1. Das theologische Programm der Dialektischen Theologie
Die Dialektische Theologie bezeichnet keine theologische Schule im Sinne eines eigenständigen Systems1Vgl. Thomas, Günter, Art. Dialektische Theologie, in: Metzlers Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien (2005), 249–251; Vorgrimler, Herbert, Dialektik & Dialektische Theologie (https://www.herder.de/theologie-pastoral/systematische-theologie/dialektische-theologie/), abgerufen am 21.10.2026. Zur Abgrenzung vom hegelschen Dialektikverständnis, siehe: Beintker, Michael, Dialektische Theologie, in: Barth Handbuch (2016), 200–206; Härle, Wilfried, Art. Dialektische Theologie, in: TRE 08 (2010), 683–696 (hier nach: https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110864953-005/html), abgerufen am 21.10.2026. mit verbindlichem theologischem Programm, sondern eine sich selbst als Korrektiv verstehende Arbeitsgemeinschaft, die trotz innerer Differenzen2Vgl. Härle, Theologie; Thomas, Theologie. eine Gegenposition gegen etablierte Theologien ihrer Zeit formierte. Bei der Bezeichnung der Dialektischen Theologie handelte es sich zunächst um eine ironisierende Fremdbezeichnung, die sich ab 1922 etablierte, wohingegen die Bewegung selbst sich als Theologie der Krise, Krisistheologie oder Theologie des Wortes Gottes verstand.3Vgl. Härle, Theologie. Diese Bezeichnungen verweisen nicht nur auf das Ziel4Vgl. Korsch, Dietrich, Art. Dialektische Theologie, in: RGG online 2018 (01.03), (Internet-Lexikon, https://referenceworks.brill.com/display/entries/RGG4/COM-03646.xml), abgerufen am 21.10.2026. der Bewegung, sondern auch auf ihren krisenhaften Entstehungskontext des Endes des Ersten Weltkrieges. Dieser desillusionierte5Vgl. Tietz, Christiane, Gott und Religion sind zweierlei. Karl Barth und die dialektische Theologie, in: Wüstenberg, Ralf K. (Hrsg.), Nimm und lies! Theologische Quereinstiege für Neugierige, Gütersloh 2008, 176–195, (PDF-Dokument, http://dx.doi.org/10.15496/publikation-102732), abgerufen am 21.10.2026, 177f. fortschrittsoptimistische Konzepte humanistisch idealisierter, ethisch verantwortlicher Menschen und ließ die Vertreter der Dialektischen Theologie nicht nur an Kultur und Politik,6Vgl. Rohls, Jan, Senkrecht von oben. Zeitzeichen-Serie (III): Zwischen den Zeiten. Protestantische Theologie in der Weimarer Republik, 03/2013 (Webseite Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https://zeitzeichen.net/archiv/2013_M%C3%A4rz_theologie-des-20-jahrhunderts-iii), abgerufen am 21.10.2026; Härle, Theologie. sondern auch an der etablierten, vorwiegend Liberalen Theologie zweifeln, deren Vertreter die kaiserliche Kriegsideologie meist teilten. Für die Dialektiker legte dies nahe, dass „auch ihre exegetischen und dogmatischen Voraussetzungen nicht in Ordnung sein könnten“7Tietz, Gott, 177. und einer Revision bedürfen. Vor Augen stehen insbesondere der aufklärerisch-vernunftoptimistische theologische Rationalismus, das Religionsverständnis Schleiermachers
samt seinem romantischen Humanismus8Vgl. Pfleiderer, Georg, Das Lamm im Wolfspelz. Ein Versuch, Karl Barth zu verstehen, 12/2018 (Webseite Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https://zeitzeichen.net/archiv/2018_Dezember_barth-und-seine-theologie), abgerufen am 21.10.2026; Tietz, Gott, 193. und entsprechend die etablierte Liberale Theologie des 19. Jahrhunderts,9Vgl. Vorgrimler, Dialektik. die – etwa bei von Harnack
– auf eine Befreiung der Kirche von den Dogmen hin zu einem ursprünglichen Christentum abzielte,10Vgl. Tietz, Gott, 176. aber auch die positive (konservative) Theologie, welcher die Dialektische Theologie ebenso wie dem Neuprotestantismus eine gewisse Nostrifikation (Vereinnahmung) Gottes vorwarf.
Im Gegensatz zur problematisierten Synthese der modernen Kultur mit dem Christentum und einer Fokussierung auf den autonomen Menschen11Vgl. Körtner, Ulrich, „Gott fehlt. Mir“. Theologisch aufregend: Martin Walser über die Rechtfertigung, 04/2012 (Webseite Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https://zeitzeichen.net/archiv/2012_April_walser-und-barth), abgerufen am 21.10.2026; Pfleiderer, Lamm. setzten die Vertreter der Dialektischen Theologie voraus, dass der Mensch viel zu erlösungsbedürftig sei, als dass seine Reflexion und idealistische Verweise auf seine religiösen Potenziale zielführend sein könnten.12Vgl. Tietz, Gott, 178.180. Entsprechend votierten sie im Blick auf das als ihre theologische Aufgabe verstandene Bezeugen des göttlichen Wortes für ein neues Hören ebendessen, das dazu führe, nicht vom (Göttlichen im) Menschen, sondern von Gott auszugehen.13Vgl. Korsch, Dietrich (Hrsg.), Karl Barth. Dialektische Theologie, Leipzig 2018, 5; Pfleiderer, Lamm; Tietz, Gott, 178. Dieser wird in der Dialektischen Theologie in Anlehnung an den Begriff Rudolf Ottos
als der in seiner Souveränität ganz Andere verstanden, der sich durch eine qualitativ unendliche Unterschiedenheit von der Welt auszeichne.14Vgl. Rohls, Senkrecht; Tietz, Gott, 179. Dem Menschen sei es daher aus seiner eigenen Vernunft, Frömmigkeit, Kraft oder sonstigen Leistungen nicht möglich, Gott gehorsam zu sein oder ihn auch nur zu erkennen.15Vgl. Tietz, Gott, 179; Härle, Theologie; Blaser, Klauspeter, Art. Dialektische Theologie, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 12.02.2015 (Webseite, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011428/2015-02-12/), abgerufen am 21.10.2026; Vorgrimler, Dialektik. Jede Ableitung seines Willens im Sinne der oft behaupteten göttlichen Befürwortung des Ersten Weltkrieges verbiete sich. Eine Annäherung an Gott sei ferner ausschließlich durch seine vorausgehende Offenbarung möglich, insofern er sich im Wort trinitarisch16Vgl. Rohls, Senkrecht. selbst mitteilt und die unüberwindliche Distanz zur Welt in Christus und dem in ihm geschlossenen Bund überwand.17Vgl. Blaser, Theologie; Weinrich, Michael, Karl Barth. Leben – Werk – Wirkung, Göttingen 2018, 28; Tietz, Gott, 180–186.
Da dieses Ja zur Welt in einem komplexen Verhältnis zur empirisch erfassbaren Wirklichkeit steht, sei es nun aber nicht problemlos bezeugbar, sondern werde dem Menschen zur Krisis.18Vgl. Körtner, Gott. So werde die Verneinung, in der Gott die Beziehung zu ihm herstellt und ihn durch seine Gnade zum Gegenstand der göttlichen Zuwendung werden lässt,19Vgl. Beintker, Theologie, 202; Rohls, Senkrecht. ausgerechnet im Gericht ansichtig, das durch den Tod hindurch auf die göttliche Gnade verweise.20Vgl. Härle, Theologie. Dass die christliche Heilsbotschaft mit ihrem Skandalon vom Kreuz21Vgl. Härle, Theologie. die Form eines derartigen, alles Verstehen in Frage stellenden Angriffs annehme,22Vgl. Beintker, Theologie, 202. erzeuge eine Diastase (Kluft), der mit menschlicher Logik nicht beizukommen sei. Die Dialektische Theologie votiert daher für dialektische Denkformen, da nur diese die Wahrung der unauflöslichen Gegensätze,23Vgl. Pfleiderer, Lamm. wie der der Unterschiede von Mensch und Gott oder Zeit und Ewigkeit,24Vgl. Vorgrimler, Dialektik. ermögliche, indem sie in allen Aussagen über Gott die grundlegende Möglichkeit der je gegensätzlichen Aussage als ihre Aufhebung berücksichtigt.25Vgl. Härle, Theologie. Hierin also äußert sich der dialogische Charakter theologischer Erkenntnisbemühungen, die als menschliche, prinzipiell vorläufige Unternehmungen notwendig dialektisch zu sein haben,26Vgl. Weinrich, Karl Barth, 27–29. obschon auch dies selbstverständlich keine Nähe zu Gott herbeiführen könne, da auch die Dialektische Theologie lediglich Menschenwerk ist.27Vgl. Härle, Theologie. Zu vermeiden sei ferner jede Vermischung der Offenbarung mit menschlicher Vernunft, Geschichte oder Erfahrung, wie sie der Liberalen Theologie attestiert wurde.28Vgl. Pfleiderer, Lamm.
Folglich wurde auch die oft selbstzweckhafte Religion als Menschenwerk wie die Kultur oder die Moral als anmaßende Selbstbehauptung und Absicherung gegenüber Gott verstanden, die sündhaft darauf zielt, den unüberwindbaren Gegensatz zu überschreiten.29Vgl. Vorgrimler, Dialektik; Härle, Theologie; Rohls, Senkrecht. Die unmögliche, nur von Gott eröffnete Möglichkeit des Glaubens gilt im dialektischen Verständnis dementgegen als Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort, zu dem der Mensch bestimmt ist.30Vgl. Härle, Theologie; Rohls, Senkrecht; Korsch, Theologie.
2. Entstehung und Entwicklung
Entwickelt und vorangetragen wurde die Dialektische Theologie maßgeblich durch Karl Barth
, Emil Brunner
, Rudolf Bultmann
, Friedrich Gogarten
, Georg Merz
und Eduard Thurneysen
, wobei insbesondere Barth als Initiator und Kopf der Gruppe ausgewiesen wird.31Vgl. Härle, Theologie; Blaser, Theologie. Als Initialpunkt32Härle weist dagegen Gogartens Aufsatz Zwischen den Zeiten als entscheidenden Durchbruch der Dialektischen Theologie aus und führt Barths Überarbeitung des Römerbriefkommentars auf einen Besuch von Gogarten zurück (vgl. Härle, Theologie). der Dialektischen Theologie gelten so Barths programmatische Vorträge Der Christ in der Gesellschaft und Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie sowie sein Zweiter Römerbriefkommentar.33Vgl. Härle, Theologie. In Wort Gottes als Aufgabe der Theologie stellt Barth so den dialektischen Weg als angemessene Annäherung an die spannungsvolle Aufgabe dar, in allem menschlichen Unvermögen verantwortlich von Gott zu reden, indem Satz und Gegensatz jene Mitte umkreisen, die für die unverfügbare göttliche Rede freigehalten wird.34Vgl. Beintker, Theologie, 200f.; Tietz, Gott, 183; Härle, Theologie. In der zweiten Auflage des Römerbriefkommentars35Vgl. Grözinger, Albrecht, Hunde, Katzen, Tiger, Krokodile. Dem Theologen Eduard Thurneysen zum 50. Todestag, 21.08.2024 (Webseite Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https://zeitzeichen.net/node/11308), abgerufen am 21.10.2026. erfolgt dann eine dialektische Entfaltung der Bedeutung der Inkarnation im Versuch, den Text ebenso ernst zu nehmen wie die eigenen Gedanken und so Theologie zu treiben, dass wirklich von Gott in seiner Andersartigkeit die Rede ist.36Vgl. Tietz, Gott, 181f.; Beintker, Theologie, 202. Im Sinne der dialektischen Grundlegung erfolgt auch dies im Bewusstsein, dass der Mensch sich sein Heil nicht selbstständig zusagen, sondern nur von Gott sagen lassen kann.37Vgl. Tietz, Gott, 183. 1922 erfolgte die Gründung der nach einem Aufsatz Gogartens benannten Zeitschrift Zwischen den Zeiten als Publikationsorgan der Bewegung, das es ermöglichte, Thesen in kirchlichen wie bürgerlichen Kreisen wirkmächtig zu verbreiten.38Vgl. Blaser, Theologie; Thomas, Theologie; Tietz, Gott, 184.
An diese erste Phase der Bildung der Gruppe in zeitlicher Nähe zum Tambacher Vortrag Barths
samt der Abfassung des Zweiten Römerbriefkommentars und der Gründung der genannten Zeitschrift schloss sich eine zweite Phase der Konsolidierung der Dialektischen Theologie zwischen 1922–1930 an. Der Eintritt der Akteure ins universitäre Lehramt sorgte dafür, dass ihre Ausführungen eine zunehmend lehrmäßig konzeptionelle Form annahmen.39Vgl. Korsch, Theologie. Indem sie das verbreitete Krisenbewusstsein um den Zerfall der gekannten Ordnung mit ihren bürgerlichen Idealen als Ausdruck einer göttlichen Krisis zeitgemäß aufnahmen, fanden die Texte raschen Anklang. Ebendieser Erfolg der Bewegung wird nun oft als für ihren Zerfall ursächlich ausgewiesen; so verlor die Dialektische Theologie in ihrer Etablierung und der damit einhergehenden Zurückdrängung der Liberalen Theologie ihren (die Akteure zusammenhaltenden) Widerpart.40Vgl. Härle, Theologie. Angesichts des erstarkenden Nationalsozialismus traten bestehende Differenzen in Bezug auf (kirchen)politische Fragen, aber auch auf die theologische Beurteilung der Situation zu Tage, insofern die nun entstehenden Frontlinien sich auch durch die Dialektische Theologie zogen, was 1933 zum endgültigen Bruch führte.41Vgl. Härle, Theologie; Rohls, Senkrecht. Die barthsche Initiative zur Einstellung von Zwischen den Zeiten gilt als formeller Endpunkt der Dialektischen Theologie. Er, Bultmann
und Merz
schlossen sich nun der Bekennenden Kirche an, wohingegen Gogarten
es mit den Deutschen Christen hielt und Brunner
sich einer neutralen Haltung verschrieb.
Barth
blieben die in der Dialektischen Theologie betonte göttliche Souveränität und die Ablehnung jeder Natürlichen Theologie und Anthropozentrik auch in seinem späteren Wirken wichtig, in dem er sich vorrangig am christozentrischen Analogiedenken orientierte.42Vgl. Härle, Theologie; Rohls, Senkrecht; Weinrich, Karl Barth, 27; Beintker, Theologie, 200. Seinen vorherigen Weggefährten (mit Ausnahme Thurneysens) warf er nun vor, sich nicht mehr ausreichend von der Liberalen Theologie zu distanzieren.43Vgl. Tietz, Gott, 189. Brunner
, Gogarten
und Bultmann
konzipierten das dialogische Wesen der Theologie nach 1933 so nicht länger ausgehend von der göttlichen Offenbarung, sondern von der menschlichen Existenz.44Vgl. Vorgrimler, Dialektik. Bultmann identifizierte die Rede von Gott in Orientierung an Heideggers
existenzialen Analyse mit der Reflexion der Bestimmung der menschlichen Existenz durch Gott, der diesem im neutestamentlichen Kerygma begegne und ihn vor die Entscheidung stelle, im gläubigen Gehorsam in seine Eigentlichkeit zu finden.45Vgl. Rohls, Senkrecht. Unter dem Einfluss des dialogischen Personalismus orientierten Brunner und Gogarten sich hingegen an einem Sprachdenken um das Angesprochensein des Ichs durch das jeweilige Du, das sie auf das neukonstituierende Angesprochensein des Sünders durch Gott bezogen.46Vgl. Rohls, Senkrecht. Die autoritäre Flanke dieser Adaption zeigte sich in Gogartens politischer Ethik, in der er den Menschen als höriges Wesen deutete und Beziehungen zu völkischen Topoi herstellte, in welchen das Du Gottes vermeintlich in Kultur, Geschichte und menschlichem Dasein begegne.47Vgl. Härle, Theologie; Rohls, Senkrecht. Indem hier im Sinne des Personalismus die Unmittelbarkeit der Begegnung auch außerhalb des Wortes Gottes gefunden wird und die Dialektik so nicht auf die Relation Gottes zum Menschen beschränkt bleibt, verfällt sie einem historisch inszenierten Aktualismus in der Politik.48Vgl. Härle, Theologie; Korsch, Theologie. Brunner, der sein Dialektikverständnis vom Verhältnis von Glaube, Vernunft und Offenbarung (als dem Antirationalen) her konzipierte, orientierte sich ohne politische Option am dialogischen Personalismus und machte die menschliche Ansprechbarkeit durch das göttliche Du ebenfalls zur Voraussetzung.49Vgl. Korsch, Theologie; Rohls, Senkrecht. Barth deutete dies ähnlich wie die gogartenschen Ausführungen und Bultmanns Orientierung an der Existentialanalytik als Rückkehr seiner Weggefährten zur Natürlichen Theologie samt ihrem problematischen Gottesbild und der durch sie eröffneten Möglichkeit, alle innerweltlichen Phänomene – und so auch Volkszusammenhang oder Rassenideologie – als gottgewollt auszuweisen.50Vgl. Rohls, Senkrecht; Tietz, Gott, 190. Daher suchte er die theologische Konfrontation.51Exemplarisch verwiesen sei auf Barths Streit mit Bultmann und Gogarten um die Frage der Angewiesenheit der Theologie auf die Philosophie (vgl. Tietz, Gott, 189) oder mit Brunner um dessen Schrift Natur und Gnade (vgl. Härle, Theologie). Sein Verständnis Jesu Christi als dem alleinigen Wort Gottes spiegelte sich in der Barmer Theologischen Erklärung wider, in der er seine dialektische Kritik an der Liberalen Theologie politisch anwendete.52Vgl. Tietz, Gott, 192; EKD, Barmer Theologische Erklärung, 31.05.1934 (https://www.ekd.de/barmer-theologische-erklarung-11292.htm), abgerufen am 21.10.2026.
3. Wirkungsgeschichte
Als die „wirkungsgeschichtlich relevanteste theologische Bewegung des 20. Jahrhunderts“53Härle, Theologie. entfaltete die Dialektische Theologie eine beachtliche, auch internationale54Vgl. Körtner, Gott. Breitenwirkung in Universität und Kirche, die auf ihre anschlussfähige Kulturkritik und ihre starke Hervorhebung der Theologie zurückgeführt wird, welche die angefochtene Berufsgruppe im Verweis auf ihre religiöse Aufgabe stärkte.55Vgl. Korsch, Theologie. Ferner rezipierten nicht nur evangelische Theologen wie Bonhoeffer
56Vgl. Lepp, Claudia, Immer wieder Bonhoeffer. Ein Überblick über Leben, Werk und Rezeption eines besonderen Menschen, 04/2025 (Webseite Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https://zeitzeichen.net/node/11740), abgerufen am 21.10.2026. oder Tillich
57Vgl. Rohls, Senkrecht. die Erzeugnisse der Dialektischen Theologie, sondern auch katholische Theologen reagierten auf diese.58Vgl. Vorgrimler, Dialektik. Großen Einfluss nahm die Dialektische Theologie zudem auf die Praktische Theologie, indem sie die von Baumgarten
und Niebergall
vertretene Haltung, dass auf die Entkirchlichung des 19. Jahrhunderts mit einer stärkeren Bezugnahme auf den modernen Menschen zu reagieren sei,59Vgl. Pohl-Patalong, Uta, So oder auch anders. Zeitzeichen-Serie (V): Perspektiven der Praktischen Theologie im 21. Jahrhundert, 09/2015 (Webseite Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https://zeitzeichen.net/archiv/2015_September_stand-der-theologie-v-praktische-theologie), abgerufen am 21.10.2026. zurückdrängte und teils im Modell der Evangelischen Unterweisung aufgenommen wurde. Zudem beeinflusste sie die Predigtkultur, wobei insbesondere Thurneysens
Überlegungen zur Predigtaufgabe mit ihrem inkommensurablen Verhältnis von Gotteswort und Verkündigung und ihrer Abwehr vorschneller Anbiederungen an den Zeitgeist sich als wirkmächtig erwiesen.60Vgl. Manterfeld-Wormit, Barbara, Plädoyer, 01/2025 (Webseite Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, https://zeitzeichen.net/node/11586), abgerufen am 21.10.2026; Grözinger, Hunde. Darüber hinaus beeinflusste die Dialektische Theologie die Seelsorge, in der Thurneysens Ausführungen nicht selten als vermeintlich erfahrungsvergessene, autoritative Kontrastfolie herangezogen werden, was Grözinger
als unsachgemäß zurückweisen konnte.61Vgl. Grözinger, Hunde.
Die bleibende Relevanz der Dialektischen Theologie zeigt sich ferner nicht nur in ihrer Behandlung durch Geistes- und Kulturwissenschaftler wie Martin Walser
,62Vgl. Körtner, Gott. sondern auch in der seit 1985 erscheinenden Zeitschrift für Dialektische Theologie, in der Studien zu Barth
, den in seinem Umfeld zu verortenden Theologien und insbesondere der Dialektischen Theologie veröffentlicht werden.
4. Kritik
Dass die Dialektische Theologie bereits zu ihrer Hochzeit Gegenstand diverser Kritik wurde, die insbesondere seitens der Vertreter der Liberalen Theologie angebracht wurde, kann nicht überraschen. In Auseinandersetzung mit seinem ehemaligen Schüler Barth problematisierte von Harnack
, dass es sich bei der Dialektischen Theologie um ein irrational-romantisches Unterfangen handele, das wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht werde, da der Offenbarungsbegriff keine wissenschaftliche Kategorie sei.63Vgl. Tietz, Gott, 176.184; Rohls, Senkrecht. Relevante Aspekte, wie die der Moral oder der Vernunft, blieben ferner unterbestimmt, wo der universitäre Lehrstuhl unter den Dialektikern zum Predigtstuhl werde.64Vgl. Tietz, Gott, 179. Ähnliche Vorwürfe einer Preisgabe der Vernunft65Vgl. Pfleiderer, Lamm. oder eines paradox-abstrakten Antiintellektualismus finden sich bei Troeltsch
, Hoffmeister
und Wagner
. Ferner werden den Dialektikern Supranaturalismus, Offenbarungspositivismus66Vgl. Tietz, Gott, 194. und ein Hang zum Neuorthodoxen attestiert. Grundsätzlicher wurde zudem auch seitens Vertreter der Dialektischen Theologie problematisiert, dass es ihnen nur sehr bedingt gelang, die christlichen Hoffnungspotentiale jenseits der stets betonten Verneinung allen Irdischen zur Geltung zu bringen. Thurneysen
reflektierte so in einem Brief an Barth
, dass sie mit ihrer radikalen Antihermeneutik „steile, grifflose Wände“67Zitiert nach: Grözinger, Hunde. konstruierten, die in der Praxis nur wenig Halt boten. Und auch Barth resümiert, dass er in seiner dialektischen, teils recht einseitigen Betonung des göttlichen Neins zur Menschenwelt68Vgl. Härle, Theologie. „doch ein bisschen arg unmenschlich geredet“69Zitiert nach: Tietz, Gott, 185. habe. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive schließt Härle
ferner von den teils stark voneinander abweichenden Dialektikverständnissen in der Dialektischen Theologie auf eine mangelnde ontologische Fundierung.70Vgl. Härle, Theologie.
5. Potenziale
Dass die Dialektische Theologie mehr als nur ein „produktives Missverständnis“71Härle, Theologie. war und auch nicht als unzeitgemäßer72Vgl. Tietz, Gott, 194. Versuch betrachtet werden kann, sich „in die Bibel hinein zu reflektieren“,73Pfleiderer, Lamm. zeigen die Potenziale des Ansatzes für heutige Diskurse. Die Dialektische Theologie stellt so nicht nur bleibende Fragen nach Auftrag und Funktion der Kirche, dem Subjekt der Theologie, dem Verhältnis Gottes zum Menschen oder der Prägung jeder Theologie durch zeitgeschichtliche Kontexte, sondern weist in ihrer Betonung der Notwendigkeit, jede Erfahrung zu hinterfragen, kritische Potenziale auf. Ihre Erinnerung daran, dass das göttliche Ja stets mit einer Absage an jede kirchliche, religiöse oder gar politische Bemächtigung einhergeht, fordert so zur selbstkritischen Reflexion und Bescheidenheit der Theologie auf, die sich und die Angemessenheit ihrer Rede stets neu von der Bibel in Frage stellen zu lassen hat.74Vgl. Weinrich, Karl Barth, 27f.; Tietz, Gott, 28. Denkbar wäre, dass dies ebenso wie die Erinnerung der Dialektischen Theologie an die Erkennbarkeit und den Eigensinn der Kirche sich auch im Blick auf gegenwärtige Transformationsprozesse als chancenreich erweist.75Vgl. Grözinger, Hunde.
