1. Konfessionalität als Identity Marker: Eine schwierige Fachgeschichte
Die Entstehungsgeschichte evangelischer Fundamentaltheologie ist gekennzeichnet von Fragen rund um ihre Konfessionalität. Denn Fundamentaltheologie galt lange (und gilt teilweise noch) als genuin römisch-katholische Disziplin.1Vgl. Nagel, Christiane, Religionswissenschaft und Theologie. Disziplinen diskursiv denken, Berlin/Boston 2023, 205. Ihre Anfänge waren dort geprägt durch apologetische Grundimpulse2Vgl. Schmidt-Leukel, Perry, Grundkurs Fundamentaltheologie. Eine Einführung in die Grundfragen des christlichen Glaubens, München 22014, 12f. und Fragen nach der grundsätzlichen Möglichkeit natürlicher Theologie im Sinne vernunftmäßiger Gotteserkenntnis, wie sie v. a. im Kontext des I. Vatikanischen Konzils3Vgl. Denzinger, Heinrich, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen. Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Herausgegeben von Peter Hünermann, Freiburg i. Br. 452017, DH 3004.3019. manifestiert wurden. Erste Lehrstühle für Fundamentaltheologie entstanden dementsprechend auch an römisch-katholischen Fakultäten in der Mitte des 19. Jahrhunderts.4Vgl. Stock, Konrad, Die Theorie der christlichen Gewißheit. Eine enzyklopädische Orientierung, Tübingen 2005, 269. So verstandene Fundamentaltheologie, die – in verschiedenen Weiterentwicklungen und Selbstverständnissen –5Vgl. dazu überblicksmäßig Wagner, Harald, Art. Fundamentaltheologie, in: TRE 11 (1993), 738–752, 743–747. im heutigen deutschsprachigen römisch-katholischen Fächerkanon zu den Grundlagendisziplinen zählt, fragt vereinfacht gesagt nach der Vernunftmäßigkeit („im Sinn einer rationalen Begründung oder einer rationalen Verantwortung des Glaubens“)6Schmidt-Leukel, Grundkurs, 11. von Glaube und Offenbarung.
Für das Selbstverständnis deutschsprachiger evangelischer Theologie war (und ist) in Teilen diese enge Verknüpfung von Glauben, Offenbarung und Vernunft schwierig. In reformatorischer Tradition war (und ist) es teilweise ein Anliegen, die Evidenz theologischer Erkenntnisse nicht durch menschliche Vernunft zu normieren, sondern durch ihr Geoffenbartsein (in der Schrift): also menschliche Gotteserkenntnis nicht als etwas zu zeichnen, was der Mensch durch eigene Vernunftanstrengung erreichen kann, sondern was dem Menschen allein im Glauben gnadenhaft erst durch Gott geschenkt wird (vgl. Art. Rechtfertigung). Menschliche Vernunft ohne vorhergehenden Glauben galt in dieser Spielart evangelischer Theologie zwar an sich durchaus als „etwas Göttliches“,7Luther, Martin, Disputatio D. Martini Lutheri de homine (1536), in: LDStA 1 (2006), 663–669, 665. seit dem Sündenfall aber auch als „unter der Macht des Teufels“8Luther, Disputatio, 667. stehend.
Zwar nicht nur, aber eben auch deswegen hat sich Fundamentaltheologie in der evangelischen Theologie nie so etabliert und institutionalisiert wie in römisch-katholischen Fachkontexten.9Vgl. dazu den Aufsatz Petzoldt, Matthias, Konfessionelle Differenzen? Ansätze zu einer evangelischen Fundamentaltheologie, in: Meyer zu Schlochtern, Josef/Siebenrock, Roman (Hrsg.), Wozu Fundamentaltheologie? Zur Grundlegung der Theologie im Anspruch von Glaube und Vernunft (PaThSt 52), Paderborn 2010, 203–233. Trotzdem lässt sich die Entwicklung eines eigenständig evangelisch-theologischen Diskurses zu fundamentaltheologischen Themen nachvollziehen, der sich maßgeblich auch um genau solche Fragen der Konfessionalität von Fundamentaltheologie rankt. So gilt Gerhard Ebelings ![]()
Aufsatz „Erwägungen zu einer evangelischen Fundamentaltheologie“ von 1970 als zentraler Text für Überlegungen zu einer eigenständigen evangelischen Fundamentaltheologie.10Vgl. Ebeling, Gerhard, Erwägungen zu einer evangelischen Fundamentaltheologie, in: ZthK 67 (1970), 479–524. Ebeling plädierte hier für die Etablierung einer eigenständigen Disziplin, die sich mit den Grundlagenfragen evangelischer Theologie beschäftigen sollte. Gegen Ebelings Vorstoß wurde allerdings direkt deutliche Kritik laut. V. a. Gerhard Sauter ![]()
kennzeichnete Ebelings Vorschlag als „Krisenerscheinung“11Sauter, Gerhard, Zugänge zur Dogmatik. Elemente theologischer Urteilsbildung (UTB 2064), Göttingen 1998, 311. der evangelischen Dogmatik: Nicht nur, weil hier theologische Prinzipienfragen aus ihrem etablierten Ort, den Prolegomena der Dogmatik, ausgelagert werden, sondern weil mit Fundamentaltheologie eben immer auch der Anspruch verbunden sei, Theologie und Glauben außer-theologisch, allgemein rational zu begründen.12Vgl. Sauter, Zugänge, 312.
Diese mindestens skeptische Haltung gegenüber der Möglichkeit und Redlichkeit einer evangelischen Fundamentaltheologie scheint die fachlichen Entwicklungen innerhalb der evangelischen Theologie nachhaltig beeinflusst zu haben. Gegenüber einer anfänglich „frühe[n] Profilierung“13Petzoldt, Differenzen, 204. hat sich Fundamentaltheologie nie als eigenständige (Teil-)Disziplin (Systematischer) Theologie (wie eben v. a. Ethik und Dogmatik) durchgesetzt – was sich im deutschsprachigen Raum z. B. an üblichen Lehrstuhlbezeichnungen gut nachvollziehen lässt.
Bis heute ist das einzige je erschienene Lehrbuch evangelischerseits, das auf eine eigenständige Fundamentaltheologie drängte, die erstmals 1974 erschienene „Fundamentaltheologie“14Vgl. Joest, Wilfried, Fundamentaltheologie. Theologische Grundlagen- und Methodenprobleme (ThW 11), Stuttgart 31988. von Wilfried Joest ![]()
. Bereits bei diesem Werk zeigte sich die für die spätere Entwicklung zentrale Fokussierung evangelischer (im Unterschied zu römisch-katholischer) Fundamentaltheologie auf Grundlagen- und Methodenfragen der Theologie, v. a. im Hinblick auf ihre Existenz als Wissenschaft.
2. Evangelische Fundamentaltheologie: Frage nach den Grundlagen (Systematischer) Theologie
Diese Fokussierung lässt sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte evangelischer Fundamentaltheologie bis heute nachvollziehen. So gilt Fundamentaltheologie aktuell zwar nicht als eigenständige Disziplin, gleichzeitig stellt sie aber eine zentrale Perspektive Systematischer Theologie dar. Allerdings lassen sich verschiedene Ansätze und Begriffsdefinitionen bzw. -gebräuche ausmachen. Als Ausdruck für ein Fundamentaltheologieverständnis als Reflexion über die Grundlagenfragen (Systematischer) Theologie kann z.B. die Verwendung des Begriffs anstelle der Prinzipienlehre oder auch der „Prolegomena“ (als dem Vorwort einer im ganzen konzipierten Dogmatik) gesehen werden. Viel häufiger findet sich aber eher die Verwendung des Adjektivs „fundamentaltheologisch“ für die Auseinandersetzung mit v. a. religions-, erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagenfragen evangelischer Theologie – so z. B. mittlerweile auch in Artikeln der RGG.15Vgl. z. B. Vgl. Sparn, Walter, Art. Erlebnis, in: RGG4 2 (1999), 1425–1429, 1427. Vgl. dazu auch Petzoldt, Konfessionelle Differenzen, 205. Allerdings ist gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass dieselben Fragen häufig auch unter der im Diskurs der evangelischen Theologie deutlich etablierteren Rubrik „Religionsphilosophie“ behandelt werden16Vgl. z. B. Danz, Christian, Systematische Theologie, Tübingen 2016, 11. (weswegen z. B. das Online-Lexikon SysLex Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie als gemeinsame Fachgruppe eingerichtet hat).
Zentral ist auf jeden Fall, dass die Beschäftigung mit Grundlagenfragen gerade auch in der evangelischen Theologie einen immer höheren Stellenwert bekommen hat, was eng verbunden ist mit Fragen nach ihrem Selbstverständnis als akademischer Disziplin, ihrer gesellschaftlichen und kirchlichen Verantwortung und ihrer Zukunft als Wissenschaft. Da allerdings auch eine große Anzahl der Entwürfe, die sich mit solchen Grundlagenfragen beschäftigen, das unabhängig von einer Titulierung als „fundamentaltheologisch“ (oder „religionsphilosophisch“) tun, ist auch hier wichtig zu beachten, dass fundamentaltheologisches (oder religionsphilosophisches) Fragen auch dort passieren kann, wo nicht explizit Fundamentaltheologie (oder Religionsphilosophie) als Selbstbezeichnung genutzt wird. Dogmengeschichtlich wären hier z. B. (neben vielen anderen)17Vgl. zu einer dogmengeschichtlichen Einführung in Ansätze zu Grundlagenfragen der Theologie maßgeblich Axt-Piscalar, Christine, Was ist Theologie? Klassische Entwürfe von Paulus bis zur Gegenwart, Tübingen 2013. zu nennen: Thomas von Aquin ![]()
und seine Konzeption von Theologie als Wissenschaft an der Universität18Vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologica. Bd. I. Gottes Dasein und Wesen, in: DThA 1 (1934), v. a. q. 1–9. oder auch Martin Luther ![]()
und seine Bestimmung der Beziehung zwischen Gott und sündigem Menschen als Gegenstand der Theologie.19Vgl. z. B. Luther, Disputatio. Besondere Erwähnung verlangt v. a. Friedrich Schleiermacher ![]()
, da dieser in seiner Entwicklung einer der ersten formalen Enzyklopädien der Theologie, also der Frage nach den inneren Beziehungen der theologischen Teildisziplinen zueinander,20Zum Begriff der formalen theologischen Enzyklopädie vgl. den Sammelband Becker, Eve-Marie/Hiller, Doris (Hrsg.), Handbuch Evangelische Theologie. Ein enzyklopädischer Zugang, Tübingen 2006 oder den Band Albrecht, Christian/Gemeinhardt, Peter (Hrsg.), Themen und Probleme Theologischer Enzyklopädie. Perspektiven von außen und von innen, Tübingen 2021. in seiner Kurzen Darstellung eine bis heute einflussreiche moderne Wissenschaftstheorie der Theologie entwickelte.21Vgl. Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen (1830), in: KGA I,6 (1998), 317–446.
3. Aktuelle und bleibende Problematik: Theologie als Wissenschaft
Evangelische Fundamentaltheologie fragt, vereinfacht gesagt, nach dem Grund – bzw. den Gründen – der Theologie. Ihre wichtigsten Themen sind Apologetik, Religionstheorie, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie und Enzyklopädie der Theologie. Gerade die Apologetik, also die Frage nach der Rechtfertigung von Theologie (und christlichem Glauben) im Kontext ihrer wissenschaftlichen und weltanschaulichen Zeit, gilt als zentraler Ursprung fundamentaltheologischen Denkens22Vgl. z. B. Roth, Michael, Gott im Widerspruch? Möglichkeiten und Grenzen der theologischen Apologetik (TBT 117), Berlin 2002, 1. – und 1Petr 3,15heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist,Zur Bibelstelle als ihr Votum.
Wie diese Auseinandersetzung mit den Grundlagenfragen der Theologie konkret gestaltet wird, kann in verschiedensten Fokussierungen geschehen. Zentral waren dabei jeher erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch fokussierte Herangehensweisen. Ein Beispiel für eine fundamental-anthropologisch begründete Wissenschaftstheorie der Theologie (im Kontext der wissenschaftstheoretischen Diskussionen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Wolfhart Pannenbergs ![]()
„Wissenschaftstheorie und Theologie“ von 1973.23Vgl. Pannenberg, Wolfhart, Wissenschaftstheorie und Theologie, Frankfurt a. M. 1973. Eine weitere wissenschaftstheoretische Fokussierung verfolgt Eilert Herms ![]()
in seinen verschiedenen Publikationen, in denen er Theologie als eine (exemplarisch-spezifisch) offenbarungs- und erfahrungsbezogene Wissenschaft darlegt.24Vgl. Herms, Eilert, Theologie. Eine Erfahrungswissenschaft (TEH N.F. 199), München 1978 oder ders., Das Selbstverständnis der Wissenschaften heute und die Theologie (1993), in: Ders., Kirche für die Welt. Lage und Aufgabe der evangelischen Kirchen im vereinigten Deutschland, Tübingen 1995, 349–387. Als Beispiel für eine enzyklopädische Fokussierung fundamentaltheologischen Denkens kann Konrad Stocks ![]()
„Die Theorie der christlichen Gewißheit“ von 2005 genannt werden, in der Stock ein explizit auf Schleiermacher ![]()
rekurrierendes Konzept von der inneren Struktur der Theologie entwickelt.25Vgl. Stock, Konrad, Die Theorie der christlichen Gewißheit. Eine enzyklopädische Orientierung, Tübingen 2005.
Als Beispiel für explizit unter der Titulierung Fundamentaltheologie vorgehende Ansätze wäre z. B. die Dissertationsschrift Peter Dabrocks ![]()
zu nennen, in der er in apologetischer Fokussierung Fundamentaltheologie als responsive Rationalität des Glaubens entwickelt.26Vgl. Dabrock, Peter, Dabrock, Peter, Antwortender Glaube und Vernunft. Zum Ansatz evangelischer Fundamentaltheologie (FSy 5), Stuttgart 2000. Einen weiteren wissenschaftstheoretischen, phänomenologisch am Widerfahrnischarakter von Wahrheit in theologischen Aussagen orientierten Ansatz evangelischer Fundamentaltheologie lässt sich z. B. auch bei Lukas Ohly ![]()
finden.27Vgl. Ohly, Lukas, Theologie als Wissenschaft. Eine Fundamentaltheologie aus phänomenologischer Leitperspektive (Theologisch-Philosophische Beiträge zu Gegenwartsfragen 18), Frankfurt a. M. 2017. Besonders zu nennen wäre außerdem z. B. Matthias Petzoldt ![]()
, der bis 2013 einen der wenigen Lehrstühle evangelischer Theologie mit der expliziten Bezeichnung Fundamentaltheologie innehatte und auf Grundlage eines sprechakttheoretisch (vgl. Art. Sprache) fokussierten Glaubensverständnisses Fundamentaltheologie als Reflexion über den Theologie begründenden Grundvorgang des Glaubens entwickelte.28Vgl. z. B. Petzoldt, Matthias, Fundamentaltheologie – Disziplin und/oder Perspektive systematischer Theologie. Beobachtungen und Erwägungen aus evangelischer Sicht, Neuendettelsau 1992 oder ders., Notwendigkeit und Gefahren einer verselbständigten Fundamentaltheologie, in: Ders. (Hrsg.), Evangelische Fundamentaltheologie in der Diskussion, Leipzig 2004, 21–40 oder ders., Sprache schafft Wirklichkeit. Zur Rezeption der Sprechakttheorie in der Fundamentaltheologie, Darmstadt 2020.
Dass Fragen rund um die Grundlagen und das (wissenschaftliche) Selbstverständnis der Theologie weiterhin zentral bleiben, dürfte angesichts der sich immer weiter spezialisierenden Debatten in der Wissenschaft deutlich sein. Mit veränderten Welt- und Wirklichkeitsverständnissen gehen veränderte Ansprüche an Wissenschaft(lichkeit) einher. Das liegt einerseits daran, dass die traditionellen Grundlagen evangelischer Theologie (wie z. B. der Glaubensbegriff) gesellschaftlich immer weniger evident sind. Und andererseits fordern z. B. neueste technische Entwicklungen (wie aktuell z. B. Fragen rund um Digitalität und KI) den gesamten Wissenschaftsdiskurs auch immer wieder neu heraus, über sich und seine Erkenntnisprozesse nachzudenken und Rechenschaft abzulegen. Dass alle wissenschaftlichen Disziplinen in der expliziten Verantwortung stehen, sich über ihr Selbstverständnis und ihre gesellschaftliche Funktion zu verständigen, wird durch die Herausforderungen aktueller Problemlagen (wie z. B. der Klimakrise) nur noch verstärkt. Eine gelingende Gesellschaft braucht eine verlässlich funktionierende Wissenschaft, die ihr fundiertes Wissen liefert, Debatten einordnet und Handlungsoptionen für anstehende Fragen aufweist. Hier sind alle Disziplinen – und damit eingeschlossen die evangelische Theologie – angefragt, ihre Eignung zur Erfüllung dieser gesellschaftlichen Aufgaben aufzuzeigen.
