1. Statistik
Im Jahr 2024 gab es in Deutschland 1.881 Krankenhäuser mit 472.851 Betten. 528 Krankenhäuser waren in öffentlicher Trägerschaft (221.481 Betten), 575 in freigemeinnütziger (152.773 Betten) und 738 (98.597 Betten) in privater Trägerschaft. Die Zahl des ärztlichen Personals (Vollkräfte) betrug 180.418 Personen und die des nichtärztlichen Personals 834.422, davon 408.599 Vollkräfte in der Pflege. Es wurden insgesamt 17.546.402 Patient*innen behandelt mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 7,1 Tagen und einer durchschnittlichen Bettenauslastung von 72,0 %. Insgesamt wurden im Jahr 2024 in Deutschland 538,2 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben (12,4 % des Bruttoinlandsprodukts, 6.444 Euro je Einwohner*in). Die Ausgaben im ambulanten Bereich machten mit 259,4 Milliarden Euro jedoch fast die Hälfte der Ausgaben im Gesundheitsbereich aus, auf den (teil-) stationären Bereich entfielen 197,7 Milliarden (davon 101,68 Milliarden auf die Krankenhäuser).
2. Geschichte
Die Ausbreitung von Krankenhäusern in Europa ist eng mit dem Liebesgebot verbunden. Zwar gab es in der Antike auch medizinische Versorgungsstätten wie die Asklepieien der Griechen, die den Pilgern auf ihrer Wallfahrt zu den Heiligtümern des Gottes der Heilkunst, Asklepios, als Herbergen dienten, oder die römischen Valetudinarien, deren Funktion es war, die Arbeitskraft von Sklaven und Legionären wiederherzustellen. Aber erst das Christentum machte mit seinem Bezug auf Nächstenliebe und Barmherzigkeit aus den antiken Herbergen sozial-karitative Hospize. „Christus medicus“, der „die dienende Liebe an den Kranken in den Mittelpunkt der Religion gestellt und sie allen Jüngern auf die Seele gelegt“ (Adolf von Harnack
) hat, wird zum Vorbild der Zuwendung zu den Leidenden und Kranken. Ausbreitung erfuhr die Krankenpflege in der benediktinischen Tradition, aber auch durch die Ritter der Kreuzzüge, die zunächst im Heiligen Land, aber auch nach ihrer Rückkehr Hospitalgemeinschaften gründeten, in die sie auch arabisches Heilwissen einfließen ließen. Im 17. Jahrhundert erlebte die Krankenfürsorge durch den Orden der Barmherzigen Brüder eine Innovation, die jedem und jeder Kranken ein eigenes Bett mit frischem Laken zuwies und so hygienische Probleme bekämpfte. Damit entwickelten sich die Hospitäler von der allgemeinen Armenfürsorge zur reinen Krankenpflege. Der Einsatz von Ärzt*innen wurde immer häufiger zum Standard. Während der Industrialisierung entstanden Staatskrankenanstalten, um der Verelendung des Proletariats und neuer Krankheiten und Seuchen aufgrund des Handels Herr zu werden. Das 19. Jahrhundert brachte auch entscheidende Fortschritte in der medizinischen Entwicklung sowie das Interesse des Staates für die Gesundheit seiner Bürger*innen, auch aus Gründen seiner Wehr- und Finanzkraft. Die christlichen Kirchen erhielten das Recht, eigene Wohltätigkeitsanstalten zu gründen, was zur Gründung konfessioneller Krankenhäuser genutzt wurde. Barmherzige Schwestern und Diakonissen trugen zu ersten professionellen Handlungsformen in der Krankenpflege bei und zur Entstehung eines neuen Berufsbildes: das der Krankenschwester. Christliche Krankenhäuser wurden mit dem Siegeszug der modernen Medizin zu professionellen Krankenhäusern, die bis heute vom Ethos einer von der Liebe Gottes motivierten Sorge um Menschen in vulnerablen Situationen profitieren.
3. Auftrag
Kranken Menschen beizustehen und für sie zu sorgen, ist ein durchgängiges christliches Verhalten. „Kranke besuchen“ ist eines der entscheidenden Werke, die Jesus in der Endgerichtsrede (Mt 25,31–46[31] Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, [32] und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, [33] und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.[34] Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! [35] Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. [36] Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.[37] Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? [38] Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? [39] Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? [40] Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.[41] Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! [42] Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. [43] Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.[44] Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? [45] Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. [46] Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.Zur Bibelstelle) nennt. Die tatkräftige Sorge für die seelisch und leiblich Kranken ist die kirchlich-diakonische Übersetzung des Liebesgebots in einen den menschlichen Bedürfnissen angemessenen Dienst für die Kranken und gehört zu den zentralen Aufgaben christlicher Religionspraxis. Sie gehört somit zu den strategischen Ressourcen kirchlicher Krankenhäuser auch in Zeiten des Wettbewerbs und stark regulierten Gesundheitsmarktes, welcher die Frage nach ihrer christlichen Identität verschärft hat. Die Sorge für den kranken Nächsten lässt christliche Krankenhäuser als vertrauenswürdiger erscheinen, auch wenn ihre medizinische Kompetenz zwar als hoch, jedoch nicht immer so hoch eingeschätzt wird wie die der Konkurrenz in privater Trägerschaft. Aufgrund ihrer gemeinnützigen Orientierung haben konfessionelle Krankenhäuser erhebliche Verantwortung in der sozialpolitischen Lobbyarbeit für ein menschenwürdiges Gesundheitswesen in Deutschland und können damit die christliche Option für und mit Armen und Bedrängten aller Art konkretisieren.
4. Herausforderungen
Das Krankenhauswesen in Deutschland steht unter hohem ökonomischen Druck. Die schrittweise Einführung von DRG-Fallpauschalen seit 2003 hat zu einem intensiven Wettbewerb auf dem Gesundheitsmarkt geführt, der sich in der Reduzierung von Bettzahlen und Verweiltagen niedergeschlagen hat, um höhere Auslastungsquoten zu erreichen. Eine weitere Folge stellen der Verkauf oder die Schließung von Kliniken und eine Bevorzugung von ambulanten Operationen vor stationären dar. Nach wie vor bietet das deutsche Krankenhaussystem eine hohe (Kritiker*innen sagen: zu hohe) Krankenhaus- und Bettendichte mit einer hervorragenden Ausstattung an medizin-technischen Geräten. Jedoch wird das medizinische System wegen seiner hohen Kosten und den – im internationalen Vergleich – nur mittelmäßigen Gesundheitsdaten der deutschen Bevölkerung kritisiert (zu den hohen Kosten trägt auch die duale Versorgungsstruktur mit niedergelassenen Ärzt*innen bei). Die Corona-Pandemie verschärfte die wirtschaftlichen Probleme der Krankenhäuser (z. B. aufgrund verschobener Operationen), während diese die Versorgung von an Covid-19 erkrankten Personen überwiegend gut unter hohem Einsatz des Personals bewältigt haben. Nach der Pandemie erfolgten zahlreiche Reformschritte, u. a. die tagesstationäre Behandlung und die Einführung von Hybrid-DRGs zur Überwindung der Sektorengrenzen (stationär, teilstationär, Rettungswesen). Die mit erheblicher Verzögerung flächendeckend eingeführte elektronische Patientenakte (ePA) bietet die Chance zu einer besseren Vernetzung der unterschiedlichen Sektoren und einem digitalen Echtzeit-Informationsfluss zwischen medizinischen Anbietern. Eine grundlegende Veränderung der Krankenhausversorgung stellt die Krankenhausreform (KHVVG) 2024 dar: Sie sieht einen Wechsel von Fachabteilungen zu (zunächst 65) Leistungsgruppen mit bundeseinheitlichen Mindeststandards vor. Die bis dato an der Fallmenge orientierten Vergütung der Behandlungskosten wird durch eine Vorhaltevergütung grundlegend neu ausgerichtet (Strukturqualitätsvoraussetzung). Im Blick auf die Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung wird eine verbesserte Kommunikation zwischen Ärzt*in und Patient*innen angemahnt. In Entwürfen patientengerechter Krankenhäuser sollen alle Abläufe im Krankenhaus vom Patienten oder der Patientin aus organisiert werden. Heutige Trends sind individualisierte Medizin einschließlich der Frage, ob eine geschlechtsspezifische Versorgung für Frauen notwendig ist. Ein menschliches Krankenhaus soll medizinisch hohe Qualität bieten, verlässlich und berechenbar sein, klare Informationen an die Patient*innen geben, keine demütigenden Situationen zulassen und über „Inseln der Integrität“ Situationen im Krankenhausbetrieb einplanen, in denen Mitgefühl erfahrbar wird. Letzteres rückt gerade bei der palliativen Versorgung, die in Krankenhäusern ausgebaut wurde, in den Vordergrund.
5. Seelsorge im Krankenhaus
Krankheit wurde im christlichen Glauben nicht nur als körperliche Fehlfunktion, sondern zugleich auch als seelisch-geistige Schwächung verstanden. Die Seelsorge an Kranken war seit Beginn Teil der Krankenpflege und erhielt durch Martin Luther eine stärkere Ausrichtung auf Tröstung und Beistand. Auch wenn die moderne Medizin grundsätzlich ohne Seelsorge auskommt und von Religion unabhängig ist, so ist der Bedarf an Beistand in existenzieller körperlicher und oftmals damit einhergehender seelischer Not groß und wird in dem modernen Dienstleistungskomplex Krankenhaus von Klinikpfarrstellen sowie ehrenamtlichen Kreisen (z. B. „Grüne Damen“) geleistet. Die Bedeutung liegt nicht nur in der besonderen Kontaktmöglichkeit als Fenster zum Leben außerhalb des Krankenhauses, sondern in einer Kommunikationsmöglichkeit, die in einer bedrohlichen Situation Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Akzeptanz und Eingehen auf individuelle Bedürfnisse ermöglicht. Zugleich können Fragen nach dem Sinn des Lebens angesichts von Krankheit und Leiden aufgegriffen und – so gewünscht – mit christlichen Deutungsangeboten beantwortet werden. Heute wird diskutiert, ob Krankenhausseelsorge nicht neben oder gegenüber dem Krankenhaus, sondern integriert in ein ganzheitliches Behandlungskonzept die Ziele des Krankenhauses mitvertreten solle (Spiritual-Care-Konzepte). Dagegen wird eingewandt, dass dies eine Verzweckung als Behandlungsmethodik einer Berufsgruppe bedinge und die zielfreie Seelsorge unterlaufe, welche die Stärke der Krankenhausseelsorge als religiöse Dimension unabhängig von der Behandlungsperspektive einbringen könne. Dafür spreche die Mitarbeit im medizinischen Behandlungsteam, die so mehr Kranken zugutekomme, und eine religiöse Offenheit von Spiritual Care.
