Geschlecht

Geschlecht kann als eine grundlegende Ordnungskategorie der Sprache wie der Gesellschaft verstanden werden, die zwischenmenschliche Verhältnisse und soziale Institutionen strukturiert. Auf diese Weise normieren Geschlechterordnungen das Zusammenleben, indem sie bestimmte Praktiken, Lebensformen usw. unterstützen oder begrenzen. Die subtilen Muster und Dynamiken von Geschlecht durchdringen alle Bereiche der Gesellschaft und damit auch von Religion und Theologie, sowohl explizit als auch implizit.

Inhaltsverzeichnis

    1. Problemhorizont zwischen Positionsfaktor und Körpererleben

    Fragen von Geschlecht werden in der Systematischen Theologie erst ab den 1980er-Jahren diskutiert, daher sind auch in vielen einschlägigen deutsch- wie englischsprachigen Nachschlagewerken eher Spuren dazu denn tatsächlich ausgearbeitete Konzeptionen zu finden. Die folgende Darstellung konzentriert sich dabei auf den deutschsprachigen protestantischen Diskurs. Dies liegt sicher auch daran, dass in der Systematischen Theologie lange Zeit ein Androzentrismus eine theologisch wirksame Grundstruktur dargestellt hat, im Sinne einer „unreflektierte[n] Identifizierung[…] der Konzepte ‚Mann‘ und ‚Mensch‘“.1Praetorius, Ina, Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik seit 1949, Gütersloh 1993, 188.

    Grundsätzlich gilt: Für moderne Gesellschaften erscheinen Geschlechterrollen als ein grundlegendes Strukturierungsprinzip, durch das Menschen als Männer und Frauen unabhängig von ihrem individuellen Wollen in soziale Gestaltungsprinzipien eingebunden werden. Alle Menschen werden somit geschlechtlich gelesen. Die zwei Geschlechter männlich und weiblich werden im System der Zweigeschlechtlichkeit nicht nur dichotom unterschieden, sondern auch hierarchisch aufeinander bezogen und in weiten Teilen von Gesellschaft immer noch als einzige Möglichkeit angesehen, Körper zu beschreiben. Damit verbindet sich im Allgemeinen eine Abwertung des Weiblichen.2Vgl. Ammicht-Quinn, Regina, Art. Geschlechterbeziehung, Geschlechterrollen, in: Lexikon für Theologie und Kirche (31995), Freiburg et al. 1995, 570–572, 570.

    Das Geschlechterverhältnis ist somit als sozialer Strukturzusammenhang in die Gesellschaft eingelassen, und das weltweit. Vor allem die Debatten um die gesellschaftliche Anerkennung von Angehörigen der LGBTIQA+-Gruppen zeigen, wie stark Konzeptionen von Geschlecht nicht nur individuelle, sondern auch kollektive gesellschaftliche Zugehörigkeiten prägen. Geschlechtskonzeptionen sind der intimste Bestandteil individueller und kollektiver Identität.

    Sozial kulturelle Deutungen (gender) der Geschlechtlichkeit verdichten sich in der sozialen Geschlechterordnung, die gesellschaftliche Geschlechterrollen und -verhältnisse normiert. Geschlechtsbezogene Asymmetrien und Diskriminierung provozieren dabei die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit.

    2. Definitionsansätze Geschlecht

    Geschlecht lässt sich dabei zweifach beschreiben: Zum einen als biologische Disposition (sex) und zum anderen die sozialen und kulturellen Geschlechterrollen (gender), in denen Geschlechtlichkeit gedeutet, ausgedrückt und normiert wird. Geschlecht interagiert mit weiteren Ordnungskategorien (z. B. class/Schichtzugehörigkeit, race/ethnische Zugehörigkeit), die einander überschneiden und ggf. verstärken (vgl. Art. Intersektionalität).

    Menschliche Körper werden geschlechtlich gelesen, daher ist Geschlecht auch als ein Faktor kollektiver Zugehörigkeit, persönlicher Identitätsbildung und eigenen Körpererlebens, etwa im Feld der Sexualität, zu verstehen (vgl. Art. Transgeschlechtlichkeit).

    2.1. Zum Zusammenhang Sex, Gender, Desire und Care

    Gegenwärtige Gendertheorie ist eng mit den Ansätzen Judith Butlers oes-gnd-iconwaiting... verknüpft, und beruht auf der Argumentation, dass letztlich auch das biologische Geschlecht über Sprache geschaffen und konstruiert werde.3Vgl. Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M, 1991. Butler geht davon aus, dass das, was wir als Geschlechtsidentität sehen, performativ hergestellt wird (doing gender). Dann wäre die geschlechtliche Identität nicht nur die Bedeutung, die die Kultur dem geschlechtlichen Körper zuschreibt, sondern das Mittel, mit dem und zugleich der Grund, warum das Geschlecht selbst hergestellt wird.4Vgl. Jäger, Sarah, Geschlechtergerechtigkeit als Aufgabe evangelischer Ethik – Fürsorge und Beziehungen stärken, in: Hofheinz, Marco/Johnsdorf, Cornelia (Hrsg.), The Grand International Challenges. Theologisch-ethische Perspektiven, Stuttgart 2021, 179–204. Mit dem Ausdruck der Heteronormativität wird bei Butler die gesellschaftliche Annahme bezeichnet, dass körperliches und soziales Geschlecht übereinstimmen und sich an dieses Geschlecht jeweils auch ein heterosexuelles Begehren verbindet (Desire) (vgl. Art. Sexualität). Mit diesem Begehren verbinden sich dann auch geschlechtsspezifsche Zuweisungen von Fürsorgeaufgaben (Care). Ob es neben dieser sozialen Konstruktion von Geschlecht über Sprache noch gewisse biologische oder körperliche Konstanten von Geschlecht gibt, ist umstritten. Für Theologie ist es deswegen nicht relevant, ob Geschlecht ausschließlich sozial konstruiert ist. Fest steht, dass Geschlecht auch sozial konstruiert ist und damit eine hohe gesellschaftliche Relevanz entwickelt und Menschen immer wieder auch einschränkt und begrenzt.

    2.2. Transidentität

    Dass menschliches Leben und insbesondere Körpererleben vielfältiger ist und über die Annahme hinausgeht, dass jeder Mensch ein angeborenes und unveränderliches Geschlecht habe, zeigt sich insbesondere an den Diskursen um Transidentität.

    Transidentität bedeutet das Erleben von Menschen, dass ihre Identität jenseits (lat. trans) zu dem Geschlecht liegt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Es liegt bei ihnen eine Inkongruenz zwischen physischem und psychischem Geschlechtserleben vor – es handelt sich also um eine Normvariante der Geschlechtsidentität.5Vgl. Prüll, Livia, Das Unbehagen am transidenten Menschen. Ursprünge, Auswirkungen, Ausblick, in: Schreiber, Gerhard (Hrsg.), Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaft, Berlin 2016, 256–293, 256. Innerhalb der evangelischen Theologie ist Transidentität erst seit etwa fünfzehn Jahren im Blick. Es gilt noch immer, was Heike Walz oes-gnd-iconwaiting... 2012 feststellte: „Die Transzendierung der Zweigeschlechtlichkeit (in der Inter- und Transsexualität) wird in der deutschsprachigen Theologie noch kaum bedacht, häufig als völlig abseitig disqualifiziert.“6Walz, Heike, Gegen den Strom schwimmen. Feministische Theologie und Theologische Geschlechterforschung im samtenen Dreieck von Gesellschaft, Kirche und Wissenschaft, in: Wrogemann, Henning (Hrsg.), Theologie in Freiheit und Verbindlichkeit. Profile der Kirchlichen Hochschule Wuppertal‐Bethel, Neukirchen‐Vluyn 2012, 183–211, 205.

    3. Geschlecht und Geschlechtlichkeit in der biblischen Überlieferung

    In der Bibel wird die Geschlechtlichkeit des Menschen überwiegend positiv als Geschenk Gottes an den Menschen gewertet. Hier markiert Gen 1–3 einen zentralen Ausgangspunkt und macht insbesondere deutlich, dass der Mensch als Beziehungswesen mit entsprechender Abhängigkeit voneinander geschaffen ist. Die positive Bewertung von Geschlechtlichkeit findet ihre Fortsetzung in Koh 9,9Genieße das Leben mit der Frau, die du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne.Zur Bibelstelle und Spr 5,15–20[15] Trinke Wasser aus deiner Zisterne und was quillt aus deinem Brunnen. [16] Deine Quellen sollen herausfließen auf die Straße und Wasserbäche auf die Gassen! [17] Habe du sie allein und kein Fremder mit dir. [18] Dein Brunnen sei gesegnet, und freue dich der Frau deiner Jugend. [19] Sie ist lieblich wie eine Gazelle und holdselig wie ein Reh. Lass dich von ihrer Anmut allezeit sättigen und ergötze dich allewege an ihrer Liebe.[20] Mein Sohn, warum willst du dich an der Fremden ergötzen und herzest eine andere?Zur Bibelstelle sowie insbesondere im Hohelied, in dem die Geschlechtlichkeit des Menschen und insbesondere auch das sexuelle Begehren im Mittelpunkt stehen. Im Neuen Testament ist in diesem Zusammenhang insbesondere Jesu Beurteilung der Ehescheidung zu nennen (Mt 5,31f.[31] Es ist auch gesagt : »Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.« [32] Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Unzucht, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.Zur Bibelstelle). Paulus oes-gnd-iconwaiting... lebte ehelos und favorisierte diese Lebensform aufgrund ihrer Radikalität vor dem Hintergrund seiner Naherwartung. Trotzdem wertete er die Geschlechtlichkeit des Menschen keineswegs ab (1Kor 7,25–38[25] Über die Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn; ich sage aber meine Meinung als einer, der durch die Barmherzigkeit des Herrn verlässlich ist. [26] So meine ich nun, solches sei gut um der kommenden Not willen: Es ist gut für den Menschen, in dem Stand zu bleiben, in dem er ist. [27] Bist du an eine Frau gebunden, so suche nicht, von ihr loszukommen; bist du nicht gebunden, so suche keine Frau. [28] Wenn du aber doch heiratest, sündigst du nicht, und wenn eine Jungfrau heiratet, sündigt sie nicht; doch werden solche in äußere Bedrängnis kommen. Ich aber möchte euch gerne schonen.[29] Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; [30] und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; [31] und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.[32] Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid. Wer ledig ist, der sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er dem Herrn gefalle; [33] wer aber verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, [34] und so ist er geteilten Herzens. Und die ledige Frau und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, dass sie heilig seien am Leib und auch am Geist; aber die verheiratete Frau sorgt sich um die Dinge der Welt, wie sie dem Mann gefalle. [35] Das aber sage ich zu eurem eigenen Nutzen; nicht um euch in einem Netz zu fangen, sondern damit es recht zugehe und ihr stets und ungehindert dem Herrn dienen könnt.[36] Wenn aber jemand meint, er handle unrecht an seiner Jungfrau, – wenn die Zeit längst reif ist und es geschehen soll, so tue er, was er will; er sündigt nicht, sie sollen heiraten. [37] Wer aber in seinem Herzen fest bleibt und nicht unter Zwang steht, sondern seinen freien Willen hat und in seinem Herzen beschließt, seine Jungfrau unberührt zu lassen, der tut gut daran. [38] Also, wer seine Jungfrau heiratet, der handelt gut; wer sie aber nicht heiratet, der handelt besser.Zur Bibelstelle). Der Epheserbrief vergleicht die Beziehung zwischen Menschen mit der Beziehung zwischen Christus und der Kirche. Gal 3,28Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.Zur Bibelstelle stellt den zentralen Text dar, der die Bedeutung von Intersektionalität im Neuen Testament aufzeigt. Diese Taufformel zeigt, dass Zuweisungen wie Geschlecht „in Christus“, d. h. auch in den Gemeinden keine Unterschiede mehr begründen sollten.7Vgl. dazu ausführlich Janssen, Claudia, Art. Gender (NT), in: WiBiLex, 2020 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/48903/), abgerufen am 16.12.2025.

    4. Systematisch-theologische Relevanz von Geschlechterfragen

    Geschlecht hat eine hohe Bedeutung für systematisch-theologisches Nachdenken, dies lässt sich vierfach abschichten:

    1. Die Kirchen- und Theologiegeschichte ist ebenso wie die biblischen Überlieferungen zutiefst patriarchal imprägniert. Diese Traditionsstränge gilt es ideologiekritisch zu reflektieren und insbesondere die Relevanz solcher Diskursstränge für die Gegenwart zu bedenken.
    2. Die historischen und biblischen Traditionsbestände kennen jedoch auch Momente der Befreiung und der (Geschlechter)gerechtigkeit, auch diese sind in den theologischen Diskurs der Gegenwart einzutragen.
    3. In der Systematischen Theologie hat sich lange eine Gleichsetzung von Mann und Mensch sowie Mann und Kultur – Frau und Natur durchgesetzt, häufig verbunden mit einer Ausblendung körperlicher und emotionaler Erfahrungsdimensionen.8Vgl. Althaus-Reid, Marcella, Indecent Theology, London 2000.
    4. Theologische Ethik setzt sich mit vorfindlichen Lebensrealitäten auseinander und reflektiert diese. Das gilt auch für Geschlecht als gesellschaftliche Strukturierungs- und Wissenskategorie. Christliche Ethik fragt jedoch auch immer danach, wie wir leben wollen, wie Leben für alle und menschliches Blühen umgesetzt werden können.
    5. Feministische theologische Ethik hat in der Aufnahme und im kritischen Weiterdenken von Carol Gilligan oes-gnd-iconwaiting... und Nel Noddings oes-gnd-iconwaiting... einen Ansatz einer Care-Ethik oder Ethik der Sorge entwickelt. Diese zeigt paradigmatisch, wie menschliches Leben von Fürsorgebeziehungen durchwebt ist, dass Menschen lebensphasen- und situationsspezifisch abhängig sind von der (Für)Sorge Anderer. Klassische Theologie stellt demgegenüber häufig die Autonomie und Freiheit des Menschen in den Fokus. Care vollzieht sich in Beziehungen, gerade auch in jenen, die nicht egalitär und reziprok sind. Hierbei kommen Achtsamkeit, Verantwortung, Ansprechbarkeit und Kompetenz eine entscheidende Rolle zu. Reziprozität kann dann im Sinne einer immer wieder wechselseitigen Abhängigkeitserfahrung verstanden werden.

    5. Feministische Theologien als Auseinandersetzungsbewegungen mit der Frage nach Geschlecht

    Die Wortkombination selbst taucht im europäischen Raum zum ersten Mal Mitte der 1970er Jahre auf. Für die gesamtgesellschaftliche und politische Frauenbewegung, die Wurzel und Motivator der feministischen Theologie war, lassen sich im Wesentlichen drei Wellen unterscheiden (1. Welle im 19. und frühen 20. Jahrhundert, zweite Welle in den 1960er Jahren und 3. Welle in den 2000er Jahre). Feministische Theologie hat sich schon früh selbst Rechenschaft abgelegt und transparent gemacht, welche eigene Erfahrungswelt einer theologischen Einsicht zugrunde liegt. Persönliche Erfahrungen waren Anstoß und Motivator, sich theologisch-wissenschaftlich (neu) auf den Weg und auf die Suche nach Antworten zu machen. Innerhalb der feministischen Theologie lassen sich vergröbert drei verschiedene Typen unterscheiden: der Gleichheitsfeminismus, der Differenzfeminismus und der dekonstruktivistische Feminismus. Der Gleichheitsfeminismus setzt bei der Frage nach rechtlicher Gleichstellung an. Hier wird feministische Theologie beschrieben als „eine Theorie, Praxis und weltweite, internationale, interkontinentale und interreligiöse Bewegung und Diskussion, die Frauen in allen Lebensbereichen von Staat, Gesellschaft, Kultur und Religion gleichen Einfluss und eine gleichberechtigte Position verschaffen möchte“.9Meyer-Wilmes, Hedwig, Art. Programm Feministischer Theologie(n), in: Gössmann, Elisabeth et al. (Hrsg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie, Gütersloh 22002, 147–150. Im Unterschied dazu geht der Differenzfeminismus, vereinfacht formuliert, von einer bleibenden Unterschiedenheit von Männern und Frauen aus.

    Der dekonstruktivistische Feminismus nimmt Thesen von Judith Butler oes-gnd-iconwaiting... auf. Bisher wurden die Kategorien Sex, Gender, Desire und Care von Judith Butler nur zögernd in der theologischen Forschung aufgenommen. So kritisiert beispielsweise Uta Pohl-Patalong oes-gnd-iconwaiting..., es werde bisher nur wenig reflektiert, was es für die Theologie bedeute, die Strukturkategorie Gender methodologisch und inhaltlich konsequent umzusetzen. Auch die Binarität von Geschlecht wurde zumeist unhinterfragt vorausgesetzt.10Pohl-Patalong, Uta, Art. Gender, in: Gössmann, Elisabeth et al. (Hrsg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie. Gütersloh 22002, 16–221.

    In der christlichen Theologie spielt die kritische Männlichkeitsforschung eine wesentliche Rolle dabei, konventionelle Vorstellungen von Männlichkeit zu hinterfragen (vgl. hierzu beispielsweise Raewyn Connell oes-gnd-iconwaiting... oder Björn Krondorfer oes-gnd-iconwaiting...). Diese Untersuchungen legen offen, wie traditionelle Männlichkeitsbilder zur Unterdrückung von Frauen beigetragen haben und weiterhin beitragen können. Das Ziel ist es, biblische Texte neu zu interpretieren, um eine Theologie zu entwickeln, die auf Gleichheit, Partnerschaft und Respekt für alle Menschen basiert. Dieser Ansatz ermutigt Männer, ihre eigenen Privilegien und die Nachteile, die sie in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen erleben, zu reflektieren und sich aktiv für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen.11Fischer, Martin, Männermacht und Männerleid. Kritische theologische Männerforschung im Kontext genderperspektivierter Theologie als Beitrag zu einer Gleichstellung der Geschlechter, Göttingen 2008.

    Im 21. Jahrhundert präsentiert sich die feministische Theologie als „interdisziplinär, interkonfessionell, international, interkulturell und interreligiös“.12Meyer-Wilmes, Programm, 150. Interdisziplinär, weil sie den Austausch mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sucht. Ihre Ausrichtung ist stärker interkonfessionell als zu Beginn, und sie hat sich international und interkulturell weiterentwickelt. Frauenstimmen aus süd- und osteuropäischen Ländern sowie aus der südlichen Hemisphäre sind zunehmend hörbar geworden. Feministische Theologie ist mittlerweile nicht nur auf Christ*innen beschränkt; es haben sich mittlerweile auch jüdisch-feministische Revisionen und erste Ansätze islamischer Theologien ausgebildet.

    Weiterführende Infos

    Zur Rezeption des Nachdenkens über Geschlecht in der Theologie vgl. auch dieses Interview mit Gerhard Schreiber oes-gnd-iconwaiting...:
    https://www.deutschlandfunk.de/gender-und-theologie-warum-macht-uns-das-angst-dass-wir-100.html, abgerufen am 16.12.2025.

    6. Queere Theologie

    Queer stellte als englischer Begriff ursprünglich ein Schimpfwort dar und wird seit den 1980er und 1990er-Jahren als Aneignungsbegriff von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans*; Inter* und asexuellen Personen (LGBTIQA*) als eine positive Ressource verwendet. Queer dient als Selbstbeschreibung für all diejenigen, die sich nicht in heteronormativen Kategorien von Sexualität und Lebensformen und/oder in zweigeschlechtlichen (binären) Geschlechtsidentitäten wiederfinden. Queer überschreitet diese Normen und Geschlechtskategorien bewusst, verflüssigt und erweitert sie.

    Queere Theologien sind erfahrungs- und kontextbezogen und konkret. Sie verkörpern kritische Reflexionsansätze und Suchbewegungen im Plural. Dabei nutzen sie unterschiedliche gesellschaftskritischer Ansätze, um heteronormative theologische Systeme und hegemoniale Männlichkeitskonstruktionen aufzudecken und sich daraus zu befreien.13Vgl. Söderblom, Kerstin, Queere Theologie, 09.02.2022 (https://www.evangelisch.de/blogs/kreuz-queer/196847/09-02-2022), abgerufen am 16.12.2025.

    7. Ausblick

    Theologie hat die Aufgabe, für die Aufhebung der Geschlechterdifferenz, also von Geschlecht als konstitutiver Kategorie von Identität, einzutreten und zugleich an geschlechtlichen und sexuellen Bezeichnungsweisen und sprachlichen Zuschreibungen und Konstruktionen festzuhalten, um so Diskriminierung und Geschlechterungerechtigkeit benennbar zu machen. Dabei erlebt theologische Geschlechterforschung in der Gegenwart vielfältige gesellschaftlich-politische Herausforderungen, etwa im Feld des sog. Antigenderismus als ideologisch aufgeladene Gegenbewegung zur Geschlechterforschung und einem konstruktivistischen Verständnis von Gender.

    Daher bleibt es relevant, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Geschlecht auch sozial konstruiert ist. Dabei gilt, dass „Geschlechtergerechtigkeit [auch als Forderung einer evangelischen Ethik, SJ] nicht ohne grundlegende Befragung der herrschenden Verhältnisse zu diskutieren ist und insgesamt die Frage aufwirft, wie wir leben, lieben und arbeiten“.14Pimminger, Irene, Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit? Normative Klärung und soziologische Konkretion, Opladen 2012.

    Weiterführende Ansätze der theologischen Geschlechterforschung werden im Podcast Theoversity thematisiert.

    Weiterführende Literatur

    Nierop, Jantine (Hrsg.), Gender im Disput. Dialogbeiträge zur Bedeutung der Genderforschung für Kirche und Theologie, Hannover 2018.

    Krannich, Laura-Christin et al. (Hrsg.), Menschenbilder und Gottesbilder. Geschlecht in theologischer Reflexion, Leipzig 2019.

    Jäger, Sarah, Jenseits des Patriarchats. Ansätze feministischer Theologien, Heidelberg 2021, digital abrufbar unter: https://doi.org/10.11588/heibooks.686.

     

    Einzelnachweise

    • 1
      Praetorius, Ina, Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik seit 1949, Gütersloh 1993, 188.
    • 2
      Vgl. Ammicht-Quinn, Regina, Art. Geschlechterbeziehung, Geschlechterrollen, in: Lexikon für Theologie und Kirche (31995), Freiburg et al. 1995, 570–572, 570.
    • 3
      Vgl. Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M, 1991.
    • 4
      Vgl. Jäger, Sarah, Geschlechtergerechtigkeit als Aufgabe evangelischer Ethik – Fürsorge und Beziehungen stärken, in: Hofheinz, Marco/Johnsdorf, Cornelia (Hrsg.), The Grand International Challenges. Theologisch-ethische Perspektiven, Stuttgart 2021, 179–204.
    • 5
      Vgl. Prüll, Livia, Das Unbehagen am transidenten Menschen. Ursprünge, Auswirkungen, Ausblick, in: Schreiber, Gerhard (Hrsg.), Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaft, Berlin 2016, 256–293, 256.
    • 6
      Walz, Heike, Gegen den Strom schwimmen. Feministische Theologie und Theologische Geschlechterforschung im samtenen Dreieck von Gesellschaft, Kirche und Wissenschaft, in: Wrogemann, Henning (Hrsg.), Theologie in Freiheit und Verbindlichkeit. Profile der Kirchlichen Hochschule Wuppertal‐Bethel, Neukirchen‐Vluyn 2012, 183–211, 205.
    • 7
      Vgl. dazu ausführlich Janssen, Claudia, Art. Gender (NT), in: WiBiLex, 2020 (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/48903/), abgerufen am 16.12.2025.
    • 8
      Vgl. Althaus-Reid, Marcella, Indecent Theology, London 2000.
    • 9
      Meyer-Wilmes, Hedwig, Art. Programm Feministischer Theologie(n), in: Gössmann, Elisabeth et al. (Hrsg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie, Gütersloh 22002, 147–150.
    • 10
      Pohl-Patalong, Uta, Art. Gender, in: Gössmann, Elisabeth et al. (Hrsg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie. Gütersloh 22002, 16–221.
    • 11
      Fischer, Martin, Männermacht und Männerleid. Kritische theologische Männerforschung im Kontext genderperspektivierter Theologie als Beitrag zu einer Gleichstellung der Geschlechter, Göttingen 2008.
    • 12
      Meyer-Wilmes, Programm, 150.
    • 13
      Vgl. Söderblom, Kerstin, Queere Theologie, 09.02.2022 (https://www.evangelisch.de/blogs/kreuz-queer/196847/09-02-2022), abgerufen am 16.12.2025.
    • 14
      Pimminger, Irene, Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit? Normative Klärung und soziologische Konkretion, Opladen 2012.
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