen Kontext findet sich das Thema der Fächerzuordnung weniger, dafür aber scheinen Fragen der Normativität und inwiefern Orientierungswissen durch die theologische Ethik zur Verfügung gestellt werden soll, mehr Raum einzunehmen.
Nach außen hin, zu Kirche, Gesellschaft, Politik und philosophischer Ethik muss mit Ansprüchen, Wünschen und Zielvorgaben umgegangen werden. So weist z. B. Johannes Fischer ![]()
darauf hin, dass der theologischen Ethik eine dreifache Aufgabe zukäme, das christliche Ethos nach innen und außen hin zu vertreten und zu verkünden.42Vgl. Fischer, Johannes, Theologischer Ethik, Grundwissen und Orientierung, Stuttgart 2002, 45–49. Die ersten beiden Aufgaben, seien v. a. hermeneutischer Natur und beziehen sich stärker auf das „Innen“: So sei es Aufgabe (1) das christliche Ethos dem gegenwärtigen Verstehen zu erschließen sowie (2) aktuelle ethische Fragen aus der Perspektive des christlichen Ethos zu beurteilen. Im Kontakt mit dem „Außen“ komme der theologischen Ethik die Aufgabe zu, dem christlichen Ethos in der allgemeinen Debatte eine Stimme zu geben.
Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Differenzierung und Beziehung zwischen theologischer und philosophischer Ethik, die viele gemeinsame philosophische Quellen teilen (z. B. Aristoteles ![]()
, Platon ![]()
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) und beide gesellschaftliche Fragestellungen und Herausforderungen in den Blick nehmen. Immer wieder wird diskutiert, was eine christliche Ethik ausmacht, wobei die theologische Perspektive oder der Fokus auf christliches Ethos als mögliche Differenzierungsmerkmale gelten.43Vgl. Reuter, Grundlagen, 21. Dabei kann der spezifisch theologische Charakter der Ethik z. B. darin bestehen, dass philosophisch begründete ethische Begriffe durch theologische Konzepte gedeutet werden, wie etwa die Bedeutung der Menschenwürde durch das Konzept der Ebenbildlichkeit44Vgl. dazu Lauxmann, Lydia, Die Entdeckung der Menschenwürde in der theologischen Ethik, Tübingen, 2022, 1f., 377. oder der Freiheitsanspruch des Menschen durch eine christologische Begründung von Freiheit.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass es strittig ist, ob theologische Ethik Orientierungswissen bietet oder „Handwerkszeug“ und Material zur Verfügung stellt, damit Einzelne und Gruppen sich selbst orientieren können. Sie tut dies in beiden Fällen, indem sie die „Kommunikation über die gemeinsame Lebensführung in Gang”45Rendtorff, Ethik, 5. hält.
2.3. Quellen und Normen der theologischen Ethik
Ethische Ansätze unterscheiden sich u. a. darin, welche Quellen herangezogen werden und welchen Texten, Personen und Prozessen normative Geltung für moralische Fragen zugesprochen wird. Um gegenwärtige Problemfelder zu bearbeiten, werden in jedem Fall Forschungen anderer Wissenschaftsdisziplinen, empirische Erhebungen und juristische Regelungen herangezogen. Woher jedoch Kriterien für eine normative Beurteilung herangezogen werden ist unterschiedlich.46Für stärker deskriptiv arbeitende ethische Ansätze stellt sich diese Frage weniger scharf – ohne behaupten zu wollen, es gebe deskriptive Ansätze, die frei von normativen Vorannahmen wären.
In theologischer Hinsicht ist die Bedeutung von Schrift, Tradition, Lehramt und Vernunft hervorzuheben. Wichtige Impulse der Reformation wurden durch das Insistieren auf die Autorität der Schrift angestoßen, die im Protestantismus somit zum Korrektiv von Tradition und Lehramt wurde. Luthers ![]()
Prinzip des „sola scriptura“ wurde zum Kernbestand protestantischen Denkens, in welchem die Schrift auch für moralische Fragestellungen herangezogen wurde. Seit der Aufklärung geriet der Autoritätsanspruch biblischer Texte für moralische Fragen in Konflikt mit dem Autoritätsanspruch der Vernunft. Neben der generellen Verhältnisbestimmung zur Vernunft trugen weitere Anfragen zur sogenannten Krise des Schriftprinzips bei, die auch die normative Geltung biblischer Texte für moralische Themen in Frage stellt:
- die Widersprüchlichkeit innerhalb biblischer Texte in Bezug auf moralische Fragen,
- die Unmöglichkeit, Geltungsfragen durch Erhellung historischer Entstehungskontexte zu klären (Kategorienfehler) und
- der historische Abstand zwischen biblischen Texten und der Gegenwart, infolgedessen sich biblische Texte mit Blick auf den Umgang mit modernen Techniken, Methoden und Lebensumständen häufig kaum anwenden lassen.47Vgl. zu einer Scharfstellung des Problems Wagner, Falk, Auch der Teufel zitiert die Bibel. Das Christentum zwischen Autoritätsanspruch und Krise des Schriftprinzips, in: Richard Ziegert (Hrsg.), Die Zukunft des Schriftprinzips. Stuttgart 1994, 236–258.
Vor diesem Hintergrund können biblische Texte heute z. B. als „Anschauungsmaterial grundlegender moralischer Handlungs- und Wahrnehmungsmuster“,48Berkefeld, Mario, Art. Bibel in der Ethik, in: Ethik-Lexikon, 20.11.2020 (https://ethik-lexikon.de/lexikon/bibel-der-ethik) abgerufen am 19.12.2025 mit Verweis auf Fischer, Ethik, 2011. als „Modelle für einen menschenfreundlichen und zugleich (selbst- und vernunft-) kritischen Umgang mit normativen Überlieferungen“,49Lienemann, Wolfgang, Grundinformation Theologische Ethik, Göttingen, 2008, 187. als Verweis auf die ethische Verbindlichkeit des Glaubens50Vgl. Berkefeld, Bibel mit Verweis auf Körtner, Ulrich, Das Neue Testament als Quelle theologischer Ethik. Anmerkungen zum Verhältnis von theologischer Ethik und neutestamentlicher Wissenschaft aus systematisch-theologischer Sicht, in: ZEE 55 (2011), 287–300. oder als erschließungskräftige Deutungs- und Perspektivenerweiterung verstanden werden. Auch Überlegungen zur „Mitte der Schrift“ dienen dazu, normative Kriterien für die Bearbeitung ethischer Fragestellungen zu gewinnen.
Neben der Bezugnahme auf Schrift, Tradition und Vernunft können auch Erfahrung und praktische Klugheit in Handlungen und Praktiken für die Reflexion normativer Fragen berücksichtigt werden, ohne dabei aus vorhandenen Geltungsansprüchen unmittelbar auf Geltung zu schließen. Ebenso können auch Gefühle und Intuitionen Anlass und Richtung für die Reflexion von Moral bilden.51Vgl. Ammann, Christoph, Wer wissen will, muss fühlen. Zur Rolle von Emotionen bei der Erschließung des Ethischen, in: Kerygma und Dogma 63 (2017), 132–154; und Werren, Melanie, Ethische Intuitionen artikulieren. Grundlegung und Konkretionen, Frankfurt/New York 2023.
Insgesamt kann die Frage nach der Gewichtung und dem Verhältnis der verschiedenen Quellen und Normen theologischer Ethik als notwendig offene festgehalten werden, über die zu streiten auch Ausdruck ihres Ringens um den Umgang mit Kontextualität, Relationalität und Universalität ist.
2.4. Praxisbezug und Anwendungsorientierung
Die Materialethik in ihrer Anwendungsorientierung ist auf interdisziplinäre Bezugnahmen zu anderen Wissenschaften angewiesen: Um ein ethisches Problem angemessen zu erfassen, sind Arbeiten aus Soziologie, Politologie und Recht sowie die für die spezifischen Themen jeweils relevanten Wissenschaften zu berücksichtigen. So ist die Interdisziplinarität wichtig für die Beschreibung von Situation, Kontext und Problemlage52Vgl. Reuter, Grundlagen, 112f. sowie Handlungs- oder Strukturierungsmöglichkeiten.
Besonders deutlich ist die Wichtigkeit von Interdisziplinarität, wo sich Orientierungsfragen auf die Forschungspraxis selbst beziehen – wo Ethik also Wissenschaftsethik ist: Ist die Forschung mit adulten Stammzellen noch richtig? Welcher Umgang mit Daten ist in der Sozialforschung gut?
Dabei lassen sich die Rollen im interdisziplinären Dialog nicht so verteilen, dass Orientierungen nur aus der Ethik und Beschreibungen nur aus den anderen Disziplinen kommen. Auch etwa wirtschafts- und naturwissenschaftliche Disziplinen arbeiten mit (impliziten) normativen Voraussetzungen, Menschenbildern oder geschlechtsspezifischen Perspektiven und betreiben selbst innerhalb des Fachs Ethik. Deshalb ist im interdisziplinären Dialog ein offener und (selbst-)kritischer Umgang miteinander gefragt.
Will wissenschaftliche Ethik nicht wirkungs- und bedeutungslos sein, muss sie sich an der Praxis orientieren – und zwar auf mindestens drei Ebenen:
- Erstens ist Ethik auf die Praxis bezogen, für die sie Orientierungen bietet und deren Begründungen reflektiert, etwa die Medienethik auf journalistische oder Medizinethik auf ärztliche Praxis. Für die Kenntnis dieser jeweiligen Praxis ist die Interdisziplinarität wichtig.
- Zweitens wird sich Ethik auf die Praxen beziehen, durch die sie mit den Materialbereichen selbst verbunden ist: In Ethik-Gremien etwa artikulieren Ethiker*innen medizinethische Orientierungen oder Fragen; in der Politikberatung erörtern sie Fragen der Sozialethik.
- Drittens ist wissenschaftliche Ethik selbst eine Praxis, die als solches an Selbstverständlichkeiten und Machtasymmetrien ihrer gesellschaftlichen Situierung teilhat und dies (selbst-)kritisch reflektieren muss.53Vgl. Höhne, Florian, Verantwortung in der evangelischen Ethik. Begriff – Imagination – soziale Praxis, Berlin 2024, 96.202f.
2.5. Theologische Ethik in den Wissenschaftsdisziplinen der Theologie
Die theologische Ethik ist in der (deutschsprachigen) evangelischen Theologie als ein Teilbereich der Systematischen Theologie klassifiziert und steht insbesondere in Verbindung mit Dogmatik und Religionsphilosophie.
In den anderen theologischen Disziplinen werden ebenfalls ethische Fragestellungen behandelt. Im Alten Testament sind u. a. der Dekalog (Ex 20[1] Und Gott redete alle diese Worte:[2] Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. [3] Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.[4] Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: [5] Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, [6] aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.[7] Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.[8] Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. [9] Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. [10] Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. [11] Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.[12] Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.[13] Du sollst nicht töten.[14] Du sollst nicht ehebrechen.[15] Du sollst nicht stehlen.[16] Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.[17] Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.Zur Bibelstelle/Dtn 5[6] Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. [7] Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. [8] Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. [9] Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, [10] aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.[11] Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.[12] Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligst, wie dir der Herr, dein Gott, geboten hat. [13] Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. [14] Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. [15] Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der Herr, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.[16] Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der Herr, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir’s wohlgehe in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.[17] Du sollst nicht töten.[18] Du sollst nicht ehebrechen.[19] Du sollst nicht stehlen.[20] Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.[21] Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau.Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist.Zur Bibelstelle), das Gebot zur Nächstenliebe, die Schöpfungserzählung und die Sozialkritik der Propheten relevant, während im Neuen Testament die Bergpredigt, die paulinische Ethik und Gleichniserzählungen, wie das Samaritergleichnis zentrale ethische Motive darstellen.54Vgl. zum Überblick Horn, Friedrich-Wilhelm, Art. Ethik (NT), in: WiBiLex, 2011 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/47913/), abgerufen am 19.12.2025; Erbele-Küster, Dorothea, Art. Ethik (AT), in: WiBiLex, 2013 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/17880/), abgerufen am 19.12.2025. Die Auseinandersetzung mit diesen Texten reicht von rekonstruktiven Ansätzen, die historische Moralvorstellungen herausarbeiten, bis hin zu konstruktiven Anwendungen auf heutige Fragen. Das Spannungsverhältnis zwischen systematisch-theologischer Ethik und biblischen Texten ist geprägt von der Herausforderung, jenseits einer bloßen Ignoranz oder einer „unkritischen Nutzung der Bibel als moralisches Gesetzbuch“,55Berkefeld, Bibel. den normativen Gehalt dieser Schriften differenziert zu analysieren. Demzufolge differieren die Bezüge der Systematischen Theologie zu bibelwissenschaftlichen Forschungen erheblich (s. 2.3.).
Weiterführende Infos WiBiLex
„Wenngleich von einer Ethik des Neuen Testaments seit 1899 (s.u.) gesprochen wird, hat sich dieser Begriff erst Jahrzehnte später, im Ausgang des 20. Jh.s, durch explizite Lehrbücher zur neutestamentlichen Ethik durchgesetzt (vgl. Schrage, Schulz, Schnackenburg, Lohse, Marxsen). Der Begriff der Ethik mit Bezug auf den Kanon der neutestamentlichen Schriften ist von den in der Forschung auch gebräuchlichen Begriffen Moral, Ethos, Paränese, Paraklese und Sittlichkeit folgendermaßen abzugrenzen: Ethik ist eine theoretische Reflexion über ein gefordertes menschliches Verhalten und sie legt dessen Begründung, Inhalt und Zielsetzung dar. Da in den neutestamentlichen Schriften diese theoretische Reflexion weder umfänglich angestrebt noch in wünschenswerter Klarheit in auch nur einer einzigen Schrift geboten wird, raten manche Exegeten dazu an, nach den impliziten Strukturen der Ethik zu suchen (Zimmermann). Die Darlegung einer Ethik des Neuen Testaments ist in jedem Fall eine konstruktive Aufgabe der Exegese.“ (Horn, Friedrich-Wilhelm, Art. Ethik (NT), in: WiBiLex, 2011 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/47913/), abgerufen am 19.12.2025).
Praktische Theologie reflektiert ethische Fragen in verschiedenen Handlungsfeldern und fördert den Dialog zwischen Praxis und systematischer Theorie. In der Religionspädagogik wird eine werteorientierte Bildung angestrebt, die Friedrich Schweitzer ![]()
zufolge eine Balance zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung finden sollte.56Vgl. Schweitzer, Friedrich, Religionspädagogik. Gütersloh, 2006. Die Seelsorge legt ihr Augenmerk vor allem auf Beziehungsethik und respektvolle Selbstbestimmung, besonders in lebensbegrenzenden Situationen. In der Homiletik werden sowohl ethische Gehalte von Predigten, als auch die Ethik der Predigt selbst, z. B. als politische Predigt, thematisiert.
Darüber hinaus tritt evangelische Ethik in Austausch mit anderen theologischen Ethiken, u. a. katholische Ethik, islamische Ethik, jüdische Ethik.
