1. Begriff, Geschichte und Gegenwartsfragen
Der Begriff Berufung ist eine leitende Kategorie christlicher Existenzdeutung und ekklesialer Praxis. In Dogmatiken und Lehrwerken ist der Begriff mit unterschiedlichen Themen verknüpft (u. a. Glaube, Taufe, Erwählung, Gemeinde, Nachfolge, Amt, Ethik) und ein Knotenpunkt verschiedener dogmatischer Diskursfelder.1Zur Geschichte und dogmatischen Konstruktion des Berufungsbegriffs: Wagner, Falk, Art. Berufung III, in: TRE 5 (1980), 688–713. Vgl. auch Sparn, Walter, Art. Berufung IV. Dogmatisch, in: RGG4 1 (1998), 1351f.
Zur Differenzierung des Begriffs gehört die Unterscheidung zwischen einer allgemeinen Berufung aller Menschen in die Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott (vocatio generalis), der Berufung in die christliche Existenz und die Gemeinschaft der Kirche (vocatio spiritualis) sowie der Berufung zu bestimmten Diensten und Lebensformen (vocatio specialis). Zudem hat sich seit dem 17. Jahrhundert die Rede von innerer und äußerer Berufung etabliert: Die vocatio interna meint ein inneres, geistlich gedeutetes Betroffensein und eine entsprechende Motivationslage; die vocatio externa bezeichnet den Ruf, der durch die Gemeinde, kirchenleitende Gremien oder eine Ordination öffentlich ausgesprochen wird.
In historischer Perspektive zeigt sich eine differenzierte Entwicklung des Berufungsbegriffs. In biblischen Überlieferungen hat Berufung (gr. κλῆσις) einen mehrfachen Sinn (vgl. 1Kor 1,9Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.Zur Bibelstelle; 1Kor 7,17–24[17] Doch soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. Und so ordne ich es an in allen Gemeinden. [18] Ist jemand als Beschnittener berufen, der bleibe beschnitten. Ist jemand als Unbeschnittener berufen, der lasse sich nicht beschneiden. [19] Die Beschneidung ist nichts, und die Unbeschnittenheit ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten. [20] Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde.[21] Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch kannst du frei werden, so nutze es umso lieber. [22] Denn wer im Herrn als Knecht berufen ist, der ist ein Freigelassener des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi. [23] Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. [24] Brüder und Schwestern, bleibt alle vor Gott, worin ihr berufen seid.Zur Bibelstelle; Eph 1,18[18] Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen istZur Bibelstelle; 4,1–6[1] So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, [2] in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe [3] und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: [4] ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; [5] ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; [6] ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.[7] Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.Zur Bibelstelle).2Vgl. Strecker, Christian, Art. Berufung (NT), in: WiBiLex, 2010 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/49978/), abgerufen am 22.12.2025. Mit dem Begriff wird der Ruf des Evangeliums an diejenigen beschrieben, die sich „aus der Welt der Gottesferne zum Glauben an den auferstandenen Herrn“3Kehrer, Günter, Art. Beruf / Berufung, in: HrwG 2 (1990), 122–129, 124. haben herausrufen lassen. Auch werden die so Berufenen – und damit alle Christen4Vgl. Holl, Karl, Die Geschichte des Wortes Beruf (1924), in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte, Bd. 3: Der Westen, Tübingen 1928, 189–219, 190. – aufgefordert, ein dieser Berufung würdiges Leben zu führen.
Frühchristliche und monastische Traditionen profilieren Berufung als besondere Lebensform und asketische Nachfolgegestalt.5Vgl. Wagner, Berufung, 689–702. Die Reformation weitet den Horizont und versteht „Beruf“ als Ort alltäglicher Verantwortung und christlicher Lebensführung in Welt und Gesellschaft. In der Neuzeit verbindet sich der Berufungsbegriff zunehmend mit Subjektivierungsprozessen, biografischer Selbstdeutung und berufsethischen Orientierungen. Gleichwohl bleibt Berufung ekklesial gerahmt: Sie vollzieht sich innerhalb gemeinschaftlicher Deutungs- und Anerkennungszusammenhänge und wird zugleich individuell angeeignet, sodass geistliche, soziale und institutionelle Dimensionen ineinandergreifen.
Die Rede von der Berufung wird in Kirchen und christlichen Gemeinschaften der Gegenwart als Ressource erlebt, um Lebensentscheidungen – etwa in Berufswahl, Ehrenamt oder Ordination – nicht nur funktional, sondern sinnhaft und geistlich zu deuten. Andererseits wirft das Konzept eines theonomen Anrufs einer Berufung Fragen auf:6Vgl. u. a. Striet, Magnus, Alles eine Frage der Berufung? Über Kirche und Macht, in: Kopp, Stefan (Hrsg.), Macht und Ohnmacht in der Kirche. Wege aus der Krise (Kirche in Zeiten der Veränderung 2), Freiburg i. Br. 2020, 148–162. Werden mit dem Berufungsgedanken heteronome Maßstäbe von gelungenem Leben an Menschen herangetragen und als normativ erklärt? Inwieweit perpetuiert Berufung als exklusive Kategorie Standesstrukturen und Machtansprüche und ist mit bestimmten Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Körperlichkeit verknüpft? Feministische, queere und postkoloniale Theologien weisen darauf hin, dass Berufungsnarrative lange Zeit vor allem heteronormative und westlich-mittelständische Lebensentwürfe privilegierten. Neuere Berufungstheologien versuchen, die Vielfalt von Lebensformen ernst zu nehmen und Berufung ausdrücklich kontextuell, machtkritisch und inklusiv zu profilieren.7Vgl. Löffler, Alexander/Vechtel, Klaus (Hrsg.), Was ist Berufung? Theologische Sondierungen zu einem prekären Begriff (QD 348), Freiburg i. Br. 2025.
2. Die Mehrdimensionalität von Berufung
Systematisch-theologisch steht Berufung für die innerweltliche Unableitbarkeit des Christwerdens und die Nichtselbstverständlichkeit des Christseins sowie für die differenzierte Struktur und Gestaltung einer christlichen Lebens- und Dienstgemeinschaft. Ein Referenzpunkt für diesen mehrdimensionalen Gebrauch findet sich in den Studientexten der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).8Vgl. Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa (Leuenberger Konkordie, 1973), dreisprachige Ausgabe, hrsg. v. Michael Bünker und Martin Friedrich, Leipzig 2013; Die Kirche Jesu Christi. Der reformatorische Beitrag zum ökumenischen Dialog über kirchliche Einheit (Leuenberger Texte 1), hrsg. v. Michael Bünker und Martin Friedrich, Leipzig 42012; Amt, Ordination, Episkopé und theologische Ausbildung (Leuenberger Texte 13), hrsg. v. Mario Fischer und Martin Friedrich, Leipzig 22020. Darin ist von der Berufung zum Christsein wie von der Berufung zum christlichen Leben und zum besonderen Dienst bzw. zum kirchlichen Amt die Rede.9Vgl. dazu Melzl, Thomas, Berufung, Beauftragung und das eine Amt der Kirche, in: ZThK 121 (2024) 104–132.
Berufung kann theologisch als Geschehen konzeptualisiert werden, in dem Menschen sich durch einen qua interpretierter Erfahrung identifizierten Ruf Gottes zu einem bestimmten situationsbezogenen Handeln bewegen lassen und dadurch in einen Prozess der Selbstwerdung hineinfinden, in dem sie befähigt und beansprucht werden, ein Gott entsprechendes Leben zu führen. Diese Definition deutet an, dass der Berufungsbegriff mit fundamentalen theologischen, anthropologischen und ekklesiologischen Fragen verbunden ist.
Als vocatio generalis impliziert Berufung, dass jeder Mensch als Bild Gottes dazu berufen ist, sich als leibgebundenes und soziales Geschöpf wahrzunehmen, in Gemeinschaft mit dem Schöpfer zu leben und als dessen Repräsentant die Welt zu gestalten. Berufung ist eine inklusive theologische Kategorie, da alle Menschen im Evangelium Gottes von Jesus Christus zur christlichen Existenz gerufen sind.10Vgl. Leuenberger Konkordie, 47f (LK 10). Diese Berufung zielt auf die persönliche Antwort des Glaubens, die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi und den verantwortlichen Dienst in Gemeinde und Welt im Horizont des Reiches Gottes.11Vgl. Leuenberger Konkordie, 48 (LK 11).
Ekklesiologisch ist Berufung zunächst ein inklusives Geschehen, insofern „alle getauften Christen […] zu einem Leben in Zeugnis und Dienst berufen sind.“12Amt, 126. Zur Taufe als grundlegender Berufung aller Christinnen und Christen vgl. Pannenberg, Wolfhart, Systematische Theologie 3, Göttingen 1993, 314f., 406–410. Die gemeinsame Berufung aller Glaubender und Getaufter gewinnt Gestalt in der Vielfalt der Gaben und Dienste der Kirche Jesu Christi. Sie schließt auch die Berufung zu besonderen Tätigkeiten und Existenzweisen sowie Diensten innerhalb der Kirche und christlichen Gemeinschaften ein. Die Berufung zum ministerium verbi als hauptamtlicher Verkündigungsdienst wird von der Anerkennung anderer Charismen und Dienste dadurch unterschieden, dass die Beauftragung zu Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung mit der Ordination verbunden ist.13Vgl. Melzl, Berufung, 121f. Gemeinschaftlich-ekklesiale und individuelle Aspekte der Berufung sind anhand von bestimmten Kriterien (u. a. Gaben, Bildungsprozesse, Anerkennung) miteinander verschränkt. Die Spannung zwischen persönlicher Berufungserkenntnis und kirchlichen Anerkennungsentscheiden gehört zur sozialen Verfasstheit menschlicher Lebensgeschichten, ist jedoch angesichts ihrer Fehlbarkeit abzumildern.14Vgl. Faber, Eva-Maria, Aspekte kirchlicher Verantwortung im Prozess der Erkenntnis und Anerkenntnis von Berufungen, in: Löffler, Alexander/Vechtel, Klaus (Hrsg.), Was ist Berufung? Theologische Sondierungen zu einem prekären Begriff (QD 348), Freiburg/Basel/Wien 2025, 325–349.
Die individuelle Dimension von Berufung steht somit in einer geordneten Beziehung zur gemeinschaftlich-ekklesialen Dimension. Die persönlich-individuelle Dimension der Berufung wird ekklesial an Schrift, Bekenntnis, liturgische und geistliche Traditionen rückgebunden und in institutionelle Formen – etwa Ausbildungsgänge, Beauftragungen und Ämter – übersetzt. Dies sollte so geregelt werden, dass die durch Individualität und Authentizität geprägte individuelle Dimension mit ihren Vollzugs- und Kontingenzmomenten integrierbar ist und nicht marginalisiert wird.
Zur Mehrdimensionalität des Berufungsbegriffs gehört nicht zuletzt, dass eine Berufungstheologie auf der theologisch herausfordernden Annahme beruht, dass Gott in der Geschichte wirksam ist und Menschen sowie christliche Gemeinschaften in bestimmten Situationen anspricht und orientiert.15Vgl. Schumacher, Ursula, Berufung und christliche Existenz. Spannungsfelder eines Berufungsgeschehens, in: IKaZ 52 (2023), 364–375. Dabei bleibt jede Deutung innerweltlicher Ereignisse als Ausdruck des Willens Gottes vorläufig, korrigierbar und auf kritische Prüfung angewiesen.
3. Berufung als relationales Geschehen und inklusive Kategorie
Der Berufungsbegriff deutet die Einsicht an, dass Lebensformen und Dienste aus der Perspektive des christlichen Glaubens über funktionale Eignung und professionelle Ausbildung hinaus einen tieferen und die ganze Existenz fordernden Sinn haben können. Berufung ist nicht nur eine Ereignis-, sondern auch eine Deutekategorie, anhand derer Menschen die Übersetzung des Schöpfer- und Heilswortes Gottes in die persönliche Biografie wahrnehmen und gestalten. In religiöser wie auch allgemeiner Hinsicht kann Berufung für Individualität und Subjektwerdung stehen,16Vgl. Poetsch, Benedikt, Identität als Berufung. Eine subjektivitätstheoretische Erschließung der Berufungsthematik im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil (Studien zur systematischen und spirituellen Theologie 55), Würzburg 2020. die sich im Gegenüber zu prekären Anpassungen und unterwerfenden Abhängigkeiten vollzieht. Nicht zuletzt ist ein theologischer Berufungsbegriff auf der Grundlage von Max Webers ![]()
„Berufsethik“ mit modernen Vorstellungen von Arbeitsbiografie und Profession verschränkt.17Vgl. Weber, Max, Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 1988, 1–206. Berufstätigkeit wird als Ort anerkannter Freiheitsverwirklichung verstanden, die sich stets innerhalb konkreter sozio-ökonomischer Bedingungen vollzieht und daher auch sozialethisch zu reflektieren ist.
Anthropologisch ist Berufung eine Kategorie der Subjektwerdung. Sie betont, dass menschliche Identität nicht allein im Rückzug auf ein inneres Selbst entsteht, sondern in verantwortlichen Bezügen zu anderen Menschen, zu gesellschaftlichen Strukturen und als aktiv-passive Erfahrung Extraterritorialität voraussetzt. Berufung muss sich ereignen. In ihr drückt sich die Unverfügbarkeit der eigenen Existenz gegenüber instrumentellen Selbstbestimmungen und Kontrollimpulsen aus. Sie betrifft die gesamte menschliche Existenz und jeden Menschen in seiner Lebensentwicklung und Identitätsfindung auf individueller und kollektiver Ebene. Als anthropologische Kategorie beinhaltet der Berufungsbegriff eine kritische Ressource gegenüber allen Formen der Heteronomie und Herrschaft, kann diese doch nur am Ort des Subjektes angeeignet und verantwortet und damit auch konstituiert werden. Gleichzeitig stellt der Begriff ein idealistisches Subjektverständnis infrage, bei dem das Subjekt keiner Erfahrung der Äußerlichkeit bedarf und strukturell nicht auf ein Anderes verwiesen ist. Denn der Ruf wird nicht vom Subjekt hervorgebracht, sondern gehört, ohne dass es dadurch zu einer heteronom-autoritäten Unterwanderung der Subjektwerdung kommt.18Vgl. Guanzini, Isabella, Berufung als Subjektwerdung. Philosophisch-theologische Perspektiven im säkularen Kontext, in: Löffler, Alexander/Vechtel, Klaus (Hrsg.), Was ist Berufung? Theologische Sondierungen zu einem prekären Begriff (QD 348), Freiburg/Basel/Wien 2025, 36–58.
Berufung kann als relationales Geschehen verstanden, interpretiert und beschrieben werden. Sie verbindet Widerfahrnis und Selbstvollzug, hat Geschenkcharakter und ist tätige Aneignung. Berufung geschieht, indem sie gehört, gedeutet, angenommen und gelebt wird. In dieser Perspektive gewinnt eine „Ethik der Berufung“ Gestalt, die Freiheit, Verantwortung und ekklesiale Anerkennungsprozesse zusammenhält.
Die persönlich-individuelle Dimension der Berufung beinhaltet offenbarungstheologische (Erschließung), bewusstseinstheoretische (Überzeugung, Gewissheit) und existenzbezogene (Entscheidung, Umkehr) Momente. Berufungsgeschichten sind kontingent, bruchstückhaft und revidierbar – und gerade so Ausdruck von Freiheit unter der Verheißung Gottes.
Als inklusive Kategorie überschreitet Berufung die Grenze christlichen Selbstverständnisses und innerkirchlicher Selbstbeschreibungen. Jeder Mensch lässt sich in seiner Existenz als ein Ruf Gottes verstehen.19Vgl. Scheuer, Manfred, Der Mensch ist Ruf Gottes. Zur theologischen Grundlegung von Berufung, in: ThPQ 150 (2002), 53–62, bes. 55. Von der in Jesus Christus her offenbaren Berufung, so formuliert Karl Barth ![]()
, „sind die Nichtchristen und die Christen in ihrer ganzen Verschiedenheit, was sie sind: Menschen, die ihre Berufung nur eben vor sich haben, die Einen – und Menschen, die sie hinter sich und vor sich haben, die Anderen“.20Barth, Karl, Kirchliche Dogmatik IV/3, Zürich-Zollikon 1959, 571.
