1. Geschichte und Begriff
Der Begriff „norma“ findet in der Antike im Rahmen der ethischen Reflexion nur selten Verwendung (so bspw. in Cicero, De orat. 3, 190; De lege, 2, 61). Erst Ende des 19. Jh. bekommt der Begriff in der Moralphilosophie eine terminologische Bedeutung. So wird er in der 1886 erschienenen Ethik von Wilhelm Wundt ![]()
als ethischer Grundterminus gebraucht, die Ethik wird von Wundt verstanden als „Wissenschaft von den Normen“.1Wundt, Wilhelm, Ethik. Eine Untersuchung der Tatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens 2, Stuttgart 31903, 1ff. Im 20. Jh. erfolgt v. a. im deutschsprachigen Raum eine schnelle Rezeption des Normbegriffs als eines Grundbegriffs ethischer Reflexion.2Vgl. Schrader, Wolfgang H., Art. Norm II, in: HWPh 6 (1984), 910–918.
Der Begriff „Prinzip“ stammt aus dem lateinischen „principium“, was „Anfang“ oder „Herrschaft“ bedeutet. Er hat seinen Ort in der Erkenntnistheorie, erst im Laufe des 18. Jh. wird er zu einem Begriff der ethischen Reflexion.3Vgl. Holzhey, Helmut, Art. Prinzip III, in: HWPh 7 (1989), 1355–1366. Vor allem im angelsächsischen Raum wird der Begriff „Prinzip“ (principle) statt Norm gebraucht.4Vgl. Schrader, Wolfgang H., Art. Normen I, TRE 24 (1994), 620–628, 620.
Wie etwa „Wert“, „Pflicht“, „Tugend“ oder „Gut“, sind die Begriffe „Norm“ und „Prinzip“ ethische Grundbegriffe. Die Verwendung beider Begriffe in der Ethik ist nicht eindeutig geregelt. So werden beide Begriffe gelegentlich auch synonym gebraucht. In der Regel werden sie als Doppelausdruck zur Beschreibung des ethischen Feldes verwendet, ohne dass sie genauer differenziert oder voneinander abgegrenzt werden. Will man beide unterscheiden, so kann man sagen: Unter einer Norm ist eine „mehr oder weniger stark generalisierte Handlungsanweisung oder Vorschrift (Präskription)“5Ott, Konrad, Art. Prinzip/Maxime/Norm/Regel, in: Handbuch Ethik (2011), 474–480, 474. zu verstehen. Zu denken ist etwa an die Norm „Du sollst nicht lügen“. Normen „regulieren Handlungen und sind Gründe für Urteile, die über eigene oder fremde Handlungen gefällt werden“.6Ott, Prinzip, 474. So kann beispielsweise eine bestimmte Handlung mit Verweis auf die Norm des Verbots der Lüge kritisiert werden. Im Unterschied dazu werden Prinzipien verstanden als „formale Gesichtspunkte, von denen aus sich die Gültigkeit einzelner Normen begründen lassen kann“.7Ott, Prinzip, 475. Ein typisches – und das wohl bekannteste ethische Prinzip – ist der kategorische Imperativ von Immanuel Kant ![]()
. Kant geht aus von Konfliktsituationen im menschlichen Miteinander, die ihren Grund darin haben, dass „ein jeder […] das seinige“8Kant, Immanuel, Kritik der praktischen Vernunft, in: Weischedel, Wilhelm (Hrsg.), Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden (Band 4), Darmstadt 1956, 103–302, A 50. im Sinn hat. Wir sind nach Kant nicht nur mit den Wünschen und Interessen anderer Menschen in Konflikt, sondern auch unsere Wünsche liegen im Konflikt miteinander. Daher ist es nach Kant als ein Fehler der antiken Ethik zu beurteilen, die Glückseligkeit zu dem obersten Ziel menschlichen Lebens zu erheben, denn der nach Glückseligkeit strebende Mensch – so Kant – will „alles bloß nach seinem Sinne richten“9Kant, Immanuel, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: Weischedel, Wilhelm (Hrsg.) Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden (Band 6), Darmstadt 1964, 31–50, A 392. und ist daher an der Wirklichkeit des anderen Menschen nicht interessiert. So bedarf es nach Kant einer Maxime, die als handlungsleitende Maxime alle anderen Maximen unseres Handelns und das aller anderen orientiert, die sich als praktisches Gesetz denken lässt, weil sie unter der Bedingung „allseitiger Übereinstimmung“10Kant, Kritik, A 51. steht und damit den Widerstreit zwischen den Subjekten ausschließt: der sog. Kategorische Imperativ. Er lautet in seiner Grundform: „[H]andle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“.11Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Weischedel, Wilhelm (Hrsg.), Immanuel Kant. Werke in sechs Bänden (Band 4), Darmstadt 1956, 6–102, BA 52. Mit dieser Maxime als Grundlage allen Handelns will Kant den Widerstreit zwischen unterschiedlichen Neigungen und Präferenzen ausschließen und dadurch einen universellen Geltungsanspruch erheben; denn wenn wir jede unserer Maximen darauf prüfen, ob sie ein allgemeines Gesetz werden kann, machen wir uns nicht nur unabhängig von dem Widerstreiten der unterschiedlichen Neigungen und Triebe in uns, sondern auch von der Konkurrenz mit den Wünschen, Neigungen und Trieben anderer Subjekte. Wir gewinnen nach Kant Autonomie, wenn wir aufhören, uns bestimmt sein zu lassen von unseren Neigungen und Trieben (also in Kants Worten: heteronom zu existieren). Indem wir nämlich nach Maximen handeln, die der Form der Allgemeinheit entsprechen, geben wir uns selbst ein Gesetz. Beide zusammen, die moralische Unabhängigkeit von den Neigungen und die Selbstgesetzgebung der Vernunft, bilden den Begriff der Freiheit und der Autonomie. Die Menschen erfahren sich als Wesen, die ihren Neigungen selbst eine Schranke setzen können. Gerade dadurch konstituiert sich das Subjekt als Vernunftwesen (vgl. hierzu auch den Art. Pflicht, Kap. 1, Abs. 3f.).
2. Zentrale Verwendungsweisen der Begriffe „Norm“ und „Prinzip“
Die Begriffe „Norm“ und „Prinzip“ tauchen v. a. in zwei Verwendungszusammenhängen auf: dem Begriff der „normativen Ethik“ (2.1) und dem der „Prinzipienethik“ (2.2).
2.1. Normative Ethik
Es gibt unterschiedliche Wissenschaften, die die Moral zum Gegenstand haben. So gibt es bspw. eine kulturgeschichtliche, soziologische, historische oder psychologische Moraltheorie, die – aus je unterschiedlichem Blickwinkel – darum bemüht sind, die Werte, Normen und Prinzipien, die in einer Gruppe in Geltung stehen, zu analysieren und in ihrer Genese zu rekonstruieren. Ziel dieser „deskriptiv-empirischen Art der Untersuchung“ ist es, „moralische Phänomene zu beschreiben und zu erklären oder aber eine Theorie des menschlichen Verhaltens zu entwickeln“.12Frankena, Wilhelm K., Analytische Ethik. Eine Einführung, München 51994, 20. Einige verwenden für diese Reflexionsformen der Moral die Bezeichnung „deskriptive Ethiken“, so etwa das „Handbuch Ethik“: „Wenn sie [die Ethik] nur auf die möglichst präzise empirische Erfassung und Beschreibung der vorfindlichen Moral – oder der vorfindlichen Moralen – zielt, spricht man von deskriptiver Ethik.“13Düwell, Marcus et al., Einleitung, in: Handbuch Ethik (32011), 1–23, 2.
Von der „deskriptiven Ethik“ wird die „normative Ethik“ unterschieden, die die Moral nicht nur beschreiben, sondern auch bewerten will, die sozusagen auf der „Suche nach der richtigen Moral“14Scarano, Nico, Metaethik. Ein systematischer Überblick, in: Handbuch Ethik (32011), 25–35, 25. ist. Hans-Richard Reuter ![]()
formuliert:
Normative Ethiken sehen ihre Aufgabe darin, als Ethik orientierend auf ethische Probleme und Herausforderungen zu reagieren, also selbst Antworten auf die Frage nach dem guten Leben, dem richtigen Handeln oder einer gerechten Ordnung – und den Kriterien hierfür – zu geben. Dieses Verständnis, das der Ethik keine neutrale Rolle zuschreibt, sondern wonach sie selbst ethische Urteile anzuleiten und zu formulieren hat, ist im fachlichen Kontext wie im Alltagsbewusstsein am stärksten verbreitet.15Reuter, Hans-Richard, Grundlagen und Methoden der Ethik, in: Handbuch der Evangelischen Ethik (2015), 9–123, 16f.
In der Regel ist daher dann, wenn ohne weitere Zusätze einfach von „Ethik“ die Rede ist, normative Ethik gemeint. So formuliert Svend Andersen ![]()
: „Ethik ist eine kritische Reflexion über unsere Vorstellungen von der richtigen und guten menschlichen Handlungsweise bzw. Lebensführung. Eine solche Reflexion liegt anscheinend besonders nahe, wenn nicht mehr selbstverständlich ist, was gut ist“.16Andersen, Svend, Einführung in die Ethik, Berlin 22005, 2. Franz von Kutschera ![]()
betont, dass es nicht nur Aufgabe der Ethik sei, Normen zu verkünden, sondern dass sie sich auch „um genaue Begründungen bemühen“17Kutschera, Franz von, Grundlagen der Ethik, Berlin/New York 21999, 45. muss. In dieser Weise urteilt auch Peter Fischer ![]()
: „Ethik […] ist die methodische und argumentative Prüfung der Moral“.18Fischer, Peter, Einführung in die Ethik, München 2003, 30. Sowohl bei Andersen als auch bei von Kutschera und Fischer ist mit dem Begriff „Ethik“ immer „normative Ethik“ gemeint. Weil der Begriff „Ethik“ den normativen Aspekt geradezu zu enthalten scheint, stellt sich die Frage, ob der Begriff „deskriptive Ethik“ für deskriptiv-empirische Untersuchungen überhaupt angemessen ist. Ethik meint in der Regel ein Unternehmen, das eine – wie auch immer zu verstehende –orientierende („normative“) Funktion besitzt und nicht nur eine beschreibende. Von daher empfiehlt es sich, nicht von einer deskriptiven Ethik zu sprechen, sondern – wie Wilhelm Frankena ![]()
– von „deskriptiv-empirischen Untersuchungen“.19Frankena, Analytische Ethik, 20. Diese gehören nicht zu einer Ethik im engeren Sinne.20So u. a. Fischer, Johannes, Theologische Ethik. Grundwissen und Grundorientierungen, Stuttgart/Berlin/Köln 2002, 201.
Eine weitere Form der Ethik, die sowohl von der normativen als auch der deskriptiven Ethik abgegrenzt wird, ist die Metaethik. Anders als die normative Ethik fällt sie nicht selbst ethische Urteile, sondern fragt danach, was überhaupt ein ethisches Urteil ist.21Vgl. Reuter, Grundlagen, 17. Es geht dann darum, „die allgemeinen logischen, semantischen und pragmatischen Strukturen moralischen – und ethischen – Sprechens und Argumentierens besser zu verstehen“.22Düwell et al., Einleitung, 2f. Insofern treten in der Metaethik ganz ähnliche Fragestellungen auf wie bei der Analyse anderer Urteilsarten, etwa mathematischen Urteilen oder ästhetischen Urteilen.23Vgl. Scarano, Metaethik, 27.
Aus dem Gesagten folgt, dass auf die Moral in drei unterschiedlichen Weisen Bezug genommen werden kann:
- Deskriptiv-empirische Untersuchungen: Hier werden aus den unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven die verschiedenen Moralen auf normativ neutrale Weise beschrieben. Zu denken ist hier an kulturanthropologische, soziologische, psychologische und evolutionsbiologische Untersuchungen.
- Normative Ethik oder Ethik: Die Ethik versucht, die vorfindliche Moral zu überprüfen und zu bewerten. Ziel sind ethische Urteile.
- Metaethik: Hier wird versucht, die Sprache der Moral und Ethik zu analysieren und zu verstehen.
2.2. Prinzipienethik
Der Terminus „Prinzipienethik“ wird häufig in Abgrenzung zu einer „Situationsethik“ verwendet. Die allgemeine Unterscheidung zwischen Situationsethik und Prinzipienethik lautet: Während die Situationsethik ihren Blick auf die Anforderungen der Situation richtet und fragt, wie den Anforderungen der Situation entsprechend angemessen gehandelt werden kann, fragt die Prinzipienethik nach den ethisch angemessenen Prinzipien, die in einer Situation zur Anwendung zu bringen sind, ist also weniger an der Bewältigung der Anforderungen der konkreten Situation interessiert als an der Realisierung ethischer Prinzipien.24Vgl. Honecker, Martin, Einführung in die Theologische Ethik. Grundlagen und Grundbegriffe, Berlin/New York 1990, 11ff. Allerdings ist die strikte Unterscheidung zwischen einer Situations- und einer Prinzipienethik nicht möglich. Zum einen muss eine Prinzipienethik auch immer die Situationen berücksichtigen, in der Prinzipien realisiert werden. Und umgekehrt kann es eine reine Situationsethik nicht geben, denn aus Situationen können keine ethischen Handlungen gewonnen werden. In dieser Weise kritisiert auch Martin Honecker ![]()
die einfache Alternative zwischen Situations- und Prinzipienethik:
Eine überzeugende ethische Urteilsbildung hat beides zu berücksichtigen, Situation und Prinzipien. Ohne Prinzipien, Normen ist eine Deutung und Bewertung von Situationen nicht möglich. Wer sich grundsätzlich nicht an Maßstäben orientieren will, kann in Entscheidungs- und Konfliktsituationen nur blind, irrational und dezisionistisch entscheiden. Er kann sein Handeln nicht begründen. Umgekehrt kann man aus Prinzipien nicht existentielle Situationen ableiten. Zwischen Situationserfahrung und Prinzipienerkenntnis besteht also ein Wechselverhältnis: Normen ohne Situationen sind leer, Situationen ohne Normen sind blind.“25Honecker, Einführung, 13.
Eine zweite wichtige, ganz parallele Unterscheidung, die das Verständnis einer Prinzipienethik noch nachhaltiger bestimmt, ist die Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik (vgl. Art. Verantwortung, Kap. 3.1.). Folgendes Verständnis der Unterscheidung ist allgemein anzutreffen: Während in der Gesinnungsethik die Handlungen (a) nach der Handlungsabsicht und (b) der Realisierung ethischer Prinzipien, und zwar (c) ungeachtet der durch die Handlungen entstandenen Handlungserfolge bewertet werde, gehe es in einer Verantwortungsethik im Wesentlichen um die Handlungsfolgen. Die Unterscheidung geht auf Max Webers ![]()
Vortrag „Politik als Beruf“ zurück. Weber formuliert:
Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt […] oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Sie mögen einem überzeugten gesinnungsethischen Syndikalisten noch so überzeugend darlegen: dass die Folgen seines Tuns die Steigerung der Chancen der Reaktion, gesteigerte Bedrückung seiner Klasse, Hemmung ihres Aufstiegs sein werden, – und es wird auf ihn gar keinen Eindruck machen. Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder – der Wille des Gottes, der sie so schuf. […] ‚Verantwortlich‘ fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt.26Weber, Max, Politik als Beruf (1919). Mit einem Vorwort von Robert Leicht, Frankfurt am Main 1999, 65.
Webers Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik hat eine polemische Spitze. Sein Vortrag, am 25. Januar 1919 vor Münchner Studenten gehalten, hat die Absicht, eine politische Ethik zu stärken, die pragmatische Folgen bedenkt. Demgegenüber wird eine Gesinnungsethik verurteilt, die allein an der Bewahrung der Reinheit der eigenen Gesinnung ohne Rücksicht auf mögliche Folgen interessiert ist. Gesinnungsethik bzw. Prinzipienethik werden damit zu starren ideologischen Ethiktypen erklärt, die kein Interesse an einer wirklichen Verbesserung der Situation haben. In vielen Fällen geschieht auch in der Gegenwart die Bezeichnung einer Ethik als „Gesinnungsethik“ in pejorativer Absicht.27Vgl. bspw. Körtner, Ulrich H. J., Mehr Verantwortung, weniger Gesinnung. In der Flüchtlingsfrage weichen die Kirchen wichtigen Fragen aus, in: Zeitzeichen 17 (2016), 8–11. Wie die Unterscheidung zwischen Situations- und Prinzipienethik ist auch die strikte Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik problematisch. Pointiert formuliert Martin Honecker ![]()
: „Die Alternative lautet nicht, ob ein Mensch aus Gesinnung oder aus Verantwortung handelt, sondern die Frage ist, welche Verantwortung aus welcher Gesinnung heraus wahrgenommen wird.“28Honecker, Einführung, 16.
3. Fragestellungen zu Normen und Werte
3.1. Die Frage nach der Objektivität von Normen und Prinzipien
In der Frage nach der Objektivität von ethischen Normen und Prinzipien stehen sich moralische Objektivist:innen und moralische Subjektivist:innen gegenüber.29Vgl. Kutschera, Franz von, Moralischer Realismus, in: Logos: Zeitschrift für systematische Philosophie N. F. 1 (1994), 241–258. Für Objektivist:innen drücken moralische Aussagen objektiv bestehende Tatsachen aus, sie beziehen sich auf eine objektive Wirklichkeit, sodass Normen und Pflichten einen gewissen „An-sich-Charakter“ besitzen. Ob unsere moralischen Aussagen wahr sind oder nicht, ist abhängig von einer von unseren Einstellungen unterschiedenen Realität.30Vgl. McNaughton, David, Moralisches Sehen. Eine Einführung in die Ethik. Aus dem Englischen übersetzt von Lars Schewe, Frankfurt a. M. 2003, 15. „Wir können zwar für eine bestimmte moralische Eigenschaft empfänglich sein oder nicht; ob diese Eigenschaft jedoch vorhanden ist oder nicht, ist nicht davon abhängig, wie wir über die Sache denken“.31McNaughton, Moralisches Sehen, 16. Für Subjektivist:innen hingegen handeln moralische Aussagen von subjektiven Interessen. Moralische Aussagen sind folglich keine Aussagen über die Welt, sondern geben nur unsere Haltung wieder, die wir gegenüber den Fakten einnehmen:
Unsere moralischen Wertungen sind wie alle unsere Wertungen keine Annahmen über die Welt an sich; sie sind vielmehr affektive Reaktionen darauf, wie wir die Dinge sehen. Als solche können sie nicht wahr oder falsch sein. Da es nichts gibt, woran sie gemessen werden könnten. Es scheint absolut möglich, dass sich zwei Menschen über sämtliche Fakten einig sind und doch uneinig über moralische Werte, weil sie verschiedene Haltungen zu jenen Fakten einnehmen. Solche rein wertenden Uneinigkeiten könnten nicht durch Beobachten und Experimentieren ausgeräumt werden, weil sich der Streit nicht um beobachtbare Dinge dreht. Die Streitenden haben keine gegensätzlichen Annahmen über Tatsachen, sie haben vielmehr verschiedene Haltungen gegenüber den Fakten.32McNaughton, Moralisches Sehen, 27.
Ähnlich formuliert auch Thomas Nagel ![]()
:
Die subjektivistische Position, die ich dem Realismus gegenüberstellen will, besagt einfach ausgedrückt, dass die evaluative und moralische Wahrheit von unseren motivationalen Bereitschaften und Reaktionen abhängt, wohingegen die realistische Position besagt, dass unsere Reaktionen versuchen, die evaluative Wahrheit wiederzugeben, und in Bezug auf diese richtig oder unrichtig sein zu können.33Nagel, Thomas, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann, Berlin 52015, 142.
Das stärkste Argument, das Objektivist:innen für die Objektivität von normativen Aussagen hervorbringen, besteht in der Alltagsintuition: Es lässt sich nicht sinnvoll bestreiten, dass unsere moralischen Äußerungen zumindest implizit den Anspruch auf objektive Gültigkeit erheben. Wir gehen davon aus, dass wir eine moralische Handlung deshalb für moralisch richtig halten, weil sie objektiv moralisch gut ist, dass also zwischen der Billigung und der objektiven moralischen Richtigkeit der Handlung eine „Art Korrespondenzverhältnis“34Birnbacher, Dieter, Analytische Einführung in die Ethik 2. Durchgesehene und erweiterte Aufl., Berlin/New York 2007, 358. besteht. Das stärkste Argument, das Subjektivist:innen für die Subjektivität von wertenden Aussagen hervorbringen, besteht in der Relativität: Dieses altbekannte Argument besagt, dass Gesellschaften und Epochen sich hinsichtlich der moralischen Normen unterscheiden, sodass es schwerfällt, moralische Überzeugungen als Einsichten in objektive Wahrheiten zu deuten. Auch innerhalb einer Gesellschaft und einer Kultur (in verschiedenen Klassen und Gruppen) – so dieses Argument – lasse sich eine beträchtliche Anzahl von persistenten Meinungsverschiedenheiten ausmachen, wenn es um die Frage nach dem moralisch Richtigen geht.35Vgl. Mackie, John Leslie, Ethik. Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen. Aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Ginters, Stuttgart 1983, 40ff.
3.2. Die Frage nach der religiösen Begründung von Normen und Prinzipien
Die Auffassung, dass die Nichtexistenz Gottes dazu führe, dass moralische Normen und Prinzipien jede Begründung verlieren, ist alt. Der Gottglaube wird als unentbehrlich für die Akzeptanz moralischer Forderungen gesehen. So ist es für John Locke ![]()
in seinem „Brief über Toleranz“ nur konsequent, Atheist:innen ausdrücklich von jeder Duldung auszunehmen. „Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Bedeutung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegnehmen, heißt alles dieses auflösen.“36Locke, John, A Letter concerning Toleration (1686). Deutsche Übersetzung mit Einleitung und Anmerkung von Julius Ebbinghaus: Ein Brief über Toleranz, Hamburg 1957, 86.
Wenn man moralische Normen und Prinzipien mit dem Verweis auf den göttlichen Willen begründet, wird häufig übersehen, dass damit noch keine Antwort auf die Frage „Warum soll ich moralische Normen befolgen?“ gegeben ist, denn selbst wenn man die Prämissen akzeptiert, (a) dass es einen Gott gibt und (b) dass wir seinen Willen kennen, bleibt immer noch die Frage, warum man tun soll, was Gott fordert. Die klarste Antwort ist: Wir sollen dem Willen Gottes entsprechen, weil wir Strafen vermeiden und Belohnung erreichen wollen. Der entscheidende Punkt für die Geltung der Normen und Prinzipien besteht nach Locke „in dem Willen und dem Gesetz eines Gottes […], der die Menschen im Dunkeln sieht, der in seiner Hand Lohn und Strafe hält und Macht genug besitzt, um die hochmütigsten Übertreter seines Gesetzes zur Rechenschaft zu ziehen“.37Locke, John, An Essay Concerning Human Understanding (1690). Deutsche Übersetzung von Carl Winckler: Über den menschlichen Verstand Bd. 1, Hamburg 1968, 57. Wir haben eine Autorität und diese erteilt uns einen Befehl. Der Verpflichtungscharakter der Moral findet – so Kurt Bayertz ![]()
– mit dem Verweis auf den göttlichen Willen eine nachvollziehbare Antwort:
[Erstens:] Imperative sind Handlungsanweisungen, die ihren Ursprung in entsprechenden Anordnungen von autoritativen Personen haben. Zweitens: Aus einer solchen Deutung ergibt sich auch der für moralische Normen charakteristische kategorische Geltungsanspruch. Moralische Normen sind nicht bloß Empfehlungen oder Ratschläge, die wir nach Belieben annehmen oder ablehnen können, sie formulieren ein Gebot, ein Muß. Dies schließt auch den Vorrang der göttlichen Gebote vor anderen Normen ein, etwa vor Rechtsnormen. Gott ist nicht irgendeine Autorität, sondern die höchste, die sich denken läßt. Seine Vorschriften wiegen schwerer als die Vorschriften beliebiger anderer Autoritäten; im Konfliktfall sind wir daher verpflichtet, den göttlichen Geboten den Vorzug vor allen anderen zu geben. Wir sollen Gott mehr gehorchen als den Menschen. Drittens löst der göttliche Ursprung mit einem Schlag das Gygey-Problem […]. Denn ein Unrechttun im Dunkeln und Verborgenen mag dem Mitmenschen entgehen, den Göttern aber kommt niemand unerkannt davon“.38Bayertz, Kurt, Warum überhaupt moralisch sein?, München 2004, 78.
So eindeutig die Antwort auf den gebietenden göttlichen Willen, der Konsequenzen bei Nichtbefolgung seines Willens durchsetzen kann, ist, so problematisch erscheint sie. So hat bereits Immanuel Kant ![]()
gefragt, ob das Handeln aus Angst vor Strafe überhaupt als ein moralischer Grund gelten kann. Ist das nicht ein egoistisches Eigeninteresse, das kaum als moralisch gelten kann?39Vgl. Erwing, Alfred C., Ethics, London 1953, 99f. Eine weitere Möglichkeit wäre zu behaupten, man gehorche Gott, weil Gott „gut“ ist und das Richtige will. Allerdings ergibt sich damit ein unüberwindliches Problem, das bereits Platon ![]()
im Dialog Euthyphron vorgetragen hat: „Bedenke nämlich folgendes: Wird das Gute von den Göttern geliebt, weil es gut ist, oder ist es gut, weil es geliebt wird?“40Platon, Euthyphron. Übersetzt von Gustav Schneider, in: Apelt, Otto (Hrsg.), Platon. Sämtliche Dialoge (Band 1), Hamburg 1988, 10a. Damit stellt sich die Frage, ob etwas deswegen ethisch richtig ist, weil es dem Willen Gottes entspricht, oder ob Gott etwas deswegen will, weil es ethisch richtig ist. Bertrand Russell ![]()
verwendet dieses sogenannte „Eutychphron-Dilemma“ gegen eine theistische Begrünung der Moral: Wenn man davon ausgehe, dass es einen Unterschied zwischen richtig und falsch gibt, stelle sich die Frage, ob dieser Unterschied aufgrund von Gottes Geboten bestehe oder nicht. Bestehe der Unterschied aufgrund von Gottes Geboten, gebe es für Gott selbst keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, sodass es auch nicht sinnvoll wäre zu sagen, dass Gott gut sei. Wenn Gott als „gut“ bezeichnet werde, dann haben „gut“ und „böse“ eine Bedeutung unabhängig von Gott, sodass falsch und richtig nicht durch Gott entstanden sind, sondern ihm logisch vorausgehen.41Vgl. Russell, Bertrand, Why I Am Not a Christian, New York 1957, 12. Vgl. auch Schmidt-Salomon, Michael, Existiert Gott? Erster Beitrag zur Debatte mit dem amerikanischen Kreationisten Dr. William Lane Craig, 1–10, 6 (https://www.giordano-bruno-stiftung.de/sites/default/files/download/existmss1.pdf), abgerufen am 11.11.2025.
3.3. Normen und Prinzipien als Handlungsgründe?
Die gängige Vorstellung einer Handlung aus Prinzip ist in etwa folgende: Ich habe mir irgendeine Regel aus irgendeinem Grund zu eigen gemacht. Nun treten die Umstände ein, für die meine Maxime eine bestimmte Handlung vorsieht. Ich ziehe also einen Schluss aus Maxime plus Aufgabe aus der betreffenden Situation; und mein Ziehen des Schlusses ist mein Herbeiführen einer Handlung – die dann den Beispielfall der Maxime bildet.
Nun ist diese gängige Vorstellung einer Handlung aus Prinzipien in der Ethik zwar weit verbreitet, aber sie ist, wie Rüdiger Bittner ![]()
zeigt, doch mit erheblichen Schwierigkeiten belastet.42Vgl. Bittner, Rüdiger, Aus Gründen handeln, Berlin/New York 2005, 73ff. Zum einen stellt sich die Frage, wie der Schluss eines praktischen Syllogismus eine Handlung sein kann. Der praktische Syllogismus vermag das Handeln nach einem Prinzip nicht verständlich zu machen; denn der Schlusssatz eines Syllogismus ist ein Aussagesatz oder vielleicht ein Befehl, aber keine Handlung. Zwischen der Handlung und dem Schlusssatz eines Syllogismus bleibt ein Hiat.
Ein zweiter Einwand Bittners ![]()
ist noch gravierender: Ein Grund gibt die Intention der Person an, also das, weswegen eine Person etwas tut. Dass der Besitz eines Prinzips der Grund ist, weswegen wir etwas tun, ist jedoch schwer vorstellbar. Wir tun Dinge wegen der aktuellen Situation und ihrer Herausforderung, doch – zumindest in der Regel – nicht, um ein Prinzip zu verwirklichen. „Was wir […] betrachten und erwägen, das haben wir typischerweise vor uns, uns gegenüber“,43Bittner, Gründen, 95. dort haben wir aber „unser Prinzip“ in der Regel nicht. Wenn wir einem verletzten Menschen auf der Straße helfen, dann tun wir es, weil er verletzt ist, doch nicht deshalb, weil wir das Prinzip haben, verletzten Menschen zu helfen. Und auf die Frage „Warum hast du diesem Menschen geholfen?“, antworten wir in der Regel: „Weil er verletzt war“. Es ist doch nicht so, dass wir antworten: „Ich habe das Prinzip, verletzten Menschen zu helfen, und als wir diesen Menschen gesehen haben und mir klar war, dass er verletzt ist, und mir dann noch klar wurde, dass hier ein Anwendungsfall meines Prinzips vorliegt, habe ich aus meinem Prinzip gefolgert, dass ich ihm helfen muss!“ Der verletzte Mensch und nicht das Prinzip ist der Grund unseres Handelns, den verletzten Menschen haben wir – wie Bittner sagt – „vor uns“ (s. o.). Würde jemand angesichts des verletzten Menschen auf ein Prinzip und nicht den Menschen als Handlungsgrund verweisen, müssten wir ja annehmen, dass es dem betreffenden Menschen um ein Prinzip und gar nicht um den verletzten Menschen ging. Wir hätten das Gefühl, dass er gar nicht gemerkt hat, um was es eigentlich geht. „Erachten wir“ – so fragt Johannes Fischer ![]()
– „nicht einen solchen Menschen als moralisch rigide, wenn nicht gar als psychisch gestört, weil ihm offensichtlich der Sinn dafür abgeht, worauf es in einer solchen Situation ankommt und er somit das Wesentliche mit dem Unwesentlichen verwechselt?“44Fischer, Johannes, Verstehen statt Begründen. Warum es in der Ethik um mehr als nur um Handlungen geht, Stuttgart 2012, 13. In diese Richtung hat bereits Hannah Arendt ![]()
argumentiert und den Gedanken geäußert, dass wir wohl kaum einem Menschen trauen würden, der erst nach Normen und Prinzipien suchen muss, um sich uns gegenüber halbwegs anständig zu verhalten.45Vgl. Arendt, Hannah, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Aus dem Nachlass hrsg. von Jerome Kohn. Übers. aus dem Engl. von Ursula Ludz. Mit einem Nachwort von Franziska Augstein, München/Wien 22006, 129.
3.4. Normen und Prinzipien als Grundmacher- und Beurteilungsperspektive
Ethische Normen und Prinzipien sind gewöhnlich keine Gründe für unser Handeln (vgl. 3.3.). Die Situationen, in denen wir uns befinden, lassen uns andere Aufgaben zuwachsen als das Verwirklichen von Normen und Prinzipien. Wir handeln nicht, um diese oder jene Normen zu verwirklichen. Die Bestreitung von Normen und Prinzipien als Handlungsgründe bedeutet nicht, dass Normen und Werten für unser Verhalten – und damit auch für die Ethik – keine Bedeutung haben. Sie haben eine Bedeutung (a) als Grundmacher und (b) in der Beurteilung unseres Handelns.
Ad a: Es lässt sich nicht bestreiten, dass Menschen bestimmte Normen und Prinzipien gelernt und verinnerlicht haben und dies für ihr Handeln auch eine Bedeutung besitzt. Das, was Menschen als richtig und gut ansehen, wird von den verinnerlichten Normen entscheidend mitgeprägt. Um die Bedeutung von Normen und Prinzipien für unser Handeln richtig zu verstehen, ist die Unterscheidung zwischen Grund und Ursache hilfreich. Michael Pauen ![]()
und Gerhard Roth schlagen folgende tragfähige Definition vor: Unter Ursachen verstehen wir „räumlich und zeitlich bestimmbare Ereignisse […], die gewisse Wirkungen in unserer Umwelt hervorbringen. […] Von Gründen sprechen wir demgegenüber in Zusammenhang mit Überzeugungen, Wünschen oder Hoffnungen, die uns verständlich machen, warum Personen etwas tun oder behaupten“.46Pauen, Michael/Roth, Gerhard, Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit, Frankfurt a. M. 2008, 113f. Im Unterschied zu Ursachen sind Gründe mit Intentionalität verbunden. Gründe geben an, weswegen wir etwas tun, Ursachen geben an, was bestimmte Wirkungen notwendig zeitigt und was daher geschehen macht, dass wir etwas tun. Damit ist auch die Zusammengehörigkeit von Grund und Ursache angesprochen: „[D]er Grund, aus dem jemand etwas tut, ist das, weswegen er es tut: Die Ursache hingegen dafür, daß jemand etwas tut, ist das, was geschehen macht, daß er es tut“.47Bittner, Gründen, 96. Das, weswegen jemand etwas tut und das, was geschehen macht, dass er es tut, sind nicht zwei sich ergänzende Sachverhalte, sondern zwei Dimensionen desselben Sachverhalts. Grund-Perspektive und Ursachen-Perspektive haben denselben Gegenstand. Ursachen lassen Gründe zu Gründen werden. Normen und Prinzipien gehören zur Ursachenperspektive, als Ursachen sind sie Grundmacher, sie verleihen den Gründen den Charakter des Grundseins. Weil jemand die Norm, in Not geratenen Menschen zu helfen, im Laufe seines Lebens verinnerlicht hat, ist die Not eines Menschen für ihn ein Grund zu helfen. Wohlgemerkt: Die Normen und Prinzipien sind nicht die Gründe, sondern geben die Gründe an die Hand.
Ad b: Darüber hinaus dienen Normen und Prinzipien der Beurteilung von Handlungen. Menschliche Lebewesen sind auf Kooperation angewiesen. Daher sind menschliche Gesellschaften so angelegt, dass sich „eine moralische Lebensführung im Großen und Ganzen bezahlt macht“.48Hare, Richard M., Moralisches Denken. Seine Ebenen, seine Methoden, sein Witz. Übersetzt von Christoph Fehige und Georg Meggle, Frankfurt a. M. 1992, 265. Unser Handeln muss sich ausweisen vor den in der Gruppe geteilten Normen und Prinzipien, die daher „zur sozialen Kontrolle und der Erzeugung von Gruppensolidarität bzw. der kulturellen Identität dienen“.49Michaels, Axel, Art. Normen I, in: RGG 6 (42003), 386–387, 387. Mit Normen beurteilen wir daher das Verhalten anderer, ebenso wie unser eigenes Verhalten. Eine Norm hat also eine Bedeutung für unser Verhalten – nicht auf direktem Weg als eine Autorität, der es allen anderen Anliegen zum Trotz gehorsam zu folgen gilt und die Grund unseres Handelns ist, sondern als Fragestellung und Überprüfungsinstanz. Als solche können sie uns neue Perspektiven eröffnen. Dies bedeutet aber immer auch – wie der Moralphilosoph Ernst Tugendhat ![]()
deutlich macht –, dass Normen und Prinzipien selbst einer Bewährung standhalten müssen.50Vgl. Tugendhat, Ernst, Probleme der Ethik, Stuttgart 1984, 87ff. Normen und Prinzipien müssen tatsächlich in der Lage sein, Perspektiven zu eröffnen, die uns bereichern, sie müssen sich an unseren Geschichten überprüfen lassen. Ein Problem taucht immer dann auf, wenn die Normen und Regeln nicht fluide bleiben, sondern erstarren, sich nicht mehr in ihrer Relevanz erweisen, sondern Autorität beanspruchen, die sich nicht erweisen lässt. Dies lässt sich sehr gut an der Entwicklung der Bewertung queerer Lebensformen verdeutlichen:51Vgl. Bray, Karen, Grave Attending. A Political Theology for the Unredeemed, Fordham University Press 2019. Ältere gesellschaftliche Normen können angesichts der Einsichten in und der Erfahrungen mit queeren Menschen und ihrer Art zu leben in der Gegenwart keine Relevanz mehr beanspruchen.
4. Normen und Prinzipien in einer protestantischen Ethik
„Normen“ und „Prinzipien“ sind Begriffe, die auch in protestantischen Ethiken in Gebrauch sind, um das moralisch Gesollte zur Sprache zu bringen. Wenn man von so etwas wie einem Spezifikum der protestantischen Ethik sprechen will, besteht dieses nicht in einem bestimmten Inhalt des moralisch Gesollten (d. h. in bestimmten Normen und Prinzipien), sondern in ihrer Verortung: Das moralisch Gesollte wird in der protestantischen Ethik als Gesetz thematisch, das uns sagt, was wir tun sollen, d. h. was Gottes Wille in Bezug auf unser Handeln ist. Entscheidend ist, dass nach protestantischer Lehrbildung das Gesetz („Du sollst“) scharf vom Evangelium („Dir ist gegeben“) zu unterscheiden ist. Martin Luther ![]()
differenziert mit der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium zwischen der (in Christus gegebenen) Verheißung und Zusage, die den Menschen voraussetzungslos – als Geschenk – zuteilwird, und den Geboten, die durch Mose gegeben sind.52Vgl. hierzu Peters, Albrecht, Gesetz und Evangelium, in: Handbuch Systematische Theologie (1981), 29ff. Zu unterscheiden ist dies nach Luther, damit die Gabe Gottes und Gottes Forderung an den Menschen auseinandergehalten werden: Gott schenkt seine Gerechtigkeit, indem er den Sünder gerecht macht, nicht indem er denjenigen gerecht spricht, der die Gebote seines Gesetzes befolgt hat (vgl. Art. Rechtfertigung). Die Einsicht in die Unterscheidung von Gesetz („Du sollst“) und Evangelium („Dir ist gegeben“) ist deshalb zentral, weil Luther mit dieser Unterscheidung zum Ausdruck bringt, dass Gottes Annahme des Menschen eben an keinerlei Forderungen und Voraussetzungen (wie das Befolgen von Normen und der Verwirklichung von Prinzipien) gebunden ist, die der Mensch im Vorfeld zu leisten hat. Die Gabe der Annahme durch Gott und die Forderung an den Menschen dürfen nicht miteinander vermischt werden, indem die Gabe mit der Forderung verknüpft und in diese hineingezogen wird: „Ich will die zwei Wort ungemengt, […] ein jedes an seinen Ort gewiesen haben“.53Luther, Martin, Predigten des Jahres 1532, in: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe Bd. 36, Weimar 1909, 41, 30–32. Für Luther lässt sich die Bedingungslosigkeit der Annahme daher nur dann recht verstehen, wenn man das Evangelium in seiner Unterschiedenheit vom Gesetz und seinen Forderungen bedenkt: Die Verheißung („Dir ist gegeben“) ist unabhängig von jedem „Du-sollst“ des Gesetzes, von jeder Verpflichtung. Um es in Bezug auf den Begriff der Gerechtigkeit Gottes auszudrücken: In seiner im Evangelium gegebenen Zusage macht Gott den Menschen gerecht, der von sich aus nicht gerecht werden kann.
Der Glaube zeigt sich in einer bestimmten Haltung und Verortung der ethischen Normen und Prinzipien, er gibt aber kein Wissen um bestimmte Normen und Prinzipien an die Hand, mit dessen Hilfe Unwissende orientiert werden können. Im Glauben nehmen wir daher nicht einen – über den anderen Menschen stehenden – moralischen Standpunkt ein, etwa weil wir als Wissende den Unwissenden die geoffenbarten Normen und Prinzipien verkünden, sondern wir nehmen den Standpunkt der ethisch fragenden Subjekte ernst und versuchen, gemeinsam die Situation und das Problem in seiner Konfliktträchtigkeit zu erschließen und nach denjenigen Normen und Prinzipien zu fragen, die in der Gemeinschaft in Geltung stehen sollen.
