Ehrenamt

Das Ehrenamt, eine Entwicklung der bürgerlicher werdenden Gesellschaft im 19. Jahrhundert, unterliegt parallel zu den Veränderungen in der Gesellschaft einem Strukturwandel. Empirische Untersuchungen liefern seit den späten 1990er Jahren dazu eine Fülle von Einsichten: Innerhalb Deutschlands sind fast 40 % der Bürger*innen ehrenamtlich tätig, wobei das Engagement im Sport oder für Menschen mit Unterstützungsbedarf überwiegt. Dieses freiwillige Engagement wird in einer wachsenden Zahl jenseits der Vereine, Verbände und Institutionen inmitten der Zivilgesellschaft wahrgenommen. Zugleich verändert sich die Motivlage ehrenamtlicher Tätigkeit – weg von der „Aufopferung“ und der moralischen Verpflichtung hin zur Bereicherung und Zufriedenheit des Lebens. Auch innerhalb der Kirchen lässt sich dieser Prozess anhand von Untersuchungen, die vornehmlich in den 2010er Jahren stattfanden, beobachten. Die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (2024) zeigt zugleich, wie bedeutsam die Rolle der Kirche als Ort der Würdigung vorhandener Kompetenzen für den Zusammenhalt der Zivilgesellschaft ist. Auf dieser Grundlage wird es sinnvoll sein, auch in Zukunft zu einer Theologie des Ehrenamtes zu finden, die sich an der paulinischen Charismenlehre orientiert und von dort aus zur Stärkung des Ehrenamtes im kirchlichen Umfeld fähig wird.

Inhaltsverzeichnis

    1. Definition

    1.1 Definition im weltweiten Gebrauch

    In einer zeitgemäßen und aktualisierten Definition der „Universal Declaration on Volunteering“ (2001) wird die ehrenamtliche Arbeit so umrissen: „Freiwilliges Engagement […] ist ein Baustein der bürgerlichen Gesellschaft. Es erfüllt die hehrsten Ziele der Menschheit – das Streben nach Frieden, Freiheit, Lebenschancen, Sicherheit und Gerechtigkeit für alle mit Leben.“1Allgemeine Erklärung zum freiwilligen Engagement (The Universal Declaration on Volunteering): https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/100620/c9fff914094c43297a7b7689a4e63f2a/allg-erklaerung-zum-freiwilligen-engagement-data.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026. Anders als in der Definition des Jahres 1990 wird das Freiwillige Engagement in den veränderten zeitgeschichtlichen Bezug gestellt: „In unserem Zeitalter der Globalisierung und des ständigen Wandels rückt die Welt immer enger zusammen, wird verflochtener und komplexer.“ In diesem Kontext ist das Ehrenamt „ein Weg“, die menschlichen Werte der „Gemeinschaft, der Fürsorge und der Hilfsbereitschaft“ zu fördern, das „menschliche Potenzial“ vollkommen auszuschöpfen und „ausgrenzende Unterschiede zu überbrücken, so dass wir in gesunden, dauerhaften Gemeinschaften zusammenleben und miteinander neue Antworten auf die uns alle bedrohenden Herausforderungen finden und unser gemeinsames Los gestalten können.“2Allgemeine Erklärung zum freiwilligen Engagement (The Universal Declaration on Volunteering): https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/100620/c9fff914094c43297a7b7689a4e63f2a/allg-erklaerung-zum-freiwilligen-engagement-data.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026. Standen in den 1990er Jahren unter dem Begriff des „volunteer“ Fragen der Freiwilligkeit, der Wahlmöglichkeiten und der eigenständigen Entscheidung im Fokus, so wird in den 2000er Jahren die Rolle des freiwilligen Engagements für eine bedrohte und gefährdete Welt bedeutsamer. Das Volunteering steht damit nun für den engagierten, freiwilligen und beherzten Einsatz für eine friedliche und gerechte Welt. Nach dem Ergebnis einer Enquetekommission der Bundesregierung zum Ehrenamt3Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Berlin 2002, http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/089/1408900.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026. wird das freiwillige Engagement mit folgenden Merkmalen versehen: „Bürgerschaftliches Engagement ist […] freiwillig, nicht auf materiellen Gewinn gerichtet, gemeinwohlorientiert, öffentlich bzw. findet im öffentlichen Raum statt und wird in der Regel gemeinschaftlich/kooperativ ausgeübt.“4Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Berlin 2002, 38, http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/089/1408900.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026.

    1.2 Bezeichnungen im deutschen Sprachraum

    Angesichts dieser „Universal Declaration“ und des sich damit abzeichnenden Wandels der Bedeutung des Freiwilligen Engagements wird die Bezeichnung „Ehrenamt“ im deutschen Sprachraum zunehmend in Frage gestellt und als nicht immer zutreffend für das soziale Engagement bezeichnet; stattdessen überwiegen Bezeichnungen wie „Selbsthilfe“, „Bürgerarbeit“, „bürgerschaftliches Engagement“ oder „Freiwilligenarbeit“. Eine konsensfähige Bezeichnung für den im anglo-amerikanischen Sprachraum üblichen Begriff „volunteer“ gibt es im deutschsprachigen Raum auf Grund unterschiedlicher Konzepte nicht. Zunehmend geraten auch Freiwilligenzentralen oder Freiwilligendienste in den Fokus. Die Freiwilligendienste erleben seit den 2000er Jahren geradezu einen Boom; in den 2020er Jahren sind sie zunehmend digitalen Plattformen gewichen.

    2. Historische Hintergründe und Entwicklungen

    Historisch verankert ist das Ehrenamt im städtischen Bürgertum des 18. Jahrhunderts. Bis dahin war Ehre in der europäischen Gesellschaft an den Stand gebunden; mit dem Aufbruch der bürgerlichen Schicht inmitten der Gesellschaft wird Ehre dagegen mit Verdiensten für das Gemeinwohl verbunden. In Sozietäten und Gesellschaften engagierten sich angesehene Bürger für das städtische Armenwesen. In der „Patriotischen Gesellschaft“ Hamburgs (1765) untersuchten Bürger beispielsweise das ihnen zugewiesene Wohngebiet und organisierten gezielte Unterstützung bis hin zur Arbeitsbeschaffung. In der preußischen Städteordnung von 1808 wird das Ehrenamt des Bürgertums schließlich in die öffentliche Sozialverwaltung integriert: Es entsteht das politische Bürgeramt. Die Ausrichtung auf König und Obrigkeit wird überwunden zugunsten der ehrenamtlichen Mitarbeit der Bürger in der kommunalen Gemeindeverwaltung. Schließlich wird mit dem „Elberfelder System der Armutspflege“ (1853) die Grundlage für den sich im 20. Jahrhundert entwickelnden Sozialberuf geschaffen: Durch die zunehmende Industrialisierung entstanden insbesondere in den Städten prekäre Lebensverhältnisse, um die sich ehrenamtliche „Armenpfleger“ kümmerten. Waren es zunächst Männer, die ehrenamtlich tätig waren und durch Hausbesuche den Kontakt zu den betroffenen Menschen herstellten, beteiligten sich gegen den Widerstand der Männer in den 1880er Jahren auch zunehmend Frauen an den ehrenamtlichen Diensten der Armenpflege. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Menschen zum Ehrenamt verpflichtet, um dem „Wohl des Volkes“ zu dienen; das bis dahin entwickelte Ehrenamt wurde für nationalistische Zwecke missbraucht. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann sich eine Wiederbelebung des Ehrenamtes Bahn zu brechen. Von entscheidender Bedeutung war dabei die Gründung der „Aktion Gemeinsinn“ im Rahmen einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll (1957): Nach dem US-amerikanischen Vorbild wurde mittels breit angelegter Kampagnen für das Engagement der Bürger*innen zugunsten des Zusammenhalts der Gesellschaft geworben. Aufgaben, die im Sinne aller Menschen lagen, sollten nicht vom Staat gelöst, sondern durch ehrenamtliches Engagement aufgefangen werden. In den 1960er Jahren entstanden breit angelegte Werbekampagnen für die Unterstützung ausländischer Studierender, für die Begleitung Kranker in den Krankenhäusern oder für eine ökologische Verantwortungsübernahme.

    3. Zum Wandel des Ehrenamtes

    3.1 Statistische Erhebungen zum Ehrenamt

    Kaum ein Thema hat in den Verbänden sowie im sozialen Sektor in den letzten beiden Jahrzehnten (vor allem in den 2010er Jahren) so große Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie das Thema Ehrenamt. Seit 1990 sind mehr als 100 statistische Erhebungen zum Wandel des Ehrenamtes durchgeführt und veröffentlicht worden. Nach der viel beachteten „Eurovol-Studie“, in deren Rahmen 1993 bis 1995 Daten zur Situation des Ehrenamtes in neun europäischen Staaten (Deutschland, Großbritannien, Irland, Niederlande, Belgien, Slowakei, Bulgarien, Dänemark und Schweden) erhoben und ausgewertet wurden, gaben 27 % der Befragten an, außerhalb von Arbeit und Familie für oder mit einer Organisation ehrenamtlich tätig zu sein (Deutschland: 18 %).5Vgl. Anheier, Helmut K./Toepler, Stefan: Bürgerschaftliches Engagement in Europa. Überblick und gesellschaftspolitische Einordnung. In: APuZ, B 9 (2002), 31–38. Der „Deutsche Freiwilligensurvey“, der seit 1999 in einem Rhythmus von fünf Jahren erhoben wird6Der vorletzte Freiwilligensurvey von 2019 findet sich zum Download hier: https://search.gesis.org/research_data/ZA5714?doi=10.4232/1.14132(PDF), abgerufen am 01.06.2026. und dessen letzte Erhebung 2024 veröffentlicht wurde, kommt quantitativ durchgängig zu anderen Ergebnissen: Nach der jüngsten Erhebung von 2024 sind 36,7 % aller Bürger ab 14 Jahre in irgendeiner Form ehrenamtlich oder freiwillig engagiert (26,97 Millionen Bürger*innen).7Vgl. Freiwilliges Engagement in Deutschland – Zentrale Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys 2024, https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064, abgerufen am 01.06.2026. Dabei weist das bürgerschaftliche Engagement nach dieser letzten Studie eine hohe Beständigkeit auf; mehr als zwei Drittel der Ehrenamtlichen wollen ihr Engagement fortsetzen. Die meisten Freiwilligen engagieren sich im Bereich Sport und Bewegung. An zweiter Stelle steht das soziale Engagement für Menschen, die einer Unterstützung bedürfen. Erst an dritter Stelle folgt das ehrenamtliche Engagement in den Bereichen Kultur und Musik, in Schule und Kindergarten sowie im kirchlichen Bereich. „Insgesamt zeigt der Freiwilligensurvey 2024, dass sich das freiwillige Engagement in Deutschland in seiner herausragenden Bedeutung für das Gemeinwesen als sehr beständig erweist. Vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels ist die Engagementbeteiligung sehr stabil“.8Vgl. Freiwilliges Engagement in Deutschland – Zentrale Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys 2024, 48, https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064, abgerufen am 01.06.2026.

    3.2 Veränderte Motivlagen

    Zum ständisch geprägten Begriff der „Ehre“, dem die Forderung nach Selbstlosigkeit und Aufopferung auf Grund der historischen Entwicklungen inhärent ist, haben die sich aktuell freiwillig engagierenden Bürger*innen im Sportverein, der Kirchengemeinde oder in caritativ-diakonischen Einrichtungen heute keinen Bezug mehr. Ihre Motivation zu helfen erwächst entweder aus dem Überzeugtsein von der in der Organisation vertretenen Auffassung (primäre Motivation) oder weil sie sich in eine Gemeinschaft einbinden lassen wollen (sekundäre Motivation). Alle Studien 9Vgl. Motive des bürgerschaftlichen Engagements. Kernergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Befragung durch das Institut für Demoskopie Allensbach im August 2013, https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/94388/623395a6b3c03445ed1b1615927a3200/motive-des-buergerschaftlichen-engagements-data.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026. zur Motivlage des ehrenamtlichen Engagements kommen zu vergleichbaren Ergebnissen: Neben den Antworten „Weil es mir Freude macht“ (73 %), „Weil ich etwas für andere tun, ihnen helfen möchte“ (54 %), „Weil mir der Bereich bzw. die Gruppe, um die ich mich kümmere, besonders am Herzen liegt, z. B. die Umwelt, Kinder oder ältere Menschen“ (49 %) steht schon an vierter Stelle „Weil ich das Gefühl habe, mit meiner Tätigkeit etwas zu bewegen“ (44 %). Abgeschlagen steht mit nur noch 20 % die Motivationen „Aus Pflichtgefühl, aus moralischer Verpflichtung“ oder „Aus religiöser Überzeugung“ (12 %). Parallel zu den Individualisierungsschüben inmitten der Gesellschaft wird deswegen von „Motivbündeln“ für ein ehrenamtliches Engagement gesprochen: Neben der altruistischen Motivation (Gemeinwohlorientierung) tritt das gemeinschaftsbezogene Handeln, die gestaltungsorientierte Motivation (aktive Partizipation und Mitbestimmung) sowie die problemorientierte Perspektive (Bewältigung eigener Probleme und Veränderung gesellschaftlicher Missstände).10Vgl. Hacket, Anne/Mutz, Gerd: Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement. In: APuZ, B 9 (2002), 39–46. Intrinsische, das individuelle (Berufs-)leben bereichernde Aspekte machen das freiwillige Engagement inmitten einer sich verändernden Gesellschaft zu einem attraktiven Ziel. Dass in diesem Zusammenhang auch Nützlichkeitserwägungen eine Rolle spielen, schmälert den ehrenamtlichen Dienst in keiner Weise. Im Gegenteil: Das Ehrenamt, die Selbsthilfe oder das bürgerschaftliche Engagement gewinnt an Bedeutung, auch wenn sich die Strukturen und Motivlagen verändert haben. Von einer „Krise des Ehrenamtes“ kann also nicht die Rede sein. Nur die Motivbündel haben sich verändert: „Der individuell wahrgenommene Spaß [sc. am Ehrenamt] kann dann aus dem Erleben resultieren, einen Beitrag zum Wohlergehen von Einzelnen oder zur Veränderung der Gesellschaft zu leisten, die eigene Wirkmächtigkeit zu erleben und dafür auch Anerkennung zu erhalten oder sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben.“11Hacket, Anne/Mutz, Gerd: Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement. In: APuZ, B 9 (2002), 39–46, 43.

    3.3 Strukturveränderungen des ehrenamtlichen Engagements

    Strukturveränderungen des freiwilligen Engagements zeigen sich insbesondere dort, wo sich Menschen nicht mehr unbedingt in Vereinen oder Verbänden einbringen, sondern nach eigenen Organisationsformen neben den traditionellen Strukturen suchen. Es bilden sich informelle Strukturen des freiwilligen Engagements heraus, die ein hohes Maß an Beweglichkeit, Gestaltungsmöglichkeit und Freiheit besitzen. Dazu gehören Engagements in Selbsthilfegruppen, in Nachbarschaftshilfen, in Bürgerinitiativen oder in Projektgruppen aller Art. Immer handelt es sich dabei um Aktivitäten, die dem Gemeinwesen dienen und die in der Öffentlichkeit stattfinden. Mit dieser projektbezogenen, selbstorganisierten ehrenamtlichen Arbeit verändert sich auch die zeitliche Verbindlichkeit des Ehrenamtes. In den informellen Strukturen ohne feste Rechtsform kommt es zu einem Engagement, das für eine bestimmte Zeit und in einem begrenzten Raum wahrgenommen wird. Auch wenn das Ehrenamt noch innerhalb der Verbände stattfindet, verstehen sich die Ehrenamtlichen als Expert*innen, die eigenverantwortlich bestimmten Aufgaben nachgehen. Dem entspricht die Einsicht, dass ehrenamtlich und beruflich ausgeübte Sozialarbeit nicht gegeneinander auf- bzw. abzuwerten ist, sondern wechselseitig aufeinander verwiesen sein kann.

    4. Ehrenamt in der Kirche

    4.1 Untersuchungen der 2000er und 2010er Jahre

    Nach einer Studie zur „Motivation ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche für die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau“12Vgl. Reihs, Sigrid: Zur Motivation ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche. In: Lukatis, Ingrid (Hg.): Religion und Geschlechterverhältnis, Opladen 2000, 157–169. (2000) sowie einer Befragung unter allen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der bayerischen Landeskirche13Vgl. Ehrenamtlichkeit in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern Abschlussbericht von Joachim König, Diakon Dietmar Maschke, Nürnberg 2014, https://www.ehrenamt-evangelisch-engagiert.de/fileadmin/user_upload/ehrenamt/downloads/Evaluation/Abschlussbericht_Evaluation_Ehrenamtlichkeit_2012_web.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026; Ehrenamt sichtbar machen, 2. Evaluation der Ehrenamtlichkeit in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Ulrich Jacubek, Nürnberg 2017, https://www.ehrenamt-evangelisch-engagiert.de/engagementforschung/evaluation-ehrenamtlichkeit-2017/, abgerufen am 01.06.2026. (2014 bzw. 2017) zeigten sich im kirchlichen Milieu der 2000er und 2010er Jahre vergleichbare Tendenzen zum Wandel des Ehrenamtes.14Vgl. auch die Studie der Nordkirche: Das Ehrenamt im Kulturwandel. Ein Diskussionsanstoß der Arbeitsstelle Ehrenamt der Nordkirche, Hamburg 2016. Das direkte Angesprochensein durch die Pfarrerin oder den Pfarrer war nach diesen Erhebungen Grund für eine ehrenamtliche Mitarbeit: Es bedurfte einer besonderen Einladung, in der deutlich wurde, dass die besonderen Fähigkeiten und Begabungen des/der potenziellen Mitarbeiter*in gesehen werden. Auf diesen persönlichen Reichtum angesprochen zu werden, über den nicht eine marktübliche Bezahlung entscheidet, war für die meisten Menschen eine neue und ungewöhnliche Erfahrung. Die ehrenamtliche Mitarbeit von Frauen in Kirchengemeinden war deutlich höher als die der Männer. Neben der Familienarbeit erlebten Frauen im kirchlichen Ehrenamt ein Gefühl von Befreiung und Bestätigung. Das Ehrenamt in der Kirche war eine attraktive Lösung für Frauen, die einen dritten Weg zwischen der familiären Einbindung und der berufsmäßigen Fixierung suchen.15Weiterführende Literatur und Links zum Ehrenamt in den Kirchen aus den 2000er und 2010er Jahren finden sich unter: https://www.evangelisch-ehrenamt.de/reader, abgerufen am 01.06.2026.

    4.2 Ergebnisse der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung

    Mit der jüngsten, sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (2023)16Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft, Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, Leipzig 2023, https://kmu.ekd.de/fileadmin/user_upload/kirchenmitgliedschaftsuntersuchung/PDF/Wie_h%C3%A4ltst_du%E2%80%99s_mit_der_Kirche_%E2%80%93_Zur_Bedeutung_der_Kirche%E2%80%93in%E2%80%93der%E2%80%93Gesellschaft_KMU_6.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026. liegt eine aktuelle Erhebung vor, die das Bild für ehrenamtliches Engagement in der Kirche noch in einem neuen, anderen Licht erscheinen lässt: Das Hauptmotiv für kirchliches Engagement, das von 91 % aller kirchlich Engagierten genannt wird, lautet: „Gemeinschaft erleben und für andere da zu sein.“ Nur 43 % der Befragten gibt an, dass dabei religiöse Aspekte des christlichen Glaubens eine Rolle spielen. Aber entscheidend ist für 85 % der durch Interviews Befragten der wertschätzende Umgang in der Kirche: „Meine Erfahrung ist, dass in der Kirche ein wertschätzender Umgang miteinander herrscht.“17Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft, Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, Leipzig 2023, 90f., https://kmu.ekd.de/fileadmin/user_upload/kirchenmitgliedschaftsuntersuchung/PDF/Wie_h%C3%A4ltst_du%E2%80%99s_mit_der_Kirche_%E2%80%93_Zur_Bedeutung_der_Kirche%E2%80%93in%E2%80%93der%E2%80%93Gesellschaft_KMU_6.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026. Eine Differenzierung nach Frauen und Männern erfolgt in dieser aktuellen Erhebung nun nicht mehr. Darüber hinaus kommt die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zu dem Ergebnis, dass 61 % der Kirchlich-Religiösen, aber nur 33 % der Säkularen sich ehrenamtlich engagieren. „Damit sind die Kirche ein höchst relevanter Knotenpunkt zur Stärkung der Zivilgesellschaft. […] Dass Kirchenbindung ein so zentraler Faktor für die gesellschaftliche Integration über freiwilliges ehrenamtliches Engagement ist, dürfte nicht primär an religiösen Überzeugungen liegen. […] Entscheidend dürfte sein, dass die Kirchen in vielfältiger Weise Gelegenheitsstrukturen zur Verfügung stellen […], innerhalb derer sich gesellschaftliches Engagement leicht entfalten kann. Kirchen sind zur Mitarbeit einladende Organisationen, die den sozialen Zusammenhalt empirisch nachweisbar wesentlich stärken.“18Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft, Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, Leipzig 2023, 91f., https://kmu.ekd.de/fileadmin/user_upload/kirchenmitgliedschaftsuntersuchung/PDF/Wie_h%C3%A4ltst_du%E2%80%99s_mit_der_Kirche_%E2%80%93_Zur_Bedeutung_der_Kirche%E2%80%93in%E2%80%93der%E2%80%93Gesellschaft_KMU_6.pdf (PDF), abgerufen am 01.06.2026. Damit kommt dem Ehrenamt in der Kirche nicht nur für die Glaubensgemeinschaft, sondern auch für die Gesamtgesellschaft eine relevante Funktion zu.

    5. Theologie des Ehrenamtes

    Die moralische Verpflichtung zum Dienst für andere ist keine theologisch angemessene Begründung für das Ehrenamt im Wandel. Es ist vielmehr zu fragen, ob nicht eine Theologie des Ehrenamtes an die Charismenlehre der paulinischen Briefliteratur anzuknüpfen hat. „Hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, der gebe ohne Hintergedanken; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig“ (Röm 12,7f.[7] Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. [8] Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.Zur Bibelstelle). Die Charismenlehre des Paulus  oes-gnd-icon waiting... stellt eine gute Brücke zur Freude und Teilhabe als Grundmotivation ehrenamtlicher Tätigkeit her. Ehrenamtliche Mitarbeiter besitzen die Gabe, Enttäuschungen zu überwinden und die Ermutigungen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Charismen als Fundamente kirchlichen Lebens verleihen der sichtbaren Kirche Offenheit und Beweglichkeit; die eigenverantwortliche Funktion des Ehrenamtes jenseits der Funktion als „Erfüllungsgehilfen“ und „Lückenbüßer“ in einer finanziell angespannten Lage wird mit einer solchen theologischen Begründung des Ehrenamtes in den Mittelpunkt gerückt. Es wird deswegen für die Zukunft wichtig sein, auch die Rahmenbedingungen kirchlicher Freiwilligenarbeit zu überprüfen. Dazu gehören klare Aufgabenzuschreibungen, Versicherungs- und Erstattungsansprüche der ehrenamtlich Tätigen, Arbeiten in multiprofessionellen Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen, aber genauso auch die Forderung nach einer Anrechnung ehrenamtlicher Arbeit auf die Höhe der Altersbezüge. Eine zeitgemäße Gestaltung des Ehrenamtes sowie eine dazu gehörende theologische Begründung sind eine Herausforderung zukünftigen kirchlichen Handelns. Unter den Stichworten der Potenzialentfaltung und der Charismenentwicklung werden die ehrenamtlich Engagierten selbst zum Ausgangspunkt der Entwicklung in den Kirchen; von dieser auf Kompetenzen, Gaben und Würdigung ausgerichtete ehrenamtliche Praxis profitiert die oder der Engagierte mit seinem Bedarf nach Selbstverwirklichung, aber auch der Zusammenhalt der Gesamtgesellschaft. So kann sich mittels der Entdeckung theologischer Narrative ein „neues Ehrenamt“ unter dem Strukturwandel der ehrenamtlichen Tätigkeit auch inmitten der Kirchen entwickeln.

    Weiterführende Literatur

    Denner, Gabriele: Hoffnungsträger, nicht Lückenbüßer. Ehrenamtliche in der Kirche, Ostfildern 2014.

    Ehrhardt, Jens: Ehrenamt: Formen, Dauer und kulturelle Grundlagen des Engagements, Weinheim 2011.

    Hanusa, Barbara u.a. (Hg.): Engagiert in der Kirche. Ehrenamtsförderung durch Freiwilligenmanagement, Stuttgart 2010.

    Obenauer, Silke/Obenauer, Andreas: Gemeinde leiten in stürmischen Zeiten. Ein Werkbuch für Leitungsgremien, Berlin 2021.

    Rebenstorf, Hilke/Ahrens, Petra/Wegner, Gerhard: Potenziale vor Ort, Leipzig 2015.

    Redmann, Britta: Erfolgreich führen im Ehrenamt. Ein Praxisleitfaden für freiwillig engagierte Menschen, Wiesbaden 2017.

    Einzelnachweise

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