1. Evangelikale Bewegung in Deutschland – Begriffsbestimmung
Aktuell befindet sich der Begriff „evangelikal“ in einer Krise. Denn aufgrund prominenter Entwicklungen in den USA wird er im medialen Diskurs zunehmend mit dem Phänomen eines christlichen Nationalismus (vgl. Art. Internationalismus/ Nationalismus) gleichgesetzt, außerdem häufig synonym mit dem Ausdruck „fundamentalistisch“ genutzt. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem weiten Feld „evangelikaler“ Phänomene, Strömungen und Gruppierungen wird dadurch erheblich erschwert.
Grundsätzlich unterscheidet sich die evangelikale Bewegung in Deutschland von derjenigen in den USA. Dies hängt vor allem mit der unterschiedlichen Verfasstheit der protestantischen Kirchen zusammen. In den USA dominiert ein kongregationalistisches System, wohingegen die deutschen Landeskirchen (wie die katholischen Bistümer) größtenteils parochial verfasst sind, sich die Gemeindezugehörigkeit also in der Regel nach dem Wohnortsprinzip bestimmt. Zahlenmäßig ist die evangelikale Bewegung in den USA viel größer und politisch deutlich einflussreicher. Aber die evangelikale Bewegung in Deutschland ist stark durch den angloamerikanischen Evangelikalismus beeinflusst. Hätte es die Impulse aus und die Beziehungen in die USA nicht gegeben, würde man in Deutschland nicht von einer evangelikalen Bewegung sprechen, sondern eher von pietistischen, freikirchlichen und konfessionalistischen Strömungen.
Der Begriff „evangelikal“ ist im deutschsprachigen Raum mehrdeutig. Er wird als Oberkategorie verwendet, unter der verschiedene Frömmigkeitstraditionen zusammengefasst werden. Verbindende Elemente sind laut dem britischen Historiker Bebbington ![]()
u. a. die Fokussierung auf eine Bekehrung zu Jesus Christus, die Betonung seines Kreuzestodes als Sühneopfer, die Zentralstellung der Bibel und das entschiedene Eintreten für Mission und Evangelisation.1Eine grundsätzliche Phänomenologie des Evangelikalismus wird im Syslex-Artikel von Thorsten Dietz ![]()
vorgenommen (vgl. Art. Evangelikalismus [international]). Vgl. Bebbington, David, Evangelicalism in Modern Britain. A History from the 1730s to the 1980s, London 1989, 3–4; vgl. auch. Dietz, Thorsten, Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt, Holzgerlingen 2022, 16ff. Das pfingstlich-charismatische Christentum wird dann unter diese Oberkategorie subsumiert und als Untertypus des „Evangelikalismus“ verstanden.
Das Adjektiv „evangelikal“ wird aber zugleich auch auf einer Ebene mit Kategorien wie „pfingstlich-charismatisch“ oder „fundamentalistisch“ verwendet, als Bezeichnung für einen Untertypus unter mehreren Typen von konservativem Christentum. Eine Schwierigkeit des Begriffs liegt somit darin, dass immer geklärt werden muss, ob er gerade im weiteren oder engeren Sinne gebraucht wird. Grundsätzlich steht er auch aufgrund seiner angloamerikanischen Herkunft für ein transkonfessionelles Phänomen, das sowohl landeskirchliche und freikirchliche Christ*innen, Christ*innen aus unabhängigen Gemeinden und z. T. selbst römisch-katholische Christ*innen inkludiert, wenn sie einen bestimmten Frömmigkeitsstil teilen. Es ist daher eine unsachgemäße Verkürzung, wenn man „Evangelikalismus“ und „Freikirchen“ in eins setzt, wie dies in den Medien häufig geschieht.2An diesem Punkt ist zu betonen, dass es keine gesicherte Datenbasis für die Größe der evangelikalen Bewegung in Deutschland gibt.
2. Ursprünge und Geschichte der evangelikalen Bewegung in Deutschland
In der Bundesrepublik Deutschland ist erst ab den 1960er Jahren eine evangelikale Bewegung im genuinen Sinne nachzuweisen.3Forschungen zur evangelikalen Bewegung in der ehemaligen DDR stellen ein Forschungsdesiderat dar. Der Begriff Evangelikalismus wird aber oftmals ausgedehnt und auf Phänomene des 18. (Pietismus) und 19. Jahrhunderts (Erweckungsbewegungen, Freikirchen, Gemeinschaftsbewegung) sowie vom Anfang des 20. Jahrhunderts (Pfingstbewegung) bezogen. Dies ist darin begründet, dass bestimmte Akteursgruppen aus den betreffenden Strömungen später zu den Trägergruppen der evangelikalen Bewegung wurden.
Das gilt besonders für die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) und den Gnadauer Gemeinschaftsverband. In ihren Anfängen, zu ihrer Entstehungszeit Mitte des 19. Jahrhunderts, war die Evangelische Allianz ein Netzwerk, in dem Mitglieder der kleinen Freikirchen Kontakte zu Christ*innen aus den protestantischen Großkirchen aufbauten.4Vgl. Dietz, Menschen, 58. Das Ziel war es, auf Basis der eigenen „Glaubenssätze“ eine Einheit in Vielfalt zu ermöglichen.5Vgl. Bauer, Gisa, Evangelikale Bewegung und evangelische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland. Geschichte eines Grundsatzkonflikts (1945 bis 1989), Göttingen 2012, 222. Dass die Evangelische Allianz ab den 1970er Jahren zu einer Trägergruppe der evangelikalen Bewegung wurde, hing mit den verstärkten Kontakten der DEA zum nordamerikanischen Evangelikalismus zusammen.6Vgl. Bauer, Bewegung, 222ff.
Stark beeinflusst durch die Erweckungsbewegung und die angelsächsische Heiligungsbewegung entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die kirchliche Gemeinschaftsbewegung mit ihrer Dachorganisation, dem Gnadauer Gemeinschaftsverband.7Vgl. Bauer, Bewegung, 117ff. Bis heute repräsentiert die Gemeinschaftsbewegung einen innerkirchlichen Neo-Pietismus. Ihre Anhänger*innen bleiben Mitglieder der Landeskirchen, organisieren sich aber oft in freien Werken innerhalb der Landeskirchen.
Trotz aller Kontinuitäten entsteht in den 1950er und vor allem in den 1960er Jahren etwas qualitativ Neues. Als mögliche Initiationsereignisse für die evangelikale Bewegung in Deutschland können unterschiedliche Begebenheiten gelten. Zuallererst sind hier die Evangelisationsreisen von Billy Graham ![]()
in den 1950er Jahren nach Westdeutschland zu nennen. Graham warb dafür, dass sich Menschen zu Jesus bekehren und sich danach einer „evangelical church“ anschließen. Sein Übersetzer Peter Schneider ![]()
wusste, dass Graham mit „evangelical“ nicht einfach eine „evangelische“ Kirche meinte. Vielmehr stand ihm ein Christentum mit einer persönlichen Beziehung zu Jesus und einem besonderen Anspruch auf „Bibeltreue“ vor Augen. Darum übersetzte Schneider „evangelical“ mit „evangelikal“. Erst in der Folge beginnen Christ*innen in Deutschland sich als „evangelikal“ zu bezeichnen.8Vgl. Bauer, Bewegung, 29. Als weiteres Großevent für die Etablierung des deutschen Ausdrucks „evangelikal“ kann der Kongress für Weltevangelisation im Jahre 1966 angesehen werden.9Vgl. Bauer, Bewegung, 29.
Die 60er Jahre insgesamt können als eine „Drehscheibe des 20. Jahrhunderts“10Dietz, Thorsten, Das Wort und das Fleisch. Die Aufbrüche der Evangelikalen und Liberalen in den 1960er Jahren (Podcast, https://wort-und-fleisch.de/die-aufbrueche-der-evangelikalen-und-liberalen-in-der-1960ern/), abgerufen am 06.04.2026. Vgl. auch. Dietz, Menschen, 60ff. interpretiert werden, in der die Bedingungen für die Entstehung einer evangelikalen Bewegung, auch als gegenkulturelles Modell zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und Modernisierungsschüben, optimal sind.
Der Protest gegen die Auswirkungen von Rudolf Bultmanns ![]()
sogenanntem Entmythologisierungsprogramm, der in der Gründung der „Bekenntnisbewegung kein anderes Evangelium“ am „Dortmunder Bekenntnistag“ kulminierte, stellt einen weiteren Ausgangspunkt für die Entstehung der evangelikalen Bewegung in Deutschland dar. In der Forschung wird kontrovers diskutiert, ob die evangelikale Bewegung in Westdeutschland als Protestbewegung im Sinne der „neuen sozialen Bewegungen“11Vgl. Bauer, Bewegung, 425ff. einzuordnen sei.12Vgl. Bauer, Bewegung, 662ff. Breitschwerdt ![]()
sieht in den Protesten gegen die Theologie Bultmanns keine Initialzündung für eine evangelikale Bewegung, sondern interpretiert diese als „theologisch konservativ“. Für Breitschwerdt stehen die Auseinandersetzungen um die Theologie Bultmanns in Kontinuität zu theologischen Kontroversen im 19. Jahrhundert (Apostolikumsstreit). Vgl. Breitschwerdt, Jörg, Theologisch konservativ. Studien zur Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland, Göttingen 2019, 645ff. Wenn man dieser These folgt, wären nicht primär geteilte Glaubensüberzeugungen als verbindendes Fundament der evangelikalen Bewegung anzusehen, sondern Abgrenzung und Protest.
Da sich die „Bekenntnisbewegung kein anderes Evangelium“ ab den 1970er Jahren zunehmend radikalisiert und damit auch marginalisiert hat, verschob sich die Gewichtung innerhalb des deutschen Evangelikalismus zugunsten der Evangelischen Allianz.13Vgl. Dietz, Menschen, 62. Der Lausanner Kongress für Weltmission aus dem Jahr 1974 ist mit seinem integrativen Moment zentral für die entstehende evangelikalen Bewegung.14Vgl. Dietz, Menschen, 42ff.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sowohl der Modus von Protest und Abgrenzung, für den die „Bekenntnisbewegung kein anderes Evangelium“ steht, als auch der Modus der Integration,15Auch der Lausanner Kongress von 1974 steht exemplarisch für den Modus der Integration; vgl. Dietz, Menschen, 88f. der durch die Evangelische Allianz und die Lausanner Bewegung verkörpert wird, integrale Bestandteile der evangelikalen Bewegung in Deutschland sind. Beides kann in Spannung zueinander geraten, aber auch positiv aufeinander bezogen sein, indem z. B. der geteilte Protest und die Abgrenzung nach außen die Integration unterschiedlicher Strömungen nach innen ermöglichen. Parallel dazu verläuft ein immer fortlaufender innerevangelikaler Diskurs, was wahrhaftes Christsein auszeichnet. Diese Dynamik ist bis in die Gegenwart nachweisbar und zentraler Bestandteil des Evangelikalismus.
3. Verhältnis zur Pfingstbewegung – Ein deutscher Sonderweg
Anders als in den USA bestand in Deutschland über mehrere Jahrzehnte hinweg eine scharfe Trennung zwischen der evangelikalen Bewegung und der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommenden Pfingstbewegung. Diese Trennung, obwohl inzwischen größtenteils überwunden, prägt die Gestalt der evangelikalen Bewegung in Deutschland bis heute. In der Forschung wird das „Azusa-Street-Revival“ als Identifikationspunkt der Pfingstbewegung ausgemacht, eine Erweckung, bei der die Zungenrede (Glossolalie) aufgetreten ist und als Zeichen für eine Geisttaufe gedeutet wurde.16Vgl. Hinsenkamp, Maria, Visionen eines neuen Christentums. Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke, Bielefeld 2024, 116. Diese Erweckung darf allerdings nicht isoliert betrachtet werden, sondern ist im Kontext weiterer ähnlicher Ereignisse zu sehen, die weltweit auftraten und gemeinsam als Ursprung der Pfingstbewegung gelten.
Der Impuls der Pfingstbewegung erreichte 1907 das Kaiserreich. Pfingstliche Erscheinungen wie die Zungenrede oder Zustände der Ekstase riefen bei Vertretern der Gemeinschaftsbewegung und der Deutschen Evangelischen Allianz Skepsis und Abwehr hervor. Dies führte dazu, dass 1909 die „Berliner Erklärung“ verabschiedet wurde, worin der in der Pfingstbewegung wirkende Geist als dämonischer „Geist von unten“ eingestuft wurde.17Vgl. Arbeitsstelle Weltanschauungsfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, Dokumentation: 100 Jahre „Berliner Erklärung“, 02.04.2009 (Artikel, https://www.confessio.de/artikel/213), abgerufen am 06.04.2026. Damit grenzten sich die Trägergruppen der späteren evangelikalen Bewegung frühzeitig von der im Entstehen begriffenen Pfingstbewegung ab. Diese lange fortwirkende Abgrenzung konnte erst durch die „Kasseler Erklärung“ von 1996 überwunden werden, mit der eine Grundlage für die Aufnahme des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden in die Deutsche Evangelische Allianz geschaffen wurde.18Vgl. Deutsche evangelische Allianz, Gemeinsame Erklärung des Hauptvorstandes der Deutschen Evangelischen Allianz und des Präsidiums des Bundes freikirchlicher Pfingstgemeinden, 01.06.1996 (PDF-Dokument, https://www.ead.de/fileadmin/DEA_Allgemein/Stellungnahmen/KasselerErklaerung96.pdf), abgerufen am 06.04.2026. Dem ging ein längerer Annäherungsprozess voraus, der wesentlich von der Evangelischen Allianz befördert wurde. So gab es ab den 1980er Jahren bei Evangelisationen und Großveranstaltungen Kooperationen zwischen pfingstlich-charismatischen und evangelikalen Akteursgruppen.
In der Gegenwart verwischen die Grenzen zwischen „klassisch evangelikalen“ und pfingstlich-charismatischen Gruppen innerhalb der evangelikalen Bewegung zunehmend, auch wenn es weiterhin eine kleine dezidiert anticharismatische Minderheit gibt. Es steigt der Einfluss transkonfessioneller Netzwerke, die ihren Ursprung im pfingstlich-charismatischen Christentum haben. Ein neuer Terminus für dieses Phänomen lautet „Kingdom minded network Christianity“. Das verbindende Element solcher Netzwerke, die auch in die Landeskirchen und Bistümer hineinreichen, ist ein geteiltes Konzept vom Reich Gottes. In diesem Kontext werden dann bürgerlich-konservative und im US-amerikanischen Raum auch dezidierte nationalistische Entwicklungen mit der einsetzenden Gottesherrschaft identifiziert.19Vgl. Hinsenkamp, Visionen, 20. Insgesamt führt die wachsende Bedeutung von teilweise sehr fluiden Netzwerken zu einer noch stärkeren Ausdifferenzierung der evangelikalen Bewegung.
4. Die Frage nach der „Bibelhermeneutik“ als Leitthema der evangelikalen Bewegung in Deutschland
Die Frage nach der Bibelhermeneutik (vgl. Art. Schrift; Hermeneutik) stellte von Anfang an ein Kernthema der evangelikalen Bewegung in Deutschland dar. Im „Bethelkreis“, einem Vorläufer der „Bekenntnisbewegung kein anderes Evangelium“, vertrat man den Ansatz der geistlichen bzw. pneumatischen Schriftauslegung. Der zentrale Bezugspunkt dieser Hermeneutik ist die Heilsgeschichte.20Vgl. Frey, Hellmuth, Um den Ansatz theologischer Arbeit, in: Frey, Hellmuth/Peter, Hans-Jürgen (Hrsg.), Geistliche Schriftauslegung, Marburg 2001, 11–39, 20. Die Bibel könne prinzipiell nur mithilfe des Heiligen Geistes verstanden werden, da nur dieser die Gebundenheit des*r Interpret*in an den „Standort“ innerhalb der Heilsgeschichte aufheben könne.21Vgl. Frey, Ansatz, 25. Der von der Sünde korrumpierte Verstand allein sei hierzu nicht in der Lage.22Vgl. Frey, Ansatz, 19. Für ein wahrhaftes Verstehen der Heiligen Schrift müsse man sich also dem Geist „beugen“ und auf seine Führung vertrauen.23Vgl. Frey, Ansatz, 38. Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um die Theologie Bultmanns hielt der „Bethelkreis“ daher fest:
Wir bestreiten der autonomen Erkenntnis und der von ihr bestimmten historisch-kritischen Methode die Kompetenz zur Erfassung der göttlichen Offenbarung im Fleische in der Sendung des Sohnes vom Vater.24Brief des Bethelkreises, zitiert nach Bauer, vgl. Bauer, Gisa, Das evangelikale Schriftverständnis. Aspekte und Beobachtungen, 27.02.2015 (Artikel, https://konfessionskundliches-institut.de/essay/das-evangelikale-schriftverstaendnis-aspekte-und-beobachtungen/), abgerufen am 06.04.2026.
Die Wahrheit der Schrift ist folglich nur Christ*innen zugänglich, die vom Geist erfüllt sind. Mit diesem Axiom wird das Schriftverständnis dem allgemeinen Diskurs entzogen. Und es wird der akademischen Theologie seit der Aufklärung vorgeworfen, von grundfalschen Vorzeichen auszugehen, insofern sie den Geist als Interpreten der Schrift ausklammere. Über Einrichtungen wie das „Studienzentrum Krelingen“ und die „Bodelschwingh-Studienstiftung“ hat das hermeneutische Konzept der „geistlichen Schriftauslegung“ auch innerhalb der Landeskirchen Verbreitung gefunden.
Über evangelikale Bibelschulen und Ausbildungsstätten hielten die drei Chicago-Erklärungen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre auch in Deutschland Einzug in den evangelikalen Diskurs um die Bibelhermeneutik. Sie gelten neben den „Fundamentals“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts als die zentralen Dokumente für einen christlichen Fundamentalismus. Sie vertreten einen wortfundamentalistischen Ansatz, indem sie konsequent das Prinzip der umfassenden, Heils-, Lebens- und Sachfragen einschließenden „Irrtumslosigkeit“ (inerrancy) der Heiligen Schrift als Grundvoraussetzung einer jeden Bibelhermeneutik proklamieren. Dies zielt darauf ab, die biblischen Texte gegen jede Art von kritischen Anfragen, auch aus geschichtswissenschaftlicher oder naturwissenschaftlicher Perspektive, zu immunisieren. So heißt es im Artikel XII der ersten Chicago Erklärung von 1978:
Wir bekennen, dass die Schrift in ihrer Gesamtheit irrtumslos und damit frei von Fehlern, Fälschungen oder Täuschungen ist. Wir verwerfen die Auffassung, dass sich die biblische Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit auf geistliche, religiöse oder die Erlösung betreffende Themen beschränke und Aussagen im Bereich der Geschichte und Naturwissenschaft davon ausgenommen seien.25Bibelbund, Chicago Erklärungen, 23.11.2000 (PDF-Datei, https://bibelbund.de/wp-content/uploads/2014/03/CHICAGO-Erkl%C3%A4rung.pdf), abgerufen am 06.04.2026.
Besonders die Freie Theologische Hochschule in Gießen und die Selbstständige Theologische Hochschule in Basel, aber auch der Bibelbund können als Ausgangspunkte für die Verbreitung der Chicago-Erklärung im deutschsprachigen Raum ausgemacht werden.26Vgl. Bauer, Schriftverständnis. Gleichwohl wurde auch innerevangelikal immer wieder infrage gestellt, ob das Prinzip der Irrtumslosigkeit den biblischen Texten gerecht werde. So wurde z. B. Anfang der 2000er Jahre darüber gestritten, ob sich eine Ausbildungsstätte noch „bibeltreu“ nennen dürfe, wenn sie nicht am Prinzip der „Irrtumslosigkeit“ festhalte. Heinzpeter Hempelmann ![]()
, damals Direktor des Theologischen Seminars Bad Liebenzell, vertrat mehrfach die Position, „Bibeltreue“ bemesse sich nicht am Eintreten für die Irrtumslosigkeit, sondern müsse ganzheitlicher gedacht und als eine Haltung der „Demut“ verstanden werden.27Vgl. Hempelmann, Heinzpeter, Nicht auf der Schrift, sondern unter ihr, Lahr 2000, 37ff. Spannungen innerhalb der Bibel seien nicht krampfhaft zu leugnen, sondern auszuhalten, da Gott nicht „intellektuelle Unredlichkeit“28Hempelmann, Schrift, 63. fordere. Das rief wiederum massiven Widerspruch bei Helge Stadelmann ![]()
von der FTH Gießen und auch beim Bibelbund hervor, für die die Kategorie der Bibeltreue konstitutiv am Prinzip der Irrtumslosigkeit hing.29Vgl. Stadelmann, Helge, Auf festem Fundament. Warum das Bekenntnis zur Biblischen Irrtumslosigkeit nicht von schlechten Eltern ist, in Stadelmann, Helge (Hrsg.), Liebe zum Wort. Das Bekenntnis zur Biblischen Irrtumslosigkeit als Ausdruck eines bibeltreuen Schriftverständnisses, Nürnberg 2022, 7f.
In den letzten 15 Jahren haben sich die bibelhermeneutischen Positionen innerhalb der evangelikalen Bewegung noch weiter ausdifferenziert. Angehörige der evangelikalen Bewegung haben angefangen, sich unterschiedliche bibelwissenschaftliche Erkenntnisse anzueignen und mit dem eigenen Glauben zu verbinden. Eine zentrale Rolle bei dieser Öffnung kommt der Plattform „Worthaus“ zu, die die Vereinbarkeit von akademischer Theologie und persönlichem Glauben bekräftigt.30Vgl. Worthaus (Website, www.worthaus.org), abgerufen am 06.04.2026. Initiiert wurde „Worthaus“ vom Ludwigsburger Theologen Siegfried Zimmer ![]()
, dem später der systematische Theologe Thorsten Dietz ![]()
als zweiter Hauptreferent zur Seite trat. Neben Zimmer und Dietz sind dort auch noch weitere Referent*innen aus dem Bereich der Universitätstheologie, den theologischen Hochschulen und der Kirchen als Gastdozent*innen vertreten. Innerevangelikal hat „Worthaus“ zu scharfen Gegenreaktionen und zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der Bibelhermeneutik geführt. Als eine solche Gegenreaktion kann etwa das Bündnis „Jesus 25“ angesehen werden, an dem eine Vielzahl evangelikaler Gemeinden, Verbände und Werke mitwirken. Im Basisstatement von „Jesus 25“ heißt es:
Sie ist ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort, denn sie ist ‚von Gottes Geist eingegeben‘ (2Tim 3,16) und somit ‚höchste Autorität in allen Fragen‘ (EA) bzw. ‚der einzige unfehlbare Maßstab‘ (LV2).31Jesus 25, JESUS25. Ankern und Aufbrechen: Was wir wollen, 05.2025 (Artikel, https://www.jesus25.net/statement), abgerufen am 06.04.2026.
Resümierend kann festgehalten werden, dass es innerhalb der evangelikalen Bewegung keine einheitliche Bibelhermeneutik gibt, auch wenn man sich regelmäßig auf Kategorien wie die Irrtumslosigkeit der Schrift oder das Ideal der Bibeltreue beruft. Weiter ist hervorzuheben, dass genuin bibelfundamentalistische Ansätze innerhalb der evangelikalen Bewegungen präsent sind, ohne dort jedoch unwidersprochen zu bleiben. Selbst wenn solchen Kritiker*innen dann wiederum von konservativ-evangelikalen Akteursgruppen die „Bibeltreue“ oder auch die Christlichkeit abgesprochen wird, lässt sich dieser innerevangelikale Diskurs nicht stillstellen.
5. Die Ausdifferenzierung evangelikaler Positionen anhand des Themas Homosexualität
Exemplarisch für die bereits angedeutete Ausdifferenzierung des Evangelikalismus ist der Umgang mit gelebter Homosexualität. In den letzten fünf Jahrzehnten gab es innerevangelikal, grob vereinfacht, drei Arten, Homosexualität zu deuten. Sie gehen sämtlich von der Annahme aus, dass sowohl im Alten als auch in Neuen Testament Homosexualität als Sünde betrachtet wird.32Ob diese Annahme exegetisch zu halten ist, kann hier nicht diskutiert werden.
Weiterführende Infos WiBiLex
Für die mögliche Thematisierung von Homosexualität im Alten und Neuen Testament sowie deren historisch-kritische Einordnung sei verwiesen auf:
Hieke, Thomas, Art. Homosexualität (AT), in: WiBiLex (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/21490/), abgerufen am 06.04.2026.
Scholz, Stefan, Art. Homosexualität (NT), in: WiBiLex (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/46910/), abgerufen am 06.04.2026.
- Lange Zeit dominierte das Krankheitsparadigma, mit dem eine Pathologisierung von Homosexualität einherging. Homosexuellen Christ*innen wurden sogenannte Konversionstherapien angeraten, um ihre sexuelle Orientierung zu verändern. Mittlerweile wurden Konversionstherapien in Deutschland rechtlich stark eingeschränkt, zudem haben viele evangelikale Akteur*innen erkannt, dass eine Veränderung der sexuellen Orientierung nicht möglich ist und dass Konversionstherapien für die Betroffenen schädlich und gefährlich sind. Dennoch gibt es eine Minderheit, die weiter an der pathologischen Interpretation festhält.
- Ein zweiter Ansatz ist das Sündenparadigma. Es geht davon aus, dass das Phänomen der Homosexualität eine Folge der „Ursünde“ sei und nicht zur schöpfungsmäßigen Identität eines Menschen gehöre. Homosexualität wird hier nicht primär als Krankheit angesehen, sondern als eine Konsequenz der Trennung von Gott. Die „Lösung“ ist dementsprechend nicht eine „Therapie“, sondern die „Umkehr“. Diese Sicht auf Homosexualität wird vor allem in der „Nashville-Erklärung“ aus dem Jahre 2017 dargelegt. Allein die Aussage „ich bin homosexuell“ wird hier schon als Folge von Sünde gedeutet, unabhängig davon, ob die Homosexualität ausgelebt wird.33Vgl. Evangelium 21, Nashville Statement. Ein Bündnis für biblische Sexualität, 2017 (PDF-Dokument, https://www.evangelium21.net/downloads/pdf/NashvilleV.1.0.pdf), abgerufen am 06.04.2026.
- In einem dritten Ansatz wird anerkannt, dass Homosexualität zur Identität eines Menschen gehöre. Den Betroffenen wird aber geraten, enthaltsam zu leben, da die Bibel gelebte Homosexualität als Sünde einstufe. Man kann in diesem Fall vom „Enthaltsamkeitsparadigma“ sprechen. Die Homosexualität wird dann als eine Art Prüfung oder Bürde verstanden, mit der man umzugehen lernen muss, um Gott treu zu sein. Die Anerkennung von Homosexualität als Teil der Identität stellt trotz aller möglichen ethischen Einwände einen Fortschritt gegenüber dem Krankheits- und dem Sündenparadigma dar.
Seit gut 15 Jahren wird nun überhaupt die negative Beurteilung gelebter Homosexualität, die unabhängig vom jeweiligen Deutungsparadigma innerhalb der evangelikalen Bewegung im Großen und Ganzen geteilt wurde, intern verstärkt hinterfragt. So gibt es zunehmend evangelikale Gemeinden und Netzwerke, in denen Menschen mitarbeiten, die in einer homosexuellen Beziehung leben. Die Sichtbarkeit homosexueller Christ*innen innerhalb der evangelikalen Bewegung hat somit zugenommen. Hinzu kommt, dass Menschen an die Öffentlichkeit gehen und von ihren Leidensgeschichten mit sogenannten Konversionstherapien berichten. Größere mediale Aufmerksamkeit hat die langsam einsetzende Neubewertung von Homosexualität erfahren, als der damalige Vorsitzende der Evangelischen Allianz und des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes Michael Diener ![]()
2015 in einem Interview mit der Zeitung WELT andeutete, dass man innerhalb der evangelikalen Bewegung unterschiedliche Beurteilungen von Homosexualität zulassen könne und dass der ablehnende Konsens nicht mehr gegeben sei.34Vgl. Kamann, Matthias, Chef der Evangelikalen will Homo-Verdammung stoppen, WELT 14.12.2015 (Artikel, https://www.welt.de/politik/deutschland/article149946122/Evangelikalen-Chef-Michael-Diener-gegen-Schwulen-Verdammung.html), abgerufen am 06.04.2026. Dieses Interview wiederum führte zu einer innerevangelikalen Gegenbewegung und zur Gründung des „Netzwerks Bibel und Bekenntnis“ rund um den Evangelisten Ulrich Parzany ![]()
.
Gerade die Akteursgruppen, die gelebte Homosexualität ablehnen, versuchen aus der eigenen Haltung zur Homosexualität einen „Identity Marker“ für „Bibeltreue“ und mithin für „wahren Evangelikalismus“ zu konstruieren. Dies wird vornehmlich damit begründet, dass eine Tolerierung gelebter Homosexualität die Autorität und Zentralstellung der Bibel infrage stellen würde. Besonders die „evangelikale Mitte“ gerät verstärkt unter Druck, sich diesbezüglich zu positionieren. In dieser Lage suchen Gruppen, die lange der moderaten Mitte zugehörten, verstärkt die Zusammenarbeit mit Akteur*innenen aus dem fundamentalistischen Spektrum, um eine Liberalisierung zu verhindern. Indem man Positionen, die gelebte Homosexualität als etwas Gottgewolltes bewerten, unversehens als „postevangelikal“ oder „liberal“ labelt, versucht man die Deutungshoheit darüber zu behalten, was wahrhaft „evangelikal“ zu sein in der Gegenwart bedeutet. Exemplarisch wird daran erneut deutlich, dass der Protest gegen potenzielle Liberalisierungstendenzen ein wiederkehrendes Reaktionsmuster der evangelikalen Bewegung darstellt.
6. Das Verhältnis des Evangelikalismus zum Fundamentalismus
Um das Verhältnis zwischen Evangelikalismus und Fundamentalismus zu bestimmen, muss zunächst zwischen einem engen und einem weiten Begriff von „Fundamentalismus“ unterschieden werden. Der genuine Bibelfundamentalismus, in seinen Ursprüngen älter als die evangelikale Bewegung, lässt sich dadurch charakterisieren, dass er die Irrtumslosigkeit der Schrift nicht nur für Heilsfragen, sondern auch für alle naturwissenschaftlichen und ethischen Fragestellungen behauptet. Ein solch im engeren Sinne fundamentalistischer Biblizismus war stets Teil des evangelikalen Spektrums, ohne darin je zu dominieren.35Vgl. Fritz, Martin, Christlicher Fundamentalismus, Berlin 2021 (Artikel, https://www.ezw-berlin.de/publikationen/artikel/christlicher-fundamentalismus-1/), abgerufen am 06.04.2026.
Daneben wird der Ausdruck „Fundamentalismus“ häufig in einem weiteren Sinne gebraucht. Er bezeichnet dann alle Formen eines „radikalisierten Evangelikalismus“, die „ideologisch entgrenzt und sozial kämpferisch“36Dietz, Menschen, 272. auftreten. Dieser Wortgebrauch trägt dem Phänomen Rechnung, dass sich evangelikale Akteur*innen bei bestimmten Themen, meist in kulturkämpferischer Absicht, radikalisieren, ihre Position durch wortwörtlich verstandene Bibelstellen begründen, sie dualistisch aufladen und daran das wahre Christsein festmachen. Zugleich können sie bei anderen Themen, die sie als weniger relevant einstufen (z. B. die Frage nach einem jungen Erdalter), durchaus eine gewisse Pluralität zulassen. Wir haben es also mit einer Radikalisierung bei Einzelthemen zu tun, mithilfe einer partiellen Belehnung von genuin bibelfundamentalistischen Prinzipien, ohne dass diese Prinzipien konsequent und vollumfänglich zur Anwendung kämen.
Insgesamt kann dieser „Gelegenheitsfundamentalismus“ auch mit einer Verschiebung im Endzeitverständnis zusammenhängen. Eine weltabgewandte Haltung, die mit dem Warten auf die Entrückung einherging, wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch die Vorstellung ersetzt, dass der Kirche eine aktive Rolle bei der Errichtung des Reiches Gottes zukomme.37Vgl. Hinsenkamp, Visionen, 57ff. Problematisch wird diese Vorstellung, sobald gesellschaftspolitische Kontroversen im Lichte eines „geistlichen Kampfes“ um das Reich Gottes gedeutet und damit geistlich überhöht werden. Dabei wird oftmals vor einem globalen antichristlichen Herrschaftsreich gewarnt, das dem Reich Gottes entgegensteht. Daraus leitet sich wiederum in Teilen der evangelikalen Bewegung eine grundlegende Skepsis gegenüber staatenübergreifenden Institutionen wie der EU oder der UN und die Befürwortung eines christlichen Nationalismus ab.38Vgl. Dietz, Menschen, 225ff. Eine solche radikalisierte Form des Evangelikalismus hat starke Überschneidungen zum Phänomen des „rechten Christentums“, das von Martin Fritz ![]()
als „konservatives Christentum im Kulturkampfmodus“ beschrieben wird.39Vgl. Fritz, Martin, Rechtes Christentum, Berlin 2024 (Artikel, https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/rechtes-christentum-lexikon-fuer-religion-und-weltanschauung-2/), abgerufen am 06.04.2026. Hierbei ist zu bedenken, dass der Modus des Kampfes auch Auswirkungen auf die Substanz des christlichen Glaubens hat.
Rechtes Christentum und christlicher Nationalismus sind in der evangelikalen Bewegung in Deutschland, anders als in Nordamerika, keine Mehrheitsphänomene. Die Evangelische Allianz und der Gnadauer Gemeinschaftsverband haben in den letzten Jahren mehrfach vor Verschwörungstheorien, Rechtspopulismus und völkischem Denken gewarnt.40Vgl. Schäfer, Norbert, Kern. „Pietismus und Populismus sind sich ihrem Wesen nach Fremd“, in: PRO, 18.02.2022 (Artikel, https://www.pro-medienmagazin.de/kern-pietismus-und-populismus-sind-sich-ihrem-wesen-nach-fremd/), abgerufen am 06.04.2026; vgl. EAD, Stellungnahme. Nachfolge braucht Klarheit (Stellungnahme, https://www.ead.de/2025/mai/05052025-stellungnahme-nachfolge-braucht-klarheit/), abgerufen am 06.04.2026); vgl. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband e.V., Die Hoffnungsbewegung, 22.02.2022 (PDF-Dokument, 22-02-Präsesbericht-Druck.pdf), abgerufen am 06.04.2026, 15.17f. Dennoch gibt es über sogenannte Brückenthemen wie die Antigender-Ideologie und über Verschwörungstheorien wie den „großen Austausch“ bei einer ernstzunehmenden Minderheit innerhalb der evangelikalen Bewegung Sympathien für rechtschristliche und christlich-nationalistische Ideenwelten.41Vgl. Epp, Samuel, Verschwörungsglaube im evangelikal pietistischen Milieu. Eine Analyse von Narrativen und theologischen Hintergründen, in: Probst, Hans-Ulrich et al. (Hrsg.), Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten. Verbindende Feindbilder zwischen extremer Rechter und Christentum, Bielefeld 2024, 295–314; vgl. Rudolphi, Daniel, Der Staat als „Tyrann“. Kirche und Staat im rechten Christentum. Eine Netzwerkanalyse, in: Zeitschrift für Religion und Weltanschauung (ZRW) 86 (5) (2023), 359–375.
7. Postevangelikalismus als Krisenphänomen
Der maßgebliche Ausgangspunkt für den Diskurs um den Postevangelikalismus ist die Beobachtung, dass vermehrt Menschen ihre durch evangelikale Theologie geprägten Glaubensüberzeugungen „dekonstruieren“ und dies öffentlich thematisieren. YouTube-Formate wie „Worthaus“ oder Podcasts wie „Hossa Talk“ haben zu diesem Trend beigetragen.42Vgl. Baumberger, Evelyne et al., Eine Landkarte religionsbezogener Podcasts, in: Praktische Theologie 59 (4) (2024), 197–201. Mit der „Dekonstruktion“ bestimmter Glaubenskonzepte geht oftmals eine positive Neubewertung von Homosexualität und Queerness einher, außerdem eine stärkere Öffnung für wissenschaftliche Theologie. An der Jesuszentriertheit der evangelikalen Bewegung wird vielfach festgehalten. Der Begriff „postevangelikal“ wird teilweise als Selbstbezeichnung gebraucht, teilweise nicht. Daneben wird er von konservativen Evangelikalen als Fremdzuschreibung verwendet, um andere Positionen aus der evangelikalen Sphäre auszuschließen. In diesem Falle soll das Label „postevangelikal“ einen innerevangelikalen Diskurs unterdrücken.
Eine Definition des Phänomens „Postevangelikalismus“ ist kompliziert. Gegenwärtig kann noch nicht abschließend beurteilt werden, ob sich ein eigener Frömmigkeitstyp herausbildet; ob sich ehemalige Evangelikale an bestehende Strömungen anschließen oder so etwas wie eine progressive Variante des Evangelikalismus etablieren. In jedem Falle kann der Postevangelikalismus als Symptom einer Krise der evangelikalen Bewegung interpretiert werden.43Vgl. Dietz, Thorsten, Postevangelikalismus. Eine Einführung, 01.02.2021 (Artikel, https://www.reflab.ch/postevangelikalismus-eine-hinfuehrung/), abgerufen am 06.04.2026; vgl. Dietz, Menschen, 329ff.
