Anmerkung der Redaktion
Dieser Artikel wurde im Wissenschaftlich-ReligionspĂ€dagogischen Lexikon (WiReLex) erstveröffentlicht und fĂŒr die Zweitpublikation angepasst: Fischer, Mia-Maria/Gojny, Tanja, Art. Angst, in: WiReLex, 2022 (https://doi.org/10.23768/wirelex.Angst.201022).
1. Angst â PhĂ€nomen und Begriff
Angst gehört zum Menschen. Sie spielt â in unterschiedlicher IntensitĂ€t â in jeder normalen Entwicklung ab der Geburt eine Rolle; dabei Ă€ndern sich die diese Emotion auslösenden Reize.1Vgl. Essau, Cecilia A., Angst bei Kindern und Jugendlichen, MĂŒnchen 2014. Soziologische Studien zeigen, dass (nichtpathologische) Ăngste nicht nur anthropologisch und psychologisch begrĂŒndet sind, sondern auch durch weitere Faktoren beeinflusst werden. So offenbart etwa die Langzeitstudie âDie Ăngste der Deutschenâ nicht nur die aktuell gröĂten Ăngste der deutschen Bevölkerung (2024: âsteigende Lebenshaltungskostenâ, âĂberforderung des Staates durch GeflĂŒchteteâ und âWohnen in Deutschland unbezahlbarâ als die drei hĂ€ufigsten Ăngste), sondern darĂŒber hinaus, dass das, wovor sich Menschen fĂŒrchten, u. a. auch mit dem Alter, dem Geschlecht, dem Wohnort und dem Milieu zusammenhĂ€ngen kann.2Vgl. R+V-Studie 2024, Ergebnisse abrufbar unter: https://www.ruv.de/newsroom/themenspezial-die-aengste-der-deutschen, abgerufen am 19.05.2025.
1.1. Angst als ambivalentes PhÀnomen
Angst ist in höchstem MaĂe ambivalent: Bisweilen lĂ€hmt diese Emotion Menschen â ob fĂŒr kurze Schreckmomente oder im Falle einer Angststörung ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum. Sie kann zu Ausgrenzung, Einsamkeit und Isolation fĂŒhren und sogar zu Aggression und Entsolidarisierung gegenĂŒber anderen. Dass Angst auf physischer und psychischer Ebene wie auch im sozialen Bereich einengt, spiegelt sich in der Etymologie des Begriffs, der sich ĂŒber indogermanische und althochdeutsche Zwischenstufen auf lat. angustia, angor und anxietas (Enge, BedrĂ€ngnis, Beengung) zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst. Angst wird z. T. auch gezielt als Machtinstrument eingesetzt, um politische oder wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.
Gleichzeitig ist Angst ein effektives Warnsystem. Der kalte Schauder, der ĂŒber den RĂŒcken lĂ€uft, erhöhte Puls- und Atemfrequenz, ein SchweiĂausbruch, geschĂ€rfte Sinne â all dies sind Signale, die einen in Alarmbereitschaft versetzen und anzeigen: Achtung, hier wird es gefĂ€hrlich. Angst fördert Verhaltensweisen des Menschen, die auch aus der Tierwelt bekannt sind â Schutzsuche, Flucht, Abwehrhaltungen etc. â und kann im privaten wie im gesellschaftlichen Bereich helfen, fĂŒr die Zukunft vorzusorgen und das Notwendige zu tun, damit das BefĂŒrchtete nicht eintritt. Indirekt verweist dieses GefĂŒhl damit auf die âanthropologische VulnerabilitĂ€tâ.3Fuchs, Thomas, Anthropologische und phĂ€nomenologische Aspekte psychischer Erkrankungen, Heidelberg 2026, 49f. Der Mensch erfĂ€hrt sich selbst als angreifbar, verletzlich und endlich. Wohldosiert kann Angst sogar positiv erlebt werden, etwa als âKickâ beim AusĂŒben von Extremsportarten oder als kribbelnde Spannung beim Verfolgen von Sportevents, dem Sehen von Abenteuer- oder Horrorfilmen oder dem Lesen von Krimis.
1.2. Versuch einer BegriffsklÀrung
Es gibt immer wieder Versuche, den Begriff der Angst prĂ€zise von anderen Begriffen des entsprechenden Wortfeldes abzugrenzen. So gibt es eine breite Tradition der Unterscheidung zwischen Angst und Furcht. In dieser wird die Angst verstanden als ein ungerichtetes, frei flutendes GefĂŒhl und die Furcht als eine Emotion, die auf bestimmte GegenstĂ€nde oder Sachverhalte bezogen ist.4Vgl. Demmerling, Christoph/Landwehr, Hilge, Philosophie der GefĂŒhle. Von Achtung bis Zorn, Weimar 2007, 63. In der Alltagssprache werden diese Begriffe allerdings meist synonym verwendet und auch im wissenschaftlichen Diskurs gibt es keinen Konsens bezĂŒglich einer eindeutigen Abgrenzung.5Vgl. HĂ€fner, Heinz, Art. Angst/Furcht, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 1 (1971), 310â314.
Einen solchen herzustellen, dĂŒrfte auch insofern schwerfallen, als das PhĂ€nomen Angst aus vielfĂ€ltigen wissenschaftlichen Perspektiven â in sehr unterschiedlicher IntensitĂ€t â beleuchtet und erforscht wird. Zu nennen sind hier zum einen die Humanwissenschaften, z. B. Kognitionsforschung und Neurowissenschaft, die von der psychologischen (und dann psychotherapeutisch orientierten) Angstforschung aufgegriffen werden, und die Biologie, die die körperlichen und biochemischen AblĂ€ufe sowie Reaktionsmuster der Angst untersucht. Zum anderen war die Angst schon immer Gegenstand der Auseinandersetzung in Philosophie und Theologie, im Lauf der Zeit in verĂ€nderter Gestalt. Aber auch in der kulturwissenschaftlichen und religionswissenschaftlichen Forschung spielt Angst seit einiger Zeit eine gröĂere Rolle, immer in Dialog, zum Teil auch in Abgrenzung zu den Humanwissenschaften.6Vgl. Koch, Lars, Einleitung. Angst als Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschung, in: Koch, Lars (Hrsg.), Angst. Ein interdisziplinĂ€res Handbuch, Stuttgart 2013, 1â4, 1. Angst âals basales gesellschaftliches PhĂ€nomenâ wurde trotz des sogenannten emotional turns in der Soziologie lange Zeit wenig erforscht,7Vgl. Ahrens, Jörn, Soziologie der Angst, in: Koch, Lars (Hrsg.), Angst. Ein interdisziplinĂ€res Handbuch, Stuttgart 2013, 63â70. findet aber inzwischen deutlich mehr Aufmerksamkeit.8 Vgl. z. B. Martin, Susanne/Linpinsel, Thomas (Hrsg.), Angst in Kultur und Politik der Gegenwart. BeitrĂ€ge zu einer Gesellschaftswissenschaft der Angst, Wiesbaden 2020.
Gerade in der Theologie wird die Angst oft in Beziehung zu unterschiedlichen Gegenbegriffen thematisiert. Schon biblische Texte weisen auf die Spannung zwischen Angst und dem Vertrauen und Hoffen auf Gottes Hilfe und UnterstĂŒtzung hin. Paul Tillich ![]()
identifiziert den Mut als begriffliches GegenĂŒber zur Angst, der sich allen Widrigkeiten zum Trotz im Mut zum Sein als von Gott angenommen versteht (siehe Punkt 2.) und den Weg zum Glauben eröffnet. Das erlösende Potenzial des christlichen Glaubens wird in der Betonung von Zuversicht und Hoffnung auf Gott angesichts von Ă€ngstigenden Situationen deutlich.
1.3. Begriff der Angst in der Bibel
Angst und Furcht sowie ihre Gegenbegriffe spielen in den Texten des Alten und Neuen Testaments eine bedeutende Rolle. Fuhs ![]()
identifiziert bis zu dreiĂig Begriffe, die entweder fĂŒr sich oder im Kontext von irach [hebr. fĂŒrchten, sich Ă€ngstigen, verehren] stehen und damit zum Wortfeld âAngstâ, âFurchtâ, âSchreckenâ gehören.9Vgl. Fuhs, Hans, Art. ŚÖžŚšÖ”Ś jÄreâ, in: Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament 3 (1982), 869â893, 872â874; Becker, Joachim, Gottesfurcht im Alten Testament, Rom 1965, 1â18. Die vielfĂ€ltigen Wortfelder und die FĂŒlle an sinnverwandten Vokabeln machen die Prominenz der Emotion Angst in den Texten deutlich, wobei die Thematik im Alten Testament stĂ€rker vertreten ist als im Neuen Testament.10Vgl. Romaniuk, Kasimir/Lanczkowski, GĂŒnter/Schnurr, GĂŒnther, Art. Furcht, in: TRE 11 (1983), 755â766, 756.
In beiden Testamenten variieren dabei nicht nur die Bedeutungen der einzelnen Lexeme stark, sondern auch ihre Verwendungskontexte. Im Folgenden werden einige genannt: Angst im VerhĂ€ltnis zum Glauben (z. B. 1Joh 4,17Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.Zur Bibelstelle), die Todesangst bzw. Angst vor dem Tod (z. B. Jes 38,17Siehe, um Trost war mir sehr bange.Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,dass sie nicht verdĂŒrbe;denn du wirfst alle meine SĂŒnden hinter dich zurĂŒck.Zur Bibelstelle; Ijob 3,25Denn was ich gefĂŒrchtet habe, ist ĂŒber mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen.Zur Bibelstelle; 21,6Wenn ich daran denke, so erschrecke ich, und Zittern ergreift meinen Leib.Zur Bibelstelle; 22,10Darum bist du von Fallstricken umgeben, und Entsetzen hat dich plötzlich erschreckt.Zur Bibelstelle), die wiederum anders gelagerte Gottesfurcht (z. B. Ex 28,17Und du sollst sie besetzen mit vier Reihen von Steinen. Die erste Reihe sei ein Sarder, ein Topas und ein Smaragd,Zur Bibelstelle; 2Sam 7,23Und wo ist ein Volk auf Erden wie dein Volk Israel, um dessentwillen Gott hingegangen ist, es zu erlösen, dass es sein Volk sei, und ihm einen Namen zu machen und fĂŒr euch so groĂe und furchtbare Dinge zu tun, Völker und ihre Götter zu vertreiben vor deinem Volk, das du dir aus Ăgypten erlöst hast?Zur Bibelstelle; Ps 66,3Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!Deine Feinde mĂŒssen sich beugen vor deiner groĂen Macht.Zur Bibelstelle; Ijob 3,25f.[25] Denn was ich gefĂŒrchtet habe, ist ĂŒber mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen. [26] Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!Zur Bibelstelle; Apg 10,2â22[2] Der war fromm und gottesfĂŒrchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott. [3] Der hatte eine Erscheinung um die neunte Stunde am Tage und sah deutlich einen Engel Gottes bei sich eintreten; der sprach zu ihm: Kornelius! [4] Er aber sah ihn an, erschrak und fragte: Herr, was ist? Der sprach zu ihm: Deine Gebete und deine Almosen sind gekommen vor Gott, dass er ihrer gedenkt. [5] Und nun sende MĂ€nner nach Joppe und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus. [6] Der ist zu Gast bei einem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt. [7] Und als der Engel, der mit ihm redete, hinweggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Knechte und einen frommen Soldaten von denen, die ihm dienten, [8] und erzĂ€hlte ihnen alles und sandte sie nach Joppe.[9] Am nĂ€chsten Tag, als diese auf dem Wege waren und in die NĂ€he der Stadt kamen, stieg Petrus auf das Dach, zu beten um die sechste Stunde. [10] Und als er hungrig wurde, wollte er essen. WĂ€hrend sie ihm aber etwas zubereiteten, kam eine VerzĂŒckung ĂŒber ihn, [11] und er sah den Himmel aufgetan und ein GefÀà herabkommen wie ein groĂes leinenes Tuch, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. [12] Darin waren allerlei vierfĂŒĂige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. [13] Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! [14] Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Gemeines und Unreines gegessen. [15] Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein. [16] Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das GefÀà wieder hinaufgenommen gen Himmel.[17] Als aber Petrus noch ratlos war, was die Erscheinung bedeute, die er gesehen hatte, siehe, da fragten die MĂ€nner, von Kornelius gesandt, nach dem Haus Simons und standen schon an der TĂŒr, [18] riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wĂ€re. [19] WĂ€hrend aber Petrus nachsann ĂŒber die Erscheinung, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei MĂ€nner suchen dich; [20] so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt.[21] Da stieg Petrus hinab zu den MĂ€nnern und sprach: Siehe, ich binâs, den ihr sucht; aus welchem Grund seid ihr hier? [22] Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfĂŒrchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat einen Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast.Zur Bibelstelle; 13,16Da stand Paulus auf und winkte mit der Hand und sprach: Ihr MĂ€nner von Israel und ihr GottesfĂŒrchtigen, hört zu!Zur Bibelstelle.50Aber die Juden hetzten die gottesfĂŒrchtigen vornehmen Frauen und die Oberen der Stadt auf und stifteten eine Verfolgung an gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.Zur Bibelstelle; 17,17Und er redete zu den Juden und den GottesfĂŒrchtigen in der Synagoge und tĂ€glich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden.Zur Bibelstelle; 18,8Krispus aber, der Vorsteher der Synagoge, glaubte an den Herrn mit seinem ganzen Hause, und auch viele Korinther, die zuhörten, glaubten und lieĂen sich taufen.Zur Bibelstelle), die Furcht der JĂŒnger angesichts verschiedener Wunder Jesu (z. B. Mt 8,23â27[23] Und er stieg in das Boot und seine JĂŒnger folgten ihm. [24] Und siehe, da geschah ein groĂes Beben im Meer, sodass das Boot von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. [25] Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir verderben! [26] Da sagt er zu ihnen: Ihr KleinglĂ€ubigen, warum seid ihr so furchtsam?, und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer; und es ward eine groĂe Stille.[27] Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das fĂŒr ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?Zur Bibelstelle; Mt 14,22â33[22] Und alsbald drĂ€ngte Jesus die JĂŒnger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen lieĂe. [23] Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um fĂŒr sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. [24] Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.[25] Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. [26] Und da ihn die JĂŒnger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. [27] Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich binâs; fĂŒrchtet euch nicht![28] Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. [29] Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. [30] Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! [31] Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du KleinglĂ€ubiger, warum hast du gezweifelt?[32] Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. [33] Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!Zur Bibelstelle; Lk 5,1â11[1] Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drĂ€ngte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. [2] Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. [3] Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.[4] Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! [5] Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. [6] Und als sie das taten, fingen sie eine groĂe Menge Fische und ihre Netze begannen zu reiĂen. [7] Und sie winkten ihren GefĂ€hrten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und fĂŒllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. [8] Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu FĂŒĂen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sĂŒndiger Mensch. [9] Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, ĂŒber diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, [10] ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des ZebedĂ€us, Simons GefĂ€hrten. Und Jesus sprach zu Simon: FĂŒrchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. [11] Und sie brachten die Boote ans Land und verlieĂen alles und folgten ihm nach.Zur Bibelstelle; Lk 7,11â17[11] Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine JĂŒnger gingen mit ihm und eine groĂe Menge. [12] Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine groĂe Menge aus der Stadt ging mit ihr. [13] Und da sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! [14] Und trat hinzu und berĂŒhrte den Sarg, und die TrĂ€ger blieben stehen. Und er sprach: JĂŒngling, ich sage dir, steh auf! [15] Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. [16] Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein groĂer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht. [17] Und diese Kunde von ihm erscholl im ganzen jĂŒdischen Land und in allen umliegenden LĂ€ndern.Zur Bibelstelle).
Eine klare begriffliche Trennung zwischen den Begriffen âAngstâ und âFurchtâ ist schwer auszumachen â teilweise werden beide synonym, teilweise aber auch differenziert gebraucht.11Vgl. Romaniuk et al., Furcht, 756f. In welcher Weise die Verwendung der Begriffe in verschiedene Kontexte eingebettet ist, kann nur eine exegetische Untersuchung der einzelnen Stellen herausarbeiten.12Vgl. z. B. fĂŒr das Alte Testament: Kipfer, Sara, Angst, Furcht und Schrecken. Eine kognitiv-linguistische Untersuchung einer Emotion im Biblischen HebrĂ€isch, in: Journal of Northwest Semitic Languages 42 (2016), 15â79; GemĂŒnden, Petra von, Affekte in den synoptischen Evangelien. Die Bedeutung der literarischen Gattung fĂŒr die Darstellung von Zorn, Begierde, Furcht/Angst und Neid, in: GemĂŒnden, Petra von et al. (Hrsg.), Jesus. Gestalt und Gestaltungen, Göttingen 2013, 255â284.
WeiterfĂŒhrende Infos WiBiLex
Unter dem Stichwort âFurchtâ wendet sich Sara Kipfer dem PhĂ€nomenbereich aus alttestamentlicher Perspektive zu und stellt u. a. fest, âdass Angst beziehungsweise Furcht die ĂŒberaus dominierende Emotion in den alttestamentlichen Texten ist. Nicht nur die hĂ€ufige Nennung und Benennung mit einem sehr breiten Vokabular, sondern auch der Stellenwert, der ihr inhaltlich zukommt, belegt diesâ. Alle Informationen finden sich unter: Kipfer, Sara, Art. Furcht (AT), in: WiBiLex (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/18774/), zugegriffen am 19.05.2025.
2. Angst und christliche Religion â systematisch-theologische Perspektiven
Angst und Religion stehen in einem komplexen WechselverhĂ€ltnis zueinander: Zum einen können PhĂ€nomene sowie Aspekte der eigenen wie auch fremder Religion auf höchst unterschiedliche Weise Angst und Furcht auslösen. So verbreiten z. B. fundamentalistisch grundierte Gewalttaten Angst und Schrecken und fĂŒhren dabei zum Teil auch zu Angst vor konkreten Religionen wie auch allgemein vor dem PhĂ€nomen Religion. Dies wiederum ist ein möglicher Grund dafĂŒr, dass Angehörige spezifischer Religionsgemeinschaften bisweilen Angst davor haben, ihre Religionszugehörigkeit offen zu zeigen bzw. sich ĂŒberhaupt als religiös ansprechbar zu outen. Nicht nur bei Menschen frĂŒherer Generationen können religiöse Vorstellungen, wie z. B. die Vorstellung eines strafenden Gottes, auch Ăngste auslösen oder zumindest fördern.
Im Laufe der Geschichte des Christentums zeigen sich Wandlungen hinsichtlich dessen, wovor Christ*innen Angst haben. Die ersten Christenmenschen erwarteten ihr unmittelbar bevorstehendes Ende und apokalyptischen Ăngste wie Hoffnungen waren Teil des Glaubenslebens. Im Mittelalter potenzierten sich die Ăngste schĂŒrenden Vorstellungen von einem Endgericht Gottes, den Qualen des Fegefeuers, das auf die zu strafenden SĂŒnder*innen wartete. Durch die beiden Weltkriege und die vielfĂ€ltigen, nicht zuletzt durch Industrialisierung und Technisierung mitbeeinflussten gesellschaftlichen UmbrĂŒche richtete sich die Angst primĂ€r auf ein befĂŒrchtetes Chaos, âdas durch keinen Fortschritt in den Wissenschaften und in der Entwicklung des einzelnen Menschen auf Dauer besiegt werden kannâ.13KĂŒhne, Michael, Art. Angst, in: Evangelischer Taschenkatechismus (2001), 285â287, 286.
In der theologischen BeschĂ€ftigung mit der Angst spielt ihr Zusammenhang mit dem Glauben eine entscheidende Rolle. Zu oft wurde die Angst als Symptom des Unglaubens und als SĂŒnde verstanden und der Glaube als Situation völliger Angstfreiheit interpretiert.14Vgl. Körtner, Ulrich H. J., âUm Trost war mir sehr bangeâ. Angst und Glaube, Krankheit und Tod, in: ders., (Hrsg.), Angst. Theologische ZugĂ€nge zu einem ambivalenten Thema, Neukirchen-Vluyn 2001, 69â86, 71. Der Religion kam so die Aufgabe zu, diese wĂŒnschenswerte Angstfreiheit herzustellen bzw. Angst möglichst zu minimieren und aus dem Leben fernzuhalten. Dies ist nicht nur eine höchst unrealistische Perspektive, weil sie der Annahme widerspricht, Angst sei ein anthropologisch grundlegendes PhĂ€nomen menschlichen Lebens. DarĂŒber hinaus reduziert sie Religion auf die Funktion einer reinen KontingenzbewĂ€ltigung, was nicht die Vielschichtigkeit von Religion widerspiegelt.15Vgl. Richter, Cornelia, Ohnmacht und Angst aushalten. Kritik der Resilienz in Theologie und Philosophie, Stuttgart 2017, 13.
Aus der langen Geschichte einer theologischen BeschÀftigung mit der Angst werden im Folgenden einige besonders wichtige und folgenreiche Positionen vorgestellt.
Die erste systematisierte Form eines theologischen AngstverstÀndnisses findet sich bei Augustin ![]()
in seiner Schrift De civitate Dei. Anhand von differenzierten Bibelauslegungen kommt Augustin zu einer Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Arten von Furcht. Die positiv verstandene timor filialis und die negativ besetzte, weil auf göttliche Strafe bezogene timor servilis. Durch die zunehmend wachsende Gnade Gottes kann sich die letztere in die timor filialis umwandeln.16Vgl. Koch, Elke, Konzepte von Emotion und Affekt im Mittelalter, in: Kappelho, Hermann et al. (Hrsg.), Emotionen. Ein interdisziplinĂ€res Handbuch, Berlin 2019, 13â22, 15f.; Drecoll, Volker H., Angst bei Augustin, in: Hermeneutische BlĂ€tter 26/1 (2020), 87â100.
Diese Vorstellung einer stufenweisen Verwandlung der Angst durch die Liebe Gottes fand ihren Eingang in der theologischen Fortentwicklung im Mittelalter. Gebrochen wurde diese schlieĂlich durch Martin Luther ![]()
, der im Zuge seiner strikten Ablehnung jeglicher als Werkgerechtigkeit verstandenen SelbstermĂ€chtigung des Menschen (vgl. Art. Rechtfertigung) Abschied von einer stufenweise verstandenen AngstbewĂ€ltigung nimmt. Auch wendet er sich strikt gegen die Vorstellung, Glaube und Frömmigkeit könnten aus einer negativ konnotierten Furcht vor Gott resultieren. Im Gegenteil deutet er im Zuge seiner Auslegung der Klage- und BuĂpsalmen (1517) die Furcht um und versteht sie als Ausdruck der bewussten Unterwerfung unter das göttliche Urteil ĂŒber die SĂŒnde.17Vgl. Luther, Martin, Die sieben BuĂpsalmen. Erste Bearbeitung (1517), in: WA 1, (154) 158â220; Dietz, Thorsten, Zur theologischen Deutung von Furcht und Angst, in: Kappelhoff, Hermann et al. (Hrsg.), Emotionen. Ein interdisziplinĂ€res Handbuch, Berlin 2019, 150â154, 151; Dietz, Thorsten, Der Begriff der Furcht bei Luther, TĂŒbingen 2009, 174â180. Hieraus könne dann Gerechtigkeit bzw. gerechter und damit tröstender Glaube erwachsen, wie Luther schon in seiner Römerbriefvorlesung (1515/16) deutlich macht.18Vgl. Luther, Martin, Diui Pauli apostoli ad Romanos Epistola (1515/1516), in: WA 56, (V) 3â528; Dietz, Begriff, 128â173. SpĂ€ter versteht der Reformator immer stĂ€rker das Wort des Evangeliums als wirksamste, Ă€uĂere Quelle des Heils, das den selbstzerstörerischen Kreislauf des sich Ă€ngstigenden Individuums unterbrechen kann. Die Predigt des Gesetzes hingegen wird als Angst fördernd und so als Kehrseite der erlösenden Rechtfertigung verstanden.19Vgl. Körtner, Trost, 80; Dietz, Begriff, 252â254. Luther hĂ€lt am Begriff der Gottesfurcht im Sinne einer Haltung des Respekts gegenĂŒber Gott fest. Diese ist aber nicht mit der Angst vor dem Gericht Gottes gleichzusetzen, das nun keinerlei soteriologische Bedeutung mehr hat. Nur das Rechtfertigung vermittelnde Evangelium kann kreative Quelle fĂŒr Glaubens- und Lebensmut sein. Der Glaube, der aus der Einsicht resultiert, dass Rettung und Heil nur sola gratia Dei erteilt werden, ist bei Luther immer ein angefochtener Mut, der sich in der FĂŒlle des Lebens verlieren, aber auch wiederfinden lĂ€sst.
Eine weitere, einschneidende BeschÀftigung mit der Angst liefert der Philosoph und Theologe SÞren Kierkegaard ![]()
, indem er Angst und Furcht grundlegend voneinander unterscheidet und Angst in direkte Verbindung mit der menschlichen Erfahrung von Freiheit bringt:20Vgl. Kierkegaard, SĂžren, Der Begriff Angst, in: Gesammelte Werke 11/12, hrsg. v. Christoph Schrempf, Stuttgart 1935, 1â169. Die Furcht beschreibt Kierkegaard als gegenstandsbezogenes GefĂŒhl, die Angst dagegen als gegenstandslos und darĂŒber hinaus als im SelbstverhĂ€ltnis des Menschen verortet, der sich als auf die Freiheit hin angelegt erfĂ€hrt. So erscheint die Angst als höchst ambivalentes GefĂŒhl, das im VerheiĂen der Freiheit zugleich anziehend und abschreckend ist.21Vgl. Dietz, Deutung, 152.
Den Mut als Gegenspieler der Angst identifiziert Paul Tillich ![]()
mit seinem Werk The Courage to Be (1952). Auch wenn Tillich seine Angsttheorie dezidiert in seine Zeit hineingeschrieben hat, kann sie aufgrund ihrer komplexen Inter- und IntradisziplinaritĂ€t und ihres Bezugs zu einer umfassenden theologischen Wirklichkeitsbeschreibung22Vgl. Ihben-Bahl, Sabine, Gottes Mut und Tillichs Beitrag â zu den Besonderheiten und der bleibenden Relevanz von Paul Tillichs Angsttheorie, in: Hermeneutische BlĂ€tter 26/1 (2020), 111â124, 113. auch fĂŒr den heutigen Angstdiskurs eine relevante GesprĂ€chspartnerin sein. In der Angst als existential anxiety (dt. existenzielle Angst bzw. radikale Angst) erfĂ€hrt der Mensch das Nichtsein, indem er mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert wird.23Vgl. Tillich, Paul, The Courage to Be, New Haven 1952, 64; Slenczka, Notger, Trauma und Resilienz â âschlechthinnige AbhĂ€ngigkeitâ und âMut zum Seinâ, in: Richter, Cornelia (Hrsg.), Ohnmacht und Angst aushalten. Kritik der Resilienz in Theologie und Philosophie, Stuttgart 2017, 163â182, 177. Sie ermöglicht dem Menschen die ErschlieĂung der Wirklichkeit und zeigt zugleich einen Weg des Umgangs mit ihr auf. Dies nennt Tillich âPartizipationâ.24Vgl. Tillich, Courage, 86. So kann dem Menschen auch bewusstwerden, dass Gott auch bzw. gerade in den WidersprĂŒchen, den AbgrĂŒnden des menschlichen Lebens erlebt und gefunden werden kann â ganz im Sinne der lutherischen theologia crucis.25Vgl. Slenczka, Trauma, 180f. Die FĂ€higkeit und Motivation des Menschen, auch durch Widrigkeiten des Lebens zu gehen, liegt im Mut zum Sein begrĂŒndet, dessen Quelle Gott, das Sein-Selbst ist. In der Mitte von Tillichs Theologie steht demnach der Mensch, der in der Wirklichkeit Gottes erkennt, was ihn bedroht, was ihm Angst macht, aber auch wahrnehmen kann, âwas ihn sein lĂ€sstâ.26Ihben-Bahl, Mut, 123.
3. Angst und christliche Lebenskunst
Als ernst zu nehmende psychische Belastung hat Angst auch eine ethisch-moralische Komponente, vor allem, wenn es angesichts von berechtigten Ăngsten, wie z. B. der sog. âKlimaangstâ auch um Verantwortung und VerantwortungsĂŒbernahme angesichts von AdversitĂ€t oder â systematisch-theologisch gefasst â dem strukturellen Bösen geht.27Vgl. Peter, Felix/Bronswijk, Katharina van/Rodenstein, Bianca, Facetten der Klimaangst. Psychologische Grundlagen der Entwicklung eines handlungsleitenden Klimabewusstseins, in: Rieken, Bernd et al. (Hrsg.), Eco-Anxiety â Zukunftsangst und Klimawandel. InterdisziplinĂ€re ZugĂ€nge, MĂŒnster 2021, 163â184. Damit ist die Angst theologisch nicht nur auf der individuellen Ebene relevant, sondern muss auch in strukturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontexten betrachtet werden.28Vgl. GĂ€rtner, Judith, Lebensstark aus der Klage. Traditionen der HebrĂ€ischen Bibel in der Perspektive von Resilienz am Beispiel von Ps 22, in: Praktische Theologie 51/2 (2016), 75â81. Hier sind einerseits religiöse Kompetenzen des Umgangs mit der (individuellen, aber auch gruppenbezogenen) Angst gefragt. Die Theologie gerade in ihrer praxisbezogenen AusprĂ€gung ist aber auch gefragt, an einer emanzipatorisch-kompetenten Haltung gegenĂŒber dem die Angst verursachenden Problem zu arbeiten.
Wie sich Impulse aus dem christlichen Glauben fĂŒr einen lebensdienlichen Umgang mit der Emotion der Angst gewinnen lassen, wird in praktisch-theologischen Disziplinen wie z. B. der ReligionspĂ€dagogik oder der Seelsorge behandelt, berĂŒhrt aber auch andere Handlungsfelder, in denen die Bildungsdimension von besonderer Bedeutung ist. Besonders hervorzuheben ist hierbei eine Auseinandersetzung mit der Angst im Bereich einer âLebenskunstbildungâ29Vgl. hierzu Bubmann, Peter, Lebenskunstbildung. Ein Prospekt, in: Bednorz, Lars et al. (Hrsg.), Religion braucht Bildung â Bildung braucht Religion. Horst F. Rupp zum 60. Geburtstag, WĂŒrzburg 2009, 67â78; Huizing, Klaas, FĂŒrchte dich nicht. Die Kunst der EntĂ€ngstigung, Frankfurt a. M. 2009; Gojny, Tanja, Bangen & hoffen, in: Bubmann, Peter/Sill, Bernhard (Hrsg.), Christliche Lebenskunst, Regensburg 2008, 239â250. sowie gegenwĂ€rtiger christlicher âSterbekunstâ als notwendiger Aspekt religiöser Bildung.30Vgl. Roser, Traugott, Eine neue Ars moriendi. Zwölf Beobachtungen zu Sterben und Sterbebegleitung in der Tradition Martin Luthers, in: Luther 90/1 (2019), 12â28; Buchs, Simone, Ars moriendi â ars vivendi. Vor und nach dem Ende, in: Erbe und Auftrag 94/2 (2018), 208â210; Steffensky, Fulbert, Mut zur Endlichkeit. Sterben in einer Gesellschaft der Sieger, Stuttgart 2007; Wagner, Harald, Ars moriendi als Thema der Gegenwart, in: Una Sancta 61/3 (2006), 189â192.
Die Ritual- und Textgeschichte einer christlichen ars moriendi (dt. Sterbekunst) ist mit dem Thema der Angst eng verbunden â insbesondere der Angst vor einem unvorbereiteten Tod, Anfechtungen in der Sterbestunde und dem Verlust des Seelenheils, denen die reformatorischen Sterbeunterweisungen durch das Betonen der Heilsgewissheit, der Lehre der Rechtfertigung durch den Glauben, den Hinweis auf den Trost durch die Sakramente und die Erinnerung an die Passion Christi zu begegnen suchten.31Vgl. Reinis, Austra, Ars moriendi. Ritual- und Textgeschichte, in: Wittwer, HĂ©ctor et al. (Hrsg.), Handbuch Sterben und Tod, Stuttgart 22020, 202â209. Religiöse Praxisformen, prominent in der Praxisform des Betens,32Vgl. etwa Boff, Leonardo, Vater unser. Das Gebet umfassender Befreiung, DĂŒsseldorf 1983. sind dazu geeignet, den Blick angesichts von Angst fĂŒr Strategien des Umgangs (wieder) zu weiten. Sie tun dies z. B., indem sie Möglichkeiten bieten, das eigene Leid âdurch das Leid Jesu Christi anzusehenâ.33Wabel, Thomas, Weisen der Verkörperung in der christlichen Schmerztradition und die Frage nach Resilienz, in: Richter, Cornelia (Hrsg.), Ohnmacht und Angst aushalten. Kritik der Resilienz in Theologie und Philosophie, Stuttgart 2017, 91â106, 100. Die Angst wird in das GottesverhĂ€ltnis mit aufgenommen, deutlich wird dies z. B. im Ruf Jesu am Kreuz.34Vgl. Flebbe, Jochen, âIch glaube â hilf meinem Unglauben.â Strukturen antithetischer KrisenbewĂ€ltigung im Neuen Testament, in: Richter, Cornelia (Hrsg.), Ohnmacht und Angst aushalten. Kritik der Resilienz in Theologie und Philosophie, Stuttgart 2017, 47â70, 61. Religiöse PhĂ€nomene des Loslassens, der Hingabe, der SelbstfĂŒrsorge oder der Sorge fĂŒr andere können Möglichkeiten des Umgangs mit der Angst bzw. mit einer Ă€ngstigenden Situation darstellen. Dies kann als Resilienz bezeichnet werden â verstanden als ein KrisenphĂ€nomen, das kein Garant fĂŒr ein leidfreies Leben darstellt, sondern vielmehr menschliche VulnerabilitĂ€t betont und damit fĂŒr eine krisensensible IdentitĂ€tsbildung und IdentitĂ€tsarbeitsfĂ€higkeit von Bedeutung werden kann.35Vgl. Richter, Ohnmacht, 12f.
So kann christliche Lebenskunst der Hoffnung Raum geben. Sie ist narrativ, drĂŒckt sich in Hoffnungsgeschichten aus und lĂ€dt zum Einschreiben in die eigene Biografie ein. Christliche Lebenskunst ist Praxis â sie setzt auf aktive Hoffnungsarbeit und ist sich gleichzeitig der grundlegenden Gegebenheit des Lebens bewusst.36Vgl. Gojny, Bangen, 242. Die christliche Hoffnung, die im Zentrum der sie vermittelnden Frömmigkeitspraxis steht, ist eine Deutungsperspektive, die â so wichtig diese Perspektive auch ist â nicht nur vor moralischer SelbstĂŒberforderung schĂŒtzt, sondern auch den Blick fĂŒr Aspekte des Loslassens und des Freiwerdens öffnen kann.37Vgl. GĂ€rtner, Klage.
