1. Grundlegende Orientierung
Helfen1Vgl. grundlegend dazu: Albert, Anika Christina: Prosoziales Verhalten. In: Lob-Hüdepohl, Andreas/Schäfer, Gerhard K. (Hg.): Ökumenisches Kompendium, Göttingen 2021, 11–22. Teile dieses Textes wurden im vorliegenden Beitrag übernommen. ist ein Begriff, der sowohl im alltäglichen Sprachgebrauch als auch in verschiedenen Fachdiskussionen gebraucht wird. Aufgrund dieser breiten Verwendung ist eine klare und eindeutige Definition nicht möglich, wohl aber eine Beschreibung des Phänomens und unterschiedlicher Deutungsmöglichkeiten. Im Wortsinn meint Helfen, jemanden bei einem Vorhaben oder einer Tätigkeit zu unterstützen bzw. behilflich, förderlich oder nützlich zu sein. Im reflexiven Sinne ist auch Hilfe zur Selbsthilfe impliziert: Es geht also nicht nur darum, anderen zu helfen, sondern auch zu wissen, wie man sich selbst helfen kann. Eine grundlegende Zielperspektive ist dabei, weitgehende Selbstbestimmung zu verwirklichen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
2. Helfen als anthropologische und gesellschaftliche Grunddimension
Helfen ist eine grundlegende Dimension im Zusammenleben von Menschen, das ohne wechselseitige Unterstützung nicht gelingen kann. In weiten Bereichen geschieht helfendes Handeln daher situationsabhängig und informell im Alltag, ohne dass es für die einzelnen Handlungen einer bewussten Entscheidung oder tiefgreifenden Reflexion bedarf.
Dennoch wurden die dahinterliegenden Mechanismen u. a. aus anthropologischer, soziologischer, psychologischer sowie philosophischer und theologischer Perspektive umfassend reflektiert. In diesem Zusammenhang wurden Geben, Schenken und Helfen als Phänomene identifiziert, die sowohl vormoderne als auch moderne und postmoderne Gesellschaften geprägt haben und prägen – unabhängig von ihrer allgemeinen Verfasstheit, dem Wohlstand ihrer Mitglieder oder der Verbindlichkeit normativer Konzepte. Dabei weist helfendes Handeln sowohl individuelle, zwischenmenschliche als auch politische Dimensionen auf.2Vgl. Strachwitz, Rupert Graf: Spenden und bürgerschaftliches Engagement. Aspekte einer politischen Kontextualisierung. In: Adloff, Frank/Priller, Eckhard/Ders. (Hg.): Prosoziales Verhalten, Berlin/Boston 2019, 1–20, 3. Diese betreffen u. a. die Fragen, wie informell bzw. formell Hilfe geleistet wird, in welchem Verhältnis Eigen- und Fremdinteressen zueinanderstehen und inwiefern explizit oder implizit Gegenleistungen erwartet werden. Auch stellt sich die gesellschaftlich relevante Frage nach zugrunde liegenden Handlungslogiken, die für Zusammenhalt und somit letztlich für das Funktionieren von Gemeinschaften in kleineren und größeren Kontexten sorgen.3Vgl. grundlegend hierzu: Mauss, Marcel: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, stw 743, Frankfurt a. M. 1990.
3. Entwicklungslinien zur Professionalisierung helfenden Handelns
Mit Beginn der Industrialisierung und später im Zuge der Entwicklung sozialstaatlicher Ideen hat ein Wandel im Hilfeverständnis weg von grundlegender wechselseitiger Unterstützung hin zu einem formalisierten und professionalisierten Hilfehandeln stattgefunden. Hier wird Helfen nicht mehr als reine mildtätige oder erwartbare zwischenmenschliche Gabe verstanden, sondern als rechtswirksamer Anspruch etabliert, der somit auch juristische Dimensionen umfasst und klare gesetzliche Regelungen erfordert. In diesem Kontext hat sich Soziale Arbeit als wissenschaftliche Disziplin etabliert, die eine grundlegende Menschenrechtsorientierung aufweist und im Sinne des „sozialen Dreiecks“ Hilfeberechtigte, Leistungserbringende und Kostentragende in ein strukturell geregeltes Verhältnis setzt.
Im Zuge der Professionalisierung Sozialer Arbeit traten psychologische4Vgl. Schmidtbauer, Wolfgang: Helfersyndrom und Burnout-Gefahr, München/Jena 2002. und soziologische5Vgl. Luhmann, Niklas: Formen des Helfens im Wandel gesellschaftlicher Bedingungen. In: Otto, Hans-Uwe/Schneider, Siegfried (Hg.): Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit, Band I, Neuwied/Berlin 1973, 21–43. Problematisierungen in den Vordergrund, wie beispielsweise Diskussionen um das Helfer- und Burnoutsyndrom oder asymmetrische Hilfebeziehungen zeigen.
Insbesondere mit Blick auf Menschen mit Beeinträchtigung wurde der Hilfebegriff in den letzten Jahren zunehmend durch den Begriff der Assistenz abgelöst, wodurch dem Recht auf Selbstbestimmung und Inklusion gegenüber einem lange praktizierten Fürsorgeverständnis eine deutliche Vorrangstellung eingeräumt wird.6Vgl. Graumann, Sigrid: Assistierte Freiheit. Von einer Behindertenpolitik der Wohltätigkeit zu einer Politik der Menschenrechte, Frankfurt a. M./New York 2011.
Im zivilgesellschaftlichen Kontext insgesamt ist zu beachten, dass professionelles Hilfehandeln im konkreten Vollzug nicht nur von haupt-, sondern auch von ehrenamtlichen Mitarbeitenden geleistet wird. Das gilt insbesondere für wohltätige Organisationen wie Diakonie und Caritas. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang auch Fragen nach altruistischen vs. egoistischen Motiven helfenden Handelns, potenziellen positiven vs. negativen Wirkungen insbesondere mit Blick auf Autonomie, Partizipation sowie Selbstwirksamkeit im Zusammenspiel von Hilfe gebenden und Hilfe empfangenden Personen.
4. Theologisch-ethische Begründungen und Deutungen helfenden Handelns
Aus biblischer und systematisch-theologischer Perspektive lässt sich helfendes Handeln mit dem Liebesgebot in seinen Ausdifferenzierungen als Gottes-, Nächsten-, Selbst- und Feindesliebe begründen.7Vgl. Starnitzke, Dierk: Gibt es ein Spezifikum christlicher Ethik? Neutestamentliche Überlegungen zu einer diakonischen Theologie helfender Berufe. In: Vouga, François (Hg.): Wort und Dienst, Jahrbuch der Kirchlichen Hochschule Bethel 29, Bielefeld 2007, 251–265. Im praktisch-theologischen Sinne ist helfendes Handeln eine Grunddimension von Kirche, sowohl was ihr Selbstverständnis als auch was die Erwartungen ihrer Mitglieder betrifft.8Vgl. EKD (Hg.): Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis, V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014, 93–95. Dabei lassen sich Diakonie und Caritas einerseits als Kernfunktionen von Kirche und andererseits als institutionelle Ausgestaltungen helfenden Handelns und somit auch als Brückenglieder zwischen Kirche und Gesellschaft verstehen.
4.1 Theologische Kritiken des Helfens
Im Sinne des skizzierten breit angelegten Hilfeverständnisses wurde und wird neben einer grundlegenden Wertschätzung auch aus theologischer Perspektive vielfältige Kritik an helfendem Handeln geäußert. Nicht selten liegen dabei unterschiedliche Gabeverständnisse zugrunde, die von Mildtätigkeit und Barmherzigkeit gegenüber Bedürftigen über eigene religiöse Verdienste gegenüber Gott bis hin zu rein altruistischen Motiven reichen. So gab es im ausgehenden Mittelalter und vor allem in der Reformationszeit Kritik an einer ausgeprägten Almosenpraxis, die jedoch vor allem den Gläubigen selbst religiöse Vorteile verschaffen sollte.
Bereits im 19. Jahrhundert konstatierte beispielsweise Gerhard Uhlhorn
9Vgl. Uhlhorn, Gerhard: Die christliche Liebesthätigkeit, unveränderter fotomechanischer Nachdruck der zweiten verbesserten Auflage, Darmstadt 1895; vgl. dazu Albert, Anika Christina: Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, VDWI 42, Heidelberg 2010, 50–55. – unter Kritik an griechischen, römischen, germanischen, jüdischen und mittelalterlichen oder zeitgenössischen katholischen und evangelischen christlichen Praktiken – vier Fehlformen christlicher Liebestätigkeit. So sei christliches Handeln dann zu kritisieren, wenn das Streben nach eigener Ehre und Ansehen, die Inanspruchnahme materieller Vorteile, das Abzielen auf religiöse Verdienste sowie die Funktionalisierung des Hilfehandelns zur eigenen Therapie im Vordergrund stünden. Demgegenüber stellte Uhlhorn als einzig akzeptable christliche Alternative das Helfen aus Dankbarkeit gegenüber Gott dar, das er folgendermaßen theologisch begründet: „Der Mensch thut gute Werke nicht, um selig zu werden, sondern weil er selig ist, die guten Werke erwachsen aus dem Glauben als seine Früchte.“10Uhlhorn, Gerdhard: Die christliche Liebesthätigkeit, unveränderter fotomechanischer Nachdruck der zweiten verbesserten Auflage, Darmstadt 1895, 522.
4.2 Konfessionelle Nuancierungen
In dem Modell Uhlhorns
scheinen u. a. konfessionelle Differenzen im Hilfeverständnis auf, die auch im 21. Jahrhundert noch nicht vollständig ausgeräumt sind. So unterscheidet beispielsweise Johannes Degen
11Vgl. Degen, Johannes: Freiheit als Profil. Wandlungen der Hilfekultur – Plädoyer für eine zukunftsfähige Diakonie, Gütersloh 2003, 46–63, bes: 49–57; dazu: Albert, Anika Christina: Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, VDWI 42, Heidelberg 2010, 56–59. zwischen einem katholischen und einem evangelischen Modell der Hilfsmotivationen, ohne jedoch beide gegeneinander ausspielen zu wollen. Im Zentrum des katholischen Modells steht für ihn die Selbstverwirklichung des religiösen Menschen, der die Zuwendung zum Nächsten als gute Tat versteht, die auch einen Beitrag zum eigenen Erlösungsgeschehen leisten kann. Darin liegt ein möglicher Kritikpunkt, zugleich aber auch die Stärke des Ansatzes: Hilfe darf sowohl um der Hilfebedürftigen als auch um der Helfenden willen geschehen. Sie müssen sich – wie das Beispiel des Barmherzigen Samariters (Lk 10) zeigt – nicht selbstlos aufopfern, sondern den konkreten Situationen und Personen entsprechend handeln: Die Überzeugung: „Ich habe zu helfen, wer denn sonst – jetzt und konkret!“12Degen, Johannes: Freiheit als Profil. Wandlungen der Hilfekultur – Plädoyer für eine zukunftsfähige Diakonie, Gütersloh 2003, 51. scheint daher sowohl im volkskirchlichen katholischen Milieu als auch in der theologischen Begründung fest verankert zu sein.
Demgegenüber sieht Degen das protestantische Modell weniger praktisch-individualistisch ausgerichtet, sondern stärker geprägt von sozialen, politischen und gesellschaftsverändernden Motiven, wie sie auch exemplarisch im Wirken Johann Hinrich Wicherns
ihren Ausdruck finden. Vor diesem Hintergrund konstatiert Degen im volkskirchlichen Protestantismus eine größere Distanz zum unmittelbaren helfenden Handeln und eine „Zurückhaltung bezüglich der Mensch-zu-Mensch-Aktion: ‚Warum ich – es gibt doch Strukturen und Institutionen in Staat und Gesellschaft, die verpflichtet sind, Hilfe zu leisten‘“.13Degen, Johannes: Freiheit als Profil. Wandlungen der Hilfekultur – Plädoyer für eine zukunftsfähige Diakonie, Gütersloh 2003, 53. Positiv gewendet, kann insbesondere in der Förderung und Etablierung der genannten Strukturen eine Stärke des protestantischen Ansatzes gesehen werden.
In beiden Modellen besteht nach Degen die Gefahr, dass die hilfebedürftigen Personen in den Hintergrund treten, ggf. sogar verdinglicht oder objektiviert werden – zugunsten der hilfegebenden Personen bzw. der gesellschaftlichen Strukturen.14Vgl. Degen, Johannes: Freiheit als Profil. Wandlungen der Hilfekultur – Plädoyer für eine zukunftsfähige Diakonie, Gütersloh 2003, 53. Diesen möglichen Schwächen gilt es in der theologischen Theorie und im praktischen Vollzug kritisch zu begegnen und dabei zu ermitteln, ob Hilfehandeln in einer säkularen Gesellschaft überhaupt noch eine religiöse Bedeutung haben kann oder ob auf diese bewusst verzichtet werden sollte.15Vgl. Degen, Johannes: Freiheit als Profil. Wandlungen der Hilfekultur – Plädoyer für eine zukunftsfähige Diakonie, Gütersloh 2003, 53; dazu Rüegger, Heinz/Sigrist, Christoph: Diakonie – eine Einführung. Zur theologischen Begründung helfenden Handelns, Zürich 2011.
4.3 Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs
Ausgehend von theologischen Überlegungen zum Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10) äußert auch Gerd Theißen
interdisziplinäre Kritik am Hilfehandeln und konstatiert sogar eine „Legitimitätskrise des Helfens“.16Theißen, Gerd: Die Bibel diakonisch lesen. Die Legitimitätskrise des Helfens und der Barmherzige Samariter. In: Schäfer, Gerhard K./ Strohm, Theodor (Hg.): Diakonie – biblische Grundlagen und Orientierungen. Ein Arbeitsbuch, VDWI 2, 3. Auflage, Heidelberg 1998, 376–401; dazu Albert, Anika Christina: Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, VDWI 42, Heidelberg 2010, 49f. So lasse sich aus psychologischer Perspektive Helfen als „psychische Selbstausbeutung“17Theißen, Gerd: Die Bibel diakonisch lesen. Die Legitimitätskrise des Helfens und der Barmherzige Samariter. In: Schäfer, Gerhard K./ Strohm, Theodor (Hg.): Diakonie – biblische Grundlagen und Orientierungen. Ein Arbeitsbuch, VDWI 2, 3. Auflage, Heidelberg 1998, 376–401, 377., aus soziologischer Sicht als „kaschierte Herrschaft“18Theißen, Gerd: Die Bibel diakonisch lesen. Die Legitimitätskrise des Helfens und der Barmherzige Samariter. In: Schäfer, Gerhard K./ Strohm, Theodor (Hg.): Diakonie – biblische Grundlagen und Orientierungen. Ein Arbeitsbuch, VDWI 2, 3. Auflage, Heidelberg 1998, 376–401, 378. und in einer biologisch-evolutionstheoretischen Argumentation als „dysfunktionale Gegenselektion“19Theißen, Gerd: Die Bibel diakonisch lesen. Die Legitimitätskrise des Helfens und der Barmherzige Samariter. In: Schäfer, Gerhard K./ Strohm, Theodor (Hg.): Diakonie – biblische Grundlagen und Orientierungen. Ein Arbeitsbuch, VDWI 2, 3. Auflage, Heidelberg 1998, 376–401, 379. verstehen. Damit spielt er erstens auf unter Helferpersonen weit verbreitete Helfer- und Burnout-Syndrome, zweitens auf asymmetrische Machtverhältnisse zwischen hilfegebenden und hilfeempfangenden Personen sowie drittens auf den als Altruismus deklarierten „kaschierte[n] genetische[n] Egoismus“20Theißen, Gerd: Die Bibel diakonisch lesen. Die Legitimitätskrise des Helfens und der Barmherzige Samariter. In: Schäfer, Gerhard K./ Strohm, Theodor (Hg.): Diakonie – biblische Grundlagen und Orientierungen. Ein Arbeitsbuch, VDWI 2, 3. Auflage, Heidelberg 1998, 376–401, 380. an.
Das Thema Helfen wird aus theologischer Perspektive insbesondere im diakoniewissenschaftlichen Kontext u. a. in Anknüpfung an Gerd Theißens Überlegungen, die sich auch auf das Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25) beziehen,21Vgl. Theißen, Gerd: Die Rede vom großen Weltgericht (Mt 25,31–46). Universales Hilfsethos gegenüber allen Menschen? In: Götzelmann, Arnd/Herrmann, Volker/Stein, Jürgen (Hg.): Diakonie der Versöhnung. Ethische Reflexionen und soziale Arbeit in ökumenischer Verantwortung. Festschrift für Theodor Strohm, Heidelberg 1998, 60–70. breit diskutiert. Eng verbunden ist hiermit die Frage nach diakonischer Identität bzw. einem (mehr oder weniger) spezifisch diakonischen Profil. Ausgehend von der Grundeinsicht, dass Helfen ein allgemein menschliches Phänomen ist, spielt die Frage nach einer besonderen christlichen Hilfsmotivation eine zentrale Rolle.
Unter Aufnahme der skizzierten Ansatz- und Kritikpunkte schlägt die Verfasserin aus evangelisch-theologischer Perspektive ein Verständnis christlichen Hilfehandelns als „Gabe und Gegenseitigkeit“ und eine entsprechende Begründung auf der Basis der Rechtfertigungslehre vor.22Albert, Anika Christina: Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, VDWI 42, Heidelberg 2010. „Rechtfertigung wird in diesem Zusammenhang als Beziehungsgeschehen zwischen Gott und den Menschen, aber auch zwischen den Menschen untereinander und im Verhältnis zu ihrer Umwelt verstanden, das von den Kategorien der Gabe und Gegenseitigkeit konstitutiv geprägt ist.“23Albert, Anika Christina: Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, VDWI 42, Heidelberg 2010, 244. Christliches Hilfehandeln wird hier als menschliche Antwort auf die allem vorausgehende Gabe Gottes verstanden, was zu einer Überwindung der weit verbreiteten Defizitperspektive beiträgt und Raum sowohl für menschliche Grenzen und Schwächen als auch für die Überfülle Gottes lässt.24Vgl. Albert, Anika Christina: Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, VDWI 42, Heidelberg 2010, 253–257. Denn die versöhnende Rechtfertigungsbotschaft „macht den Menschen durch Emanzipation, Realitätsgewinn, Entlastung und Vermittlung von Authentizität handlungsfähig“25Barth, Hans-Martin: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch, 3. Auflage, Gütersloh 2008, 550.. Auf dieser theologischen Basis ergeben sich schließlich entlastende und herausfordernde Konsequenzen für das Verständnis individuellen Hilfehandelns und die gesellschaftliche Positionierung von Kirche, Diakonie und Caritas.
4.4 Helfen als Möglichkeit religiöser Erfahrung
In diesem Kontext ist insbesondere auf Thorsten Moos’
Entwurf einer „Kirche bei Bedarf“26Moos, Thorsten: Kirche bei Bedarf. Zum Verhältnis von Diakonie und Kirche aus theologischer Sicht. In: Zeitschrift für evangelisches Kirchenrecht 58 (2013), 253–279; Moos, Thorsten: Diakonische Ethik. Systematisch-theologische Beiträge, Stuttgart 2022. sowie Tobias Braune-Krickaus
Verständnis von Diakonie als „prägnanter Ort religiöser Erfahrung“27Braune-Krickau, Tobias: Religion und Anerkennung. Ein Versuch über Diakonie als Ort religiöser Erfahrung. Praktische Theologie in Geschichte und Gegenwart 17, Tübingen 2015; Braune-Krickau, Tobias: Die gelebte Religion der Diakonie. Praktisch-theologische Perspektiven auf diakonisches Handeln. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 113 (2016), 384–406. zu verweisen. Beide Konzepte gehen wie auch die oben skizzierten Ansätze28Vgl. Albert, Anika Christina: Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs, VDWI 42, Heidelberg 2010; Rüegger, Heinz/Sigrist, Christoph: Diakonie – eine Einführung. Zur theologischen Begründung helfenden Handelns, Zürich 2011. grundlegend davon aus, dass Hilfehandeln nicht spezifisch christlich, sondern ein allgemein menschliches Phänomen ist und daher für das Wesen von Kirche zwar von Bedeutung, aber keineswegs konstitutiv ist. Mit Blick auf das Hilfehandeln setzen beide voraus, dass eine individuelle religiöse Motivation und ggf. auch eine theologische Deutung vorliegen kann, aber nicht muss. Beides liegt im Bereich der individuellen Deutung und kann daher nicht allgemeingültig für alle in der Diakonie haupt- oder ehrenamtlich tätigen Personen vorausgesetzt werden. Ob eine religiöse Komponente vorliegt oder nicht, kann und muss daher jede hilfehandelnde Person selbst entdecken; Voraussetzung dafür ist, dass Möglichkeiten und Angebote bestehen, darüber zu reflektieren und zu kommunizieren. In der Konsequenz ergibt sich daraus die Folgerung: Diakonie kann, muss aber nicht zum Ort religiöser Erfahrung werden. Für manche Menschen ist oder wird sie das – für andere nicht. Dies gilt für Mitarbeitende gleichermaßen wie für Patient*innen oder Klient*innen. Was es dafür braucht, sind Räume, die für explizite, verbale religiöse Kommunikation offen sind, und Formate, in denen diese Erfahrung thematisiert und mit dem christlichen Glauben ins Gespräch gebracht werden kann – aber eben nicht muss.
